{"id":17422,"date":"2013-05-31T09:06:38","date_gmt":"2013-05-31T07:06:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17422"},"modified":"2015-08-08T11:10:29","modified_gmt":"2015-08-08T09:10:29","slug":"merkels-staatsminister-als-cheflobbyist-von-daimler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17422","title":{"rendered":"Merkels \u201eStaatsminister\u201c als Cheflobbyist von Daimler"},"content":{"rendered":"<p>Die Dreht&uuml;r zwischen Politik und Wirtschaftslobbyismus dreht sich immer schneller. Vorzeitiger wurde ein &Uuml;bergang vom Regierungsamt zum hochbezahlten Vertreter von wirtschaftlichen Einzelinteressen wohl noch nie verabredet und schon gar nicht &ouml;ffentlich bekannt. Schon vor seinem Ausscheiden aus dem Amt schlie&szlig;t Kanzleramts-Staatsminister Eckart von Klaeden einen Vertrag mit der Daimler AG und l&auml;sst sich als <a href=\"http:\/\/media.daimler.com\/dcmedia\/0-921-1281854-49-1602832-1-0-0-0-0-0-439-0-0-0-0-0-0-0-0.html\">&bdquo;Leiter Politik und Au&szlig;enbeziehungen&ldquo; des Autobauers<\/a>, also als Cheflobbyist einkaufen. Das ist ein Skandal, der zeigt, wie weit sich der Klientilismus auch in Deutschland schon in unsere Demokratie hineingefressen hat. Ein gesetzliches Gebot einer dreij&auml;hrigen Karenzzeit f&uuml;r Regierungsmitglieder vor einem Wechsel in eine Lobbyt&auml;tigkeit wird immer dringender. Vor allem w&auml;re aber auch ein Austausch der politischen Eliten durch einen Regierungswechsel n&ouml;tig, um die sich ausbreitende politische Korruption einzud&auml;mmen. Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nUrspr&uuml;nglich wollte von Klaeden erst &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/eckart-von-klaeden-merkels-staatsminister-wird-daimler-lobbyist-1.1683445\">nach der laufenden Legislaturperiode<\/a>&ldquo; als Staatsminister im Kanzleramt in seine Lobbyt&auml;tigkeit f&uuml;r den Automobilkonzern wechseln. Nachdem die Opposition die zeitliche &Uuml;berlappung seines Vertragsabschlusses als Lobbyist bei fortdauernder Amtsaus&uuml;bung als &bdquo;Interessenkollision&ldquo; kritisierte, will von Klaeden nun schon kurz vor der auslaufenden Legislaturperiode, am 20. September &ndash; also zwei Tage vor der Bundestagswahl &ndash; <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/wechsel-zu-daimler-von-klaeden-will-am-september-ausscheiden-1.1684367\">aus seinem Regierungsamt ausscheiden<\/a>. Angeblich um nicht in den Geruch zu geraten, neben einem sicher erheblich h&ouml;heren Einkommen bei Daimler nun auch noch seine kompletten Versorgungsanspr&uuml;che als ehemaliges Mitglied der Bundesregierung einzusacken zu wollen. <\/p><p>Doch ist das nicht nur eine Verschleierungstaktik? Verliert von Klaeden dadurch, dass er kurz vor Ende der vollen Legislaturperiode aus seinem Amt ausscheidet tats&auml;chlich seinen Versorgungsanspruch?<\/p><p>In &sect;15 Absatz 1 des <a href=\"http:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/bundesrecht\/bming\/gesamt.pdf\">Bundesministergesetzes [PDF &ndash; 54.2 KB]<\/a> hei&szlig;t es zwar, dass ein ehemaliges Mitglied der Bundesregierung nur dann Anspruch auf Ruhegehalt hat, wenn es der Bundesregierung mindestens vier Jahre angeh&ouml;rt hat. Diese zeitliche Anforderung h&auml;tte von Klaeden nicht erf&uuml;llt, wenn er vor diesen vier Jahren ausscheidet.