{"id":17552,"date":"2013-06-10T13:48:44","date_gmt":"2013-06-10T11:48:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17552"},"modified":"2019-07-31T12:36:38","modified_gmt":"2019-07-31T10:36:38","slug":"jugendarbeitslosigkeit-in-europa-die-wundersame-welt-des-wolfgang-schauble","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17552","title":{"rendered":"Jugendarbeitslosigkeit in Europa &#8211; Die wundersame Welt des Wolfgang Sch\u00e4uble"},"content":{"rendered":"<p>Bundesfinanzminister Wolfgang Sch&auml;uble hat in der letzten Woche bei &bdquo;Cicero online&ldquo; einen Beitrag zur Jugendarbeitslosigkeit in Europa ver&ouml;ffentlicht. Der Titel &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.cicero.de\/berliner-republik\/europas-jugendarbeitslosigkeit-das-ist-eine-gefahr-fuer-die-demokratie\/54605\">Das ist eine Gefahr f&uuml;r die Demokratie<\/a>&ldquo; l&auml;sst Hoffnung auf einen vielleicht ersten Schritt zur Einsicht aufkommen. Doch weit gefehlt: Sch&auml;uble demonstriert einmal mehr seine v&ouml;llige Lernunf&auml;higkeit und -unwilligkeit. Ein Gastartikel von <strong>G&uuml;nther Grunert<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nSch&auml;uble beginnt mit einer Ursachenanalyse: &bdquo;Zu hohe Staatsverschuldung und mangelnde Wettbewerbsf&auml;higkeit sind die Ursachen der Krise in Europa. Und damit die Ursache f&uuml;r scheiternde Unternehmen und hierdurch wiederum f&uuml;r eine zu hohe Arbeitslosigkeit.&ldquo; Wie gut, dass die Eurol&auml;nder und die Europ&auml;ische Union da mit einer Politik gegensteuern, &bdquo;die an genau diesen Ursachen ansetzt und damit die Basis f&uuml;r nachhaltiges Wachstum schafft.&ldquo; Und diese Politik trage auch bereits Fr&uuml;chte: &bdquo;Die Haushaltsdefizite sinken. Reformen der Arbeitsm&auml;rkte und der Sozialsysteme werden angegangen. Verwaltungen, Rechts- und Steuersysteme werden modernisiert. Wettbewerbsf&auml;higkeit und die Exporte steigen. Die Finanzm&auml;rkte fassen wieder Vertrauen in die Staaten der Eurozone. Risikoaufschl&auml;ge f&uuml;r Staatsanleihen gehen zur&uuml;ck. Die Wende zum Besseren ist geschafft.&ldquo; Jetzt d&uuml;rften wir aber nicht nachlassen, sondern m&uuml;ssten &bdquo;an unserer gemeinsamen europ&auml;ischen Politik der Konsolidierung und der Reformen festhalten.&ldquo;<\/p><p>Nat&uuml;rlich verlange der &bdquo;wirtschaftliche Gesundungsprozess Europas, der die Wettbewerbsf&auml;higkeit verbessert&ldquo;, zun&auml;chst auch einige Opfer: &bdquo;Besonders hart ist in einigen Krisenl&auml;ndern die Jugend Europas betroffen. Unternehmen mit wirtschaftlichen Problemen bilden keine Nachwuchskr&auml;fte aus oder reduzieren ihre Arbeitspl&auml;tze &ndash; und zuerst sind dabei immer die zuletzt ins Unternehmen gekommenen und damit meist die jungen Besch&auml;ftigten betroffen.&ldquo; Das &bdquo;wirtschaftlich wieder gesundende Europa&ldquo; d&uuml;rfe aber nicht eine ganze Generation abkoppeln, denn Millionen entt&auml;uschter arbeitsloser Jugendlicher stellten &bdquo;eine Gefahr f&uuml;r die Demokratie, f&uuml;r die Akzeptanz unserer freiheitlichen Ordnung, f&uuml;r die Akzeptanz Europas&ldquo; dar.