{"id":17353,"date":"2013-05-24T15:32:53","date_gmt":"2013-05-24T13:32:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17353"},"modified":"2024-09-27T05:43:31","modified_gmt":"2024-09-27T03:43:31","slug":"warum-die-nation-angela-merkel-und-ihre-politik-nicht-braucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17353","title":{"rendered":"Warum die Nation Angela Merkel und ihre Politik nicht braucht"},"content":{"rendered":"<p><strong>Stephan Hebel<\/strong> ist seit vielen Jahren Autor der Frankfurter Rundschau und hat jetzt ein Buch &uuml;ber Angela Merkel geschrieben. In &bdquo;Mutter Blamage&ldquo; zeichnet er das Bild eines gro&szlig;en Betrugsman&ouml;vers der &Ouml;ffentlichkeit durch die CDU-Politikerin. Bei der Entstehung der &ouml;ffentlichen Meinung &uuml;ber &bdquo;die starke Frau in Europa&ldquo; spielen auch die Journalisten eine unr&uuml;hmliche Rolle. Ein Interview von <strong>Michael Voregger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWarum schreibt man ein Buch &uuml;ber Angela Merkel?<\/p><p><strong>Stephan Hebel:<\/strong> <em>Es gibt die Fan-B&uuml;cher &ndash; also von Leuten, die gut finden was Frau Merkel macht. Es gibt Kritik von rechts von Leuten, die entt&auml;uscht sind, dass Angela Merkel nicht das konservative, neoliberale Programm umsetzt, mit dem sie mal angetreten war. Meine Kritik kommt eher von links und sagt: Hinter der Fassade von Frau Merkel &ndash; die sehr sozial und seri&ouml;s wirkt &ndash; steckt eine klare neoliberale Linie.<\/em><\/p><p>Die Politik der Kanzlerin erscheint ja nach au&szlig;en ohne Inhalt zu sein, die eher pragmatisch auf Stimmungen reagiert. Welche Linie steckt dahinter? <\/p><p><strong>Stephan Hebel:<\/strong> <em>Die Linie sieht so aus, dass zum Beispiel Steuererh&ouml;hungen f&uuml;r Spitzenverdiener und Verm&ouml;gende strikt abgelehnt werden, obwohl wir sie zur gerechten Verteilung der Krisenlasten br&auml;uchten. Es werden echte gesetzliche Mindestl&ouml;hne abgelehnt, weil Frau Merkel bei allem verbalen Entgegenkommen die Wirtschaft so unbelastet lassen m&ouml;chte wie m&ouml;glich. Vor allem in Gerechtigkeits- und Wirtschaftsfragen sehe ich ganz deutlich, dass Frau Merkel alles andere will als den Staat &ndash; auch den Sozialstaat &ndash; zu st&auml;rken. Sie schw&auml;cht ihn, wie 20 Jahre Neoliberalismus das schon getan haben, immer weiter.<\/em><\/p><p>Wie erkl&auml;ren Sie sich die Diskrepanz zwischen der &ouml;ffentlichen Wahrnehmung und dem Kern der neoliberalen Politik?<\/p><p><strong>Stephan Hebel:<\/strong> <em>Frau Merkel ist eine ganz spezielle Art einer genialen Selbstverk&auml;uferin. Sie macht das nicht laut, sie macht das nicht lustig und schon gar nicht unseri&ouml;s. Sie wirkt &auml;u&szlig;erst bescheiden und entgegenkommend f&uuml;r alle. Sie hat es geschafft, eine Rhetorik zu entwickeln, die sagt: Bist du ein bisschen sozial &ndash; habe ich was f&uuml;r dich, bist du Wirtschaft &ndash; habe ich auch was, bist du konservativ &ndash; habe ich auch was. Das ist ihre Rhetorik, seit sie gemerkt hat, dass sie mit dem offen neoliberalen Kurs keine gro&szlig;en Spr&uuml;nge machen kann. Man muss sich aber die Ergebnisse der Politik anschauen. Viele Menschen haben dazu nicht  so viel Zeit wie zum Beispiel die Journalisten. Da w&uuml;rde man sehen, dass die L&uuml;cke zwischen den hohen und niedrigen Einkommen in Deutschland  gewachsen ist. Frau Merkel schafft es ein rhetorische So&szlig;e dar&uuml;ber zu gie&szlig;en, die anders schmeckt als das wirkt, was sie eigentlich tut.<\/em><\/p><p>Eine solche Strategie funktioniert ja nur dann, wenn sie nicht hinterfragt wird. Welche Rolle spielen hier die Journalisten und die Medien?<\/p><p><strong>Stephan Hebel:<\/strong> <em>Es gibt in der Politikberichterstattung vor allem aus Berlin eine N&auml;he zwischen Medien und Politik, die mich irritiert und die ich auch nicht verstehe. Es entstehen in diesem Kontakthof ganz bestimmte Inszenierungen, denen man sich vielleicht auch verst&auml;ndlicherweise nicht widersetzt, weil man ununterbrochen den Politikern sehr nahe ist. Weil man in diesen Hintergrundkreisen sitzt, wo die mal sagen was sie wirklich denken, aber es darf nicht geschrieben werden. Es haben sich Moden in diesem Kontakthof entwickelt, die ich f&uuml;r h&ouml;chst bedenklich halte. Eine dieser Moden ist es lange Zeit gewesen ein Bild zu transportieren, dass Frau Merkel eine Modernisiererin sei und vor allem das.<\/em><\/p><p>Helfen diese Gespr&auml;che nicht dabei an Informationen zu kommen, die einem sonst verborgen bleiben?