{"id":17602,"date":"2013-06-14T11:10:07","date_gmt":"2013-06-14T09:10:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17602"},"modified":"2019-07-05T11:00:12","modified_gmt":"2019-07-05T09:00:12","slug":"griechenland-exekutiert-den-staatlichen-rundfunk-teil1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17602","title":{"rendered":"Griechenland exekutiert den staatlichen Rundfunk &#8211; Teil 1"},"content":{"rendered":"<p>Mit der Aufl&ouml;sung der staatlichen Rundfunk- und Fernsehsehanstalt Griechenlands (ERT oder Elleniki Radiofonia kai Tileorasi) hat Regierungschef Antonis Samaras nicht nur eine Solidarit&auml;tswelle f&uuml;r die ERT-Belegschaft ausgel&ouml;st, sondern auch eine Regierungskrise, die am Ende sogar zu vorzeitigen Neuwahlen f&uuml;hren k&ouml;nnte. Wobei in den griechischen Medien bereits dar&uuml;ber spekuliert wird, ob nicht genau dies der eigentliche Sinn der aberwitzig erscheinenden Konfrontations-Strategie von Samaras ist. Ob die Existenz der seit Sommer 2012 bestehenden Koalitionsregierung auf dem Spiel steht, wird sich n&auml;chsten Montag zeigen, wenn Ministerpr&auml;sident Samaras sich mit den Vorsitzenden seinen kleineren Koalitionspartner, dem Pasok-Chef Evangelos Venizelos und dem Dimar-Chef Fotis Kouvelis zu einer Krisensitzung treffen. Von <strong>Niels Kadritzke<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nGest&uuml;tzt auf eine Art Notverordnung hatte Samaras am Dienstag verf&uuml;gt, die ERT quasi &uuml;ber Nacht zu liquidieren. Damit wurden insgesamt f&uuml;nf TV-Sender und zehn Rundfunksender abgeschaltet, 19  regionale Studios aufgel&ouml;st und eines der wenigen Sinfonieorchester des Landes mit einem Federstrich abgeschafft. In einer Nacht-und Nebel-Aktion, die viele Griechen an die Zeit der Milit&auml;rjunta (1967-1974) erinnert. Der Federstrich wurde durch eine provisorische Rechtsverordnung vollzogen, die nur G&uuml;ltigkeit beh&auml;lt, wenn sie innerhalb von 40 Tagen vom Parlament abgesegnet und danach innerhalb maximal drei Monaten in Gesetzesform gegossen wird. <\/p><p>Das Verfahren st&uuml;tzt sich auf Artikel 44, Absatz 1 der griechischen Verfassung, wo es allerdings hei&szlig;t, dass eine solche Notverordnung nur &bdquo;unter au&szlig;ergew&ouml;hnlichen Umst&auml;nden einer dringlichen und unvorhersehbaren Notwendigkeit&ldquo; erlassen werden kann. Der Staatspr&auml;sident, der den Rechtsakt vollziehen muss, hat laut Verfassung kein materielles Pr&uuml;fungsrecht, ob die in Art. 44, 1 genannte Voraussetzung vorliegt. Die Regierung hat ihrerseits nicht dargelegt, was die &bdquo;dringliche und unvorhersehbare Notwendigkeit&ldquo; ausmachen soll.  <\/p><p>Ausgeheckt wurde die Notverordnung vom engsten Beraterkreis des Ministerpr&auml;sidenten Samaras. Diese wurde also nicht einmal vom Kabinett beschlossen, sondern nur von den Repr&auml;sentanten der Nea Dimokratia (plus Finanzminister Stournaras), weil die Minister der beiden kleineren Koalitionsparteien Pasok und Dimar nicht zugestimmt h&auml;tten. Bemerkenswert ist dabei die f&uuml;r Athener Verh&auml;ltnisse ungew&ouml;hnlich erfolgreiche Geheimhaltung des Beschlusses, der bereits am Samstag getroffen wurde und bis zu seiner Verk&uuml;ndung am Dienstag um 18 Uhr durch Regierungssprecher Kedikoglou nicht an die Presse durchgedrungen ist. Im Gegenteil: Am Dienstag berichteten griechische Zeitungen zwar von Ger&uuml;chten um die Liquidierung eines der drei TV-Sender, aber die Regierung lie&szlig; dazu verlauten, dass keine Beschl&uuml;sse vor der n&auml;chsten Zusammenkunft der drei Koalitionspartner zu erwarten seien (Ta Nea vom 11. Juni). Schon deshalb stellt sich die Frage, wie die Regierung die &bdquo;dringliche Notwendigkeit&ldquo; begr&uuml;nden will.