{"id":17442,"date":"2013-05-31T14:13:31","date_gmt":"2013-05-31T12:13:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17442"},"modified":"2015-08-08T11:14:50","modified_gmt":"2015-08-08T09:14:50","slug":"und-taglich-grust-das-konsumindexmurmeltier-warum-ignorieren-die-medien-nicht-endlich-die-gfk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17442","title":{"rendered":"Und t\u00e4glich gr\u00fc\u00dft das Konsumindexmurmeltier \u2013 Warum ignorieren die Medien nicht endlich die GfK?"},"content":{"rendered":"<p>Jeden Monat aufs Neue begl&uuml;cken uns die Medien mit dem Konsumklimaindex der Gesellschaft f&uuml;r Konsumforschung (GfK). Dieser Index ist ein echtes Mysterium. Eine Korrelation zwischen dem von der GfK &bdquo;gemessenen&ldquo; Konsumklima und der tats&auml;chlichen Einzelhandelsums&auml;tze ist nur in Ausnahmef&auml;llen zu erkennen. Doch einen Zweck scheint der Konsumklimaindex zu haben: Monat f&uuml;r Monat dient er den Medien als Steilvorlage, ihr M&auml;rchen vom Konsumwunderland Deutschland weiterzuspinnen. Da sich dieses M&auml;rchen jedoch nicht durch Daten untermauern l&auml;sst, liegt hier der Verdacht nahe, dass bei der Berichterstattung zum Konsumklimaindex die Grenzen zwischen journalistischer Sorgfaltspflicht und Meinungsmache &uuml;berschritten werden. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAm 29. Januar <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/gfk-verbraucher-gehen-2013-optimistischer-an-a-880189.html\">meldete SPIEGEL Online<\/a>, dass die &bdquo;Verbraucher optimistisch ins Jahr 2013&ldquo; starteten. Im Artikel hei&szlig;t es dann, die GfK habe &bdquo;f&uuml;r Januar ein kr&auml;ftiges Plus von 15,2 Punkten beim Indikator f&uuml;r die Anschaffungsneigung gemessen&ldquo;.&nbsp;Nach der <a href=\"http:\/\/www.manager-magazin.de\/politik\/konjunktur\/0,2828,725453,00.html\">Systematik des Konsumg&uuml;terindex<\/a> hei&szlig;t dies, dass die GfK eine Steigerung des privaten Verbrauchs um 1,52 Prozentpunkte f&uuml;r den Monat Februar vorhersagt. Der GfK-Konsumklimaindex wird stets am vorletzten Tag des Monats ver&ouml;ffentlich und bezieht sich prognostisch auf den Folgemonat. Basis des Index ist eine Befragung von 2.000 repr&auml;sentativ ausgew&auml;hlten Personen, denen am Telefon drei Fragen zu ihrer Anschaffungsneigung und zu ihrer Erwartung bez&uuml;glich der gesamtwirtschaftlichen Situation <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Konsumklimaindex_(GfK)\">gestellt werden<\/a>. Aus den Rohdaten wird dann nach einem &bdquo;ausgekl&uuml;gelten&ldquo; Verfahren mit Algorithmen, die nur der GfK bekannt sind, der bekannte Index errechnet. Doch welchen &bdquo;Wert&ldquo; hat dieser Index?<\/p><p>Im Februar sind die Einzelhandelsums&auml;tze nicht &ndash; wie von der GfK vorhergesagt &ndash; um 1,52% gestiegen, sondern um 2,2% gesunken, wie Ende M&auml;rz das Statistische Bundesamt <a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/PresseService\/Presse\/Pressemitteilungen\/2013\/03\/PD13_123_45212.html\">meldete<\/a>. Derartige Diskrepanzen sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. F&uuml;r den April dieses Jahres sagte die GfK eine Steigerung der Konsumausgaben um 0,6% voraus, was SPIEGEL ONLINE damals zur k&uuml;hnen &Uuml;berschrift &bdquo;Verbraucher bleiben trotz R&uuml;ckkehr der Eurokrise in Kauflaune&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/service\/gfk-konsumklima-verbraucher-bleiben-trotz-euro-krise-in-kauflaune-a-891155.html\">anregte<\/a>.  