{"id":17685,"date":"2013-06-19T09:01:47","date_gmt":"2013-06-19T07:01:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17685"},"modified":"2019-07-05T10:59:42","modified_gmt":"2019-07-05T08:59:42","slug":"die-hangepartie-um-den-griechischen-rundfunk-ert-die-regierungskrise-schmort-weiter-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17685","title":{"rendered":"Die H\u00e4ngepartie um den griechischen Rundfunk ERT \u2013 die Regierungskrise schmort weiter (Teil 2)"},"content":{"rendered":"<p>Mit seinem Medienputsch hat es Regierungschef Samaras geschafft, nicht nur die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung gegen sich aufzubringen. <\/p><p>Ganz Griechenland wartete am Montagabend auf zwei Nachrichten, die f&uuml;r die Fortsetzung des ERT-Konflikts und f&uuml;r das Schicksal der Regierung Samaras entscheidend sein sollten. Was am Ende des Tages herauskam, war nur ein weiterer Aufschub  bzw. eine Verl&auml;ngerung der politischen Krise, die ND-Chef Samaras letzte Woche mit seiner &bdquo;Notverordnung&ldquo; zur Liquidierung der staatlichen Rundfunk- und Fernsehanstalt ausgel&ouml;st hat. Die erste Nachricht kam aus dem Staatsrat (Symvoulio tis Epikratias), dem Obersten Verwaltungsgericht. Die zweite Nachricht kam aus dem Amtssitz des Ministerpr&auml;sidenten Samaras. Dort tagte der Dreiergipfel der Parteivorsitzenden von ND, Pasok und Dimar mit dem Ziel, die entstandene Koalitionskrise beizulegen. Auch in Anbetracht der Staatsrats-Entscheidung gingen Samaras, Venizelos und Kouvelis dann aber ohne Ergebnis auseinander und verabredeten einen neuen Gipfel am heutigen Mittwoch. Von <strong>Niels Kadritzke<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie Entscheidung auf der juristischen Ebene war eine vom Pr&auml;sidenten des Staatsrats, Konstantinos Menoudakos erlassene &bdquo;Einstweilige Verf&uuml;gung&ldquo;, die den vorl&auml;ufigen Status und die Betriebsweise der ERT bis Ende September bestimmt. Erst dann wird der f&uuml;nfk&ouml;pfige Staatsrat &bdquo;in der Sache&ldquo; befinden, ob die Schlie&szlig;ung der Anstalt durch eine Notverordnung der Regierung rechtens war.<\/p><p>Die Einstweilige Verf&uuml;gung, die allein vom Pr&auml;sidenten Menoudakos formuliert wurde, kam auf Grund eines Eilantrags der Gewerkschaft der ERT-Angestellten (POSPERT) zustande. Inhaltlich stellt sie eine Zwitter-Entscheidung dar. Sie setzt einerseits die Notverordnung au&szlig;er Kraft, soweit diese die technische Abschaltung der ERT-Programme (auf den Bildschirmen wie im Internet) verf&uuml;gt hatte. Damit m&uuml;ssen die einzelnen Stationen ab sofort wieder auf Sendung gehen. Andererseits entschied Menoudakos, dass f&uuml;r den Weiterbetrieb der Sender die von der Regierung eingesetzte neue Leitung (Finanzminister Stournaras und Regierungssprecher Kedikoglou) zust&auml;ndig sei. Damit wurde die Liquidierung der alten Anstalt ebenso anerkannt wie das Recht der Regierung, per Mediengesetz eine neue Anstalt zu gr&uuml;nden.<\/p><p>Die Reaktion der ERT-Belegschaft fiel entsprechend gemischt aus. Nach dem ersten Jubel &uuml;ber die partielle Aufhebung der Notverordnung machte sich Ern&uuml;chterung breit, als man erkannte, dass die Regierung f&uuml;r die Gestaltung des wieder aufzunehmenden Programmes zust&auml;ndig sein soll. Allerdings ist kaum vorstellbar, wie die Regierung die ERT-Sendungen ohne Mitwirkung des &bdquo;alten&ldquo; Personals fortsetzen will. Dieses m&uuml;sste dann allerdings wieder eingestellt werden, denn nach der Notverordnung vom 11. Juni ist die ganze ERT-Belegschaft bereits