<\/p><p>Unabh&auml;ngig von der rechtlichen Beurteilung des Verfahrens, ist der Beschluss der Regierung ein Schlag gegen den nicht-privaten Mediensektor, wie er in der Geschichte nicht-diktatorischer Staaten bislang einmalig ist. Wie gravierend dieser Eingriff zu bewerten ist, zeigt die Reaktion von Organisationen wie der Europ&auml;ischen Rundfunkunion EBU (<a href=\"http:\/\/www3.ebu.ch\/cms\/en\/sites\/ebu\/contents\/news\/2013\/06\/ebu-president-brands-ert-closure.html\">link zur Erkl&auml;rung<\/a>) der International Press Association (IPA) in Br&uuml;ssel, sowie der NGO Reporter ohne Grenzen, deren Generalsekret&auml;r nach Athen geflogen ist, um vor Ort gegen die Gef&auml;hrdung von &bdquo;Freiheit und Pluralismus der Medien&ldquo; zu protestieren (<a href=\"http:\/\/en.rsf.org\/greece-rwb-secretary-general-flies-to-12-06-2013,44769.html\">link<\/a>) (Die Meldung der <a href=\"http:\/\/www.reporter-ohne-grenzen.de\/\">deutschen RoG-Sektion<\/a>)<\/p><p>Um die aktuelle Krise zu erkl&auml;ren, muss man zun&auml;chst darstellen, welche Rolle und Bedeutung die &ouml;ffentliche Rundfunk- und Fernsehanstalt in Griechenland hat und inwieweit der jetzt von Samaras und Kedikoglou formulierte Vorwurf der Vergeudung &ouml;ffentlicher Gelder durch die ERT berechtigt ist bzw. von der Bev&ouml;lkerung geteilt wird. Sodann ist die Frage zu beantworten, ob der Schlag gegen die &ouml;ffentlichen Sender von au&szlig;en, also von der &bdquo;Troika&ldquo; erzwungen wurde, wie Athener Regierungskreise durchblicken lassen. Zu untersuchen ist nat&uuml;rlich auch, welche Folgen der ERT-Putsch f&uuml;r die griechische Medienlandschaft, das hei&szlig;t f&uuml;r die Macht- und Marktverh&auml;ltnisse zwischen &ouml;ffentlichen und privaten Medien haben wird. Als v&ouml;llig offen erscheint derzeit die Frage, ob die Differenzen innerhalb der Regierungskoalition &uuml;berbr&uuml;ckbar sind, oder ob die Regierung Samaras auf Neuwahlen zusteuert.<\/p><p><strong>Was ist eigentlich ERT?<\/strong><\/p><p>Zun&auml;chst muss eines klargestellt werden: die Organisation ERT (Elliniki Radiofonia Tileorasi) ist keine &bdquo;&ouml;ffentliche&ldquo;, sondern eine staatliche Rundfunk- und Fernsehanstalt. Noch genauer gesagt: Die ERT ist ein Regierungssender. Sie kennt kein Statut wie die ARD-Anstalten oder das ZDF, das eine (leider nur) relative Unabh&auml;ngigkeit der Sender von direkter politischer Einflussnahme und Steuerung gew&auml;hrleistet. Man kann die Funktionsweise unserer &ouml;ffentlichen Anstalten und die Wirksamkeit der Rundfunkr&auml;te kritisieren, und man muss den (nicht einmal heimlichen) Einfluss der politischen Partien bei ZDF und ARD gewiss verurteilen. Aber f&uuml;r Griechenland gilt: die politische Kultur des Landes w&auml;re erheblich demokratischer, wenn es statt der staatlichen ERT eine &ouml;ffentlich-rechtliche Konstruktion wie in Deutschland geben w&uuml;rde. Es ist also v&ouml;llig gerechtfertigt, dass kritische Journalisten selbst heute, nach dem Staatsstreich gegen die ERT, auf die demokratischen &ndash; und damit auch professionellen &ndash; Defizite der ERT-Sender hinweisen.