{"id":17493,"date":"2013-06-04T10:00:08","date_gmt":"2013-06-04T08:00:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17493"},"modified":"2015-08-09T08:02:20","modified_gmt":"2015-08-09T06:02:20","slug":"der-zensus-und-der-schwanengesang-vom-aussterbenden-volk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17493","title":{"rendered":"Der Zensus und der Schwanengesang vom aussterbenden Volk"},"content":{"rendered":"<p>Die bislang <a href=\"https:\/\/ergebnisse.zensus2011.de\/\">ver&ouml;ffentlichten Ergebnisse<\/a> des Zensus 2011 haben es in sich. Deutschland hat nun auch offiziell mehr als 1,5 Millionen weniger Einwohner als bislang angenommen. Das ist f&uuml;r sich genommen erst einmal recht unspektakul&auml;r, doch mit der neuen Bev&ouml;lkerungszahl ergibt sich ein ganzer Rattenschwanz von direkten und indirekten Effekten auf andere statistische Gr&ouml;&szlig;en. Der wohl bedeutsamste davon ist, dass die durchschnittliche Lebenserwartung der Deutschen geringer ist, als bislang angenommen. Der neoliberale Schwanengesang von der &uuml;beralterten Gesellschaft sollte damit einen geh&ouml;rigen Schuss vor den Bug bekommen. Und auch die &ndash; ohnehin h&ouml;chst angreifbaren &ndash; Langzeitprognosen zur Bev&ouml;lkerungsentwicklung, die von interessierter Seite mit dem negativen Beiklang des &bdquo;aussterbenden Volkes&ldquo; versehen werden, sind mit den neuen Zahlen nicht mehr haltbar. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nZum Thema siehe auch: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17478\">Albrecht M&uuml;ller &ndash; <strong>Demographie &ndash; eine ziemlich nutzlose und vielfach missbrauchte Wissenschaft<\/strong><\/a><\/p><p>Wenn Deutschland weniger Einwohner hat, als bislang angenommen, ist dies kein Zeichen daf&uuml;r, dass die Gesellschaft schrumpft. Die alten offiziellen Daten basieren auf der letzten gro&szlig;en Volksz&auml;hlung aus den Jahren 1987 (West) und 1981 (Ost). Seitdem wurden die Daten mit dem Melderegister fortgef&uuml;hrt. Vor allem vor der Reform des Melderegisters im Jahre 2005 war dieses System jedoch h&ouml;chst fehleranf&auml;llig. Wer sich an seinem neuen Wohnsitz angemeldet hat, ohne sich bei seinem alten Wohnsitz abzumelden, wurde doppelt gez&auml;hlt. Seit die Anmeldungen mit den Abmeldungen automatisch gekoppelt und abgeglichen werden, hat sich dieser Effekt abgeschw&auml;cht. Als gr&ouml;&szlig;ter Fehler bleibt jedoch immer noch die unzureichende Meldegenauigkeit bei in Deutschland lebenden Ausl&auml;ndern erhalten. Wenn ein Ausl&auml;nder das Land dauerhaft verl&auml;sst und sich nicht an seinem alten Wohnsitz hierzulande abmeldet, bleibt er all zu oft &uuml;ber Jahre und Jahrzehnte in den Registern der Beh&ouml;rden erhalten. <\/p><p>Es war seit jeher bekannt, dass die offiziellen Einwohnerzahlen massiv durch zahlreiche &bdquo;Karteileichen&ldquo; aufgebl&auml;ht sind. Es fehlt jedoch jegliche Anreizstruktur f&uuml;r die Gemeinden, ihre Register m&ouml;glichst genau zu f&uuml;hren. Je weniger Einwohner eine Gemeinde hat, desto weniger Geld bekommt sie &uuml;ber diverse Finanzierungsschienen. Und dies setzt sich auf Kreis-, Landes- und sogar Bundesebene fort, da die offiziellen Einwohnerzahlen auch f&uuml;r