entlassen. Die Frage ist also, wie die ERT-Mitarbeiter reagieren, falls die neuen &bdquo;Staatskommissare&ldquo; nur eine technische und journalistische Kernbesetzung &uuml;bernehmen oder gar stattdessen Fachpersonal von den privaten TV-Sendern anwerben. In dem Fall ist es durchaus wahrscheinlich, dass die Gewerkschaften einen Streik ausrufen und ihrerseits die Bildschirme &bdquo;schw&auml;rzen&ldquo;. <\/p><p>Ein konfliktfreier Weiterbetrieb bis zur Entscheidung des Staatsrats Ende September scheint jedenfalls nur gew&auml;hrleistet, wenn die ERT-Sender sofort und mit dem alten Personal weitermachen d&uuml;rfen. Das ist offenbar auch die Vorstellung der beiden kleinen Koalitionsparteien, die den Inhalt der Einstweiligen Verf&uuml;gung vom Montag deutlich anders interpretieren als der gro&szlig;e Koalitionspartner ND und Samaras. Pasok-Chef Venizelos betonte, die ERT m&uuml;sse ab sofort wieder mit allen Einzelsendern (Fernsehen und Radio) funktionieren. Dieselbe Position vertritt Dimar-Chef Kouvelis, der die sofortige Wiederaufnahme der ERT-Sendungen forderte. Dagegen betonten Vertreter der ND, die Entscheidung von Menoudakos habe die Instiution ERT endg&uuml;ltig und rechtswirksam &bdquo;dicht gemacht&ldquo;. Und Finanzminister Stournaras erkl&auml;rte, bis zur Gr&uuml;ndung einer neuen Anstalt k&ouml;nne man lediglich &bdquo;vorl&auml;ufige&ldquo; Programme ausstrahlen, was auf sofortige Personalk&uuml;rzungen hindeutet. Wenn diese Differenzen beim n&auml;chsten Koalitionsgipfel am Mittwoch nicht &uuml;berbr&uuml;ckt werden k&ouml;nnen, schmort die Regierungskrise weiter und die M&ouml;glichkeit von Neuwahlen steht weiter im Raum.<\/p><p><strong>Die &ouml;ffentliche Meinung Griechenlands ist gegen die ERT-Schlie&szlig;ung<\/strong><\/p><p>Neuwahlen werden &uuml;brigens von einer deutlichen Mehrheit (von knapp 60 Prozent) abgelehnt. Das geht aus den neuesten Meinungsumfragen hervor, die zugleich ein interessantes Meinungsbild in Sachen ERT ergeben. Demnach werden die putschartige Schlie&szlig;ung der staatlichen Anstalt und die Abschaltung ihrer Fernseh- und Rundfunk-Programme von zwei Dritteln der griechischen Bev&ouml;lkerung im wahlf&auml;higen Alter abgelehnt. Nach der Umfrage von Kapa Research (ver&ouml;ffentlicht in To Vima vom 15. Juni) lehnen 64 Prozent der Befragten das Vorgehen der Regierung ab, zwei weitere Umfragen ermittelten eine Ablehnungsquote von 68 Prozent (VPRC) bzw. 65 Prozent (Metron Analysis). <\/p><p>Was besagen diese Zahlen? Mit seinem Medienputsch hat es Samaras offenbar geschafft, eine 2\/3- Mehrheit der Bev&ouml;lkerung gegen sich aufzubringen, obwohl eine noch gr&ouml;&szlig;ere Mehrheit eine tiefgreifende Reform der ERT durchaus bef&uuml;rwortet &ndash; vorausgesetzt, damit wird eine &ouml;ffentlich-rechtliche, zugleich aber regierungsunabh&auml;ngige Rundfunk- und Fernsehanstalt geschaffen (siehe dazu <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17602\">den ersten Teil dieses Berichts vom 14. Juni<\/a>). <\/p><p>Damit haben sich Samaras und seine Nea Dimokratia innerhalb des Spektrums der demokratischen Parteien und selbst innerhalb der Regierungskoalition isoliert. Schlimmer noch: politisch gesehen findet sich die ND in &uuml;bler Gesellschaft wieder, denn die einzige andere Partei, die f&uuml;r die Schlie&szlig;ung der ERT eintritt, ist die rechtsextreme Chrysi Avghi (&uuml;ber das Profil und die Rekrutierungserfolge dieser Partei berichtet Yiannis Papadopoulos in der <a href=\"http:\/\/www.monde-diplomatique.de\/pm\/.aktaus\">j&uuml;ngsten Ausgabe von Le Monde diplomatique<\/a>). Die griechischen Neonazis bejubeln den ERT-Putsch nat&uuml;rlich aus ganz eigenen Gr&uuml;nden, weil sie sich vom staatlichen Fernsehen bislang schlecht behandelt und diskriminiert f&uuml;hlen (w&auml;hrend sie sich vor einigen Wochen im Privatsender Skai TV ausf&uuml;hrlich und ohne kritischen Widersacher darstellen konnte).