<\/p><p>Aber keine Sorge: Die Europ&auml;ische Investitionsbank stehe kleinen und mittleren Unternehmen mit zinsg&uuml;nstigen Krediten zur Seite, im neuen langfristigen EU-Haushalt seien sechs Milliarden Euro zur Bek&auml;mpfung der Jugendarbeitslosigkeit vorgesehen, dazu k&auml;men noch 16 Mrd. Euro aus dem EU-Strukturfonds und einige andere Ma&szlig;nahmen. Schlie&szlig;lich &ndash; so Sch&auml;uble &ndash; wolle man das duale Ausbildungssystem nach deutschem Vorbild in ganz Europa f&ouml;rdern, denn wo es dies gebe, sei die Jugendarbeitslosigkeit am niedrigsten.<\/p><p>All das helfe nat&uuml;rlich nicht sofort, so dass in der Zwischenzeit etwas Mobilit&auml;t verlangt sei: An einer Ausbildung interessierte Jugendliche und arbeitslose Fachkr&auml;fte k&ouml;nnten gern nach Deutschland kommen.<\/p><p>Eine politische Zerr&uuml;ttung im Euroraum sieht Sch&auml;uble ganz und gar nicht &ndash; das Gegenteil sei richtig: &bdquo;Die gegenw&auml;rtige Krise hat Europa n&auml;her zusammengebracht. [&hellip;] Und Europa und die Jugend Europas haben ihre beste Zeit noch vor sich.&ldquo;<\/p><p>Aufs&auml;tze wie dieser sind es, die einen Fortbestand des Euroraums in seiner jetzigen Form illusorisch erscheinen lassen und die es deshalb notwendig machen, eine &bdquo;konstruktive Euro-Exit-Debatte&ldquo; zu f&uuml;hren, <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17262\">wie j&uuml;ngst Jens Berger mit Recht gefordert hat<\/a>. Es ist m&uuml;&szlig;ig, sich im Detail mit dem groben Unfug auseinanderzusetzen, den Sch&auml;uble hier pr&auml;sentiert &ndash; incl. der beinahe zynisch klingenden Behauptung, dass &bdquo;Europa und die Jugend Europas [&hellip;] ihre beste Zeit noch vor sich&ldquo; h&auml;tten.<\/p><p>Im folgenden Beitrag m&ouml;chte ich mich deshalb auf nur auf zwei Punkte konzentrieren, die mir wichtig erscheinen, n&auml;mlich in Abschnitt 1 das merkw&uuml;rdige Wettbewerbsf&auml;higkeits-Argument (das auch von anderer Seite, z. B. von Angela Merkel, h&auml;ufig vorgetragen wird) und in Abschnitt 2 die viel zu kurz greifende Darstellung der Probleme der Jugendarbeitslosigkeit in Europa.<\/p><ol>\n<li><strong>Die Crux mit der internationalen Wettbewerbsf&auml;higkeit<\/strong>\n<p>Zun&auml;chst einmal wird von Sch&auml;uble wiederum die systemische Krise der W&auml;hrungsunion in eine Staatsschuldenkrise einiger verschwenderischer s&uuml;deurop&auml;ischer L&auml;nder umgedeutet. In dieser Sichtweise sind hohe staatliche Schulden die Ursache allen &Uuml;bels, obgleich kein Zweifel daran bestehen kann, dass die Schulden weltweit erst nach dem Beginn der Finanzkrise und der dadurch verursachten Rezession (incl. der Bankenrettungen) in die H&ouml;he geschossen sind (Flassbeck 2012, S. 18f). Gleichzeitig sieht es der Bundesfinanzminister wieder einmal als notwendig und gut an, dass die Euro-Krisenl&auml;nder ihre Wettbewerbsf&auml;higkeit verbessern, ohne mit einem einzigen Wort darauf einzugehen, zu wessen Lasten dies geht oder gehen sollte. Er hat also offenbar immer noch nicht verstanden, dass Wettbewerbsf&auml;higkeit kein absolutes, sondern ein relatives Konzept ist, bei dem der eine gewinnt, was der andere verliert. Eine Volkswirtschaft ist stets nur im Verh&auml;ltnis zu einer anderen oder mehreren anderen Volkswirtschaften wettbewerbsf&auml;hig, niemals aber losgel&ouml;st von der &uuml;brigen Welt. Nat&uuml;rlich &ndash; da hat Sch&auml;uble recht &ndash; ist es erforderlich, dass die im Ausland hoch