{"id":17700,"date":"2013-06-20T09:46:01","date_gmt":"2013-06-20T07:46:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17700"},"modified":"2015-08-09T09:23:39","modified_gmt":"2015-08-09T07:23:39","slug":"neue-banken-braucht-das-land","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17700","title":{"rendered":"Neue Banken braucht das Land"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/westendverlag.de\/westend\/buch.php?p=89\">&bdquo;Wie viel Bank braucht der Mensch?&ldquo;<\/a>, so lautet der Titel von Thomas Frickes neuem Buch. Was sich auf den ersten Blick wie eine Mischung aus Ratgeberliteratur und Hochglanzprospekt der Commerzbank anh&ouml;rt, hat es jedoch in sich. Hinter dem eher spr&ouml;den Titel verbirgt sich nicht nur ein Leitfaden zur Regulierung des Finanzsystems, sondern nebenbei auch noch eine grandiose Analyse des Scheitern des Dogmas effizienter Finanzm&auml;rkte. F&uuml;r die Qualit&auml;t des Buches steht schon der Name Thomas Fricke, der als Journalist und ehemaliger &bdquo;Chef&ouml;konom&ldquo; der Financial Times Deutschland regelm&auml;&szlig;igen Lesern unserer Hinweise des Tages sicherlich ein Begriff sein d&uuml;rfte. Von Jens Berger<br>\n<!--more--><br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 10px\" src=\"http:\/\/www.spiegelfechter.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/9783864890369_large.jpg\" border=\"1\" width=\"200\" height=\"311\" alt=\"\">Die Welt k&ouml;nnte so sch&ouml;n sein, wenn Milton Friedman doch nur Recht behalten h&auml;tte. Milton Friedman, der heute als Vordenker des Neoliberalismus gilt, war fest beseelt von der Idee, dass eine Entfesselung des Finanzsystems die westliche Welt in eine so noch nie dagewesene andauernde Phase des Wohlstands kapitulieren w&uuml;rde. Leider hatte Friedman jedoch auf ganzer Ebene unrecht. Wie Thomas Fricke im ersten Teil seines Buches in aller notwendigen Ausf&uuml;hrlichkeit darlegt, haben sich Friedmans Versprechungen in ihr exaktes Gegenteil verwandelt. Auch f&uuml;r Leser, die bereits mit der Grundthematik vertraut sind, bietet Fricke dabei stets ein paar interessante und durchaus nicht marktkonforme Gedankeng&auml;nge, die man nicht unbedingt jeden Tag in der Zeitung liest, die aber dennoch auf der Hand liegen. <\/p><p>Die M&auml;rkte, die Fricke beschriebt, sind weder effizient, noch selbstregulierend oder gar allwissend. Stattdessen seien sie vom Herdentrieb und prozyklischem Verhalten charakterisiert. Wohltuend in Frickes Analyse ist, dass seine Kritik nicht an der Oberfl&auml;che bleibt und das menschliche Versagen einiger Finanzhasardeure oder gar die Gier als Hauptverantwortliche an den Pranger stellt, wie es andere Analysten gerne tun. Frickes Kritik trifft den Glauben an effiziente Finanzm&auml;rkte und das &bdquo;Schw&auml;bische-Hausfrauen-Theorem&ldquo; (Fricke) vielmehr im Kern. <\/p><blockquote><p>Auch hier ist nach 30 Jahren der Saldo f&uuml;r uns alle wohl negativ: Ohne Finanzglobalisierung w&auml;re seit den 80er Jahren mehr und sinnvoller investiert worden, nicht weniger und in Potemkinsche D&ouml;rfer. Ohne die immer grotesker hochgeschraubten Renditen auf Finanzanlagen w&auml;re mangels Alternative mehr Geld in vern&uuml;nftigere Investitionen geflossen. Das h&auml;tte mehr Arbeitspl&auml;tze und Wachstum geschaffen, und es g&auml;be weniger Arbeitslose. (&hellip;)<br>\nEs braucht schon eine Portion Urvertrauen in die magischen Heilungs- und Steuerungskr&auml;fte freier M&auml;rkte, um all das nach 30 Jahren Finanzglobalisierung trotzdem noch sinnvoll im Sinne aller zu finden.<br>\n<em>Thomas Fricke &ndash; &bdquo;Wie viel Bank braucht der Mensch?