{"id":1761,"date":"2006-09-20T10:02:52","date_gmt":"2006-09-20T08:02:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1761"},"modified":"2016-01-25T20:54:28","modified_gmt":"2016-01-25T19:54:28","slug":"ahmadinedschad-nimmt-papst-in-schutz-ich-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1761","title":{"rendered":"\u201eAhmadinedschad nimmt Papst in Schutz\u201c \u2013 Ich nicht."},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/0,1518,437798,00.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/0,1518,437798,00.html\">SpiegelOnline berichtet<\/a>, der iranische Pr&auml;sident habe Papst Benedikt in Schutz genommen. Ich kann das nach Lekt&uuml;re der entsprechenden Passage der Rede von Regensburg nicht tun. Aus meiner Sicht ist die De-Eskalation zwischen dem Islam und dem Westen einschlie&szlig;lich der christlichen Religionen dringend geboten. Wenn ich die einschl&auml;gige Passage der Papstrede lese (siehe Anhang), dann sp&uuml;re ich dabei den ehrlichen Willen zur Entspannung nicht &ndash; trotz aller sonstigen &Auml;u&szlig;erungen drum herum. Bilden Sie sich selbst ein Urteil. Die wichtigsten Passagen sind gefettet.<!--more--><br>\n\tIch glaube auch nicht, dass dies eine Panne war. Ein Papst redet nicht einfach so daher. Auch nicht in seiner heimatlichen Universit&auml;t. Wenn es Absicht war, eine Diskussion dar&uuml;ber anzusto&szlig;en, welche Religion die bessere, die friedlichere, die tolerantere w&auml;re, dann h&auml;tte der Papst auch bedenken m&uuml;ssen, was er damit in den islamischen L&auml;ndern ausl&ouml;st. Der oberste Hirte der katholischen Kirche bringt seine Schafe, die in mehrheitlich islamischen L&auml;ndern leben, sehr in Schwierigkeiten. Hat er das bedacht?<br>\nMich erinnert &uuml;brigens die Diskussion sehr an die f&uuml;nfziger Jahre. Da waren wir im Westen die Guten, die andern waren nicht nur die Schlechten, sondern sogar des Teufels. Nicht nur die Spitzen des Kommunismus, die Russen insgesamt wurden als Fratzen dargestellt. Ich kann mich noch gut daran erinnern, welche Emotion, welche schematische Einteilung in gut und b&ouml;se uns Kindern und Jugendlichen sehr breit vermittelt worden ist. Daran denke ich bei mancher jetzt wahrgenommenen Auseinandersetzung zwischen uns und dem Islam.<\/p><p><strong>Und hier Ausz&uuml;ge aus der Rede von Papst Benedikt in Regensburg:<\/strong><\/p><p>&bdquo;Die Universit&auml;t war auch durchaus stolz auf ihre beiden Theologischen Fakult&auml;ten. Es war klar, dass auch sie, indem sie nach der Vernunft des Glaubens fragen, eine Arbeit tun, die notwendig zum Ganzen der Universitas scientiarum geh&ouml;rt, auch wenn nicht alle den Glauben teilen konnten, um dessen Zuordnung zur gemeinsamen Vernunft sich die Theologen m&uuml;hen. Dieser innere Zusammenhalt im Kosmos der Vernunft wurde auch nicht gest&ouml;rt, als einmal verlautete, einer der Kollegen habe ge&auml;u&szlig;ert, an unserer Universit&auml;t gebe es etwas Merkw&uuml;rdiges: zwei Fakult&auml;ten, die sich mit etwas befassten, was es gar nicht gebe &ndash; mit Gott. Dass es auch solch radikaler Skepsis gegen&uuml;ber notwendig und vern&uuml;nftig bleibt, mit der Vernunft nach Gott zu fragen und es im Zusammenhang der &Uuml;berlieferung des christlichen Glaubens zu tun, war im Ganzen der Universit&auml;t unbestritten. All dies ist mir wieder in den Sinn gekommen, als ich k&uuml;rzlich den von Professor Theodore Khoury (M&uuml;nster) herausgegebenen Teil des Dialogs las, den der gelehrte byzantinische Kaiser Manuel II. Palaeologos wohl 1391 im Winterlager zu Ankara mit einem gebildeten Perser &uuml;ber Christentum und Islam und beider Wahrheit f&uuml;hrte. Der Kaiser hat vermutlich w&auml;hrend der Belagerung von Konstantinopel zwischen 1394 und 1402 den Dialog aufgezeichnet; so versteht man auch, dass seine eigenen Ausf&uuml;hrungen sehr viel ausf&uuml;hrlicher wiedergegeben sind als die Antworten des persischen Gelehrten. Der Dialog erstreckt sich &uuml;ber den ganzen Bereich des von Bibel und Koran umschriebenen Glaubensgef&uuml;ges und kreist besonders um das Gottes- und das Menschenbild, aber auch immer wieder notwendigerweise um das Verh&auml;ltnis der &lsquo;drei Gesetze&rsquo;, drei Lebensordnungen: Altes Testament &ndash; Neues Testament &ndash; Koran.