{"id":177,"date":"2005-03-30T16:45:23","date_gmt":"2005-03-30T15:45:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=177"},"modified":"2016-03-15T18:10:56","modified_gmt":"2016-03-15T17:10:56","slug":"offener-brief-an-das-diw","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=177","title":{"rendered":"Offener Brief an das DIW"},"content":{"rendered":"<p>DGB, Dieter Scholz, Bezirksvorsitzender Bezirk Berlin-Brandenburg<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Wachstumsschw&auml;che kein Kosten- sondern ein Nachfrageproblem <\/strong><\/p><p>Sehr geehrter Herr Professor Dr. Zimmermann, <\/p><p>in der vergangenen Woche hat das DIW gemeinsam mit dem IW und dem HWWA ein Drei-Punkte-Programm vorgestellt, das die Wachstumsbedingungen der deutschen Volkswirtschaft verbessern soll. Die Vorschl&auml;ge der Institute sind, mit Verlaub, ein Griff in die angebotspolitische Mottenkiste. Die Ursachen von Wachstumsschw&auml;che und Arbeitslosigkeit werden weiterhin in einer angeblich zu hohen Regulierungsdichte von Arbeits- und Produktm&auml;rkten sowie zu hohen Arbeitskosten gesehen. Das nun auch das DIW in den Kanon einer radikalisierten Angebotspolitik einstimmt, bringt eine bedauernswerte Entwicklung zum Ausdruck: Die wirtschaftswissenschaftliche Institutslandschaft in Deutschland droht zu einer wirtschaftsliberalen Monokultur zu werden. Ihre Rezepte werden den Krankheitszustand des Patienten noch weiter verschlechtern. <\/p><p>Die Analyse der Institute weist meiner Ansicht nach grundlegende Schw&auml;chen auf. <\/p><p>Die Kosten stellen f&uuml;r gro&szlig;e Teile der deutschen Wirtschaft kein Problem dar. Die angebotsseitigen Investitionsbedingungen sind gegenw&auml;rtig als optimal zu bezeichnen. Die unternehmerische Gewinn- und Finanzierungssituation sowie die preisliche Wettbewerbsf&auml;higkeit sind herausragend. Die Gewinne der Dax-30-Unternehmen stiegen im vergangenen Jahr um mehr als 60 %. Die Bundesrepublik eilt von einem Rekordhandels&uuml;berschuss zum anderen. Nur in Japan sind die L&ouml;hne in den letzten zehn Jahren noch geringer gestiegen als in Deutschland. Die Unternehmen investieren nicht aufgrund zu hoher Kosten oder zu umfangreicher Regulierung, sondern wegen der schlechten Absatzaussichten. Seit vier Jahren stagniert nun schon der private Verbrauch, weil die Kaufkraft der Arbeitnehmer zu gering ist. <\/p><p>Die j&uuml;ngsten Arbeitsmarktreformen werden weder das Wirtschaftswachstum noch die Besch&auml;ftigung ankurbeln. Auch die geforderte Reform der Unternehmenssteuer wird die Investitionst&auml;tigkeit nicht ankurbeln. In diesem Zusammenhang ist es wichtig herauszustellen, dass es keinen systematischen Zusammenhang zwischen Steuerund Abgabensystemen und der Wachstums- und Besch&auml;ftigungsentwicklung einer Volkswirtschaft gibt. Der Zusammenhang &bdquo;niedrigere Steuern gleich mehr Investitionen&ldquo; l&auml;sst sich insbesondere f&uuml;r Deutschland widerlegen. Im Zeitraum von 1990 bis 2003 sank die Steuerbelastung der Unternehmen und Verm&ouml;gensbesitzer um 6 Prozentpunkte auf aktuell 16 %. Mehr Investitionen wurden dadurch nicht in Gang gesetzt. Die Bruttoanlageinvestitionen stagnierten. <\/p><p>Die entscheidenden Stellschrauben f&uuml;r Wachstum und Besch&auml;ftigung befinden sich vielmehr im Bereich der Geld-, Finanz- und Lohnpolitik. Ohne eine Renaissance makro&ouml;konomischer Politik werden wir weiterhin auf der Stelle treten. <\/p><p>Die Wachstumsschw&auml;che ist wirtschaftspolitisch mit verursacht. Im Euroraum tritt die Europ&auml;ische Zentralbank und in Deutschland die nationale Finanzpolitik auf die Wachstumsbremse. Das Argument, dass Letzterer aufgrund von Schuldenturm, Zinslast und Stabilit&auml;tspakt die