<\/p><p>Die direkte Abh&auml;ngigkeit von der jeweiligen Regierung ist auch der Hauptgrund, warum sich die ERT w&auml;hrend der jahrzehntelangen &bdquo;Zweiparteien-Herrschaft&ldquo; im Wechsel zwischen ND und Pasok, zu einer unf&ouml;rmigen, professionell uninspirierten und personell &uuml;berbesetzten Beh&ouml;rde entwickelt hat. Da jede neue Regierung &bdquo;ihre Leute&ldquo; auf die wichtigen Stellen setzte, wurden die unk&uuml;ndbaren Vorg&auml;nger auf irgendwelche Verwaltungsposten verschoben. Und auch im technischen Bereich wurde bei einem Regierungswechsel neben dem &bdquo;blauen&ldquo; (ND) Kameramann ein gr&uuml;ner (Pasok) eingestellt (oder neben dem gr&uuml;nen ein blauer). In Deutschland kennen wir diese Erscheinung nat&uuml;rlich auch, aber in Griechenland ist sie eingefleischte Methode und der Hauptgrund f&uuml;r die quantiative Aufbl&auml;hung wie f&uuml;r viele qualitative Fehlbesetzungen nicht nur in der ERT, sondern in vielen Bereichen &ouml;ffentlicher Besch&auml;ftigung.<\/p><p>Bei der ERT war die Wirkung des politischen Klientelismus allerdings besonders drastisch und strapazierte h&auml;ufig die Nerven der ansonsten eher geduldigen Normalb&uuml;rger. Ein ehemaliger ERT-Intendant, der heute als Zeitungsjournalist arbeitet, hat r&uuml;ckblickend berichtet, wie sich in den 1990er-Jahren unter der &Auml;gide der Pasok der Personalbestand der staatlichen Anstalt binnen eines Jahres fast verdoppelt hat (ohne dass mehr Programme gesendet wurden). Die politische Lenkung der staatlichen Medien lief also seit Jahrzehnten &uuml;ber die Personalpolitik. Damit wurden aber auch die journalistischen Leistungen st&auml;ndig kostspieliger. Dabei unterscheiden sich diese Leistungen nicht wesentlich von den Angeboten der privaten TV-Sender. Das gilt auch f&uuml;r die t&auml;glichen Nachrichtensendungen. Lange Zeit galten die abendlichen Hauptnachrichten von NET als das seri&ouml;seste Angebot. Aber mit der Zeit haben sich die staatlichen Sender immer st&auml;rker an der privaten Konkurrenz orientiert, die in den abendlichen Hauptnachrichten fast 60 Minuten lang &ndash; vorwiegend innenpolitische &ndash; Themen skandalisiert und zu Tode reitet. <\/p><p>Da die privaten Kan&auml;le diese Art von Nachrichtengewerbe noch besser beherrschen, liegen die staatlichen Sender auch bei den Einschaltquoten deutlich zur&uuml;ck. Anders als in Deutschland, wo Tagesschau und Heute bei den Abendnachrichten klar dominieren, sind die NET-Nachrichten schon seit Jahren weit hinter die Privatkan&auml;len MEGA und Antenna zur&uuml;ckgefallen. Zuletzt erreichten sie nur noch einstellige Einschaltquoten (w&auml;hrend MEGA auf &uuml;ber 25 Prozent kommt). Und was die politischen Magazine und Talkshows betrifft, so bieten die staatlichen Sender kein einziges Format, das qualitativ bessere und seri&ouml;sere Informationen bieten w&uuml;rde als vergleichbare Sendungen der kommerziellen Kan&auml;le. Als regierungsbestimmte &bdquo;politische Anstalt&ldquo; reflektierten die ERT-Sender den Pluralismus der Parteien und Positionen der Zivilgesellschaft eher noch weniger als die privaten Sender.<\/p><p>Ganz wichtig waren die staatlichen Kan&auml;le (insb. ERT 1 und ERT 3 als regionaler Sender f&uuml;r Nordgriechenland) allerdings f&uuml;r ein Publikum, das sich an die Zumutungen der neuen, von den kommerziellen Sendern dominierten TV-Kultur nicht gew&ouml;hnen will. Das sind vor allem &auml;ltere Leute, die mit Dokumentarfilmen, historischen Stoffen und griechischen Kom&ouml;dien aus der Schwarz-Wei&szlig;-Film-&Auml;ra mehr anfangen k&ouml;nnen als mit zeitgen&ouml;ssischen Schrott-talks und Seifenopern. Diese Sendungen f&uuml;r die &auml;lteren (und gebildeteren) Kunden sind freilich Formate, die den Personaletat der staatlichen Sender am wenigsten belasten.