{"id":176,"date":"2005-03-30T16:43:46","date_gmt":"2005-03-30T15:43:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=176"},"modified":"2016-03-15T18:13:43","modified_gmt":"2016-03-15T17:13:43","slug":"eine-unabhangige-oder-eine-demokratisch-legitimierte-zentralbank-mit-demokratischem-auftrag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=176","title":{"rendered":"Eine unabh\u00e4ngige oder eine demokratisch legitimierte Zentralbank mit demokratischem Auftrag?"},"content":{"rendered":"<p>Joseph E. Stiglitz, zusammenfassender Bericht eines am 27.2.2004 in Le Monde erschienen Artikels<br>\n<!--more--><br>\nJede &ouml;konomische Analyse w&auml;gt zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Interessen ab und kommt bei Politikempfehlungen zu einem ausgewogenen Ergebnis, einer Art Kompromiss. Bei der Vorstellung empfohlener Ma&szlig;nahmenkataloge wird dann auch genau von den beauftragten &Ouml;konomen erl&auml;utert, welche Wirkungen, Vor- und Nachteile sie f&uuml;r die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen haben oder mit welchen Risiken bei der Umsetzung der Politikempfehlung zu rechnen ist.<\/p><p>Vorsicht ist auf jeden Fall geboten, wenn Politiker Technokraten ohne ausreichende Kontrolle Beschl&uuml;sse in konkrete Politik umsetzen lassen, weil die Gefahr besteht, dass Technokraten bestimmte Interessen so sehr beg&uuml;nstigen, dass am Ende der Kompromisscharakter einer Politikempfehlung nicht mehr erkennbar ist.<\/p><p>Angeblich neutrale Technokraten und handfeste Interessen, die sie bedienen &ndash; solche Gefahren lauern oft bei den &bdquo;unabh&auml;ngigen&ldquo; europ&auml;ischen Zentralbanken. In einem demokratisch verfassten Staatswesen m&uuml;sste eine unabh&auml;ngige Zentralbank als neutrale staatliche Institution ausgewogen die Interessen unterschiedlicher Gruppen der Bev&ouml;lkerung in ihr Kalk&uuml;l einbeziehen, bevor sie Entscheidungen trifft, die sehr wohl einseitig bestimmte Interessengruppen beg&uuml;nstigen und andere krass benachteiligen k&ouml;nnen. Die meisten europ&auml;ischen Zentralbanken interpretieren ihre Unabh&auml;ngigkeit von politischer Exekutive und Legislative so, das Mandat zu haben, nach Gutd&uuml;nken &bdquo;sachgem&auml;&szlig;&ldquo; entscheiden zu k&ouml;nnen, ohne Rechenschaft ablegen zu m&uuml;ssen, wem diese Entscheidungen absehbar Vorteile und wem sie Nachteile bringen k&ouml;nnen. Gleichzeitig schlie&szlig;en diese angeblich neutralen Technokraten &ndash; ideologisch ein&auml;ugig &ndash; m&ouml;gliche, alternative Wirtschaftspolitik-Ans&auml;tze von vorneherein aus.<\/p><p>Einige Beispiele der europ&auml;ischen Realit&auml;t zur Verdeutlichung:<br>\nDurch den EU-Vertrag (bzw. den Druck bestimmter Regierungen bei der Euro-Einf&uuml;hrung) hat die europ&auml;ische Zentralbank praktisch die alleinige Aufgabe, den Wert des Euro stabil zu halten und die Inflation zu bek&auml;mpfen. Eine wirklich seltsame Aufgabe f&uuml;r die Zentralbank eines Kontinents von h&ouml;chst entwickelten Industriel&auml;ndern &ndash; denn der Kampf gegen die Inflation kann wirtschaftspolitisch kein Ziel an sich sein, sondern nur ein Mittel auf dem Weg zu a) mehr oder weniger stabilem Wirtschaftswachstum und b) zu einer mehr oder weniger gerechten Verteilung des Sozialprodukts. Aber eine bestimmte Inflationsrate kann kein Handlungsziel einer Zentralbank eines ganzen Kontinents sein!