<br>\nAber in &sect; 15 Absatz 4  hei&szlig;t es weiter: &bdquo;Bei der Berechnung der Amtszeit nach Absatz 1 und Absatz 3 Satz 2 gilt ein Rest von mehr als zweihundertdreiundsiebzig Tagen als volles Amtsjahr&ldquo;. Gilt diese Berechnung auch f&uuml;r von Klaeden, dann &auml;ndert sich an seinem regul&auml;ren Versorgungsanspruch nichts, wenn er wenige Tage vor Ende der Legislaturperiode ausscheidet. Vielleicht sollte die Opposition einmal juristisch kl&auml;ren lassen, ob die abwiegelnde Erkl&auml;rung von Klaedens &uuml;berhaupt zutrifft oder ob er einfach nur von dem zugrundeliegenden politischen Skandal ablenken und auf einem Nebenschauplatz den Saubermann spielen m&ouml;chte.<\/p><p>Von Klaeden erkl&auml;rte, er wolle &ldquo;auf jeden Fall auf meinen Versorgungsanspruch nach Paragraph 15 Absatz 1 Bundesministergesetz in Verbindung mit Paragraph 6 &uuml;ber die Rechtsverh&auml;ltnisse der Parlamentarischen Staatssekret&auml;re verzichten&rdquo;. <\/p><p>Die Frage ist allerdings, kann er &uuml;berhaupt verzichten? Meines Wissens ist der Versorgungsanspruch kein gegenseitiges arbeitsrechtliches Vertragsverh&auml;ltnis, das einseitig aufgek&uuml;ndigt werden k&ouml;nnte, sondern er beruht auf der verfassungsrechtlich vorgeschriebenen (einseitigen) Alimentationsverpflichtung des Dienstherrn.<br>\nAuch dieser Frage, ob ein solcher Verzicht m&ouml;glich ist, k&ouml;nnten die Kritiker nachgehen.<\/p><p>(Es soll F&auml;lle geben, in denen Politiker ihre Versorgungsanspr&uuml;che freiwillig r&uuml;ckerstattet haben, aber nat&uuml;rlich nur abz&uuml;glich der Einkommensteuer.)<\/p><p>Sein Verbleiben im Amt, obwohl er schon w&auml;hrend seiner Amtszeit einen Anschlussvertrag mit Daimler abgeschlossen hat, begr&uuml;ndet von Klaeden wie folgt: &ldquo;Mir geht es darum, meine Arbeit ordentlich zu beenden&rdquo;. Kann ein Staatsminister (oder Beamter) seine Arbeit aber ordentlich beenden, wenn er noch w&auml;hrend seines Regierungsamtes von einem Konzern schon vertraglich als Cheflobbyist gegen&uuml;ber der Regierung verpflichtet worden ist. Gibt es da keine vorvertraglichen Pflichten oder wenigstens Sorgfaltspflichten? <\/p><p>Wie verhalten sich also z.B. das Kanzleramt und dessen Staatsminister gegen&uuml;ber den aktuellen Pl&auml;nen der EU-Kommission, wonach die Abgasemissionen f&uuml;r Kraftfahrzeuge ab 2020 nur noch bei 95 Gramm CO2\/Kilometer liegen sollen? Es ist doch bekannt, dass gerade die deutschen Hersteller von &bdquo;Premium&ldquo;-Fahrzeugen energisch gegen solche Vorgaben antreten. Meint von Klaeden also etwa den Widerstand der Bundesregierung gegen diese Pl&auml;ne, wenn er seine Arbeit &bdquo;ordentlich beenden&ldquo; m&ouml;chte?