{"id":17758,"date":"2013-06-25T15:58:07","date_gmt":"2013-06-25T13:58:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17758"},"modified":"2019-07-05T10:58:46","modified_gmt":"2019-07-05T08:58:46","slug":"wie-geht-es-eigentlich-den-russischen-oligarchen-in-zypern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17758","title":{"rendered":"Wie geht es eigentlich den russischen Oligarchen in Zypern?"},"content":{"rendered":"<p>Wir erinnern uns, wie speziell die deutsche Regierung mit dem Oligarchen-Argument Stimmung gemacht hat. Sie lie&szlig; sogar den BND &ndash; eigentlich nicht als Sitz von &ouml;konomischem Sachverstand bekannt &ndash; eine &bdquo;Analyse&ldquo; anfertigen, die aus Zeitungsberichten herausfilterte, was &uuml;ber die Russengelder bekannt war. Denen sollte hinfort der Spa&szlig; an ihren Anlagen im zypriotischen OFS verdorben werden &ndash; angeblich, um den gesunden Kern des Bankensystems eines Euro-Mitgliedsstaats zu retten.<br>\nDer deutsche Steuerzahler soll nicht f&uuml;r Flucht- und Schwarzgelder russischer Oligarchen einstehen, lautete das Argument vor der Rosskur der Eurozonen-Finanzminister vom 18. M&auml;rz 2013. Nach der Kur haben wir das Bild, das Harald Schumann zeichnet: gesunde Mittelstandsunternehmen unverschuldet am Rande der Pleite, die (westlichen) Anleger l&auml;ngst &uuml;ber alle Berge, und die (&ouml;stlichen) Oligarchen als k&uuml;nftige Herrscher &uuml;ber die gr&ouml;&szlig;te Bank der Inselrepublik. Wie konnte das geschehen?<br>\nEinige &Uuml;berlegungen im Anschluss an den h&ouml;chst aufschlussreichen <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/wirtschaft\/finanzlage-in-zypern-wirtschaft-im-freien-fall\/8394824.html\">Bericht von Harald Schumann<\/a>. Die Pointe schlechthin hat er sich f&uuml;r den Schluss aufgehoben. Wie geht es eigentlich &bdquo;den Russen&ldquo; in Zypern, die uns im Vorfeld der EU-als tiefste Wurzel des &Uuml;bels namens &bdquo;Offshore Financial Sector&ldquo; (OFS) dargestellt wurde? Von <strong>Niels Kadritzke<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nDas beschlossene Sanierungskonzept eines &bdquo;bail-in&ldquo;, also eines &bdquo;haircut&ldquo; bei den Einlagen von mehr als 100 000 Euro, funktioniert wie folgt: 30 Prozent der Einlagen bei den beiden gr&ouml;&szlig;ten Banken Bank of Cyprus (BoC) und Laiki Trapeza (inzwischen liquidiert) wurden eingefroren (also letztlich gestrichen), w&auml;hrend 37,5 Prozent in Aktien der (vorerst geretteten) BoC umgewandelt wurden. F&uuml;r die restlichen 22,5 Prozent ist noch nicht entschieden, was mit ihnen geschieht, aber die Experten glauben, dass auch sie in Anteile an der Bank umgewandelt werden, da die Bank anders nicht zu retten sein wird. Das bedeutet, dass auf einen Schlag eine neue Klasse von Aktion&auml;ren geschaffen wurde. Der Anteil russischer Staatsb&uuml;rger (bzw. von Russen mit zypriotischer Staatsb&uuml;rgerschaft) an dieser Gruppe wird &ndash; je nach dem Prozentsatz der ausgegebenen Aktien &ndash; auf 50 bis 60 Prozent gesch&auml;tzt. Das hei&szlig;t, dass &bdquo;die Russen&ldquo; bei den anstehenden Wahlen einer neuen Gesch&auml;ftsf&uuml;hrung der BoC im September ihre Interessen durchsetzen k&ouml;nnen. Wobei man wissen muss, dass schon vor der Krise ein Zehntel der BoC-Aktien dem russischen Oligarchen Dmitri Rybolowlew geh&ouml;rte (der seine prominenteste Investition nicht in Zypern, sondern in Monaco get&auml;tigt hat: Ende 2011 hat er zwei Drittel der Anteile &ndash; und das Pr&auml;sidentenamt &ndash; des Fu&szlig;ballklubs AS Monaco gekauft, der mit Hilfe des Milliard&auml;rs zu den Topklubs Europas aufsteigen will).<\/p><p>Die russische Fraktion wird innerhalb der Bank of Cyprus nicht unbedingt direkt auftreten. Vielmehr werden die Oligarchen, wie die Zeitung Politis am 16. Juni schrieb, &bdquo;das Kommando mittels der gro&szlig;en Anwaltskanzleien aus&uuml;ben&ldquo;, die seit langem die Gesch&auml;fte der russischen Anleger im Offshore-Finanzsektor f&uuml;hren. Den wachsenden russischen Einfluss auf die Geschicke der BoC hat Pr&auml;sident Nikos Anastassiadis am 19. Juni in einem Interview mit dem russischen Wirtschaftssender RBC (Russian Business Chanel) best&auml;tigt, als er meinte, die russischen Einleger w&uuml;rden einen &bdquo;ziemlich gro&szlig;en Teil des Bankkapitals&ldquo; erhalten und daher eine &bdquo;gewisse Kontrolle &uuml;ber die Bank of Cyprus&ldquo; &uuml;bernehmen. Wie die Regierung die Zukunft der BoC einsch&auml;tzt, zeigt auch die Tatsache, dass sie im Mai bei der Suche nach einem neuen Chef der Bank dem bereits gew&auml;hlten Kandidaten Michalis Kolakidis lediglich einen Vier-Monats-Vertrag anzubieten hatte (worauf dieser auf den Posten verzichtete). Ein l&auml;ngerer Vertrag war nicht m&ouml;glich, schrieb die Cyprus Mail am 26. Mai, &bdquo;weil Ende September die neuen Aktion&auml;re der Bank (die russischen Biznesmen, deren Einlagen durch das bail-in erfasst wurden) ein neues Direktorium w&auml;hlen w&uuml;rden, das dann einen neuen CEO bestimmen w&uuml;rde&ldquo;.