<\/p><p><strong>Der Regierungschef Samaras steht international in der Kritik<\/strong><\/p><p>Aber nicht nur in Griechenland hat sich Samaras mit seiner ERT-Strategie isoliert. Auch die internationale Kritik f&auml;llt von Tag zu Tag sch&auml;rfer aus. Mehrere Fraktionen des Europ&auml;ischen Parlaments (insb. Sozialisten\/Demokraten, Gr&uuml;ne und Liberale) haben die Athener Regierung ebenso verurteilt wie EP- Pr&auml;sident Martin Schulz, der Generalsekret&auml;r des Europarats und die International Press Association (API). Selbst Nikos Anastassiadis, der konservative Pr&auml;sident der Republik Zypern, hat das Vorgehen der Athener Regierung als &bdquo;bedauerlich und nicht nachahmenswert&ldquo; bezeichnet und gelobt, den (von vielen kritisierten) zypriotischen Staatssender RYK auf keinen Fall so zu behandeln wie Samaras die ERT. <\/p><p>Am bedeutsamsten ist allerdings, dass die Dachorganisation Europ&auml;ischer Rundfunkanstalten (EBU) ihre Kritik zugespitzt und dar&uuml;ber hinaus ihre praktische Unterst&uuml;tzung noch verst&auml;rkt hat, indem sie den Livestream-Empfang des TV-Senders NET &uuml;ber Satelliten erm&ouml;glicht (<a href=\"http:\/\/www3.ebu.ch\/cms\/en\/sites\/ebu\/contents\/news\/2013\/06\/monitor-ert-online.html\">zu empfangen hier<\/a>). Wie es aussieht, werden die NET-Sendungen nach der &bdquo;Schlie&szlig;ung&ldquo; von mehr Zuschauern verfolgt als davor, und die meisten ERT-Journalisten sind popul&auml;rer als sie es je zuvor waren. Zudem sind ihre Programme interessanter und kritischer geworden, weil viele von ihnen ihre politische Bei&szlig;hemmung &uuml;berwunden haben und ihre vormals h&auml;ufig verheimlichte Meinung nunmehr offen &auml;u&szlig;ern. <\/p><p><strong>Ein Eigentor von Samaras?<\/strong><\/p><p>Auch der Regierung und vor allem der ND beginnt zu d&auml;mmern, dass ihr wom&ouml;glich das &bdquo;Eigentor des Jahres&ldquo; unterlaufen ist &ndash; es sei denn, Antonis Samaras verfolgt die heimliche Strategie, baldige Neuwahlen herbeizuf&uuml;hren. Zwar erkl&auml;rte Samaras am Sonntag, er arbeite keinesfalls auf Neuwahlen hin. Zweifel an diesem Bekenntnis weckt allerdings der Text, den der ND-Chef in der Sonntags-Ausgabe der Kathimerini ver&ouml;ffentlicht hat. Darin verteidigt er seine Entscheidung, die ERT f&uuml;r bankrott zu erkl&auml;ren und zu schlie&szlig;en, ausgesprochen offensiv und selbstbewusst. Flankiert von markigen Spr&uuml;chen des Typus &bdquo;man kann kein Omelett machen, ohne Eier zu zerbrechen&ldquo; erkl&auml;rt er ganz offen, er wolle mit der Zerschlagung von ERT ein Exempel statuieren: &bdquo;Das Problem ist nicht die ERT&hellip; Das Problem ist, dass wir die Reformen nur vorantreiben k&ouml;nnen, wenn das griechische Volk sie unterst&uuml;tzt. Und damit das Volk sie unterst&uuml;tzt, m&uuml;ssen wir ihm beweisen, dass wir den Mut haben, uns mit dem skandal&ouml;sesten Bollwerk der Intransparenz und der Verschwendung anzulegen&ldquo;. <\/p><p>L&auml;sst mal einmal die brachiale Metaphorik beiseite (die f&uuml;r griechische Politiker und ihre Redenschreiber durchaus typisch ist), springt der entscheidende Punkt sofort ins Auge: Offensichtlich hat sich Samaras das falsche Objekt ausgesucht, um sein erkl&auml;rtes Ziel zu