<\/p><p>Wenn die Kanzlerin &bdquo;ihren&ldquo; Staatsminister nicht sofort entl&auml;sst, kann sie sich des Verdachts nicht mehr erwehren, dass sie diese Kumpanei zwischen Regierung und der deutschen Automobillobby pers&ouml;nlich f&ouml;rdert. (Siehe <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2013-05\/klaeden-transparency-international\">&bdquo;Von Klaeden ist nicht mehr tragbar&ldquo;<\/a>)<br>\nDer bisherige nonchalante Umgang mit diesem Skandal &bdquo;offenbart ein Ausma&szlig; an Dreistigkeit und an Ignoranz von Regeln guter Regierungsf&uuml;hrung &ndash; die Angela Merkel in anderen L&auml;ndern gern lehrmeisternd einfordert &ndash;, dass man nur Staunen kann. Andererseits folgt sie konsequent der Linie von CDU\/CSU und FDP, die noch jedes Bem&uuml;hen <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/meinung\/leitartikel-zu-von-klaeden-der-trojaner,1472602,22897946.html\">um mehr Transparenz und Lobbykontrolle im Bundestag blockiert hat.<\/a>&ldquo; <\/p><p>Die Kritik der Opposition greift viel zu kurz. Besteht eine &bdquo;Interessenkollision&ldquo; zwischen Amt und Lobbyisten-T&auml;tigkeit etwa erst mit Abschluss eines Arbeitsvertrages mit einem Arbeitgeber, der politische und wirtschaftliche Interessen gegen&uuml;ber der Regierung vertritt? <\/p><p>Ist wirklich jemand so naiv, zu glauben, dass Daimler mit von Klaeden &bdquo;die Katze im Sack&ldquo; gekauft h&auml;tte? Ist es nicht nach aller Lebenserfahrung vielmehr so, dass &ndash; in diesem Falle eben Daimler &ndash; von der Wirtschaft jemand aus der Politik &bdquo;eingekauft&ldquo; wird, von dem der betreffende Konzern (und meist k&ouml;nnen sich nur gro&szlig;e Konzerne Chef-Lobbyisten leisten) schon vielfach erfahren hat, dass er schon im Amt ein guter Interessenvertreter war und deshalb Vertrauen erworben hat. Oder, noch schlimmer, dass aufgrund von vorausgegangenem politischem Handeln eine (moralische) Verpflichtung zu einem nachtr&auml;glichen Dankesch&ouml;n in Form eines hoch dotierten Posten erwachsen ist? <\/p><p>Aber wie Matthias Wissmann &ndash; von 1993 bis 1998 Bundesminister f&uuml;r Verkehr und im Jahre 2007 im fliegenden Wechsel von der Politik in das Amt des Pr&auml;sidenten des Verbandes der Automobilindustrie umgestiegen &ndash; versteht auch von Klaeden seinen eiligen Schritt durch die Dreht&uuml;r wohl gar nicht als Wechsel von einem Regierungsamt in einen Lobbyisten-Job.<br>\nEr wird f&uuml;r sich vermutlich in Anspruch nehmen, dass er schon immer der &Uuml;berzeugung war, dass es politisch richtig ist, die Interessen der deutschen Automobilwirtschaft zu vertreten. <\/p><p>(Wie sagte doch Wolfgang Clement als er im Deutschlandfunk gefragt wurde, ob er seinen Aufsichtsratsposten bei RWE Power nicht seinem Eintreten f&uuml;r die Kohlesubventionen verdanke: <a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dlf\/sendungen\/interview_dlf\/470478\/drucken\/\">Er habe sein Leben lang diese Energiepolitik vertreten<\/a>.) <\/p><p>Das auch von Klaeden als Staatsminister im Kanzleramt die Klientel der Automobilwirtschaft gut vertreten hat, war schlie&szlig;lich auch an der Wirtschafts- und Verkehrspolitik der Bundesregierung deutlich abzulesen: <\/p><p>Kein europ&auml;ischer Staat subventioniere z.B. derart &bdquo;konsequent und milliardenschwer den Kauf von klima- und umweltsch&auml;dlichen Personenkraftwagen wie Deutschland&ldquo; h&auml;lt die <a href=\"http:\/\/www.cleanenergy-project.de\/mobilitaet\/item\/5130-deutschlands-verkehrspolitik-gefaehrdet-die-energiewende-\">Deutsche Umwelthilfe der Bundesregierung vor<\/a>.