verschuldeten Euro-Krisenl&auml;nder wettbewerbsf&auml;higer werden, um ihre Auslandsschuld bedienen und zur&uuml;ckzahlen zu k&ouml;nnen. Denn eine Nettoschuldentilgung durch ein Schuldnerland ist nur dann m&ouml;glich, wenn es einen Leistungsbilanz&uuml;berschuss verzeichnet. Dies bedeutet aber zwingend, dass die bisherigen Leistungsbilanz&uuml;berschussl&auml;nder, allen voran Deutschland, an Wettbewerbsf&auml;higkeit verlieren m&uuml;ssen, um schlie&szlig;lich ihre &Uuml;berschuss- in eine Defizitposition zu verwandeln. Diese Schlussfolgerung aber w&uuml;rde Sch&auml;uble sicherlich entr&uuml;stet von sich weisen, hat er doch schon in der Vergangenheit immer darauf bestanden, dass alle ihre Wettbewerbsf&auml;higkeit verbessern m&uuml;ssten.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Doch es hilft auch nichts, das Problem auf die &bdquo;Weltebene&ldquo; zu verlagern, indem man fordert, die Europ&auml;ische W&auml;hrungsunion insgesamt m&uuml;sse wettbewerbsf&auml;higer werden und dauerhaft Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse gegen&uuml;ber dem Rest der Welt erzielen. Denn wenn ein so gro&szlig;er Wirtschaftsblock wie Euroland seine Wettbewerbsf&auml;higkeit wesentlich erh&ouml;ht, wer soll dann an Konkurrenzf&auml;higkeit einb&uuml;&szlig;en? Der Versuch der EWU insgesamt, ihre Wettbewerbsf&auml;higkeit durch Lohnsenkungen zu steigern, w&uuml;rde irgendwann die anderen L&auml;nder zwingen, ihre W&auml;hrungen gegen&uuml;ber dem Euro abzuwerten, um ihrerseits ihre Wettbewerbsf&auml;higkeit wiederherzustellen. Am Ende k&ouml;nnte niemand seine Position verbessern, aber alle w&auml;ren &auml;rmer.<\/p>\n<p>Aber von diesen Problemen einmal abgesehen, ist h&ouml;chst zweifelhaft, ob es bei den Euro-Krisenl&auml;ndern tats&auml;chlich zu einer signifikanten Verbesserung ihrer Wettbewerbsf&auml;higkeit gekommen ist, wie Sch&auml;uble offenbar meint. &Uuml;berpr&uuml;fen l&auml;sst sich dies anhand der BIZ-Indizes der effektiven Wechselkurse, die monatlich von der Bank f&uuml;r Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) ver&ouml;ffentlicht werden (dazu ausf&uuml;hrlicher Klau\/Fung 2006). Der nominale effektive Wechselkurs einer W&auml;hrung ist ein Index, der aus einem gewichteten Durchschnitt von bilateralen Wechselkursen errechnet wird. Bereinigt man den nominalen effektiven Wechselkurs um eine Messgr&ouml;&szlig;e f&uuml;r relative Preise resp. Kosten, ergibt sich der reale effektive Wechselkurs (REER). In den Ver&auml;nderungen des REER finden also sowohl Entwicklungen der nominalen Wechselkurse als auch das Inflationsgef&auml;lle gegen&uuml;ber den Handelspartnern Ber&uuml;cksichtigung. Reale effektive Wechselkurse liefern mithin eine Messgr&ouml;&szlig;e der internationalen Wettbewerbsf&auml;higkeit: Steigt der REER, l&auml;sst sich daraus schlie&szlig;en, dass das Land international weniger wettbewerbsf&auml;hig geworden ist, sinkt der REER, gilt das Umgekehrte.