erreichen. Denn die Unterst&uuml;tzung der Gesellschaft konnte er gerade im Fall ERT nicht gewinnen, wie die eingangs zitierten Umfragewerte zeigen. Und das aus mehreren Gr&uuml;nden (die ich am <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17602\">Ende des ersten Teils dieser Analyse dargelegt habe<\/a>). <\/p><p>Der einfachste und erfreulichste Grund besteht schlicht darin, dass das von Samaras beschworene &bdquo; griechische Volk&ldquo; allergisch auf diktatorische Methoden reagiert; das hei&szlig;t in diesem Fall: eine Ma&szlig;nahme mittels Notverordnung, die eigentlich nur f&uuml;r einen extremen Ausnahmefall vorgesehen ist, entschieden ablehnt. <\/p><p>Der Kathimerini-Text von Samaras ist deshalb nicht nur demagogisch, sondern auch politisch dumm. Denn die Begr&uuml;ndung, dass er mit einer symbolischen Ma&szlig;nahme die Volksmeinung hinter sich bringen will, ist keine &uuml;berzeugende juristische Begr&uuml;ndung f&uuml;r eine als unabweisbar und eilbed&uuml;rftig deklarierte Notverordnung. Schlie&szlig;lich ist die Regierung Samaras schon ein Jahr im Amt und hatte reichlich Zeit, das Volk von ihrem Willen und ihren F&auml;higkeiten zu &uuml;berzeugen. Wenn ihr das nicht gelungen ist, liegt dies nicht zuletzt daran, dass sie bis zum Zeitpunkt der ERT-Liquidierung wenig Entschlossenheit im Kampf &bdquo;gegen Intransparenz und Verschwendung&ldquo; demonstriert hat. Wenn das oberste Verwaltungsgericht im September die Frage pr&uuml;ft, ob die Notverordnung vom 11. Juni verfassungsgem&auml;&szlig; ist, k&ouml;nnten solche Gesichtspunkte sehr wohl eine Rolle spielen.<\/p><p>F&uuml;r die juristische Bewertung ist ein weiterer Punkt wichtig: Die Nacht-und-Nebel-Aktion der Regierung Samaras verst&ouml;&szlig;t offenbar auch gegen zwei EU-Direktiven (von 1998 und 2002), die ein Konsultationsverfahren bei massenhaften Entlassungen vorschreiben und in Griechenland seit 2006 Gesetzeskraft haben. Nach einem Bericht der Zeitung New Europe vom 14. Juni gehen juristische Experten der EU-Kommission davon aus, dass die <a href=\"http:\/\/www.neurope.eu\/article\/athens-ert-breach-eu-law-0\">ERT-Schlie&szlig;ung schon aus diesem Grund rechtswidrig ist<\/a>.<\/p><p>Was die &ouml;konomische bzw. fiskalische Logik dieser Ma&szlig;nahme betrifft, ist auch zu bedenken, dass die ERT nicht die einzige und schon gar nicht die wichtigste Institution ist, die man (in den Worten von Samaras) durch eine Strukturreform von einer &bdquo;privilegierten&ldquo; Klientel befreien k&ouml;nnte. Es gibt Dutzende Beh&ouml;rden und staatliche &Auml;mter, die man zusammenlegen und effektiver machen k&ouml;nnte\/m&uuml;sste und von denen etliche keinerlei Funktion mehr erf&uuml;llen. Was man von der ERT &ndash; bei allen ihren Schw&auml;chen &ndash; nicht behaupten kann. <\/p><p><strong>Der Rundfunk kein Sparobjekt &ndash; Reformen sind nicht vorangekommen<\/strong><\/p><p>Zudem ist die staatliche Rundfunk- und Fernsehanstalt kein besonders einleuchtendes Sparobjekt. Denn sie wird nicht etwa aus dem &ouml;ffentlichen Etat finanziert, sondern aus einer Geb&uuml;hr von 4 Euro 30 pro Monat, die jeder Privathaushalt &uuml;ber die Stromrechnung entrichtet, sowie aus Werbeeinnahmen. Die ERT-Rationalisierung w&auml;re also &uuml;berhaupt kein Beitrag zur Etatsanierung. Im Gegenteil: Der Staatssender macht seit 2010 kein Defizit mehr, sondern &Uuml;bersch&uuml;sse. Der Sender liegt dem Fiskus keineswegs auf der Tasche, schreibt Ferryi Batzoglu in einem <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/wirtschaft\/2013-06\/griechenland-schliessung-staatssender-ert\">lesenswerten Bericht f&uuml;r die ZEIT<\/a>. Dagegen kommt die Entlassung des ERT-Personals den Staat richtig teuer, weil die geschassten Mitarbeiter (nach Vorstellung der Regierung sollen es am Ende etwa 1500 sein) ein Anrecht auf stattliche Abfindungen haben.