<br>\nDie Kanzlerin feiert Elektroautos, unterst&uuml;tzt aber in den aktuellen Verhandlungen &uuml;ber CO2-Grenzwerte f&uuml;r Neuwagen die deutschen Hersteller von <a href=\"http:\/\/www.ostfalen-spiegel.de\/2013\/greenpeace-wirft-bundesregierung-doppelzungigkeit-in-der-verkehrspolitik-vor\/\">&bdquo;Spritschluckern&ldquo; und &bdquo;Emissionsschleudern&ldquo;<\/a>. Die Lkw-Maut flie&szlig;t ausschlie&szlig;lich in den Bau und Unterhalt von Autobahnen und Bundesstra&szlig;en und nicht mehr anteilig in den Schienen- und Schiffsverkehr. Nicht zuletzt die sog. Abwrackpr&auml;mie war ein milliardenschweres Subventionsprogramm f&uuml;r eine bestimmte Wirtschaftssparte.<br>\nMan k&ouml;nnte die Beispiele einer an den Interessen der Automobilindustrie orientierten Verkehrspolitik beliebig fortsetzen. <\/p><p>Vielleicht steht hinter dem ungew&ouml;hnlichen Zeitpunkt des Wechsels von Klaedens in die Wirtschaft mitten im Wahlkampf aber auch ein ganz anderes Motiv. Von Klaeden galt nicht nur als treuer Gefolgsmann Merkels sondern er geh&ouml;rte auch zu den Nachwuchstalenten der CDU. M&ouml;glicherweise ist sein ungeduldiger und den Wahlkampf st&ouml;render Seitenwechsel ja auch dem merkelschen &bdquo;Management by Champignons&ldquo; geschuldet. Will sagen, eines Personalf&uuml;hrungsprinzips das hei&szlig;t: Die Mitarbeiter im Dunkeln lassen, gelegentlich mit Mist bestreuen und sobald sich ein heller Kopf zeigt: abschneiden! Dass die menschlich ach so sympathische Angela Merkel dieses Prinzip perfekt  beherrscht, belegen die gefallenen Kronprinzen Merz, Koch, Wulff, R&ouml;ttgen etc. <\/p><p>Wie es auch sei, dass sich die Dreht&uuml;r zwischen Politik und Wirtschaft, wie der Wechsel von Klaedens zeigt, inzwischen schneller als ein Ventilator dreht (siehe die Tabelle der Seitenwechsler bei <a href=\"https:\/\/www.lobbypedia.de\/wiki\/Seitenwechsler_im_%C3%9Cberblick\">LobbyControl<\/a>, m&uuml;sste endlich die Forderung auf die politische Tagesordnung bringen, dass zumindest f&uuml;r Mitglieder der Regierung &ndash; egal ob sie auf ihre Versorgungsanspr&uuml;che verzichten wollen &ndash; eine dreij&auml;hrige Karenzzeit bei einem Ausscheiden aus dem Amt  bis zur Aufnahme einer Lobbyt&auml;tigkeit gesetzlich vorgeschrieben werden muss.  <\/p><p>Um diese Bildung von Filz zu verhindern, w&auml;re dar&uuml;ber hinaus ein Austausch der Regierung und ihrer Spitzenbeamten durch einen Regierungswechsel per Abwahl n&ouml;tig. Auf Dauer l&auml;sst sich nur durch einen einigerma&szlig;en regelm&auml;&szlig;igen Austausch der Regierungseliten verhindern, dass die parlamentarische Demokratie zum Klientilismus verkommt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Dreht&uuml;r zwischen Politik und Wirtschaftslobbyismus dreht sich immer schneller. Vorzeitiger wurde ein &Uuml;bergang vom Regierungsamt zum hochbezahlten Vertreter von wirtschaftlichen Einzelinteressen wohl noch nie verabredet und schon gar nicht &ouml;ffentlich bekannt. 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