{"id":1759,"date":"2006-09-19T13:07:08","date_gmt":"2006-09-19T11:07:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1759"},"modified":"2016-01-25T20:58:06","modified_gmt":"2016-01-25T19:58:06","slug":"die-uberschusse-der-bundesagentur-fur-arbeit-das-prinzip-fordern-und-fordern-wird-ausgehebelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1759","title":{"rendered":"Die \u00dcbersch\u00fcsse der Bundesagentur f\u00fcr Arbeit \u2013 Das Prinzip \u201eF\u00f6rdern und Fordern\u201c wird ausgehebelt"},"content":{"rendered":"<p>Die Aktive Arbeitsmarktpolitik ist der einzige Bereich, in dem die BA seit Jahren &Uuml;bersch&uuml;sse &bdquo;erwirtschaftet&ldquo;. Die BA konzentriert sich bewusst auf Ma&szlig;nahmen kurzer Dauer und auf die Vermittlung der marktnahen Arbeitslosen. Bei den &bdquo;Betreuungskunden&ldquo; wird das Grundprinzip des Sozialgesetzbuches III und der Hartz-Reform, das F&ouml;rdern und Fordern, ausgehebelt; sie werden mit dem Makel langzeitarbeitslos an die Arbeitsgemeinschaften weitergereicht, wo die Vermittlungschancen ohnehin schlechter sind &ndash; und die BA (nicht die Arbeitsagenturen) k&uuml;ndet von &Uuml;bersch&uuml;ssen und Erfolgen.<br>\nDas ergibt eine Analyse eines unserer Leser, der ein ausgewiesener Arbeitsmarktexperte ist.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Die &Uuml;bersch&uuml;sse der Bundesagentur f&uuml;r Arbeit &ndash; ein gezieltes Missverst&auml;ndnis<\/strong><\/p><p>In der Arbeitsmarktpolitik beherrschen derzeit die &Uuml;bersch&uuml;sse der Bundesagentur f&uuml;r Arbeit (BA) die &ouml;ffentliche Diskussion. Urspr&uuml;nglich war f&uuml;r dieses Jahr mit einem positiven Saldo von 1,8 Mrd. &euro; gerechnet worden. Im 1. Halbjahr waren es schon 3,6 Mrd. &euro;. Jetzt k&uuml;ndigt die BA f&uuml;r das Gesamtjahr 8,8 bis 9,6 Mrd. &euro; an.<\/p><p>Nach Auffassung des Vorstandes der BA machen das vor allem &acute;die Steuerung der Ausgaben nach Wirkung und Wirtschaftlichkeit sowie ein sp&uuml;rbarer R&uuml;ckgang der Zahl der Arbeitslosenmeldungen&acute;m&ouml;glich. Die BA erbringe damit den Nachweis, &acute;dass ein Tr&auml;ger einer Sozialversicherung wirtschaftlich und erfolgreich arbeiten kann&acute; (Finanzbericht f&uuml;r das 2. Quartal 2006, Pressemitteilung vom 24. 08. 06),<\/p><p>Tats&auml;chlich haben die Hartz-Reformen der BA und den Arbeitsagenturen bessere Organisations- und Entscheidungsstrukturen verschafft, mit denen sich die Chancen einer Konjunkturbelebung wirksamer nutzen lassen. Dennoch &uuml;berzeichnen die &Uuml;bersch&uuml;sse der BA die positiven Effekte des besseren Konjunkturverlaufs und die Erfolge der Arbeitsmarktpolitik erheblich.<\/p><ol>\n<li>Das reale Wirtschaftswachstum von rd. 2% in diesem Jahr reicht f&uuml;r eine grundlegende Entlastung des Arbeitsmarktes nicht aus. Zudem wird im Kommenden Jahr nur noch mit einer Rate von rd. 1% gerechnet. Bisher haben arbeitsmarktpolitische Ma&szlig;nahmen wie gemeinn&uuml;tzige Arbeitsgelegenheiten f&uuml;r Arbeitslosengeld II&ndash;Bezieher zu einem wesentlichen Teil den R&uuml;ckgang der Arbeitslosenzahlen bewirkt (HWWI). Der Konjunkturverlauf gibt keinen Anlass, die Beitr&auml;ge zur Arbeitslosenversicherung zus&auml;tzlich zu senken, zumal die BA von den bereits beschlossenen Senkungen etwa die H&auml;lfte &ndash; das sind 7 bis 8 Mrd. &euro; &ndash; erwirtschaften muss.