{"id":1757,"date":"2006-09-19T12:25:09","date_gmt":"2006-09-19T10:25:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1757"},"modified":"2019-03-02T13:25:30","modified_gmt":"2019-03-02T12:25:30","slug":"apokalyptische-schreiberlinge-heizen-die-globalisierungshysterie-an","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1757","title":{"rendered":"Apokalyptische Schreiberlinge heizen die Globalisierungshysterie an"},"content":{"rendered":"<p>\tSchirrmacher von der FAZ sieht einen &bdquo;Methusalem-Komplott&ldquo; auf uns zukommen, Steingart vom SPIEGEL nun gar noch einen &bdquo;Weltkrieg um Wohlstand&ldquo;. Katastrophismus und das Sch&uuml;ren von &Auml;ngsten werden zu Mitteln der politischen Demagogie gegen Sozialstaat und f&uuml;r radikale Reformen &ndash; auf einem &bdquo;Weltarbeitsmarkt&ldquo; rei&szlig;e es die L&ouml;hne mit Wucht auf asiatisches Niveau: Weltweit gleicher Lohn f&uuml;r gleiche Arbeit.<br>\nWir werden uns auf den NachDenkSeiten mit dem &bdquo;Geisterguru&ldquo; Steingart noch ausf&uuml;hrlicher besch&auml;ftigen, hier zun&auml;chst einmal ein Hinweis auf Thomas Frickes &bdquo;Globalisierung f&uuml;r Fortgeschrittene&ldquo; in der <a href=\"http:\/\/www.ftd.de\/meinung\/leitartikel\/113336.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.ftd.de\/meinung\/leitartikel\/113336.html\">FTD<\/a> und ein Beitrag von Heiner Flassbeck, der aufzeigt, warum die Angstmache vor der &bdquo;Chinesischen Gefahr&ldquo; politisch dumm, wirtschaftlich falsch und einfach heuchlerisch ist.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Die chinesische Gefahr<\/strong><\/p><p>von Heiner Flassbeck<\/p><p>WuM, Oktober 2006<\/p><p>W&auml;hrend ich diese Zeilen schreibe, sitze ich im 19. Stock eines Hotelkomplexes in Shanghai und blicke auf den gro&szlig;en Huang-Pu Fluss vor dem Hotel, auf dem unaufh&ouml;rlich eine unglaubliche Menge an Lastk&auml;hnen flussabw&auml;rts und aufw&auml;rts G&uuml;ter transportieren. Shanghai ist heute, wahrscheinlich mehr als irgendeine andere Stadt der Welt, global boomtown, eine Stadt, in der nichts unm&ouml;glich erscheint und in der in wenigen Jahren, wiederum mehr als anderswo in China, die neue globalisierte Wirtschaft das Leben der meisten Menschen dramatisch verwandelt hat.<\/p><p>Gestern, bei einem Abendessen, hat der B&uuml;rgermeister von Shanghai stolz berichtet, dass man wei&szlig;, dass in der Stadt 13 Millionen Menschen regelm&auml;&szlig;ig leben und sch&auml;tzungsweise 18 Millionen sich tagt&auml;glich aufhalten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Dennoch gibt es kein gravierendes Wohnungsproblem, au&szlig;er dem, dass in einigen, besonders hervorgehobenen Lagen am Fluss die Bodenpreise ins schier unermessliche steigen. Die Arbeitslosigkeit liegt bei deutlich unter f&uuml;nf Prozent. Das Realeinkommen der Arbeitnehmer hat sich im Durchschnitt in den vergangenen 10 Jahren weit mehr als verdoppelt.<\/p><p>Das ist eine unglaubliche Erfolgsgeschichte. Kein Zweifel, man muss vern&uuml;nftigerweise einrechnen, dass es immer noch viele Menschen gibt, die nicht wirklich am Erfolg beteiligt sind und dass es einige gibt, die sich in einem Ma&szlig;e gesundgesto&szlig;en haben, dass man kaum rechtfertigen kann und das eben nur in solchen Phasen &uuml;bersch&auml;umenden Wachstums m&ouml;glich ist. Richtig ist auch, dass vieles von dem, was der Mensch gewonnen hat, der Natur abgerungen wurde und diese in einem erb&auml;rmlichen Zustand zur&uuml;ckgelassen hat. Selbst aus dem 19. Stock kann man gut erkennen, wie schmutzig der gro&szlig;e Fluss ist und die Tatsache, dass empfohlen wird, auf den Verzehr von Flussfischen zu verzichten, spricht B&auml;nde.<\/p><p>Dennoch bleibt die wirtschaftliche Entwicklung Chinas eine Erfolgsgeschichte, f&uuml;r die man ohne weiteres den in Deutschland so beliebten Begriff des Wunders verwenden kann. Waren nicht auch in Deutschland nach zwanzig Jahren Wirtschaftswunder die Fl&uuml;sse verdreckt und der Himmel &uuml;ber der Ruhr schwarz? Waren nicht auch in Deutschland die Neureichen wie Pilze aus dem Boden geschossen und war das viel beschworene Wunder nicht doch an vielen vorbeigegangen? Mittlerweile beginnt man in China, und das gilt in der Tat auch f&uuml;r viele, die politische Verantwortung tragen, zu verstehen, dass ohne Umweltschutz und ohne bessere soziale Absicherung der &Auml;rmsten das Wachstum schnell an nat&uuml;rliche und politische Grenzen sto&szlig;en kann. Gerade weil das Land so viele Menschen ern&auml;hren und versorgen muss, wird es fr&uuml;her als andere gezwungen sein, sein explosives Wachstum nach vielen Seiten abzusichern.