<\/p>\n<p>Bill Mitchell hat auf Grundlage der BIZ-Daten ein Schaubild erstellt, das die Ver&auml;nderungen der realen effektiven Wechselkurse (sog. &bdquo;enge Indizes&ldquo; f&uuml;r 27 Volkswirtschaften) von Januar 2008 (= 100) bis April 2013 zeigt &ndash; und zwar f&uuml;r ausgew&auml;hlte Eurol&auml;nder und den Euroraum insgesamt. Abbildung 1 verdeutlicht, dass die realen effektiven Wechselkurse der betrachteten L&auml;nder nach Beginn der Krise tendenziell gefallen sind, beispielsweise f&uuml;r Deutschland auf einen Indexwert von 93,5 und f&uuml;r die Eurozone insgesamt auf 91,9 im April 2013. Dagegen ist bei den Krisenl&auml;ndern des Euroraums im gleichen Zeitraum nur im Fall Irlands der reale effektive Wechselkurs deutlich zur&uuml;ckgegangen (auf 88,7), w&auml;hrend die realen effektiven Wcchselkurse der anderen sog. PIIGS nur geringf&uuml;gig gesunken (Portugal: 98,2; Italien: 98,2; Spanien: 99,3) oder sogar gestiegen sind (Griechenland: 101,6). <\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/130610_01.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/130610_01_small.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/p>\n<p><em>Abbildung 1: Entwicklung der realen effektiven Wechselkurse (Index Januar 2008=100)<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: Mitchell 2013a<\/em> <\/p>\n<p>Anders als Sch&auml;uble glaubt ist es den s&uuml;dlichen Krisenl&auml;ndern also trotz aller Einschnitte und K&uuml;rzungen bislang nicht gelungen, ihre Wettbewerbsf&auml;higkeit signifikant zu verbessern. Der Abbau der Leistungsbilanzdefizite dieser L&auml;nder seit 2008, von dem h&auml;ufig berichtet wird, d&uuml;rfte nicht etwa deutlich gestiegenen Exporten, sondern in erster Linie den krisenbedingt eingebrochenen Importen zuzuschreiben sein.[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]<\/p><\/li>\n<li><strong>Die verheerende Jugendarbeitslosigkeit und ihre Folgen<\/strong>\n<p>Das eigentliche &Auml;rgernis des Sch&auml;uble-Artikels ist aber die ma&szlig;lose Untersch&auml;tzung des Problems der Jugendarbeitslosigkeit in Europa. Sch&auml;uble weist zwar auf die Gefahr einer Radikalisierung der arbeitslosen Jugendlichen hin, die sich &ndash; entt&auml;uscht vom bestehenden System &ndash; von der Demokratie abwenden und &bdquo;Populisten und Extremisten&ldquo; zulaufen k&ouml;nnten. Mit keinem einzigen Wort aber spricht er die gewaltigen <em>&ouml;konomischen<\/em> Sch&auml;den an, die Jugenderwerbslosenquoten von &uuml;ber 50%, ja &uuml;ber 60% in den betroffenen L&auml;ndern anrichten.<\/p>\n<p>Dabei sind die &ouml;konomischen Effekte von Jugendarbeitslosigkeit in wissenschaftlichen Untersuchungen gut dokumentiert. Haben Jugendliche gerade zu Beginn ihres beruflichen Werdegangs mehrere Monate lang keine Besch&auml;ftigung, wirkt sich das oft langfristig aus, wie etwa Ekkehard Ernst, der Leiter der Prognoseabteilung bei der Internationalen Arbeitsorganisation ILO in Genf, feststellt: &bdquo;Die Betroffenen verdienen dann selbst bis zu 15 Jahre sp&auml;ter noch teils deutlich weniger als Menschen, die in ihrer Jugend nicht arbeitslos waren.&ldquo; (zitiert nach &bdquo;Financial Times Deutschland&ldquo;, 5. 12. 2012). Hinzu kommt, dass junge Erwerbslose in ihrem sp&auml;teren Berufsleben h&auml;ufiger arbeitslos sind als Gleichaltrige, die nicht gleich zu Beginn ihrer Laufbahn besch&auml;ftigungslos waren.