<\/p><p>In dieser Vorlesung m&ouml;chte ich nur einen &ndash; im Aufbau des Dialogs eher marginalen &ndash; Punkt ber&uuml;hren, der mich im Zusammenhang des Themas Glaube und Vernunft fasziniert hat und der mir nur als Ausgangspunkt f&uuml;r meine &Uuml;berlegungen zu diesem Thema dient. In der von Professor Khoury herausgegebenen siebten Gespr&auml;chsrunde kommt der Kaiser auf das Thema des Dschihad (heiliger Krieg) zu sprechen. Der Kaiser wusste sicher, dass in Sure 2, 256 steht: Kein Zwang in Glaubenssachen &ndash; es ist eine der fr&uuml;hen Suren aus der Zeit, wie uns die Kenner sagen, in der Mohammed selbst noch machtlos und bedroht war. Aber der Kaiser kannte nat&uuml;rlich auch die im Koran niedergelegten &ndash; sp&auml;ter entstandenen &ndash; Bestimmungen &uuml;ber den heiligen Krieg. Ohne sich auf Einzelheiten wie die unterschiedliche Behandlung von &lsquo;Schriftbesitzern&rsquo; und &lsquo;Ungl&auml;ubigen&rsquo; einzulassen, <strong>wendet er sich in erstaunlich schroffer Form ganz einfach mit der zentralen Frage nach dem Verh&auml;ltnis von Religion und Gewalt &uuml;berhaupt an seinen Gespr&auml;chspartner. Er sagt: &lsquo;Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten&rsquo;.<\/strong><\/p><p>Der Kaiser begr&uuml;ndet dann eingehend, warum Glaubensverbreitung durch Gewalt widersinnig ist. Sie steht im Widerspruch zum Wesen Gottes und zum Wesen der Seele. &lsquo;Gott hat kein Gefallen am Blut, und nicht vernunftgem&auml;&szlig; zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider. Der Glaube ist Frucht der Seele, nicht des K&ouml;rpers. Wer also jemanden zum Glauben f&uuml;hren will, braucht die F&auml;higkeit zur guten Rede und ein rechtes Denken, nicht aber Gewalt und Drohung&hellip; Um eine vern&uuml;nftige Seele zu &uuml;berzeugen, braucht man nicht seinen Arm, nicht Schlagwerkzeuge noch sonst eines der Mittel, durch die man jemanden mit dem Tod bedrohen kann&hellip;&rsquo;.<br>\nDer entscheidende Satz in dieser Argumentation gegen Bekehrung durch Gewalt lautet: Nicht vernunftgem&auml;&szlig; handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider. Der Herausgeber, Theodore Khoury, kommentiert dazu: F&uuml;r den Kaiser als einen in griechischer Philosophie aufgewachsenen Byzantiner ist dieser Satz evident. F&uuml;r die moslemische Lehre hingegen ist Gott absolut transzendent. Sein Wille ist an keine unserer Kategorien gebunden und sei es die der Vern&uuml;nftigkeit. Khoury zitiert dazu eine Arbeit des bekannten franz&ouml;sischen Islamologen R. Arnaldez, der darauf hinweist, dass Ibn Hazn so weit gehe zu erkl&auml;ren, dass Gott auch nicht durch sein eigenes Wort gehalten sei und dass nichts ihn dazu verpflichte, uns die Wahrheit zu offenbaren. Wenn er es wollte, m&uuml;sse der Mensch auch G&ouml;tzendienst treiben.<\/p><p><strong>Hier tut sich ein Scheideweg im Verst&auml;ndnis Gottes und so in der konkreten Verwirklichung von Religion auf, der uns heute ganz unmittelbar herausfordert.<\/strong> Ist es nur griechisch zu glauben, dass vernunftwidrig zu handeln dem Wesen Gottes zuwider ist, oder gilt das immer und in sich selbst? Ich denke, dass an dieser Stelle der tiefe Einklang zwischen dem, was im besten Sinn griechisch ist und dem auf der Bibel gr&uuml;ndenden Gottesglauben sichtbar wird. Den ersten Vers der Genesis abwandelnd, hat Johannes den Prolog seines Evangeliums mit dem Wort er&ouml;ffnet: Im Anfang war der Logos. Dies ist genau das Wort, das der Kaiser gebraucht: Gott handelt mit Logos. Logos ist Vernunft und Wort zugleich &ndash; eine Vernunft, die sch&ouml;pferisch ist und sich mitteilen kann, aber eben als Vernunft. Johannes hat uns damit das abschlie&szlig;ende Wort des biblischen Gottesbegriffs geschenkt, in dem alle die oft m&uuml;hsamen und verschlungenen Wege des biblischen Glaubens an ihr Ziel kommen und ihre Synthese finden. Im Anfang war der Logos, und der Logos ist Gott, so sagt uns der Evangelist.