{"id":17413,"date":"2013-05-29T15:00:46","date_gmt":"2013-05-29T13:00:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17413"},"modified":"2015-08-08T11:08:42","modified_gmt":"2015-08-08T09:08:42","slug":"die-inkompetenz-der-afd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17413","title":{"rendered":"Die (In)Kompetenz der AfD"},"content":{"rendered":"<p>Das Wahlprogramm der Alternative f&uuml;r Deutschland passt fast auf einen Bierdeckel und l&auml;sst mehr Fragen offen, als es beantwortet. Vor allem wenn es um Themen abseits des Euros geht, gibt sich die AfD bemerkenswert wortkarg. F&uuml;r eine Partei, deren &bdquo;Nomenklatura&ldquo; vor allem aus &ndash; ansonsten sehr meinungsstarken &ndash; marktliberalen &Ouml;konomen besteht, wirkt die zur Schau getragene Zur&uuml;ckhaltung eher ungew&ouml;hnlich. Doch dies hat seinen Grund. Sobald man ein wenig unter der Oberfl&auml;che gr&auml;bt und die AfD mit konkreten Fragen konfrontiert, zerf&auml;llt das Bild der vermeintlichen Wirtschaftskompetenz schnell zu Staub. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDer Kollege Fabian Herzog wollte es wissen und fragte die AfD per Mail vier eigentlich einfache Fragen:<\/p><ol>\n<li>Wie stehen Sie zur Rentenprivatisierung &ndash; Stichwort: Ersparnisse im Ausland?<\/li>\n<li>Haben die Lohnst&uuml;ckkosten f&uuml;r Sie etwas mit der Eurokrise zu tun?<\/li>\n<li>H&auml;ngen Geldmenge und Inflation f&uuml;r Sie direkt zusammen? <\/li>\n<li>Welches Steuermodell stellen Sie sich vor?<\/li>\n<\/ol><p>Hier die Antwort einer Sprecherin der AfD[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]:<\/p><ol>\n<li>Die AfD ist nicht f&uuml;r eine Abkehr von der privaten Rente. Private Renten profitieren von einer starken Wirtschaft, f&uuml;r die Export&uuml;bersch&uuml;sse zwar wichtig sind, diese sind aber nicht abh&auml;ngig von festen Wechselkursen. In den letzten JAhren erzeilte die deutsche Wirtschaft auch deshalb hohe Export&uuml;bersch&uuml;sse, weil zuvor &uuml;ber Target-2-Salden Kredite an europ&auml;ische L&auml;nder vergeben wurden, damit diese dann wiederum unsere Produkte kaufen k&ouml;nnen. Das halten wir nicht f&uuml;r ein nachhaltiges Konzept. Wichtig f&uuml;r die Rente ist vor allem, dass das Zinsniveau wieder steigt.<br>\nUnd das kann geschehen, wenn Deutschland eine unabh&auml;ngige Zentralbank wiederbekommt.<\/li>\n<li>die Lohnst&uuml;ckkosten in Deutschland sind wesentlich von den Lohnkosten und damit den unabh&auml;ngigen Tarifverhandlungen bestimmt. Hierauf hat die Politik keinen Einfluss. Ausserdem sehen wir die Ursache der Schuldenkrise nicht als Folge eines Auseinanderlaufens der Lohnst&uuml;ckkosten. Im Gegenteil, die Lohnst&uuml;ckkosten haben sich seit Einf&uuml;hrung des Euros angen&auml;hert, die Produktivit&auml;t abert nicht. In Folge dessen sind die griechischen Lohnst&uuml;ckkosten ca 30% zu hoch, deswegen sie international nicht konkurrenzf&auml;hig sind und die Wirtschaft eingebrochen ist. Die Deutschen trifft nur in soweit eine Schuld, als dass sie die Verletzung der Maastricht-Kriterien (mehr als 3% Neuverschuldung) zugelassen haben.<\/li>\n<li>Nein, Inflation und Geldmenge h&auml;ngen eng zusammen und auch eine reale Abwertung f&uuml;hrt nicht zu Deflation. Deflation entst&uuml;nde, wenn es eine nominale Abwertung g&auml;be. Die gibt es aber nur wenn das Geld mehr wert wird (Geldmenge sinkt), nicht wenn die Lohnst&uuml;ckkosten sich ver&auml;ndern.<\/li>\n<li>Die AfD will eine Steuerkonzept nach Vorbild Kirchhoffs einf&uuml;hren. Dadurch w&uuml;rde der Spitzensteuersatz sinken, gleichzeitig aber die Absetzm&ouml;glichkeiten (&ldquo;Steuerschlupfl&ouml;cher&rdquo;) gestrichen werden. Die Steuersumme bliebe zun&auml;chst gleich. Die Schulden sollen &uuml;ber Kostenk&uuml;rzungen abgebaut werden.<\/li>\n<\/ol><p><strong>Anmerkungen dazu:<\/strong><\/p><p>Zu 1.: Die AfD dr&uuml;ckt sich, Stellung dazu zu beziehen, wie sich die von der AfD geforderte R&uuml;ckkehr zu nationalen W&auml;hrungen auf die privaten Rentenversicherungen und Kapitallebensversicherungen auswirkt. Dieser Punkt ist keineswegs banal, da deutsche Versicherungsunternehmen im gro&szlig;en Stil die Anlagen ihrer Kunden im Euroausland investiert haben. Bricht der Euro zusammen und wertet die neue deutsche W&auml;hrung auf, ist es sehr wahrscheinlich, dass ein geh&ouml;riger Teil dieser Forderungen abgeschrieben werden muss. Die Zeche zahlen dann die privat Versicherten, der Preis wird f&uuml;r viele Menschen die Altersarmut sein.