{"id":17496,"date":"2013-06-04T13:17:41","date_gmt":"2013-06-04T11:17:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17496"},"modified":"2019-01-30T10:46:07","modified_gmt":"2019-01-30T09:46:07","slug":"der-psychopath-als-vorbild","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17496","title":{"rendered":"Der Psychopath als Vorbild?"},"content":{"rendered":"<p>Am 3. Juni 2013 gab der Sender 3SAT in seiner Sendung <em>Kulturzeit<\/em> dem englischen Psychologieprofessor Kevin Dutton Raum und Zeit, sein Loblied auf den &bdquo;Psychopathen&ldquo; zu singen. Die Sendung hat <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong> zu ein paar kritischen Anmerkungen provoziert.<br>\n<!--more--><br>\nNachdem vor einigen Wochen bereits das Nachrichtenmagazin <em>Der Spiegel<\/em> unter dem Titel <em>Raubtiere ohne Ketten<\/em> rei&szlig;erisch &uuml;ber das Psychopathen-Buch des englischen Psychologen Kevin Dutton berichtet hat, hat nun auch 3SAT am 3. Juni 2013 in seiner Sendung <em>Kulturzeit<\/em> ein Interview mit Kevin Dutton gezeigt, in dem er ausf&uuml;hrlich auf die &bdquo;Vorbildfunktion der Psychopathen&ldquo; einging. Diese seien durchsetzungsf&auml;hig, k&ouml;nnten sich auf das Wesentliche konzentrierten und handelten sehr &uuml;berlegt. Von diesen Charaktereigenschaften k&ouml;nnten wir alle im Alltag profitieren. F&uuml;r Psychopathen sei wegen ihrer weitgehenden Angstfreiheit &bdquo;alles m&ouml;glich&ldquo; und sie bes&auml;&szlig;en eine &bdquo;unbek&uuml;mmerte R&uuml;cksichtslosigkeit&ldquo;. Eine &bdquo;bisschen Psychopathie&ldquo; k&auml;me uns allen zu Gute, Psychopathie wirke als &bdquo;Karriere-Turbo&ldquo;. <\/p><p>Das gelte allerdings nur f&uuml;r eine gewisse Kategorie unter den Psychopathen, n&auml;mlich die &bdquo;funktionierenden Psychopathen&ldquo;. Wenn man unintelligent, aggressiv und psychopathisch sei und dazu noch in der Unterschicht aufwachse, werde man Schutzgeldeintreiber oder Schl&auml;ger und lande &uuml;ber kurz oder lang im Gef&auml;ngnis. &bdquo;Wenn Sie psychopathisch, intelligent und brutal sind und in guten Verh&auml;ltnissen aufgewachsen sind, dann stehen Ihnen alle noch so exotischen Berufe offen.&ldquo; Noch einmal wies Dutton darauf hin, dass man bei einer gro&szlig; angelegten Untersuchung in Gro&szlig;britannien herausgefunden habe, dass die meisten Psychopathen unter den Firmenbossen zu finden seien, gefolgt von Anw&auml;lten, Journalisten und Chirurgen. Die Gesellschaft profitiere von erfolgreichen Psychopathen. Er, Dutton, habe den Eindruck, &bdquo;dass unsere heutige Gesellschaft zunehmend psychopathisch wird.&ldquo; Eine gro&szlig; angelegte Untersuchung unter amerikanischen Studenten habe ergeben, dass Empathie und Mitgef&uuml;hl sich in den letzten Jahrzehnten &ndash; forciert in den letzten zehn Jahren &ndash; dramatisch zur&uuml;ckgebildet h&auml;tten, w&auml;hrend die Werte f&uuml;r Narzissmus &bdquo;durch die Decke&ldquo; gingen. <\/p><p>All das tr&auml;gt dieser Kevin Dutton so n&uuml;chtern vor, als ginge es um eine Studie &uuml;ber die Freizeit- und Essgewohnheiten englischer Mittelschichtsfrauen. Die