&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Wie der Titel des Buches bereits suggeriert, bel&auml;sst es Fricke jedoch nicht bei der Analyse, sondern formuliert im zweiten Teil des Buches eine Reihe von Punkten, anhand derer die Gesellschaft die M&auml;rkte wieder an die Kette legen kann und die Banken auf ihre eigentliche Funktion zu reduzieren &ndash; n&auml;mlich, der Gesellschaft zu dienen. Das h&ouml;rt sich gut an, nur wie l&auml;sst sich dies bewerkstelligen?<\/p><p>Aufbauend auf seiner Analyse des status quo unterzieht der Autor zahlreiche Vorschl&auml;ge f&uuml;r eine Finanzmarktreform seinem eigenen Stresstest. Auch hierbei ist es sehr erfreulich, dass Fricke sich nicht vom Mainstream treiben l&auml;sst und zahlreichen popul&auml;ren Vorschl&auml;gen, wie der Boni-Regelung f&uuml;r Banker, die Luft herausl&auml;sst. <\/p><blockquote><p>Es sollte eher darum gehen, die Grundlogik zu brechen und daf&uuml;r zu sorgen, dass erst gar nicht solche irren Summen entstehen k&ouml;nnen. Dann verschw&auml;nde auch die Basis daf&uuml;r, so ungew&ouml;hnliche Boni zahlen zu k&ouml;nnen. Die Sonderzahlungen gesetzlich zu begrenzen, kommt eher einem Kurieren an Symptomen gleich.<br>\nThomas Fricke &ndash; &bdquo;Wie viel Bank braucht der Mensch?&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Das h&ouml;rt sich alles schneidig an und stimmt ja auch. Leider verliert der Autor jedoch einen Teil seines Schneids, wenn es darum geht, konkrete Ma&szlig;nahmen f&uuml;r eine Finanzmarktregulierung auf den Tisch zu legen. Neben ein paar &bdquo;hilfreichen&ldquo; Reformen, wie beispielsweise dem &bdquo;auf Ma&szlig; stutzen&ldquo; der Ratingagenturen formuliert Thomas Fricke f&uuml;nf notwendige Reformziele &hellip;<\/p><ol type=\"A\">\n<li>die Ausschl&auml;ge des Herdentriebs sp&uuml;rbar d&auml;mpfen;<\/li>\n<li>den Kr&auml;ften der gef&auml;hrlichen Prozyklik entgegenwirken und sie umkehren;<\/li>\n<li>das unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig hohe Renditepotenzial von Finanzanlagen senken, um die Geldstr&ouml;me so in die Realwelt umzuleiten;<\/li>\n<li>die enormen Gef&auml;lle bei Einkommen und Verm&ouml;gen abbauen helfen &ndash; was zu soliderem Wachstum f&uuml;hrt;<\/li>\n<li>und Mittel f&uuml;r die Realwirtschaft frei machen, die bisher in der Sph&auml;re der Finanzzauberei gebunden waren.<\/li>\n<\/ol><p>&hellip; aus denen er ein &bdquo;5+ S&auml;ulenmodell&ldquo; zur Finanzmarktreform herleitet:<\/p><ol>\n<li>Eine Finanztransaktionssteuer als Grundausstattung, um Wogen und Treiben an den M&auml;rkten zu bremsen.<\/li>\n<li>Ein neues Weltw&auml;hrungssystem, das die guten wie schlechten Erfahrungen der Nachkriegszeit ber&uuml;cksichtigt.<\/li>\n<li>Ein Stoppmechanismus f&uuml;r Exzesse beim Handel mit Staatsanleihen &ndash; nach dem Leitmotto: Mit Demokratie spielt man nicht.<\/li>\n<li>Ein Kapriolenschutz f&uuml;r Rohstoffm&auml;rkte &ndash; nach dem Grundsatz: Mit Essen spielt man auch nicht.<\/li>\n<li>Und vor allem ein System automatischer Korrekturen als Mittel gegen gef&auml;hrliche Euphorie- und Panikattacken &ndash; und Ersatz f&uuml;r die fehlende stabilisierende Spekulation.<\/li>\n<li>5+: Dazu eine Bonusreform f&uuml;r Geldh&auml;ndler &ndash; zur Sicherheit.<\/li>\n<\/ol><p>Gegen keine dieser S&auml;ulen ist dabei etwas einzuwenden und es w&auml;re sicher bereits ein sehr gro&szlig;er Schritt, sollte &ndash; rein hypothetisch &ndash; ein solches Modell dereinst verabschiedet werden. Unverst&auml;ndlich ist jedoch, warum den Autor bei seinem S&auml;ulenmodell pl&ouml;tzlich der Mut verl&auml;sst. So geht Fricke beispielsweise &uuml;berhaupt nicht auf die nicht eben unwichtige Frage ein, ob Banken denn &uuml;berhaupt in Privatbesitz verbleiben sollten oder es &ndash; nicht zuletzt als Lehre aus den vergangenen Krisen &ndash; nicht vielleicht sinnvoller sei, das klassische Banking, also die Vermittlung von Spareinlagen an Kreditnehmer aus der Realwirtschaft, zu einer &ouml;ffentlichen Aufgabe zu machen. Denn dort wo Profit- und Renditestreben im Finanzsystem fortexistieren, werden sie auch immer einen Weg