<\/p>\n<p>Jugendarbeitslosigkeit hat aber nicht nur dramatische Auswirkungen auf den Einzelnen, sondern nat&uuml;rlich auch auf die Wirtschaft eines Landes insgesamt. Eine EU-Studie von Eurofound fand im letzten Jahr heraus, dass 14 Millionen arbeitslose junge Europ&auml;er die Mitgliedsl&auml;nder insgesamt j&auml;hrlich 153 Mrd. Euro an Sozialausgaben und verlorener Produktion kosteten, <a href=\"http:\/\/www.guardian.co.uk\/society\/2012\/oct\/22\/europe-lost-generation-costs-study\">dies entspricht 1,2 Prozent des BIP der EU<\/a>. Noch gravierender aber ist, dass Jugenderwerbslosigkeit die zuk&uuml;nftige Produktivit&auml;tsentwicklung des betroffenen Landes schw&auml;cht. Die &bdquo;Qualit&auml;t&ldquo; unseres zuk&uuml;nftigen Besch&auml;ftigtenbestandes bestimmt entscheidend unseren sp&auml;teren Wohlstand, insofern sollte es eigentlich selbstverst&auml;ndlich sein, alle Jugendlichen bestm&ouml;glich auszubilden, ihnen Besch&auml;ftigung zu geben und so das zuk&uuml;nftige Produktivit&auml;tsniveau zu erh&ouml;hen (dies auch vor dem Hintergrund des vieldiskutierten steigenden Altersdurchschnitts der Bev&ouml;lkerungen).[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] Eine notwendige Bedingung f&uuml;r langfristiges Wachstum ist, in jeder Zeitperiode die Besch&auml;ftigung und den Output zu maximieren. Es ist schlicht widersinnig, einen Gro&szlig;teil der Jugend von einer Besch&auml;ftigung auszuschlie&szlig;en &ndash; und damit auch vom Erwerb von Qualifikationen, Fertigkeiten, Erfahrungen und Arbeitseinstellungen, die sie f&uuml;r eine sp&auml;tere Berufst&auml;tigkeit ben&ouml;tigen (Mitchell 2011).<\/p>\n<p>Vielleicht sollte sich Wolfgang Sch&auml;uble einmal etwas intensiver mit der Realit&auml;t der Jugendarbeitslosigkeit in Europa auseinandersetzen. Abbildung 2 zeigt die Entwicklung der Jugenderwerbslosenquoten (Personen im Alter von 15 bis 24 Jahren) f&uuml;r ausgew&auml;hlte L&auml;nder im Zeitraum 1983 bis April 2013. Die Unterschiede sind erheblich: Portugal, Italien und insbesondere Griechenland und Spanien verzeichnen seit 2008 einen drastischen Anstieg ihrer Jugendarbeitslosigkeit, w&auml;hrend die Jugenderwerbslosigkeit in anderen L&auml;ndern (Japan, Deutschland, Norwegen) weit weniger dramatische Ausma&szlig;e annimmt. Die Jugendarbeitslosenquote erreichte im April 2013 in Italien 40,5 und in Portugal 42,5 Prozent, in Spanien stieg die Quote auf 56,4 und in Griechenland (Februar 2013) gar auf 62,5 Prozent. Im Vergleich damit ist die Quote in Deutschland im April 2013 mit 7,5 Prozent sehr niedrig.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/130610_02.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/130610_02_small.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/p>\n<p><em>Abbildung 2: Jugenderwerbslosenquoten in Prozent in ausgew&auml;hlten L&auml;ndern (1983 &ndash; April 2013)<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: Mitchell 2013b<\/em><\/p>\n<p>Noch gr&ouml;&szlig;ere Unterschiede erh&auml;lt man, wenn man die regionalen Jugenderwerbslosenquoten in der EU27 vergleicht, die k&uuml;rzlich von Eurostat ver&ouml;ffentlicht wurden (Eurostat 2013).