&rdquo;(&hellip;)<\/p><p>(&hellip;) &ldquo;Denn bei aller Freude &uuml;ber die neuen M&ouml;glichkeiten des Menschen sehen wir auch die Bedrohungen, die aus diesen M&ouml;glichkeiten aufsteigen und m&uuml;ssen uns fragen, wie wir ihrer Herr werden k&ouml;nnen. Wir k&ouml;nnen es nur, wenn Vernunft und Glaube auf neue Weise zueinanderfinden; wenn wir die selbst verf&uuml;gte Beschr&auml;nkung der Vernunft auf das im Experiment Falsifizierbare &uuml;berwinden und der Vernunft ihre ganze Weite wieder er&ouml;ffnen. In diesem Sinn geh&ouml;rt Theologie nicht nur als historische und humanwissenschaftliche Disziplin, sondern als eigentliche Theologie, als Frage nach der Vernunft des Glaubens an die Universit&auml;t und in ihren weiten Dialog der Wissenschaften hinein. Nur so werden wir auch zum wirklichen Dialog der Kulturen und Religionen f&auml;hig, dessen wir so dringend bed&uuml;rfen. In der westlichen Welt herrscht weithin die Meinung, allein die positivistische Vernunft und die ihr zugeh&ouml;rigen Formen der Philosophie seien universal.<\/p><p>Aber von den tief religi&ouml;sen Kulturen der Welt wird gerade dieser Ausschluss des G&ouml;ttlichen aus der Universalit&auml;t der Vernunft als Versto&szlig; gegen ihre innersten &Uuml;berzeugungen angesehen. Eine Vernunft, die dem G&ouml;ttlichen gegen&uuml;ber taub ist und Religion in den Bereich der Subkulturen abdr&auml;ngt, ist unf&auml;hig zum Dialog der Kulturen. Dabei tr&auml;gt, wie ich zu zeigen versuchte, die moderne naturwissenschaftliche Vernunft mit dem ihr innewohnenden platonischen Element eine Frage in sich, die &uuml;ber sie und ihre methodischen M&ouml;glichkeiten hinausweist. Sie selber muss die rationale Struktur der Materie wie ihre Korrespondenz zwischen unserem Geist und den in der Natur waltenden rationalen Strukturen ganz einfach als Gegebenheit annehmen, auf der ihr methodischer Weg beruht.<\/p><p>Aber die Frage, warum dies so ist, die besteht doch und muss von der Naturwissenschaft weitergegeben werden an andere Ebenen und Weisen des Denkens &ndash; an Philosophie und Theologie. F&uuml;r die Philosophie und in anderer Weise f&uuml;r die Theologie ist das H&ouml;ren auf die gro&szlig;en Erfahrungen und Einsichten der religi&ouml;sen Traditionen der Menschheit, besonders aber des christlichen Glaubens, eine Erkenntnisquelle, der sich zu verweigern eine unzul&auml;ssige Verengung unseres H&ouml;rens und Antwortens w&auml;re. Mir kommt da ein Wort des Sokrates an Phaidon in den Sinn. In den vorangehenden Gespr&auml;chen hatte man viele falsche philosophische Meinungen ber&uuml;hrt, und nun sagt Sokrates: Es w&auml;re wohl zu verstehen, wenn einer aus &Auml;rger &uuml;ber so viel Falsches sein &uuml;briges Leben lang alle Reden &uuml;ber das Sein hasste und schm&auml;hte.<\/p><p>Aber auf diese Weise w&uuml;rde er der Wahrheit des Seienden verlustig gehen und einen sehr gro&szlig;en Schaden erleiden. Der Westen ist seit langem von dieser Abneigung gegen die grundlegenden Fragen seiner Vernunft bedroht und k&ouml;nnte damit nur einen gro&szlig;en Schaden erleiden. Mut zur Weite der Vernunft, nicht Absage an ihre Gr&ouml;&szlig;e &ndash; das ist das Programm, mit dem eine dem biblischen Glauben verpflichtete Theologie in den Disput der Gegenwart eintritt. &ldquo;Nicht vernunftgem&auml;&szlig; (mit dem Logos) handeln ist dem Wesen Gottes zuwider&rdquo;, hat Manuel II. von seinem christlichen Gottesbild her zu seinem persischen Gespr&auml;chspartner gesagt. In diesen gro&szlig;en Logos, in diese Weite der Vernunft laden wir beim Dialog der Kulturen unsere Gespr&auml;chspartner ein. Sie selber immer wieder zu finden, ist die gro&szlig;e Aufgabe der Universit&auml;t.&rdquo; \t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/0,1518,437798,00.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/0,1518,437798,00.html\">SpiegelOnline berichtet<\/a>, der iranische Pr&auml;sident habe Papst Benedikt in Schutz genommen. 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