<\/p><p>Zum Thema einer grundlegenden Reform des Bereichs &bdquo;&ouml;ffentliche Besch&auml;ftigung&ldquo; (also &ouml;ffentlicher Dienst und staatliche bzw. halbstaatliche Unternehmen), deren Notwendigkeit auch die oppositionelle Syriza nicht bestreitet, muss noch einmal betont werden: Die Athener Regierung hat es im f&uuml;nften Jahr der Haushaltskrise noch nicht einmal geschafft, allgemeine und transparente Regeln und Mechanismen f&uuml;r die Evaluierung des Personals im &ouml;ffentlichen Sektor festzulegen, das hei&szlig;t die Voraussetzung daf&uuml;r zu schaffen, dass die seit 2010 angek&uuml;ndigten &bdquo;Reformen&ldquo; nicht nur zu Einsparungen, sondern auch zu einer qualitativen Verbesserung des Personaleinsatzes f&uuml;hren.<\/p><p>Ich werde auf dieses Thema demn&auml;chst ausf&uuml;hrlicher zur&uuml;ckkommen. Hier sei nur noch einmal zitiert, was Nikos Konstandaras bereits im Oktober 2011 in der Zeitung Kathimerini vorgebracht hat. Er schrieb damals &uuml;ber die Liste der Zusagen, die von den Athener Regierungen wiederholt gemacht und nicht eingehalten worden waren: &bdquo;&hellip; der Umbau der &ouml;ffentlichen Verwaltung, die Verbesserung der &ouml;ffentlichen Dienstleistungen, neue qualitative Bewertungskriterien, das Prinzip individueller Verantwortlichkeit &ndash; nichts wurde angepackt.&ldquo; Schon damals lautete das Fazit: &bdquo;Die Opfer der letzten beiden Jahre haben nichts gebracht.&ldquo; Inzwischen sind weitere 20 Monate ins Land gegangen, ohne dass die proklamierten Reformen vorangekommen w&auml;ren.<\/p><p>Statt einen systematischen Kampf gegen den Klientelismus zu f&uuml;hren, statt eine umfassende, vor allem qualitative Umstrukturierung des &ouml;ffentlichen Dienstes anzupacken, die zugleich eine Erh&ouml;hung und Verstetigung der Steuereinnahmen gew&auml;hrleisten w&uuml;rde, zieht Samaras es vor, seinen angeblichen &bdquo;Mut&ldquo; an der ERT zu k&uuml;hlen. Und das mit ebenso undemokratischen wie unrechtm&auml;&szlig;igen Methoden &ndash; und mit einem h&ouml;chst paradoxen Resultat: Die Rating-Agentur Moody&rsquo;s wies am Montag warnend darauf hin, dass der Konflikt um die ERT die Regierungskoalition gef&auml;hrde und das &bdquo;Risiko von Neuwahlen&ldquo; erh&ouml;he. Die von Samaras zu verantwortende Krise ist f&uuml;r Moody&rsquo;s also &bdquo;eine Gefahr f&uuml;r die erfolgreiche Umsetzung des Strukturanpassungsprogramms und f&uuml;r die wirtschaftliche Erholung des Landes&ldquo;. <\/p><p>Damit hat es der ND-Chef geschafft, den selbst formulierten Anspruch in Frage zu stellen, dass er eine erfolgreiche Krisenpolitik betrieben und Griechenland auf dem Weg zu der &ouml;konomischen Konsolidierung gebracht habe. In dem Kathimerini-Artikel nimmt Samaras f&uuml;r sich in Anspruch, das Land stabilisiert, neue Investoren gewonnen und &bdquo;die Glaubw&uuml;rdigkeit Griechenlands im Ausland&ldquo; wiederhergestellt zu haben. Der Realit&auml;tsgehalt dieser Behauptungen steht hier nicht zur Debatte (ich werde ihn in meinem n&auml;chsten Beitrag &uuml;berpr&uuml;fen). Doch wenn es diese pomp&ouml;s herausgestellten &bdquo;Errungenschaften&ldquo; wirklich g&auml;be, w&auml;ren sie hochgradig gef&auml;hrdet, wenn es in ausgerechnet in diesem Sommer &ndash; also inmitten der Touristensaison &ndash; zu Neuwahlen kommen w&uuml;rde. Darauf hat sehr deutlich EU-Kommissar Olli Rehn mit seiner Mahnung hingewiesen, eine neue Krise sei &bdquo;das Letzte, was Griechenland jetzt brauchen kann&ldquo;.