[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] Im Durchschnitt betrug die Jugendarbeitslosenquote im Jahr 2012 in der EU27 22,9 Prozent. Dabei reichte die Spanne von 4,2 bzw. 4,5 Prozent in den deutschen Regionen Oberbayern und T&uuml;bingen bis hin zu 72,5 Prozent in Dytiki Makedonia in Griechenland und 70,6 Prozent in Ceuta in Spanien. In der folgenden Tabelle sind die Jugenderwerbslosenquoten (1999 und 2012) f&uuml;r die einzelnen Regionen der beiden am st&auml;rksten von Jugendarbeitslosigkeit betroffenen L&auml;nder, also Griechenland und Spanien, aufgelistet. Die Daten zeigen ein erschreckendes Bild: Nur in einer einzigen Region liegt die Jugendarbeitslosenquote im Jahr 2012 unterhalb von 40 Prozent. Fast 60 Prozent der Regionen verzeichnen 2012 eine Quote von &uuml;ber 50 Prozent. Sowohl in Griechenland als auch in Spanien ist die Jugenderwerbslosenquote zwischen 1999 und 2012 im Durchschnitt um rund 24 Prozentpunkte angestiegen und erreichte im Jahr 2012 in Spanien 53,2 und in Griechenland gar 55,3 Prozent. In den ersten Monaten des Jahres 2013 haben sich die Werte noch weiter verschlechtert.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/130610_03.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/130610_03_small.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/p>\n<p><em>Tabelle 1: Regionale Jugenderwerbslosenquoten 1999 und 2012 in Spanien und Griechenland in Prozent, Ver&auml;nderung in Prozentpunkten<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: Mitchell 2013b<\/em><\/p>\n<p>Abschlie&szlig;end noch ein Schaubild auf Grundlage der regionalen Jugenderwerbslosenquoten f&uuml;r die EU27, das die starke r&auml;umliche Konzentration der Jugendarbeitslosigkeit (insbesondere im S&uuml;den Europas) veranschaulicht. Regionen mit Jugendarbeitslosenquoten &uuml;ber 35 Prozent sind dunkelrot gekennzeichnet. Angesichts der Vielzahl an Regionen, die eine solch hohe Jugendarbeitslosigkeit aufweisen und deren Zukunft damit systematisch ruiniert wird, erscheint das Gerede des Bundesfinanzministers vom &bdquo;wirtschaftlich wieder gesundenden Europa&ldquo; einfach nur grotesk.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/130610_04.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/130610_04_small.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/p>\n<p><em>Abbildung 3: Regionale Jugenderwerbslosenquoten in der EU27 (2012)<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: Mitchell 2013b<\/em><\/p>\n<p>Was aber m&uuml;sste nach diesen Befunden jetzt unternommen werden? Wie k&ouml;nnte das Problem der Jugendarbeitslosigkeit gel&ouml;st oder zumindest abgemildert werden? Sicherlich nicht durch zinsg&uuml;nstige Kredite an Unternehmen (warum sollten sie in einer so katastrophalen wirtschaftlichen Situation investieren?) oder durch irgendwelche Mittel aus dem EU-Strukturfonds, wie Wolfgang Sch&auml;uble meint. Solche Vorschl&auml;ge setzen nicht an der Ursache des Problems an und sind reine Augenwischerei.<\/p>\n<p>Erforderlich w&auml;re &ndash; <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15854\">wie an anderer Stelle ausf&uuml;hrlich dargestellt<\/a> &ndash; eine Beseitigung der au&szlig;enwirtschaftlichen Ungleichgewichte im Euroraum durch eine &uuml;ber viele Jahre hinweg koordinierte Lohnpolitik zwischen den EWU-L&auml;ndern, die den Euro-Krisenl&auml;ndern ein Aufholen bei der Wettbewerbsf&auml;higkeit erm&ouml;glichen w&uuml;rde. Als Sofortma&szlig;nahme m&uuml;sste die EU den Krisenl&auml;ndern erlauben, ihre staatlichen Budgetdefizite um mehrere Prozentpunkte des BIP zu erh&ouml;hen &ndash; und zwar jeweils auf ein Niveau, das den einzelnen L&auml;ndern zu einem angemessenen Wachstum und einem hohen Besch&auml;ftigungsstand verhelfen