<\/p><p>Gerade weil das so ist, ist die in den westlichen L&auml;ndern weit verbreitete Angst vor der chinesischen Herausforderung vollkommen deplaziert. Insbesondere in Deutschland aber gibt es &uuml;berhaupt keinen Grund, sich von d&uuml;mmlichen Gr&ouml;&szlig;envergleichen ins Bockshorn jagen zu lassen. So ist die von vielen &ndash; einer abstrusen Theorie anh&auml;ngenden &ndash; &Ouml;konomen beschworene Gefahr, dass hunderte von Millionen chinesische Arbeitskr&auml;fte auf den &bdquo;globalen Arbeitsmarkt&ldquo; dr&auml;ngen und dort die L&ouml;hne dr&uuml;cken, ein reines Hirngespinst. Die chinesischen Arbeiter sind alle hier in Shanghai und anderswo, auf den Baustellen und in den Fabriken, in den L&auml;den und Werkst&auml;tten und kaum einer von ihnen treibt sich auf dem fiktiven globalen Arbeitsmarkt herum, weil er nur hier Arbeit und Brot findet und eine sehr konkrete Aussicht auf eine bessere Zukunft.<\/p><p>Weil China so dramatisch schnell w&auml;chst und damit neue und immer mehr Arbeitspl&auml;tze schafft, passiert genau das Gegenteil dessen, was die doomsday Propheten vorhersagen: Die chinesischen Arbeitskr&auml;fte treffen nicht auf eine stagnierende Arbeitsnachfrage, was die L&ouml;hne dr&uuml;cken w&uuml;rde, sondern die industrielle Aktivierung immer neuer Millionen von fr&uuml;her meist in der Landwirtschaft besch&auml;ftigten Menschen ist Folge des wirtschaftlichen Booms im eigenen Land. Dieser Boom bringt zugleich eine &auml;u&szlig;erst kr&auml;ftige Steigerung der Entlohnung von chinesischer Arbeit mit sich und keineswegs einen Druck auf die L&ouml;hne.<\/p><p>Mit ziemlicher Sicherheit kann man sogar sagen, dass China mit seiner schnell wachsenden Wirtschaft inzwischen weit mehr Deutschen einen Arbeitsplatz verschafft oder sichert als die stagnierende deutsche Wirtschaft chinesischen Arbeitskr&auml;ften. Es ist sicher kein Zufall, dass man in Shanghai an jeder dritten Ecke einen original bayrischen Biergarten entdeckt, der bayrisches Bier und Schweinshaxen mit Kraut anbietet. Und es ist auch kein Zufall, wenn meine chinesische Mitarbeiterin mich darauf hinweist, dass von den gerade im Radio geh&ouml;rten Werbespots drei Viertel deutsche Produkte angepriesen haben. In der Tat ist kaum eine andere Volkswirtschaft der Welt in &auml;hnlich intensiver Weise am Aufbau in China beteiligt wie die deutsche.<\/p><p>Auch dar&uuml;ber, dass China einen gro&szlig;en &Uuml;berschuss der Exporte &uuml;ber die Importe aufweist, mag man in Amerika, wo es genau umgekehrt ist, klagen. Deutschland, das nach China und Japan mit nur geringem Abstand f&uuml;r den drittgr&ouml;&szlig;ten &Uuml;berschuss in der Welt verantwortlich ist, sollte sich mit Kritik an China weise zur&uuml;ckhalten. Stellt man zudem in Rechnung, dass nach neuesten Zahlen die &bdquo;chinesischen&ldquo; Exporte zu mehr als 70 % von den Tochtergesellschaften ausl&auml;ndischer Firmen kommen, w&auml;re es sicherlich eine interessante Frage, zu untersuchen, welchen Anteil deutsche Firmen neben ihrem eigenen Export&uuml;berschuss auch noch am chinesischen &Uuml;berschuss haben.<\/p><p>Solange jedenfalls nicht genauso viele chinesische Firmen in Deutschland t&auml;tig sind, wie deutsche in China, ist die verbreitete Angstmache vor China politisch dumm, wirtschaftlich falsch und &ndash; vor dem Hintergrund der viel beschworenen Entwicklungspartnerschaft zwischen den reichen und den &auml;rmeren Nationen &ndash; einfach heuchlerisch. \t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p> Schirrmacher von der FAZ sieht einen &bdquo;Methusalem-Komplott&ldquo; auf uns zukommen, Steingart vom SPIEGEL nun gar noch einen &bdquo;Weltkrieg um Wohlstand&ldquo;. 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