<\/p><p>Stattdessen pr&auml;sentiert die AfD eine abenteuerliche Erkl&auml;rung, warum Deutschland so hohe Export&uuml;bersch&uuml;sse aufbauen konnte. Dies l&auml;ge an den Target-2-Salden, die als &bdquo;Kredit&ldquo; an andere L&auml;nder vergeben wurden. Diese Argumentation fu&szlig;t auf den steilen <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14175\">Thesen<\/a> von Hans-Werner Sinn, die von Anfang an Gegenstand heftiger Kritik <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/streit-um-target-salden-ein-professor-der-aepfeln-birnen-und-bananen-addiert-1.1310221\">waren<\/a>. Von der Fehlinterpretation der Target-2-Salden als &bdquo;Kredit&ldquo; hat jedoch mittlerweile sogar Hans-Werner Sinn selbst Abstand <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15994\">genommen<\/a>. Die mehr als steile These, nach der die Target-2-Salden f&uuml;r die deutschen Export&uuml;bersch&uuml;sse verantwortlich seien, ist jedoch vollkommen neu &ndash; so weit hat sich noch nicht einmal Hans-Werner Sinn selbst aus dem Fenster gehangen. <\/p><p>Zu 2.: Die AfD sieht also die &bdquo;Ursache der Schuldenkrise (sic!) nicht als Folge eines Auseinanderlaufens der Lohnst&uuml;ckkosten&ldquo;. Das ist klar, macht sie doch (siehe 1.) die Target-Salden daf&uuml;r verantwortlich. Laut AfD haben sich die Lohnst&uuml;ckkosten ja auch &bdquo;seit Einf&uuml;hrung des Euros angen&auml;hert&ldquo;. Ist das so? <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/110720_lohnstueckkosten.gif\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Zum Thema siehe: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10153\">Heiner Flassbeck und Friederike Spiecker &ndash; Kopflose Politik und f&uuml;hrungslose M&auml;rkte<\/a><\/p><p>Wie kommt die AfD dazu, die Entwicklung der Lohnst&uuml;ckkosten derart grotesk falsch darzustellen? Mein pers&ouml;nlicher Verdacht ist, dass die Sprecherin der AfD wohl nicht wei&szlig;, was Lohnst&uuml;ckkosten eigentlich sind. Unklar ist auch, was die AfD mit der &bdquo;Produktivit&auml;t&ldquo; meint, die sich angeblich nicht angen&auml;hert hat. Wahrscheinlich ist hiermit die Arbeitsproduktivit&auml;t gemeint, mit der angegeben wird, wie sich die Bruttowertsch&ouml;pfung je Besch&auml;ftigten bzw. je geleisteter Arbeitsstunde verteilt. Dieser Wert ist in Deutschland seit 1991 um 22,7% (pro Besch&auml;ftigten) bzw. um 34,8% (pro Arbeitsstunde) <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13052#h02\">gestiegen<\/a> &ndash; im gleichen Zeitraum sind jedoch die Reall&ouml;hne in Deutschland nur um 1,7% gestiegen. Oder um es zuzuspitzen: In Deutschland w&auml;chst die Wirtschaft schneller als die L&ouml;hne, was ein sehr wichtiger Faktor f&uuml;r Eurokrise ist. Erstaunlich ist, dass dies f&uuml;r die AfD offenbar kein Problem darstellt. Der einzige Fehler Deutschlands ist laut AfD die Verletzung der Maastricht-Kriterien. Diesbez&uuml;glich k&ouml;nnen sich AfD und FDP die Hand geben.<\/p><p>Zu 3.: Wen wundert es. Die AfD definiert Inflation streng nach monetaristischer Sichtweise. <\/p><p>Zum Thema: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14074\">Vergesst die Inflation!<\/a><\/p><p>Zu 4.: Endlich mal eine klare Position. Zum Kirchhoff-Modell haben wir auf den NachDenkSeiten schon mehrfach klar Stellung <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9946\">bezogen<\/a>. Was als &bdquo;gerecht&ldquo; verkauft wird, ist nichts anderes als eine gigantische Steuersenkung f&uuml;r Besser- und Gutverdienende. Da passt es ins Bild, dass die AfD die &bdquo;Schulden&ldquo; &uuml;ber &bdquo;Kostenk&uuml;rzungen&ldquo; abbauen will. Da w&uuml;rde einiges anfallen, da die Mindereinnahmen durch die Kirchhoffschen Geschenke an die Gutsituierten einen hohen zweistelligen Milliardenbetrag ausmachen. Wo die AfD sparen will, sagt sie freilich nicht. Bedenkt man die neoliberale Ausrichtung, kann mich sie die Antwort jedoch schon denken.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/6c91272b44b745a6b033e389ea365251\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Nicht korrigiert<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Wahlprogramm der Alternative f&uuml;r Deutschland passt fast auf einen Bierdeckel und l&auml;sst mehr Fragen offen, als es beantwortet. Vor allem wenn es um Themen abseits des Euros geht, gibt sich die AfD bemerkenswert wortkarg. 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