{"id":17721,"date":"2013-06-21T15:52:55","date_gmt":"2013-06-21T13:52:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17721"},"modified":"2019-07-05T10:59:16","modified_gmt":"2019-07-05T08:59:16","slug":"griechenland-regierungskoalition-bricht-uber-die-ert-krise-zusammen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17721","title":{"rendered":"Griechenland: Regierungskoalition bricht \u00fcber die ERT-Krise zusammen"},"content":{"rendered":"<p>Nach der dritten Verhandlungsrunde &uuml;ber die ERT-Krise zwischen den Spitzen der drei Koalitionsparteien, die gestern Abend in Athen zu Ende ging, steht Griechenland vor einer &bdquo;halben&ldquo; Regierungskrise. Der kleinste Koalitionspartner, die linkssozialdemokratische Dimar, zieht die von ihr nominierten Minister und Vize-Minister (insgesamt vier Personen) zur&uuml;ck und scheidet damit aus der Regierung Samaras aus. Weil die Pasok nach Aussage ihres Vorsitzenden Venizelos diesen Schritt nicht mit vollzieht, schrumpft die Dreier- zu einer Zweiter-Koalition aus Nea Dimokratia und Pasok entgegen. Von <strong>Niels Kadritzke<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nNachdem die Fraktion der Dimar die Entscheidung von Parteif&uuml;hrer Fotis Kouvelis best&auml;tigt hat, sind Samaras und Venizelos bereits am heutigen Nachmittag zu Gespr&auml;chen &uuml;ber die Zusammensetzung der &bdquo;neuen&ldquo; Regierung und &uuml;ber eine &bdquo;Aktualisierung&ldquo; des Koalitionsvertrags zusammen gekommen. Offen ist derzeit noch, ob Pasok-Chef Venizelos selbst als Vize-Regierungschef in das Kabinett Samaras eintreten wird.<\/p><p>Auch die um die Dimar reduzierte Koalition h&auml;lt im Parlament noch eine knappe Mehrheit von 153 der 300 Sitze. Da ND-Chef Samaras weiterhin Ministerpr&auml;sident bleibt, muss er sich auch keinem neuen Vertrauensvotum des Parlaments stellen; ein f&auml;lliges Misstrauensvotum der Oppositionsparteien d&uuml;rfte die neue Regierung &uuml;berstehen, da sie auch auf die Stimmen mehrerer fraktionslose Abgeordnete (vormals ND bzw. Pasok) z&auml;hlen kann.<\/p><p>Diese Entwicklung kommt deshalb unerwartet, weil die beiden Juniorpartner Pasok und Dimar mit abgestimmten, identischen Positionen in die Koalitionsrunde vom Donnerstagabend gegangen waren. Beide forderten, dass s&auml;mtliche ERT-Programme wieder auf Sendung gehen, was technisch wie redaktionell nur mit dem alten Personal denkbar ist. Beide bekannten sich aber auch zu einer tiefgreifenden Reform der staatlichen Sendeanstalt, bis zu deren Verabschiedung diese jedoch voll weiter funktionieren m&uuml;sse. Zudem hatte Venizelos noch vor dem Spitzentreffen gegen&uuml;ber Samaras telefonisch erkl&auml;rt, f&uuml;r die Pasok sei keine Regierung ohne die Dimar denkbar (Kathimerini-online vom 20. Juni).<\/p><p>Am Donnerstagabend hat Samaras die beiden kleinen Parteien dann offenbar mit einem Kompromissplan auseinander dividiert. Dieser sah vor, dass f&uuml;r den &bdquo;vorl&auml;ufigen&ldquo; Weiterbetrieb der Sender, der ohnehin durch das Oberste Verwaltungsgericht verf&uuml;gt worden war (siehe <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17685\">meinen Bericht vom 19. Juni<\/a>), ein Gro&szlig;teil der alten ERT-Belegschaft verantwortlich sein sollte, die daf&uuml;r zeitlich begrenzte Arbeitsvertr&auml;ge erhalten sollte. Eine Zahl enthielt der Plan nicht, doch nach Presseberichten soll Samaras im Lauf des Abends sein &bdquo;Angebot&ldquo; von 1.000 auf rund 2.000 Besch&auml;ftigte erh&ouml;ht haben. Das w&uuml;rde bedeuten, dass knapp 80 Prozent der 2.670 ERT-Mitarbeiter vor&uuml;bergehend ihre Arbeit fortsetzen k&ouml;nnten &ndash; wenn auch bereits unter einem neuen Tr&auml;ger. Dieses Konstruktion hat Kouvelis offenbar zur&uuml;ckgewiesen, w&auml;hrend Venizelos sie geschluckt hat &ndash; mit der bemerkenswerten Begr&uuml;ndung, die Pasok lehne es ab, mit fl&uuml;chtigen Erfolgen (die Griechen haben daf&uuml;r den Ausdruck: L&ouml;cher im Wasser) kurzfristig Eindruck zu schinden. Wobei daran zu erinnern ist, dass die Pasok noch tags zuvor die Schlie&szlig;ung der ERT als Problem der Demokratie und der Medienvielfalt gesehen hatte.