die Verteilung der EU-Gelder eine Rolle spielen. <\/p><p>Dieser &bdquo;statistische Fehler&ldquo; hat sich mit der Zeit verst&auml;rkt. Deutschland hatte also seit 1987 schon immer weniger Einwohner als offiziell angegeben. Daher darf man die jetzt vorgenommene Korrektur auch nicht als eine &bdquo;Schrumpfung&ldquo; oder einen &bdquo;Bev&ouml;lkerungsr&uuml;ckgang&ldquo; interpretieren, da die weiter zur&uuml;ckliegenden Zahlen, gegen&uuml;ber denen es einen R&uuml;ckgang h&auml;tte geben k&ouml;nnen, ebenfalls zu hoch angesetzt waren. Deutschland ist kleiner als bislang angegeben &ndash; dies war jedoch auch bereits in der Vergangenheit so.<\/p><p><strong>Falsche Sterbetafeln, falsche Lebenserwartung<\/strong><\/p><p>Anders als die Zahl der offiziell in Deutschland lebenden Einwohner ist jedoch die Zahl der verstorbenen Einwohner pro Jahr recht pr&auml;zise. Diese &bdquo;Genauigkeitsdiskrepanz&ldquo; hat Auswirkungen auf die sogenannten Sterbetafeln. Bei den Sterbetafeln wird dokumentiert, wie gro&szlig; der jeweilige Anteil einer Altersgruppe ist, der in einem bestimmten Zeitraum verstirbt. Die Verstorbenen sind dabei der Z&auml;hler, die Gesamtheit der Altersgruppe ist der Nenner. Wenn Deutschland weniger Bewohner hat, wird der Nenner unweigerlich kleiner, w&auml;hrend die Zahl der Verstorbenen recht pr&auml;zise ist und kaum angepasst werden muss. Sterbetafeln, die mit den neuen Daten &uuml;berarbeitet werden, m&uuml;ssten demnach auch eine h&ouml;here &bdquo;Mortalit&auml;t&ldquo; ausweisen. Es sind also in jeder Altersgruppe mehr Menschen im Verh&auml;ltnis zu ihrer jeweiligen Altersgruppe gestorben als bislang angenommen. Dadurch sinkt die statistische Lebenserwartung, die mit diesen Sterbetafeln errechnet wird.<\/p><p><strong>Datengau f&uuml;r Miegel, Raffelh&uuml;schen und Co.<\/strong><\/p><p>Die demographischen Horrorszenarien der neoliberal gepr&auml;gten Auftragsstudien von &bdquo;Wissenschaftlern&ldquo; vom Schlage eines Meinhard Miegel oder eines Bernd Raffelh&uuml;schen basieren allesamt nicht nur auf falschen Grundannahmen und fragw&uuml;rdigen Rechenmethoden, sondern auch auf einer deutlich gestiegenen Lebenserwartung. Wenn die wirkliche Lebenserwartung nun aber geringer ist als angenommen, sinkt dadurch auch die prognostizierte Zahl der &bdquo;&Uuml;ber-X-J&auml;hrigen&ldquo; im Jahre Y. Je nach Gr&ouml;&szlig;e des statistischen Fehlers bei der Berechnung der Lebenserwartung wird die Anzahl der &bdquo;Alten&ldquo; bzw. &bdquo;Rentner&ldquo; in der prognostizierten Zukunft daher geringer ausfallen. Die vermeintliche &bdquo;Vergreisung&ldquo; der Republik ist also &ndash; wom&ouml;glich deutlich &ndash; &uuml;berzeichnet. <\/p><p>Die These vom aussterbenden Volk ist &ndash; so unsinnig sie auch ansonsten ist &ndash; dabei noch durch einen weiteren Nebeneffekt der Zensusdaten unter Beschuss. Denn neben den Todesf&auml;llen sind auch die Geburten relativ pr&auml;zise dokumentiert und auch bei der Berechnung der &bdquo;Geburtenquote&ldquo; steht eine zu hohe Bev&ouml;lkerungszahl im Nenner. Sowohl die Geburtenziffer als auch die Fruchtbarkeitsziffer m&uuml;ssen nun an die neuen Daten angepasst werden und werden dabei nach oben korrigiert werden m&uuml;ssen. Es werden also in Deutschland pro Jahr Babys pro Einwohner geboren und gleichzeitig sterben mehr Menschen pro Einwohner als bislang angenommen. Dadurch verlieren die Horrorszenarien einer alternden und aussterbenden Gesellschaft ihre Berechnungsgrundlage.