Wie das Statistische Bundesamt heute <a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/PresseService\/Presse\/Pressemitteilungen\/2013\/05\/PD13_184_45212.html;jsessionid=095CE4DC81D5D7DE27AE935A4B59FD71.cae1\">vermeldete<\/a>, sanken die Einzelhandelsums&auml;tze jedoch gegen&uuml;ber dem M&auml;rz kalender- und saisonbereinigt um nominal und real 0,4%. Anstatt sich mit der nunmehr mehrfach belegten Diskrepanz zwischen dem GfK-Konsumklimaindex und der Realit&auml;t zu besch&auml;ftigen, fabulieren die Medien jedoch stets aufs Neue die M&auml;r vom Konsumwunder. Erst letzte Woche <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/service\/gfk-konsumklima-im-juni-2013-so-hoch-wie-september-2007-a-901619.html\">meldete<\/a> SPIEGEL ONLINE unter Berufung auf die GfK &bdquo;Deutsche kaufen gegen die Krise an&ldquo; und das zum SPIEGEL-Verlag geh&ouml;rende Manager Magazin machte daraus sogar die <a href=\"http:\/\/www.manager-magazin.de\/politik\/konjunktur\/0,2828,901625,00.html\">Meldung<\/a> &bdquo;Konsumenten retten Deutschland vor der Rezession&ldquo;. <\/p><p>Jeder unbedarfte Leser wird bei diesen &Uuml;berschriften nun denken, dass die Deutschen tats&auml;chlich mehr Geld an den Ladenkassen ausgeben. Diese Interpretation ist jedoch auf Basis des GfK-Konsumklimaindex &uuml;berhaupt nicht m&ouml;glich &ndash; vollkommen unabh&auml;ngig davon, ob die Zahlen nun stimmen oder nicht. Aus der Frage &bdquo;Glauben Sie, dass es zurzeit ratsam ist, gr&ouml;&szlig;ere Anschaffungen zu t&auml;tigen?&ldquo;, die den telefonisch Interviewten gestellt wird, Schlussfolgerungen &uuml;ber die Konsumausgaben zu ziehen, ist &ndash; sagen wir es einmal freundlich &ndash; gewagt. Aus diesen gewagten Prognosen eine Geschichte zu machen, die suggeriert, dass die auf d&uuml;rrer Basis aufgestellten Prognosen die Realit&auml;t widerspiegeln, ist manipulative Meinungsmache.<\/p><p>Wer sich prim&auml;r &uuml;ber Medien wie SPIEGEL Online informiert, muss glatt denken, dass die Konsumausgaben permanent steigen und Eurokrise, Rezession und negativer Lohnentwicklung trotzen. Ein Blick auf die langfristige Datenreihe des Statistischen Bundesamtes spricht da jedoch eine g&auml;nzlich andere Sprache.<\/p><p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/130531_einzelhandelquer.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/130531_einzelhandelquer_small.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.querschuesse.de\/deutschland-lahmer-einzelhandel\/\">Querschuesse<\/a><\/p><p>Die real gemessenen Einzelhandelsums&auml;tze (inkl. Versandhandel und Internet) sind heute sogar niedriger als zu Beginn der Messreihe im Jahre 1994. Die Konsumausgaben steigen nicht, sie stagnieren noch nicht einmal, sondern gehen sogar im Trend zur&uuml;ck. Noch aussagekr&auml;ftiger ist die lange Reihe der Bundesbank, die bis zum Jahr 1994 zur&uuml;ckreicht.<\/p><p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/130531_einzelhandelbuba.png\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/130531_einzelhandelbuba_small.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/p><p>Wie man hier deutlich erkennen kann, sind die Einzelhandelsums&auml;tze inflationsbereinigt bis zum Jahr 1990 steil gestiegen. Seitdem stagnieren sie mit einem leicht abnehmenden Trend. Es ist nat&uuml;rlich kein Zufall, dass die Konsumausgaben exakt seit dem Zeitpunkt stagnieren, ab dem es keine Reallohnsteigerungen mehr gab. Mit welchem Geld sollen die Menschen auch den Konsum steigern? Ohne Reallohnsteigerungen werden auch auf absehbare Zeit die Konsumausgaben nicht steigen. Man muss kein Wirtschaftsprofessor sein, um diesen simplen Zusammenhang zu begreifen.