H&auml;nde gebunden sind, ist nicht zugkr&auml;ftig. Der Pakt wird gerade reformiert und die nationale Sparpolitik hat die Staatsverschuldung erst erh&ouml;ht. Der historische R&uuml;ckgang der &ouml;ffentlichen Investitionen auf 1,4 % des Bruttoinlandproduktes dokumentiert die Dramatik der Situation. Von der Finanzpolitik gehen keine Wachstumsimpulse mehr aus. Eine deutliche Aufstockung der &ouml;ffentlichen Investitionen in Bildung, F&amp;E und &ouml;kologische Modernisierung ist dringend geboten. <\/p><p>Die Europ&auml;ische Zentralbank hat im Abschwung 2000\/2001 zu z&ouml;gerlich die Zinsen gesenkt und damit die L&auml;nge der Wirtschaftskrise mit verantwortet. Da hilft es dann auch nicht mehr, wenn heute darauf verwiesen wird, dass die Zinsen doch niedrig sind. Aktuell nimmt die EZB die Euroaufwertung passiv hin ohne zinspolitisch oder auf den Devisenm&auml;rkten zu intervenieren. Da es im Euroraum aktuell keine Inflationsgefahr gibt &ndash; in Deutschland drohen eher deflation&auml;re Gefahren &ndash; spricht eigentlich nichts gegen eine weitere Leitzinssenkung. <\/p><p>Die deutsche Lohnentwicklung ist eine weitere wesentliche Ursache f&uuml;r die schwache Binnennachfrage. Der verteilungsneutrale Spielraum (Produktivit&auml;tsanstieg plus Inflation) konnte in den letzten zehn Jahren nur noch zweimal (1995 und 1999) ausgesch&ouml;pft werden. Die Gewerkschaften haben vor dem Hintergrund der Zunahme geringf&uuml;giger Besch&auml;ftigung, r&uuml;ckl&auml;ufiger Tarifbindung, der verst&auml;rkten Inanspruchnahme tariflicher &Ouml;ffnungsklauseln, dem Abbau &uuml;bertariflicher Leistungen immer geringeren Einfluss auf die Lohnentwicklung. Tariflohn- und Effektivlohnentwicklung driften zunehmend auseinander. Die realen Nettol&ouml;hne und &ndash;geh&auml;lter sind im Durchschnitt der letzten 10 Jahre r&uuml;ckl&auml;ufig. <\/p><p>Obwohl sich die wirtschaftswissenschaftliche Zunft &uuml;ber die schwache Binnennachfrage offenkundig bewusst zu sein scheint, bleiben die politischen Empfehlungen erstaunlich erkenntnisresistent einseitig auf die St&auml;rkung der Angebotsbedingungen ausgerichtet. <\/p><p>Das DIW war hier in der Vergangenheit oftmals eine schon im Sinne der demokratisch notwendigen Meinungsvielfalt wohltuende Ausnahme. Um so bedauerlicher w&auml;re es nach meiner Ansicht, wenn dieser Kurs der Eigenst&auml;ndigkeit nun sukzessive zugunsten einer Anpassung an den &ouml;konomischen Mainstream aufgegeben w&uuml;rde. <\/p><p>Im Sinne eines konstruktiven Dialoges w&uuml;rde ich mich &uuml;ber eine Antwort freuen. <\/p><p>Mit freundlichen Gr&uuml;&szlig;en <\/p><p>Dieter Scholz<br>\nVorsitzender des DGB, Bezirk Berlin-Brandenburg\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DGB, Dieter Scholz, Bezirksvorsitzender Bezirk Berlin-Brandenburg <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[35,109,30],"tags":[423,290,517,519,319,312],"class_list":["post-177","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aufbau-gegenoeffentlichkeit","category-gewerkschaften","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-austeritaetspolitik","tag-binnennachfrage","tag-dgb","tag-diw","tag-lohnentwicklung","tag-reformpolitik"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/177","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=177"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/177\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32171,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/177\/revisions\/32171"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=177"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=177"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=177"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}