<\/li>\n<li> In der Diskussion &uuml;ber die Beitragsh&ouml;he ist ferner zu beachten, dass der BA in diesem Jahr einmalige Sondereinnahmen von &uuml;ber 3 Mrd. &euro; zuflie&szlig;en, weil die Unternehmen die Versicherungsbeitr&auml;ge fr&uuml;her als bisher und daher in diesem Jahr f&uuml;r 13 statt f&uuml;r 12 Monate &uuml;berweisen m&uuml;ssen. Dieser Effekt wurde bei der Aufstellung des Haushalts untersch&auml;tzt.<br>\n      Zudem sind die Bruttol&ouml;hne und somit die Pro-Kopf-Beitr&auml;ge etwas st&auml;rker als erwartet gestiegen und haben ebenfalls zum &Uuml;berschuss auf der Einnahmenseite beigetragen. Auch das hat wenig mit der Konjunktur oder der Effizienz der BA zu tun.<\/li>\n<li>Der gr&ouml;&szlig;te Teil des &Uuml;berschusses entsteht auf der Ausgabenseite der BA. Die Ist-Ausgaben werden voraussichtlich um 4,5 bis &uuml;ber 5 Mrd. &euro; hinter den Planwerten zur&uuml;ckbleiben. Insbesondere bei den Minderausgaben im Bereich des Arbeitslosengeldes und der Aussteuerungszahlungen wirkt nach Auffassung des Vorstandes &acute;zus&auml;tzlich zur Konjunktur die Steuerung der BA&acute;, die darauf ausgerichtet sei, Langzeitarbeitslosigkeit zu vermeiden (Pressemitteilung vom 24. 08. 06).\n<p>      Hier fehlen Informationen dar&uuml;ber, inwieweit die Minderausgaben beim Aussteuerungsbetrag dadurch zustande kommen, dass von den Arbeitslosen, deren Anspruch auf Arbeitslosengeld I ausl&auml;uft, eine gr&ouml;&szlig;ere als die erwartete Zahl kein Arbeitslosengeld II erh&auml;lt, weil die Bed&uuml;rftigkeit fehlt. In diesen F&auml;llen muss die BA keinen Aussteuerungsbetrag zahlen. Beim Arbeitslosengeld sagt die BA nicht, wie gro&szlig; der Teil der Minderausgaben ist, der auf die versch&auml;rften Zumutbarkeits- und Sanktionsregeln zur&uuml;ckgeht.<\/p><\/li>\n<\/ol><p>Gleichwohl trifft es zu, dass die BA bei den Ausgaben gr&ouml;&szlig;ere Steuerungsm&ouml;glichkeiten hat und diesen Spielraum konsequent aussch&ouml;pft. Mit welcher Zielrichtung und auf welche Weise das geschieht, wird erst deutlich, wenn der dritte gro&szlig;e Ausgabenblock, die Ermessensmittel f&uuml;r die Aktive Arbeitsmarktpolitik, ins Blickfeld ger&uuml;ckt wird (was die BA m&ouml;glichst unterl&auml;sst).<\/p><p>Das Sozialgesetzbuch III beschreibt die aktive Arbeitsmarktpolitik als gezielte, ma&szlig;geschneiderte Hilfen f&uuml;r Arbeitslose, um ihnen die Integration in den ersten Arbeitsmarkt zu erleichtern. Daf&uuml;r steht der BA ein reichhaltiges Instrumentarium zur Verf&uuml;gung, das von der beruflichen Qualifizierung &uuml;ber Einkommenszusch&uuml;sse bis zur F&ouml;rderung benachteiligter Auszubildender Geht. Einen besonderen Stellenwert hat die Weiterbildung.<\/p><p>Die (Ermessens-) Mittel f&uuml;r die aktive Arbeitsmarktspolitik sind in den letzten Jahren drastisch gek&uuml;rzt worden. Die BA hat das nicht nur hingenommen, sondern dar&uuml;ber hinaus seit 2002 von den immer knapper werdenden Mitteln durchschnittlich mehr als 1 Mrd. &euro; pro Jahr nicht ausgegeben. Die Aktive Arbeitsmarktpolitik ist der einzige Bereich, in dem die BA seit Jahren &Uuml;bersch&uuml;sse &acute;erwirtschaftet&acute;. Die Begr&uuml;ndung des Vorstandes war und ist, man k&ouml;nne nicht die gesamten Haushaltsmittel wirklich wirksam einsetzen.