<\/p><p><strong>Ein grundlegender Umbau der ERT ist &uuml;berf&auml;llig<\/strong><\/p><p>Um jedes Missverst&auml;ndnis auszuschlie&szlig;en: Die Kritik an den staatlichen Programmen ist kein Argument f&uuml;r das ERT-Schlachtfest der Regierung. Aber man muss diese Kritik kennen, um zu verstehen, warum Samaras zu der Meinung kommen konnte, dass seine Exekution von der &Ouml;ffentlichkeit letzten Endes hingenommen wird. Einer Mehrheit der Griechen galt ERT seit langem als Paradebeispiel f&uuml;r eine vom politischen Klientelismus aufgebl&auml;hte, ineffektive und nicht transparente staatliche Institution. Und eine gro&szlig;e Mehrheit ist der &Uuml;berzeugung, dass eine Anstalt mit weniger Personal und mehr politischer Unabh&auml;ngigkeit bessere Programme produzieren k&ouml;nnte. Jeder kennt die alten Geschichten &uuml;ber &bdquo;Mitarbeiter&ldquo;, die ein fettes Gehalt bezogen, aber nur sporadisch am Arbeitsplatz auftauchten. Und der personelle Aufwand, den ERT-Teams vor der Krise bei Reportagen im In- und Ausland betrieben haben, war auch unter den Kollegen nicht-griechischer Sender ein Grund zum Wundern.<\/p><p>H&auml;tte man also letzte Woche die griechische Bev&ouml;lkerung befragt, ob die staatliche Anstalt personell getrimmt und im Sinne eines &ouml;ffentlich-rechtlichen Senders (ohne direkte Kontrolle durch die Regierung) reformiert werden soll, h&auml;tten mindestens 90 Prozent zugestimmt. Und das, obwohl das ERT-Personal in den letzten drei Jahren bereits von 4700 auf knapp 2700 Stellen reduziert und die Geh&auml;lter um 30 bis 40 Prozent gek&uuml;rzt wurden (laut Kathimerini vom 12. Juni). <\/p><p>Ganz sicher w&uuml;rde es f&uuml;r den Ruf nach einem griechischen &bdquo;Medienfr&uuml;hling&ldquo;, den RoG-Generalsekret&auml;r Christophe gestern in Athen formuliert hat, eine klare Mehrheit im Lande geben. Deloire sagte unter anderem: &bdquo;Das gesamte Mediensystem muss transformiert werden. Es muss Schluss sein mit dem Einfluss konkurrierender Unternehmensinteressen, mit mangelnder Transparenz und mit politischen Seilschaften. Die Verwandlung von einem Staatssender zu einem &ouml;ffentlichen Sender, der wirklich der griechischen Bev&ouml;lkerung dient, sollte f&uuml;r die Regierung h&ouml;chste Priorit&auml;t haben.&ldquo; Die Demokratie im Lande brauche unabh&auml;ngige Journalisten bei den &ouml;ffentlichen wie den privaten Medien, &bdquo; die dem Druck der Regierung, bestimmter privater Interessen ebenso widerstehen wie der Selbstzensur&ldquo;. Also Journalisten &bdquo;ohne Bindung an eine politische Partei, die imstande sind&hellip; dem griechischen Volk die Wahrheit zu &uuml;bermitteln&ldquo;. <\/p><p>Solche Forderungen klingen &ndash; nicht nur f&uuml;r griechische Verh&auml;ltnisse &ndash; &uuml;beraus idealistisch. Aber zweifellos ist Griechenland eines der europ&auml;ischen L&auml;nder, die den geforderten Wandel bitter n&ouml;tig haben. Und das gilt nicht nur f&uuml;r den &bdquo;staatlichen&ldquo;, sondern auch f&uuml;r den privaten Mediensektor. Auf die Eigenheiten des letzteren einzugehen, ist an dieser Stelle nicht m&ouml;glich. Einen pr&auml;zisen &Uuml;berblick bietet diesbez&uuml;glich der Report von Stephen Grey und Dina Kyriakidou &uuml;ber das Geflecht von &bdquo;media, business and politics&ldquo;, der im Dezember 2012 von <a href=\"http:\/\/www.reuters.com\/article\/2012\/12\/17\/us-greece-media-idUSBRE8BG0CF20121217\">Reuters publiziert