<\/p><p>Die US-Zentralbank hat vor dem Einsatz ihres geldpolitischen Instrumentariums zwar auch die Aufgabe, die Entwicklung des amerikanischen Preisniveaus zu beobachten, aber sie ist genauso f&uuml;r Besch&auml;ftigung\/ Arbeitslosigkeit und Wirtschaftswachstum in den USA zust&auml;ndig. Immer ist dieses Dreieck zusammen im Fokus jeder Zentralbankpolitik!<\/p><p>In der Zeit meiner Beratert&auml;tigkeit f&uuml;r Bill Clinton schlug ein Senator aus Florida eines Tages vor, die Charta der amerikanischen Zentralbank der der europ&auml;ischen anzugleichen und die Inflationsbek&auml;mpfung zur einzigen Aufgabe zu machen. Ich schlug dem amerikanischen Pr&auml;sidenten am n&auml;chsten Tag vor, daraus eine landesweite politische Kampagne zu machen und Umfragen in Auftrag zu geben, ob den Leuten die Bek&auml;mpfung der Arbeitslosigkeit nicht mehr so wichtig sei. Als sich Clinton in diesem Sinne &ouml;ffentlich an das amerikanische Volk wandte, lie&szlig; der Senator umgehend verlauten, sein Vorschlag sei nur ein Scherz gewesen&hellip; Die Debatte war damit zu Ende, keine politische Kraft in den USA h&auml;tte ernsthaft das Dreieck der amerikanischen Wirtschaftspolitik in Frage stellen k&ouml;nnen. Die Debatte war aber auch beendet, weil eine solche Sicht der Zentralbank dem Demokratieverst&auml;ndnis der Amerikaner zutiefst widersprochen h&auml;tte!<\/p><p>Doch was haben die Aufgaben einer Zentralbank mit Demokratie zu tun?<\/p><p>Auch bei v&ouml;lliger Unabh&auml;ngigkeit und Neutralit&auml;t einer wichtigen staatlichen Institution muss es in einem repr&auml;sentativ-demokratischen Staatswesen selbstverst&auml;ndlich sein, dass verschiedene Gruppen der Bev&ouml;lkerung mit unterschiedlichen Interessen dort wenigstens einigerma&szlig;en ausgewogen vertreten sind und ihre Stimme erheben k&ouml;nnen. Wenn etwa eine Entscheidung &uuml;ber den Diskontsatz gef&auml;llt wird, hat diese Entscheidung nat&uuml;rlich nicht nur Auswirkungen auf die Preisentwicklung im Land, sondern auch auf Besch&auml;ftigung, Arbeitslosigkeit und Wachstum. Und die konkret von Arbeitslosigkeit bedrohten Arbeitnehmer machen sich bei Diskonterh&ouml;hungen Sorgen um ihren Arbeitsplatz und ihre Familien.<\/p><p>Die meisten berufsm&auml;&szlig;igen Banker, die in Zentralbanken angestellt sind, sind oft Leute, die von den Finanzm&auml;rkten kommen, im allgemeinen sichere Arbeitspl&auml;tze haben und kaum je im Leben Arbeitslosigkeit zu f&uuml;rchten haben. Ich konnte diese Finanzexperten beobachten, als ich an Sitzungen unseres FED-Zentralbankrates teilnahm. Sie sprechen, gem&auml;&szlig; ihrem Metier, &uuml;ber Finanzgesch&auml;fte und dass man die Inflation bek&auml;mpfen muss, um die oder jene kurz- und langfristige Entwicklung zu bekommen, die sie prognostizieren. Arbeitslosigkeit, die Probleme Arbeitsloser und ihrer Kinder, das interessiert diese Leute nicht. Deshalb k&ouml;nnen dem Gemeinwohl verpflichtete Politiker solchen Technokraten weder bei wichtigen Entscheidungen noch bei deren Umsetzung allein das Feld &uuml;berlassen. <\/p><p>In