<\/p><p><strong>Wurde die ERT-Abwicklung in Br&uuml;ssel oder Berlin beschlossen?<\/strong><\/p><p>Ganz zweifellos stellen griechische Neuwahlen f&uuml;r die Partner der EU und der Eurozone ein Horrorszenario dar. Damit sind wir bei der wichtigen und in Griechenland heftig diskutierten Frage, ob die ERT-Schlie&szlig;ung der Regierung Samaras durch die Troika bzw. die EU-Kommission aufgezwungen wurde. F&uuml;r diese These spricht auf den ersten Blick die Tatsache, dass ein so intelligenter Taktiker wie Samaras von allein nicht auf eine derart &bdquo;dumme&ldquo; Idee gekommen w&auml;re. Und dass die Troika nicht zum ersten Mal der Athener Regierung eine Entscheidung oktroyiert h&auml;tte, die sich als kontraproduktiv erweisen sollte.<\/p><p>Zun&auml;chst ist auszuschlie&szlig;en, dass der ERT-Plan auf der Ebene der Troika ausgeheckt wurde. Innerhalb der Troika ist das Klima zwischen der EU und dem IWF inzwischen so angespannt, dass eine Abstimmung in Detailfragen gar nicht mehr stattfindet. Der Druck auf Athen geht derzeit vor allem von der EU aus, w&auml;hrend im IWF eher &uuml;ber einen zweiten Schuldenschnitt und gewisse Milderungen des griechischen Sparprogramms nachgedacht wird. Der logische Verd&auml;chtige ist in diesem Fall also die EU-Kommission bzw. die Regierung in Berlin, die in drei Monaten wieder gew&auml;hlt werden will.<\/p><p>Die &Auml;u&szlig;erungen aus Br&uuml;ssel sind widerspr&uuml;chlich und erhellend zugleich. Offiziell hie&szlig; es von Anfang an:<\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Die Kommission hat die Schlie&szlig;ung von ERT nicht verlangt&ldquo;, allerdings bestreite man auch nicht &bdquo;die Befugnis der griechischen Regierung, den &ouml;ffentlichen Sektor zu regeln&rdquo;.<\/em><\/p><\/blockquote><p>(zitiert nach S&uuml;ddeutsche Zeitung vom 12. Juni). Die Botschaft lautet, dass die Entscheidung dar&uuml;ber, wie der geforderte und von Athen zugesagte Personalabbau im &ouml;ffentlichen Sektor (2000 Stellen bis Ende Juni, 4000 Stellen bis Ende 2013) vollzogen wird, allein bei der griechischen Regierung liege. Kommissionssprecher Olivier Bailly erkl&auml;rte dazu explizit, das &ouml;ffentliche Rundfunk- und Fernsehwesen sei eine Angelegenheit der EU-Mitgliedsstaaten und kein Gemeinschaftsthema. <\/p><p>&Auml;hnliche Unschulds-Bekenntnisse kamen aus Berlin. Aber das besagt nat&uuml;rlich wenig. Denn bei allen &Auml;u&szlig;erungen aus Br&uuml;ssel und Berlin f&auml;llt eines ins Auge: Man findet darin kein einziges Wort der Kritik an der konkreten Entscheidung der Samaras-Regierung im Hinblick auf die Gef&auml;hrdung der Pressefreiheit und des Medien-Pluralismus. Zwar rang sich Bailly ein allgemeines Bekenntnis zur &bdquo;Rolle der &ouml;ffentlichen Rundfunkanstalten&ldquo; und deren Beitrag zu &bdquo;Medienvielfalt, Medienfreiheit und Medienqualit&auml;t&ldquo; ab. Doch all die schweren Bedenken, die das Europ&auml;ische Parlament, die Journalisten-Verb&auml;nde und die NGOs artikulieren, werden auf der exekutiven Ebene der EU und der EU-Staaten offenbar nicht gesehen geschweige denn geteilt. Hier verweist man lediglich wortreich auf die Notwendigkeit des Sparens, gerade im &ouml;ffentlichen Sektor, und gratuliert der Regierung Samaras zu ihren &bdquo;Erfolgen&ldquo;, ohne das Vorgehen gegen die ERT als undemokratisch und gef&auml;hrlich zu kritisieren. Genau so hielt es Angela Merkel, als