<\/p><p>Wie sich das Zerbrechen der alten Koalition auf die Parteienlandschaft auswirkt, wird sich nicht so schnell feststellen lassen, weil die Neubildung der Regierung vorzeitige Neuwahlen zun&auml;chst verhindert. Neuwahlen wollten im &uuml;brigen alle alten Regierungspartien vermeiden &ndash; also auch die Dimar, die offen l&auml;sst, ob sie im Parlament bei bestimmten Entscheidungen f&uuml;r die Regierung stimmt oder nicht. Die meisten Athener Beobachter gehen davon aus, dass selbst die gr&ouml;&szlig;te Oppositionspartei Syriza, die seit sechs Monaten in den Umfragen stets Kopf an Kopf mit der Nea Dimokratia liegt (und nur im Gefolge der Zypern-Krise zeitweilig hinter die ND zur&uuml;ckgefallen war), an Neuwahlen kein Interesse hat. Ihr steht im Juli ein Parteitag bevor, der zugleich eine schwierige Neugeburt als integrierte Volkspartei bringen soll, mit dem die Autonomie der einzelnen Fraktionen des alten &bdquo;B&uuml;ndnisses&ldquo; stark eingeschr&auml;nkt wird. <\/p><p>Auf diesem Parteitag werden auch die inneren Differenzen zutage treten, die der Parteivorsitzende Alexis Tsipras zu moderieren versucht. Dazu geh&ouml;rt auch die Euro-Frage, die auf die Tagesordnung der Linken zur&uuml;ckgekehrt ist: Seit der Zypern-Krise zeigen die Umfragen, dass die Mehrheit der Syriza-W&auml;hler die griechische Euro-Zugeh&ouml;rigkeit ablehnt &ndash; nachdem Tsipras und die &ouml;konomischen Experten der Partei seit Herbst 2012 bem&uuml;ht waren, alle Welt von ihrer Euro-Treue zu &uuml;berzeugen. <\/p><p>Auf diese und andere Problemen der Syriza werde ich zur&uuml;ck kommen, wenn ich in einem folgenden Artikel die wirtschaftliche Situation Griechenlands und den Realit&auml;tsgehalt der &bdquo;Erfolgsgeschichte&ldquo; untersuchen werde, die der griechische Regierungschef rastlos und nicht ganz erfolglos im Inland wie auf seinen Reisen verbreitet. Hier sei nur darauf hingewiesen, dass die europ&auml;ischen Partner, die der Samaras-Erfolgsstory zumindest nicht widersprechen, dem Braten offenbar nicht so recht trauen. Das erkl&auml;rt zu einem erheblichen Teil ihren Horror vor Neuwahlen, die sie ebenso wenig w&uuml;nschen wie die griechischen Politiker.<\/p><p>Eine neue Regierung Samaras-Venizelos, deren Zusammensetzung n&auml;chste Woche feststehen wird, steht vor gewaltigen Problemen. Das gr&ouml;&szlig;te Problem ist ihre mangelnde Glaubw&uuml;rdigkeit als &bdquo;Sauberm&auml;nner&ldquo;, die jetzt versprechen, das Land zu retten, nachdem sie mit ihrer unausrottbaren Klientelpolitik die Gesellschaft und ihren &ouml;ffentlichen Sektor &ndash; gemeinsam und in problemversch&auml;rfender  Konkurrenz &ndash; in die Krise gesteuert haben. Dabei hat die neue-alte Regierung gerade mit ihrer brachialen &bdquo;Bew&auml;ltigung&ldquo; des Problemfalls ERT demonstriert, dass ihr jedes Gesp&uuml;r daf&uuml;r abgeht, wie man die Gesellschaft von den notwendigen Reformen &uuml;berzeugen oder sogar daf&uuml;r aktivieren kann.<\/p><p>Zun&auml;chst steht die Regierung aber vor einem akuten Problem, das sie in den unmittelbar anstehenden Verhandlungen mit der Troika l&ouml;sen muss. Es geht darum, bis Ende Juli ein neues &bdquo;Loch&ldquo; zu schlie&szlig;en, das im griechischen Finanzierungsprogramm entstanden ist und das zwei verschiedene Ursachen hat. Zum ersten die L&uuml;cke von etwa zwei Mrd. Euro, die dadurch entstanden ist, dass mehrere europ&auml;ische Banken sich weigern, f&auml;llig werdende griechische Bonds durch neue Bonds abzul&ouml;sen (eine sog. Rollover-Operation). Zum zweiten die L&uuml;cke bei den erwarteten Privatisierungsgewinnen, die durch den R&uuml;ckzug der russischen Gazprom vom Kauf der staatlichen Anteile des Erdgas-Unternehmens DEPA entstanden ist. Auf beide Themen &ndash; und insbesondere auf die Illusionen und Denkfehler in Bezug auf das gesamte Privatisierungsprogramm &ndash; werde ich demn&auml;chst ausf&uuml;hrlicher eingehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach der dritten Verhandlungsrunde &uuml;ber die ERT-Krise zwischen den Spitzen der drei Koalitionsparteien, die gestern Abend in Athen zu Ende ging, steht Griechenland vor einer &bdquo;halben&ldquo; Regierungskrise. Der kleinste Koalitionspartner, die linkssozialdemokratische Dimar, zieht die von ihr nominierten Minister und Vize-Minister (insgesamt vier Personen) zur&uuml;ck und scheidet damit aus der Regierung Samaras aus. 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