Schweden stellen die Arbeitnehmer einen Teil des Zentralbankrats der dortigen Reichsbank. Sie haben explizit die Aufgabe, ihre Stimme f&uuml;r die Schaffung und den Erhalt von Arbeitspl&auml;tzen zu erheben, wenn Entscheidungskompromisse anstehen. Mit der Aufnahme der Arbeitnehmer als gesonderte Bank wird anerkannt, dass die Profi-Berufsbanker eine Vorliebe f&uuml;r das Finanzgeschehen haben und zu keinen gesellschaftlich ausgewogenen Beschl&uuml;ssen kommen wollen. Zudem sitzen im schwedischen Zentralbankrat neben der Arbeitnehmergruppe nur &bdquo;neutrale&ldquo; Fachleute aus der Wissenschaft. Interessenvertreter der Finanzm&auml;rkte sind in Schweden ausdr&uuml;cklich vom Zentralbankrat ausgeschlossen. Die wirkliche Unabh&auml;ngigkeit und politische Neutralit&auml;t einer Zentralbank sollte, orientiert am schwedischen Modell, durch eine, die diversen Bev&ouml;lkerungsgruppen repr&auml;sentierende Zusammensetzung garantiert werden. <\/p><p>Die FED der USA ist unabh&auml;ngig wie die europ&auml;ische Zentralbank und viele nationale europ&auml;ische Zentralbanken, aber die Notenbank als Institution wird bei uns in den USA demokratischer gesehen. Vertreter der US-Notenbank m&uuml;ssen zweimal im Jahr dem amerikanischen Kongress Rechenschaft &uuml;ber ihre Arbeit ablegen nach dem Motto: der demokratisch gew&auml;hlte und legitimierte Kongress hat uns als staatliche Institution der Wirtschaftspolitik geschaffen und uns unsere Charta gegeben, also kann er sowohl uns als Staatsorgan als auch unsere Charta wieder abschaffen!<\/p><p>Von diesem Ansatz her ist die amerikanische US-Notenbank politisch wesentlich sensibler als die europ&auml;ischen Zentralbanken. Wenn sie wachsende Arbeitslosigkeit nicht zur Kenntnis nehmen w&uuml;rde, m&uuml;sste die amerikanischen Zentralbank wirklich damit rechnen, dass der amerikanische Kongress ihre Charta &auml;ndert. Obwohl unabh&auml;ngig, muss die US-amerikanische Notenbank politischer agieren als die Zentralbanken Europas.<\/p><p>Noch ein Wort zu den Bankern der Zentralbanken: ihre Berufung ist in vielen europ&auml;ischen Staaten &ndash; auch bei der europ&auml;ischen Zentralbank &ndash; oft eher eine Frage der politischen Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse als der Qualifikation. Oft sitzen in den Zentralbanken eben nicht Leute, die sich auf dem Gebiet der Makro&ouml;konomik besonders profiliert haben. Die Ergebnisse der Entscheidungen europ&auml;ischer Zentralbanken sprechen f&uuml;r sich&hellip; <\/p><p>Zwar haben die meisten europ&auml;ischen Zentralbanken bei der Gew&auml;hrleistung der Preisniveau-Stabilit&auml;t Erfolge vorzuweisen. Aber wie steht es in ihren Volkswirtschaften beim Wirtschaftswachstum? Haben die Zentralbanken dazu beigetragen, dass L&ouml;hne und Geh&auml;lter entsprechend dem Wirtschaftswachstum gestiegen sind? Haben Sie durch ihre Ma&szlig;nahmen zur erfolgreichen Bek&auml;mpfung der Arbeitslosigkeit und zur Schaffung von Arbeitspl&auml;tzen beitragen k&ouml;nnen? Daran ist nicht nur die US-amerikanische Notenbank, daran sind auch die europ&auml;ischen Zentralbanken zu messen!\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Joseph E. 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