sie am Sonntag ihren Kollegen Samaras anrief und ihn darin best&auml;rkte, &ldquo;alle Vereinbarungen mit der Troika, auch die bez&uuml;glich eines reformierten &ouml;ffentlichen Dienstes, umzusetzen&ldquo;. <\/p><p>Angesichts dessen ist es keine &Uuml;berraschung, dass der Appell von EBU-Pr&auml;sident Jean-Paul Philippot an Kommissionspr&auml;sident Barroso, sich klar gegen die Liquidierung der ERT zu stellen, bislang ohne Antwort blieb. Das Schweigen zum Vorgehen der Regierung Samaras ist zwar kein Beweis f&uuml;r die konkrete Forderung, die staatlichen Sender zu schlie&szlig;en. Aber mit Sicherheit haben die EU-Kommission und die EU-Regierungen auf die ERT-Entscheidung verst&auml;ndnisvoll bis wohlwollend reagiert. Der Skandal bei den Reaktionen in Br&uuml;ssel und Berlin besteht also darin, dass die Bedrohung der Medienfreiheit und die rechtsstaatlichen Defizite (Notverordnung statt gesetzlicher Regelung) kommentarlos in Kauf genommen werden, um das geforderte Sparprogramm nicht zu gef&auml;hrden. <\/p><p><strong>Die Priorit&auml;ten sind eindeutig: Die &Ouml;konomie geht vor Rechtsstaat und Demokratie <\/strong><\/p><p>Was die Haltung der Regierung Samaras betrifft, so muss man sie als vorauseilende Erf&uuml;llung der Priorit&auml;ten verstehen, die ihr die Aufsichtsr&auml;te in Br&uuml;ssel und Berlin klar genug vorgeben. In der Athener Presse wurde ein Regierungsvertreter mit der Aussage zitiert, man habe beweisen m&uuml;ssen, dass das Land bereit sei, wie zusagt 2000 Angestellte des &ouml;ffentlichen Sektors zu entlassen. Nach dieser Quelle sah die Regierung in der Schlie&szlig;ung von ERT &bdquo;die einzige m&ouml;gliche Option&ldquo;, um die anstehende Hilfszahlung der internationalen Geldgeber in H&ouml;he von 3,3 Milliarden Euro zu gew&auml;hrleisten (Kathimerini, 16. Juni). Als weiteres Motiv vermuten Athener Beobachter, dass die Regierung ihre Partner dazu bringen will, eine Senkung des Mehrwertsteuer-Satzes f&uuml;r das Gastst&auml;tten-Gewerbe von 23 auf 13 Prozent zu genehmigen. Diese Senkung soll m&ouml;glichst noch vor der touristischen Hauptsaison wirksam werden, doch die Troika hat sie bislang noch nicht bewilligt.<\/p><p>Keine Rolle spielte beim Beschluss der Athener Regierung vom 11. Juni die Tatsache, dass einen Tag zuvor die erwartete Privatisierung des griechischen Erdgas-Unternehmens EPAP gescheitert war. Zur gro&szlig;en Entt&auml;uschung von Samaras und Stournaras war der einzige Bieter, die russische Gazprom, im letzten Moment abgesprungen. In manchen Medienberichten wurde dieser R&uuml;ckschlag f&uuml;r das griechische Privatisierungsprogramm als Ausl&ouml;ser f&uuml;r den Schlag gegen die ERT vermutet (so etwa bei SPIEGEL-online vom 13. Juni). Aber diese Theorie ist falsch, denn die ERT-Entscheidung war bereits zwei Tage vorher im engsten Zirkel um Samaras gefallen.<\/p><p><strong>Privatsender liegen auf der Lauer<\/strong><\/p><p>In Athen wird allerdings &uuml;ber ein weiteres Motiv spekuliert, das die Liquidierung der ERT erkl&auml;ren k&ouml;nnte. Die Entscheidung von Samaras w&uuml;rde vor allem die privaten Fernsehsender erfreuen, hie&szlig; es in einem Kommentar der Kathimerini vom 12. Juni. Zitiert wurde dabei der Regierungssprecher Kedikoglou. Der Verk&uuml;nder der ERT-Hinrichtung hatte noch vor zwei Jahren bei einer Debatte um die Zukunft der ERT erkl&auml;rt: &bdquo;Vom Einschrumpfen und der Abwertung der ERT profitieren private und ausl&auml;ndische Interessen, deshalb werden wir das nicht zulassen.