wurde<\/a>. Ich selbst kann aus eigener Erfahrung eine Beobachtung beisteuern. Als ich vor etlichen Jahren &ndash; zur Zeit der ND-Regierung Karamanlis &ndash; einen Freund im Presse- und Informationsministerium besuchte, fielen mir im Fahrstuhl ein ungew&ouml;hnliches Gedr&auml;nge auf. Auf Nachfrage erfuhr ich, dass gerade &bdquo;Zahltag&ldquo; war. Dutzende Journalisten, darunter sehr prominente Gesichter, holten sich ihre monatliche &bdquo;Zuwendung&ldquo; vom zust&auml;ndigen Ministerium ab. Wie mir mein Freund erkl&auml;rte, hatten diese Kollegen schon deshalb kein Unrechtsbewusstsein, weil sie das Geld schon seit Jahren, also unter ganz unterschiedlichen Regierungen abgeholt hatten.<\/p><p><strong>Neues von der Anstalt<\/strong><\/p><p>Den allermeisten Griechen ist die Abh&auml;ngigkeit der privaten Medien von  unternehmerischen Interessen ebenso bekannt wie die Abh&auml;ngigkeit der staatlichen Medien von der jeweiligen Regierung. Warum sehen dennoch so  viele Griechen in der Liquidierung von ERT durch die ND-F&uuml;hrung keinen Befreiungsschlag, sondern eine Provokation? Und warum sind sie mit den &ndash; oft genug geschm&auml;hten &ndash; Mitarbeitern der staatlichen Anstalt solidarisch? Das hat im Wesentlichen drei Gr&uuml;nde.<\/p><p>Den ersten Grund hat ein Kommentator in Ta Nea trefflich formuliert: &bdquo;Wenn ein Haus von M&auml;usen befallen ist, besteht die L&ouml;sung nicht darin, es in Brand zu stecken. Gew&ouml;hnlich reicht eine Katze.&ldquo; Man h&auml;tte also dem Wunsch der meisten Griechen, das ERT-Gebilde von Grund auf zu renovieren, mit einem Programm angehen m&uuml;ssen, das den erstrebten Umbau in einem definierten Zeitraum vollzieht. Nat&uuml;rlich h&auml;tten sich die ERT-Angestellten und ihre Gewerkschaften auch gegen diese &bdquo;Zumutung&ldquo; gewehrt, aber angesichts der Kritik ihres Publikums h&auml;tten sie am Ende nachgeben m&uuml;ssen. Statt ein solches Programm anzuk&uuml;ndigen und im Dialog oder auch im Konflikt mit den Betroffenen zu konkretisieren, hat die Regierung die Putsch-Methode vorgezogen.<\/p><p>Der zweite Grund hat unmittelbar mit dem Regierungschef und seinem Sprecher zu tun, der das Ende der ERT-Programme binnen sechs Stunden verk&uuml;ndet hat. Denn es waren genau die ND-Kreise um Samaras und Kedikoglou, die noch in  j&uuml;ngster Vergangenheit den ERT-Personalbestand weiter aufgebl&auml;ht haben. Der Kommentator Pantelis Boukalas meinte sarkastisch (Kathimerini vom 12. Juni), das sei so, als ob &bdquo;Augias selbst als der gro&szlig;e Saubermann auftritt, der die Schei&szlig;e aus seinen St&auml;llen schaffen will&ldquo; (zur Erinnerung: in der griechischen Sage kann bekanntlich nur Herakles diese heroische Tat vollbringen). Auf deutsch w&uuml;rde man sagen, dass sich die B&ouml;cke Samaras und Kedikoglou selbst zu den G&auml;rtnern ernannt haben. <\/p><p>Wie Boukalas beschreibt, hat der Regierungssprecher &ndash; selbst ein ehemaliger ERT-Journalist &ndash; auf unverfrorene Weise seine eigenen Leute (darunter Anverwandte) als &bdquo;Berater&ldquo; mit gut dotierten Vertr&auml;gen in die staatliche Anstalt entsandt. Deshalb empfindet die NET-Journalistin Marielena Katsimi die Klage von Kedikoglou &uuml;ber &bdquo;einen skandal&ouml;sen Mangel an Transparenz&ldquo; bei ERT als ungeheure Provokation: &bdquo;Der hat doch tats&auml;chlich gesagt: &sbquo;The party is over&lsquo; &ndash; aber es war ja ihre Party! Seit diese Regierung an der Macht ist, haben sie teure Programme eingekauft, ihre eigenen Leute reingedr&uuml;ckt, drei&szlig;ig bis vierzig Berater angeheuert, die 4000 Euro pro Monat verdienten, w&auml;hrend&hellip; wir mit 1000 Euro entlohnt werden. Wie kann er uns vorzuwerfen wagen, dass wir hier eine Party hatten?