<\/p><p><strong>Schlechte Neuigkeiten f&uuml;r die Versicherungsbranche<\/strong><\/p><p>Die neuen Daten haben auch eine indirekte Auswirkung auf die Rechenmodelle der Versicherungswirtschaft. Diese werden jedoch nicht an den offiziellen Sterbetafeln ausgerichtet &ndash; Basis sind hier vielmehr die eigenen Sterbetafeln der Versicherungsgesellschaften. Die genauen Rechenmodelle sind f&uuml;r Au&szlig;enstehende jedoch nicht ersichtlich. Fest steht jedoch, dass die Versicherer mit viel zu hohen Lebenserwartungen kalkulieren. Je st&auml;rker das einkalkulierte Todesalter vom realen Todesalter abweicht, desto h&ouml;her die Margen und Renditen f&uuml;r die Versicherer. <\/p><p>Da die Menschen durch die neuen Zensusdaten ja nicht l&auml;nger oder k&uuml;rzer leben, &auml;ndert sich an den Margen und Renditen freilich nichts. Durch die neuen Daten wird jedoch klar, wie sehr die Versicherer ihre Kunden durch fragw&uuml;rdige intransparente Rechenmodelle benachteiligen. Die Benachteiligung f&auml;llt umso gr&ouml;&szlig;er aus, je h&ouml;her die Differenz zwischen der realen und der von den Versicherern kalkulierten Lebenserwartung ausf&auml;llt. <\/p><p>Man darf also gespannt sein, welche Auswirkungen die neuen Zensusdaten auf die offiziell errechnete Lebenserwartung haben. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass Miegel, Raffelh&uuml;schen und Co. nun auch ihre Rechenmodelle an die neuen Daten anpassen. Auch in der Vergangenheit wurden von diesen Herren alle Faktoren ausgeblendet, die nicht zum gew&uuml;nschten Ergebnis passen wollen.<\/p><p>Siehe dazu: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9322\">Jens Berger &ndash; Bernd Raffelh&uuml;schen bl&auml;st zur Lobbyisten-Polka<\/a><\/p><p>Im Gegenteil &ndash; es ist sogar zu erwarten, dass die neoliberalen Auftragsschreiber die Zensusergebnisse mutwillig falsch zu ihren Gunsten umbiegen. Dass die nun korrigierten Datenfehler nichts mit einem Schrumpfen der Bev&ouml;lkerung zu tun haben, sondern diese These in Wahrheit sogar schw&auml;chen, wei&szlig; schlie&szlig;lich kaum jemand. Woher auch? Die Medien haben die Zensusergebnisse nicht unter diesem Gesichtspunkt analysiert und es w&auml;re &uuml;berraschend, wenn sich daran etwas &auml;ndert. Die M&auml;r vom schrumpfenden und vergreisenden Deutschland wird uns noch lange erz&auml;hlt werden. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/28c65d3f75834938b4ffeb3020f3cdcf\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die bislang <a href=\"https:\/\/ergebnisse.zensus2011.de\/\">ver&ouml;ffentlichten Ergebnisse<\/a> des Zensus 2011 haben es in sich. Deutschland hat nun auch offiziell mehr als 1,5 Millionen weniger Einwohner als bislang angenommen. Das ist f&uuml;r sich genommen erst einmal recht unspektakul&auml;r, doch mit der neuen Bev&ouml;lkerungszahl ergibt sich ein ganzer Rattenschwanz von direkten und indirekten Effekten auf andere statistische Gr&ouml;&szlig;en. 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