w&uuml;rde. Solange die private Nachfrage schwach ist, besteht die dringende Notwendigkeit, die staatlichen Haushaltsdefizite auszuweiten und damit das Wachstum stark genug anzutreiben, um die hohe Zahl an Arbeitslosen (incl. der jugendlichen Arbeitslosen) zu absorbieren. Die F&auml;higkeit, in der Zukunft Wohlstand und einen hohen Lebensstandard zu erreichen, h&auml;ngt davon ab, wie produktiv die zuk&uuml;nftigen Arbeitskr&auml;fte sein werden. Deshalb sollte der Abbau der Jugendarbeitslosigkeit erste Priorit&auml;t haben.[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] Leider sieht es weniger denn je nach einer solchen Kehrtwende in der Politik aus, so dass zu bef&uuml;rchten ist, dass der immense &ouml;konomische Schaden, der in diesen L&auml;ndern ohne Not angerichtet wird, noch &uuml;ber Jahrzehnte sp&uuml;rbar sein wird.<\/p><\/li>\n<\/ol><p><strong>Literatur:<\/strong><\/p><ul>\n<li>Eurostat (2013): <a href=\"http:\/\/epp.eurostat.ec.europa.eu\/cache\/ITY_PUBLIC\/1-22052013-AP\/EN\/1-22052013-AP-EN.PDF\">Newsrelease 78\/2013 &ndash; 22 May 2013 [PDF &ndash; 224 KB]<\/a>, letzter Zugriff: 9.6.2013<\/li>\n<li>Flassbeck, H. (2012): Zehn Mythen der Krise, Berlin<\/li>\n<li>Klau, M.\/Fung, S. S. (2006): The new BIS effective exchange rate indices, in: BIS Quarterly Review, March, S. 51-65<\/li>\n<li>Minsky, H. P. (1985): <a href=\"http:\/\/digitalcommons.bard.edu\/cgi\/viewcontent.cgi?article=1412&amp;context=hm_archive\">America is Eating Its Seed Corn [PDF &ndash; 365 KB]<\/a>, in: Hyman P. Minsky Archive, Paper 413, letzter Zugriff: 9.6.2013<\/li>\n<li>Mitchell, B. (2011): <a href=\"http:\/\/bilbo.economicoutlook.net\/blog\/?p=16583\">The scourge of youth unemployment<\/a>, letzter Zugriff: 9.6.2013<\/li>\n<li>Mitchell, B. (2013a): <a href=\"http:\/\/bilbo.economicoutlook.net\/blog\/?p=23996\">It&rsquo;s all been for nothing &ndash; that is, if we ignore the millions of jobs lost etc.<\/a>, letzter Zugriff: 9.6.2013, letzter Zugriff: 9.6.2013<\/li>\n<li>Mitchell, B. (2013b): <a href=\"http:\/\/bilbo.economicoutlook.net\/blog\/?p=24157\">72% youth unemployment &ndash; the crowning glory of the neo-liberal infestation<\/a>, letzter Zugriff: 9.6.2013<\/li>\n<li>Sch&auml;uble, W. (2011): <a href=\"http:\/\/www.ft.com\/intl\/cms\/s\/0\/97b826e2-d7ab-11e0-a06b-00144feabdc0.html#axzz2VhvrYz8r\">Why austerity is only cure for the eurozone, in: Financial Times, 5.9.2011<\/a>, letzter Zugriff: 9.6.2013<\/li>\n<li>Sch&auml;uble, W. (2013): <a href=\"http:\/\/www.cicero.de\/berliner-republik\/europas-jugendarbeitslosigkeit-das-ist-eine-gefahr-fuer-die-demokratie\/54605\">&ldquo;Das ist eine Gefahr f&uuml;r die Demokratie&rdquo;, in: Cicero online, 3. Juni<\/a>, letzter Zugriff: 9.6.2013<\/li>\n<\/ul><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] &bdquo;Governments in and beyond the eurozone need not just to commit to fiscal consolidation and improved competitiveness &ndash; they need to start delivering on these now.