&ldquo; (zitiert von <a href=\"http:\/\/www.thenation.com\/blog\/174758\/killing-messenger-greek-government-shuts-down-state-broadcaster\">Maria Margaronis am 11. Juni in The Nation<\/a>). <\/p><p>Der dritte Grund h&auml;ngt eng mit dem zweiten zusammen. Einer Regierung und eine Partei, die f&uuml;r die journalistische und die finanzielle Misere der staatlichen Medienanstalt ma&szlig;geblich verantwortlich sind, nimmt man das &bdquo;reformerische&ldquo; Bekenntnis nicht so recht ab. Die ND hat noch vor zwei Jahren einen realistischen und demokratischen Plan zur Umstrukturierung der ERT entschieden abgelehnt und damit verhindert. Regierungssprecher Kedikoglou hat noch vor kurzem gefordert, dass beim Sender ERT 3 (in Thessaloniki) 24 seiner Leute eingestellt werden &ndash; mit Geh&auml;ltern, die f&uuml;r die L&ouml;hne von 180 Normalverdiener ausgereicht h&auml;tten. Und von Regierungschef Samaras wei&szlig; das ganze Land, wie scham- und hemmungslos er noch als Kulturminister in der Regierung Karamanlis seine ND-Klientel mit Staatsposten versorgt hat (siehe dazu meinen <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14544\">Bericht in den Nachdenkseiten vom 26. September 2012<\/a>). Solche Figuren als Vork&auml;mpfer eines &bdquo;neutralen&ldquo; &ouml;ffentlichen Senders, einer griechischen BBC? Die Idee erscheint so absurd wie die Vorstellung von Augias als S&auml;uberer seiner eigenen Stallungen. <\/p><p>Eine wirklich unabh&auml;ngige &ouml;ffentliche Anstalt mit neuem journalistischen Geist und einem nach streng fachlichen Kritierien bestellten Personal sei f&uuml;r Griechenland in der Krise das Gebot der Stunde, argumentiert Pantelis Boukalas. Aber er h&auml;lt es f&uuml;r v&ouml;llig absurd, eine solche Reform ausgerechnet denen zuzutrauen, &bdquo;die bis zuletzt als politische Vorgesetzte der Beh&ouml;rde ERT rein nichts unternommen haben, um die Dinge zu &auml;ndern, die sie jetzt &ouml;ffentlich fordern&ldquo;. <\/p><p>Was Boukalas bef&uuml;rchtet, wird zur Gewissheit, wenn man erkennt, wie sich die Regierung Samaras ihre neue Anstalt namens NERIT-AE (Neue Griechische Radio-Internet- und Fernseh-AG) vorstellt. In der Kathimerini vom 13. Juni werden einige Satzungsartikel der NERIT zitiert. Der wichtigste ist der, in dem definiert ist, wie der siebenk&ouml;pfige Aufsichtsrat der neuen AG zustande kommt, der angeblich &bdquo;die Unabh&auml;ngigkeit der NERIT garantieren&ldquo; soll: &bdquo;Seine Mitglieder werden per Beschluss des zust&auml;ndigen Ministers ernannt.&ldquo;  <\/p><p><em>Im zweiten Teil des Textes, der voraussichtlich am Dienstag erscheinen wird, setzt sich unser Autor Niels Kadritzke mit dem Zusammenhang der ERT-Exekution und dem Druck der Troika, mit den Folgen f&uuml;r die griechische Medienlandschaft und den Folgen f&uuml;r die griechische Regierung auseinander.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit der Aufl&ouml;sung der staatlichen Rundfunk- und Fernsehsehanstalt Griechenlands (ERT oder Elleniki Radiofonia kai Tileorasi) hat Regierungschef Antonis Samaras nicht nur eine Solidarit&auml;tswelle f&uuml;r die ERT-Belegschaft ausgel&ouml;st, sondern auch eine Regierungskrise, die am Ende sogar zu vorzeitigen Neuwahlen f&uuml;hren k&ouml;nnte. 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