<\/p><p><strong>Stephan Hebel:<\/strong> <em>Es gibt Journalisten, die haben mir die Kritik an diesem Berliner Medienbetrieb und Politikkomplex, die ich auch in meinem Buch formuliere, sehr &uuml;bel genommen. Die sagen: Ich brauche diese N&auml;he, um wirklich recherchieren zu k&ouml;nnen. Ich sehe das &auml;hnlich wie bei der Hom&ouml;opathie. Ich habe nichts gegen gelegentliche Hintergrundgespr&auml;che, die wird man brauchen &ndash; aber was in kleiner Dosis positiv wirken kann, wird in allzu gro&szlig;er Dosis zum Gift. Diese absolute Regelm&auml;&szlig;igkeit, dass man sich jede Sitzungswoche von den Fraktionsgesch&auml;ftsf&uuml;hrern die Welt erkl&auml;ren l&auml;sst, statt  mal einen Gesetzentwurf zu lesen. Das hat eine Dimension angenommen, die giftig ist f&uuml;r die Rolle der Medien. Deren Aufgabe w&auml;re es, aus der Distanz Politik zu betrachten und auch zu kritisieren. Es entsteht eine N&auml;he, die ich f&uuml;r problematisch halte, weil die im besten Sinne fundamental-kritische Position nicht mehr eingenommen wird.<\/em><\/p><p>Warum spielen in der Berichterstattung &uuml;ber die Euro- und die Wirtschaftskrise Erkl&auml;rungen jenseits des Mainstreams kaum eine Rolle?<\/p><p><strong>Stephan Hebel:<\/strong> <em>Ein Journalist, der die Alternativlosigkeit von etwas akzeptiert, der hat als Journalist f&uuml;r meine Begriffe schon abgedankt. Tats&auml;chlich haben Journalisten unter dem Bombardement einer bestimmten Fraktion der Wirtschaftswissenschaft und der Politik es aufgegeben dar&uuml;ber nachzudenken, ob es zu einem bestimmen Begriff von Wettbewerbsf&auml;higkeit nicht eine Alternative geben kann.  Wettbewerbsf&auml;higkeit wird von Frau Merkel  klassisch neoliberal buchstabiert: m&ouml;glichst geringe Lohnkosten, m&ouml;glichst geringe Produktionskosten, m&ouml;glichst geringe Steuern, m&ouml;glichst wenig Staat &ndash; was daraus geworden ist, haben wir in der Krise gesehen. Das wird noch bis heute, wider bessere Erkenntnis, als alternativlos dargestellt. Genauso ist es mit dem Reformbegriff, der ja mal so etwas bezeichnet hat wie: Allen soll es besser gehen. Heute ist der Reformbegriff vollkommen kontaminiert von den sogenannten Reformen, die die armen Leute &auml;rmer und die reichen Leute reicher machen. Das wird als alternativlos akzeptiert &ndash; unbegreiflich f&uuml;r mich.<\/em><\/p><p>Die Wahrnehmung von Angela Merkel ist im Ausland ja eine ganz andere?<\/p><p><strong>Stephan Hebel:<\/strong> <em>Man kommt dem Versagen der Frau Merkel nicht auf die Schliche, wenn man die historisch absolut untragbaren Nazi-Vergleiche zieht. Aber die Wut auf die deutsche Politik, die von Frau Merkel repr&auml;sentiert wird, kann ich  sehr gut verstehen. Deutschland hat als Exportnation von dieser Starkw&auml;hrung Euro profitiert wie kein anderes Land in Europa. Deutschland ist jetzt dabei, dieses Profitieren auf Kosten der Bev&ouml;lkerungen anderer L&auml;nder in der Krise fortzusetzen nach der  Methode: Wir exportieren und die anderen m&uuml;ssen sich verschulden, um unsere Autos zu kaufen. Daran k&ouml;nnen alle Rettungsprogramme nichts &auml;ndern und genau das ist das Ziel dieser Politik.  Dass die Leute, denen man dauernd die L&ouml;hne und Renten k&uuml;rzt, dar&uuml;ber w&uuml;tend sind, kann ich sehr gut verstehen. <\/em><\/p><p><strong>Passend dazu: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16450\">Angela Merkel &ndash; &bdquo;Mutter Blamage&ldquo; &ndash; Eine Rezension<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Stephan Hebel<\/strong> ist seit vielen Jahren Autor der Frankfurter Rundschau und hat jetzt ein Buch &uuml;ber Angela Merkel geschrieben. In &bdquo;Mutter Blamage&ldquo; zeichnet er das Bild eines gro&szlig;en Betrugsman&ouml;vers der &Ouml;ffentlichkeit durch die CDU-Politikerin. Bei der Entstehung der &ouml;ffentlichen Meinung &uuml;ber &bdquo;die starke Frau in Europa&ldquo; spielen auch die Journalisten eine unr&uuml;hmliche Rolle. Ein Interview<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17353\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[198,209,41],"tags":[247,315],"class_list":["post-17353","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-einzelne-politiker-personen-der-zeitgeschichte","category-interviews","category-medienanalyse","tag-hebel-stephan","tag-merkel-angela"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17353","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=17353"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17353\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":122065,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17353\/revisions\/122065"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=17353"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=17353"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=17353"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}