&ldquo; In dem Kommentar wurde deutlich ausgesprochen, wer diese Interessenten sind: &bdquo;Wenn der Wert des Produkts (also der ERT) vermindert wird, dann zur gro&szlig;en Freude der Privatsender, die schon auf der Lauer liegen, um ihr Informationsmonopol zu komplettieren.&ldquo;<\/p><p>Dazu muss man wissen, dass die gro&szlig;en Privatsender in Griechenland hoch verschuldet sind und ihren Eigent&uuml;mern &ndash; h&auml;ufig Printmedien, aber auch Unternehmen in medienfernen Branchen  &ndash; seit einigen Jahren eine echte Last geworden sind. Da liegt zum Beispiel die Frage durchaus nahe, ob die von Samaras angek&uuml;ndigte neue Anstalt namens &bdquo;NERIT&ldquo; ihre Lizenz zur &Uuml;bertragung der Fu&szlig;ball-WM 2014 behalten wird. Jedenfalls kann man sich ohne weiteres vorstellen, dass die Regierung den neuen, &bdquo;billigeren&ldquo; &ouml;ffentlichen Sender anweist, die Gelder f&uuml;r die teure WM-Lizenz einzusparen, auf dass die Rechte f&uuml;r einen der Privatsender frei werden. <\/p><p>In dem Zusammenhang ist auch zu ber&uuml;cksichtigen, dass sich der digitale TV-Sender der (inzwischen privatisierten) Telefongesellschaft OTE verst&auml;rkt um Sportrechte bem&uuml;ht, um sein Internet-Angebot (IPTV) namens conn-X TV auszubauen. OTE und den etablierten Privatsendern w&uuml;rde sicher nicht st&ouml;ren, wenn die NERIT als Konkurrent um lukrative Sport&uuml;bertragungsrechte ausf&auml;llt.<\/p><p><strong>Gef&auml;hrliches Imponiergehabe gegen&uuml;ber der EU<\/strong><\/p><p>&Uuml;ber solche Implikationen der ERT-Abwicklung wird sicher bald mehr zu erfahren sein. Allerdings darf dies nicht zu dem Schluss verf&uuml;hren, dass die Entscheidung der Regierung Samaras in erster Linie von den Interessen der privaten TV-Sender bestimmt war. Das Hauptmotiv war sicher der Ehrgeiz, mit einem Schlag die Bilanz der Entlassungen im &ouml;ffentlichen Sektor zu verbessern, um damit den EU-Aufsehern zu imponieren. <\/p><p>Wenn dieser &bdquo;Erfolg&ldquo; allerdings mit einer anhaltenden Regierungskrise oder gar mit Neuwahlen erkauft w&uuml;rde, w&auml;re dies ein sehr riskantes Kalk&uuml;l. Ob Samaras und die ND bereit sind, dieses Risiko einzugehen, wird sich wahrscheinlich noch an diesem Mittwoch erweisen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit seinem Medienputsch hat es Regierungschef Samaras geschafft, nicht nur die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung gegen sich aufzubringen. <\/p>\n<p>Ganz Griechenland wartete am Montagabend auf zwei Nachrichten, die f&uuml;r die Fortsetzung des ERT-Konflikts und f&uuml;r das Schicksal der Regierung Samaras entscheidend sein sollten. Was am Ende des Tages herauskam, war nur ein weiterer Aufschub bzw. eine Verl&auml;ngerung<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17685\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[139,173,41],"tags":[423,313,907],"class_list":["post-17685","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-euro-und-eurokrise","category-griechenland","category-medienanalyse","tag-austeritaetspolitik","tag-oerr","tag-samaras-antonis"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17685","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=17685"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17685\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53094,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17685\/revisions\/53094"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=17685"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=17685"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=17685"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}