<\/p><p>Wenn nun der GfK-Konsumklimaindex &ndash; selbst wohlwollend betrachtet &ndash; nicht mehr als nichtssagende Kaffeesatzleserei ist, stellt sich nat&uuml;rlich die Frage, warum er Monat f&uuml;r Monat als Grundlage f&uuml;r Artikel genommen wird, deren inhaltlicher Wert gegen Null tendiert? Hat es sich noch mit bis in die Redaktionen herumgesprochen, dass das Konsumwunderm&auml;rchen der GfK jeglicher Datengrundlage entbehrt? Oder dient der Index lediglich als Vorlage, um einmal mehr das geliebte M&auml;rchen zu erz&auml;hlen, wie gut es uns doch gehe, wie wunderbar wir regiert werden und wie tapfer wir der Krise trotzen? Wenn man einmal einen Moment davon ausgeht, dass die Redaktionen nicht nur mit Denkabstinenzlern besetzt sind, muss man wohl davon ausgehen, dass der Konsumklimaindex wider besseren Wissens zu Propagandazwecken instrumentalisiert wird.<\/p><p>F&uuml;r die GfK ist dies nat&uuml;rlich ein wunderbares Gesch&auml;ft. Die GfK-Gruppe ist eine Aktiengesellschaft, die mit mehr als 12.000 Mitarbeitern einen Umsatz von 1,5 Mrd. Euro und einen Jahresgewinn von fast 200 Millionen Euro erwirtschaftet. Gr&ouml;&szlig;ter Einzelaktion&auml;r der GfK ist die Fondsgesellschaft Fidelity Investment, die nach einer <a href=\"http:\/\/www.plosone.org\/article\/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pone.0025995\">Studie<\/a> der ETH Z&uuml;rich das dritteinflussreichste Unternehmen der Welt ist. Auftraggeber des GfK-Konsumklimaindex ist &uuml;brigens die EU-Kommission. Die Zahlen der GfK sind Grundlage der deutschen Komponente zur Messung des EU-Verbrauchervertrauens. Muss man sich da noch wundern, dass die EU-Kommission den Wald vor lauter B&auml;umen nicht sieht?<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/5f25d6a0c5e64eecbf6f2b0c73f270a0\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeden Monat aufs Neue begl&uuml;cken uns die Medien mit dem Konsumklimaindex der Gesellschaft f&uuml;r Konsumforschung (GfK). Dieser Index ist ein echtes Mysterium. Eine Korrelation zwischen dem von der GfK &bdquo;gemessenen&ldquo; Konsumklima und der tats&auml;chlichen Einzelhandelsums&auml;tze ist nur in Ausnahmef&auml;llen zu erkennen. Doch einen Zweck scheint der Konsumklimaindex zu haben: Monat f&uuml;r Monat dient er den<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17442\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[129,11,133],"tags":[884,688,689],"class_list":["post-17442","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-lobbyorganisationen-und-interessengebundene-wissenschaft","category-strategien-der-meinungsmache","category-wichtige-wirtschaftsdaten","tag-einzelhandelsumsaetze","tag-gfk","tag-konsumlaune"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17442","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=17442"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17442\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":17444,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17442\/revisions\/17444"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=17442"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=17442"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=17442"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}