<\/p><p>Das sagt der Vorstand trotz Massenarbeitslosigkeit und mit dem Wissen, dass<\/p><ul>\n<li>der gr&ouml;&szlig;ere Teil der Arbeitslosen nicht oder unzureichend ausgebildet ist; das beklagt der Bundeswirtschaftsminister &ouml;ffentlich,<\/li>\n<li>die Zahl der Arbeitspl&auml;tze f&uuml;r Geringqualifizierte Jahr f&uuml;r Jahr zur&uuml;ckgeht,<\/li>\n<li>die deutsche Wirtschaft schon jetzt, zu Beginn des Konjunkturaufschwungs, &uuml;ber den Mangel an qualifizierten Arbeitskr&auml;ften klagt und darin eine Konjunkturbremse sieht (so der Bundesverband der mittelst&auml;ndischen Wirtschaft); das war bei jedem Konjunkturaufschwung so und also vorhersehbar,<\/li>\n<li>europ&auml;ische L&auml;nder, in denen die Lage am Arbeitsmarkt besser ist als in der Bundesrepublik, intensiv aktive Arbeitsmarktpolitik betreiben und dabei vor allem die Weiterbildung unterst&uuml;tzen.<\/li>\n<\/ul><p>Von der BA wird nicht erwartet, dass sie in die Verhaltensweisen der 80er und 90er Jahre zur&uuml;ckf&auml;llt, wo die Erfolgskontrolle bei Ma&szlig;nahmen der Aktiven Arbeitsmarktpolitik unterentwickelt war. Jetzt bewegt sich die BA im anderen Extrem.<\/p><p>Wohin die BA steuert, l&auml;sst sich mit zwei Zahlen verdeutlichen: Sie hat im 1. Halbjahr 2006 schon &uuml;ber 30% der Mittel f&uuml;r Ermessensleistungen &acute;eingespart&acute;. Gleichzeitig haben nach einer internen Erhebung der BA 70% der Bedarfskunden &ndash; das sind die Arbeitslosen, die nach Einsch&auml;tzung der Arbeitsagenturen Hilfen brauchen &ndash; 6 Monate nach Beginn der Arbeitslosigkeit noch keine Unterst&uuml;tzung erhalten. Auch der BA ist bekannt, dass Hilfen dann am wirksamsten sind, wenn sie sofort geleistet werden, dass 6 Monate im Abseits f&uuml;r die vernachl&auml;ssigten Bedarfskunden verheerende Folgen haben. Hinzu kommt, dass dieser vernachl&auml;ssigte Personenkreis schnell den Zeitpunkt erreicht, ab dem sich aus der Sicht der BA Hilfen nicht mehr rechnen, weil nach 12 Monaten der &Uuml;bergang in das Arbeitslosengeld II ansteht und die Aussteuerungszahlungen dann ohnehin f&auml;llig werden.<\/p><p>Das hei&szlig;t, die BA konzentriert sich bewusst auf Ma&szlig;nahmen kurzer Dauer und die Vermittlung der marktnahen Arbeitslosen. Bei den Betreuungskunden wird das Grundprinzip des Sozialgesetzbuches III und der Hartz-Reform, das F&ouml;rdern und Fordern, ausgehebelt; sie werden mit dem Makel langzeitarbeitslos an die Arbeitsgemeinschaften weitergereicht, wo die Vermittlungschancen ohnehin schlechter sind &ndash; und die BA (nicht die Arbeitsagenturen) k&uuml;ndet von &Uuml;bersch&uuml;ssen und Erfolgen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Aktive Arbeitsmarktpolitik ist der einzige Bereich, in dem die BA seit Jahren &Uuml;bersch&uuml;sse &bdquo;erwirtschaftet&ldquo;. Die BA konzentriert sich bewusst auf Ma&szlig;nahmen kurzer Dauer und auf die Vermittlung der marktnahen Arbeitslosen. Bei den &bdquo;Betreuungskunden&ldquo; wird das Grundprinzip des Sozialgesetzbuches III und der Hartz-Reform, das F&ouml;rdern und Fordern, ausgehebelt; sie werden mit dem Makel langzeitarbeitslos an<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1759\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[142,140],"tags":[],"class_list":["post-1759","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bundesagentur-fuer-arbeit","category-hartz-gesetze-buergergeld-grundsicherung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1759","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1759"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1759\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30572,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1759\/revisions\/30572"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1759"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1759"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1759"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}