finden, sich von den regulatorischen Fesseln zu befreien. <\/p><p>Daher sollte auch die von Thomas Fricke lediglich als &bdquo;hilfreiche Reform&ldquo; bezeichnete Trennung zwischen Investment- und Gesch&auml;ftsbanken mehr Beachtung finden. Eine der wichtigsten Ursachen der letzten Krisen, das schreibt auch Fricke, war schlie&szlig;lich die enorme Hebelung (Leverage) von Eigen- durch Fremdkapital. Wer diese Hebelung entsch&auml;rfen will, befindet sich jedoch schnell in einem Dilemma wieder, da ein generelles &bdquo;Deleveraging&ldquo; auch die Kreditvergabe an die Realwirtschaft treffen w&uuml;rde. Fricke schl&auml;gt daher variable Eigenkapitalquoten vor, mit denen die &bdquo;gute&ldquo; Kreditvergabe attraktiver gemacht werden soll.<\/p><p>Doch warum so kompliziert? Was spricht gegen eine klare Zweiteilung des Bankensystems? Auf der einen Seite die kleinen, &ouml;ffentlichen Gesch&auml;ftsbanken, die Kundeneinlagen entgegennehmen d&uuml;rfen und die Wirtschaft mit Krediten versorgen. Diese Gesch&auml;ftsbanken k&auml;men mit einer vergleichsweise geringen Eigenkapitalquote zurecht und h&auml;tten zudem &ndash; als einzige Banken im System &ndash; Zugriff auf das Kreditfenster der Notenbanken. Auf der anderen Seite g&auml;be es dann die Investmentbanken, die gerne unter Einhaltung Frickes 5+S&auml;ulenmodells mit &bdquo;Finanzinnovationen&ldquo; spekulieren d&uuml;rfen, daf&uuml;r aber eine Eigenkapitalquote von 100% vorhalten m&uuml;ssten und keinen Zugriff auf Mittel der Notenbank haben. Selbstredend m&uuml;ssen beide Sektoren streng voneinander getrennt werden, eine Kreditvergabe von Gesch&auml;fts- an Investmentbanken muss verboten sein. Mit einem solchen &ndash; sicherlich sehr ambitionierten &ndash; Modell w&auml;re es selbst den Houdinis von der Wall Street nicht m&ouml;glich, einen neuen, destruktiven Finanzkapitalismus zu entfesseln.<\/p><p>Auch wenn man sich im zweiten Teil des Buches stellenweise w&uuml;nscht, der Autor h&auml;tte mehr &bdquo;Cojones&ldquo;, so ist dies keine grundlegende Kritik am Buch. Man muss schlie&szlig;lich realistisch bleiben. Was nutzen die besten Gedanken, wenn sie sich politisch nicht umsetzen lassen? Frickes 5+-S&auml;ulenmodell hat den gro&szlig;en Vorteil, dass es sich ohne weiteres umsetzen lie&szlig;e, wenn &ndash; ja wenn &ndash; der politische Willen vorhanden w&auml;re. Was Thomas Fricke vorschl&auml;gt, ist keine finanzesoterische Spinnerei, kein Tagtraum, sondern eine fundierte &ouml;konomische Alternative, keine Revolution, sondern eine Evolution. <\/p><p>Sollten Sie also in Ihrem Sommerurlaub keine Lust darauf haben, seichte Krimis oder Historienromane mit in den Urlaub zu nehmen, w&auml;re &bdquo;Wie viel Bank braucht der Mensch?&ldquo; sicher eine gute Wahl. Es w&auml;re jedoch von Vorteil, wenn Sie dabei bereits &uuml;ber Grundkenntnisse der Materie verf&uuml;gen. Fricke schreibt unterhaltsam und kompakt, mit langen Einf&uuml;hrungen ins Thema gibt er sich jedoch nicht ab. F&uuml;r Interessierte ist dies ein gro&szlig;er Vorteil, da man schnell zum Wesentlichen durchdringt. Einsteiger d&uuml;rften jedoch mit einigen Analysen &uuml;berfordert sein.<\/p><p><em>&bdquo;Wie viel Bank braucht der Mensch? Raus aus der verr&uuml;ckten Finanzwelt&ldquo; ist im Westend-Verlag <a href=\"http:\/\/westendverlag.de\/westend\/buch.php?p=89\">erschienen<\/a> und kostet in gebundener Form 19,99 Euro.<\/em><\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/0b740a54fea24780ae99d58de2acfccd\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/westendverlag.de\/westend\/buch.php?p=89\">&bdquo;Wie viel Bank braucht der Mensch?&ldquo;<\/a>, so lautet der Titel von Thomas Frickes neuem Buch. Was sich auf den ersten Blick wie eine Mischung aus Ratgeberliteratur und Hochglanzprospekt der Commerzbank anh&ouml;rt, hat es jedoch in sich. 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