akademische Psychologie verschwendet keinen Gedanken an die Strukturvorgaben und Funktionsimperative der kapitalistischen Wirtschaft. Sie ist auf dem gesellschaftlichen Auge blind und versucht deshalb, wie Peter Br&uuml;ckner bemerkte, &bdquo;den Stand der Gestirne bei bereichsweise bedecktem Himmel zu bestimmen&ldquo;. Sie kann und will nicht erkennen, dass die beschriebenen Ph&auml;nomene eine Begleiterscheinung des neuen kapitalistischen Zeitalters darstellen. Der Psychopath ist der vollends kapitalistische Mensch, ein reines Waren- und Geldsubjekt, dem die &auml;u&szlig;ere soziale K&auml;lte zur zweiten inneren Natur geworden ist. Dutton interpretiert und hinterfragt die angesprochenen Entwicklungen nicht, sondern schildert sie wie Naturprozesse, die er beobachtet und gemessen hat. <\/p><p>Unsereiner nimmt schaudernd zur Kenntnis, dass die vom Kapitalismus auf seiner gegenw&auml;rtigen Entwicklungsstufe vorangetriebenen Flexibilisierungs- und Mobilisierungsprozesse auf der Innenseite der Subjekte einen Schwund all der Eigenschaften mit sich bringen, die wir bis dato f&uuml;r die eigentlich menschlichen angesehen haben. Alles, was diesen Psychopathen das Fortkommen unter den Bedingungen des flexiblen Kapitalismus erschwert, wird wie Ballast abgeworfen. Zur&uuml;ck bleibt jene &bdquo;unbek&uuml;mmerte R&uuml;cksichtslosigkeit&ldquo;, von der Kevin Dutton bewundernd spricht, als handele es sich geradezu um eine neue Kardinaltugend. Was Adorno bereits in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts &uuml;ber die &bdquo;Radiogeneration&ldquo; sagte, gilt umso mehr f&uuml;r die Ego-Generation von heute: Sie wollen &bdquo;sich einpassen, das k&ouml;nnen, was alle k&ouml;nnen, das noch einmal tun, was alle tun. Sie sind illusionslos. Sie sehen die Welt endlich, wie sie ist, aber um den Preis, dass sie nicht mehr sehen, wie sie sein k&ouml;nnte. Darum fehlt es ihnen auch an Leid. Sie sind &sbquo;abgeh&auml;rtet&lsquo; im physischen und im psychologischen Sinn. Ihre K&auml;lte ist eines ihrer hervortretendsten Merkmale, kalt fremdem Leiden gegen&uuml;ber, aber auch sich selbst gegen&uuml;ber. Ihr eigenes Leiden hat so wenig Macht &uuml;ber sie, weil sie sich kaum daran zu erinnern verm&ouml;gen: es vergeht so, wie der nach der Narkose erwachte Patient von den Schmerzen der Operation nichts mehr wei&szlig; &hellip; . Dieser K&auml;lte entspricht eine geheime Komplizit&auml;t mit den Dingen, denen man selber &auml;hnlich zu sein strebt.&ldquo; <\/p><p>Auch der 3SAT-Kommentar enthielt sich jeder Kritik, sondern stellte lediglich fest, die Thesen von Kevin Dutton seien zwar gewagt, aber nicht von der Hand zu weisen. Vielleicht seien die Psychopathen die &bdquo;geistig Gesunden von morgen&ldquo;. Sie seien &bdquo;besser ger&uuml;stet f&uuml;r den ganz allt&auml;glichen Wahnsinn&ldquo;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 3. Juni 2013 gab der Sender 3SAT in seiner Sendung <em>Kulturzeit<\/em> dem englischen Psychologieprofessor Kevin Dutton Raum und Zeit, sein Loblied auf den &bdquo;Psychopathen&ldquo; zu singen. 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