&ldquo; (Sch&auml;uble 2011)<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Was h&auml;ufig &uuml;bersehen wird: Der Versuch eines Landes, durch Lohnk&uuml;rzungen die Lohnst&uuml;ckkosten zu senken, um so die internationale Wettbewerbsf&auml;higkeit zu verbessern, schw&auml;cht nicht nur die aggregierte Nachfrage (vor allem in L&auml;ndern, in denen die Binnennachfrage quantitativ wesentlich wichtiger als der Export ist), sondern f&uuml;hrt oft auch &ndash; als Reaktion auf die verl&auml;ngerte Rezessionsphase und die Lohnreduktionen &ndash; zu einem R&uuml;ckgang der Unternehmensinvestitionen, der dann wieder das zuk&uuml;nftige Produktivit&auml;tswachstum negativ beeinflusst. Es ist deshalb keineswegs sicher, ob die Lohnsenkungsstrategie langfristig wirklich zu der angestrebten deutlichen Senkung der Lohnst&uuml;ckkosten f&uuml;hrt.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Hyman Minsky hat das Problem in einer Kritik des US-amerikanischen Ausbildungssystems einmal mehr auf den Punkt gebracht: &bdquo;Every society uses and creates resources. Perhaps, most important is the creation of resources that will be available for use in the future &ndash; even in the quite distant future. Physical resources &ndash; factories, farms, power plants, etc. &ndash; are important, but the overridingly important resources of an economy are its people. [&hellip;] A rich society which does not invest in human resources &ndash; especially in its youth &ndash; is not reproducing that which enables it to be rich.&rdquo; (Minsky 1985)<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Die Daten basieren auf der Ebene 2 der NUTS (Systematik der Gebietseinheiten f&uuml;r die Statistik), die 270 Regionen umfasst.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Nat&uuml;rlich sind dar&uuml;ber hinaus auch Forderungen z. B. nach Ausbildungs- und Jobgarantien f&uuml;r Jugendliche zu begr&uuml;&szlig;en. Ohne ein grundlegendes Umsteuern in der Wirtschaftspolitik sind solche Vorschl&auml;ge aber wenig sinnvoll.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bundesfinanzminister Wolfgang Sch&auml;uble hat in der letzten Woche bei &bdquo;Cicero online&ldquo; einen Beitrag zur Jugendarbeitslosigkeit in Europa ver&ouml;ffentlicht. Der Titel &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.cicero.de\/berliner-republik\/europas-jugendarbeitslosigkeit-das-ist-eine-gefahr-fuer-die-demokratie\/54605\">Das ist eine Gefahr f&uuml;r die Demokratie<\/a>&ldquo; l&auml;sst Hoffnung auf einen vielleicht ersten Schritt zur Einsicht aufkommen. Doch weit gefehlt: Sch&auml;uble demonstriert einmal mehr seine v&ouml;llige Lernunf&auml;higkeit und -unwilligkeit. Ein Gastartikel von <strong>G&uuml;nther Grunert<\/strong>.<\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[147,13,139,157],"tags":[499,479,440],"class_list":["post-17552","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitslosgigkeit","category-denkfehler-wirtschaftsdebatte","category-euro-und-eurokrise","category-wettbewerbsfaehigkeit","tag-handelsbilanz","tag-reservearmee","tag-schaeuble-wolfgang"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17552","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=17552"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17552\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53871,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17552\/revisions\/53871"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=17552"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=17552"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=17552"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}