<\/p><p>Wie Pr&auml;sident Anastasiadis bei RBC TV erl&auml;uterte, plant seine Regierung weitere Anreize f&uuml;r russische Staatsb&uuml;rger, etwa eine staatliche Garantie von Investitionen und Erleichterungen beim Kauf von Immobilien und beim Erwerb eines zypriotischen Passes. Auf die russische Klientel zielt auch die Ank&uuml;ndigung der Regierung, verst&auml;rkt auf Spielcasinos zu setzen, &bdquo;um das Tourismusprodukt Zypern zu verbessern&ldquo;, wie der zust&auml;ndige Minister Giorgos Lakkotrypis erkl&auml;rte. Nach einem Bloomberg-Bericht vom 20. Juni erhofft man sich einen Boom von Spielh&ouml;llen-Touristen aus Russland, wo es keine legalen Casinos mehr gibt. Bloomberg zitiert einen Casino-Experten mit der Aussage: &bdquo;Zypern k&ouml;nnte f&uuml;r die Russen das werden, was Mallorca f&uuml;r die Deutschen ist.&ldquo;<\/p><p>Aber die Immobilien-Branche der Inselrepublik setzt nicht nur auf die Russen. Bis vor kurzem durchschritten die Besucher, die auf dem Flughafen von Larnaca ankamen,  ein Spalier mannshoher Werbeposter, die auf englisch und russisch Ferienh&auml;user anpreisen. Neuerdings ist eine dritte Sprache hinzugekommen: &bdquo;Get Your Home in the Sun&ldquo; wird jetzt auch auf Chinesisch beschworen. Viele Kunden haben bereits angebissen. Allein im westlichen Bezirk Paphos wurden bis Mai 2013 etwa 1000 Objekte an Chinesen verkauft, berichtet die Cyprus Mail vom 23. Juni.<\/p><p>Auch f&uuml;r die Chinesen besteht der Anreiz darin, dass sie mit dem Erwerb einer Immobilie eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis erwerben k&ouml;nnen. Allerdings bahnt sich wegen dieser M&ouml;glichkeit bereits einiger &Auml;rger an. Da die begehrte Lizenz an einen Immobilienwert von 300 000 Euro gebunden ist, bl&auml;hen viele zypriotische Real-Estate-Firmen den Wert des angebotenen Objekts bis zu diesem Schwellenwert auf. Das haben viele Chinesen inzwischen gemerkt &ndash; und melden ihrer Botschaft, dass sie sich &uuml;bervorteilt f&uuml;hlen. <\/p><p>Ein neuer Immobilien-Boom und der Casino-Tourismus sind fast die einzigen Perspektive, die sich der Kriseninsel derzeit bieten. Wie lange dieses fragile Gesch&auml;ftsmodell h&auml;lt, wei&szlig; der Himmel. Die Liquidierung des alten Modells, die angeblich den Einfluss &bdquo;der Russen&ldquo; eind&auml;mmen sollte, hat jedenfalls nicht dazu gef&uuml;hrt, Zypern n&auml;her an Europa heranzubringen.<\/p><p>Eine Beobachtung zum Schluss. In Zypern fiel mir ganz besonders auf, dass es einen bemerkenswerten Gegensatz zu den griechischen Verh&auml;ltnissen gibt.  Nach Umfragen vom Mai sind etwa 85 Prozent der griechischen Zyprioten der Meinung, dass die extrem kritische Lage, in der sie sich heute befinden, im wesentlichen &bdquo;hausgemacht&ldquo;, das hei&szlig;t von ihren eigenen Politikern und damit auch von ihnen selbst zu verantworten ist. Zwar sieht eine gro&szlig;e Mehrheit die Strategie der Eurozonen-Finanzminister im M&auml;rz dieses Jahres sehr kritisch und h&auml;lt den grobschl&auml;chtigen bail-in f&uuml;r eine Katastrophe, aber die meisten Leute (auch die ber&uuml;hmten &bdquo;kleinen Leute&ldquo; von der Stra&szlig;e) sagen heute, im Grunde habe man das Ganze kommen sehen (m&uuml;ssen): Das alte Wirtschaftsmodell sei einfach nicht haltbar gewesen, allerdings h&auml;tten die Europ&auml;er Zypern mehr Zeit geben m&uuml;ssen, dieses Modell abzuwickeln und schrittweise durch ein neues zu ersetzen.<\/p><p>Diese &bdquo;selbstkritische&ldquo; Haltung erkl&auml;rt sich auch damit, dass Zypern eine sehr &uuml;berschaubare Gesellschaft ist, mit nicht viel mehr Einwohnern als eine deutsche Gro&szlig;stadt. Diese Gesellschaft ist &uuml;berdies so eng gekn&uuml;pft, dass jeder oder jede jemand anderen kennt, der innerhalb des alten Systems irrsinnig schnelle Gewinne gemacht und damit zur Erh&ouml;hung des &bdquo;systemischen&ldquo; Gesamtrisikos beigetragen hat. Der sagenhafte Reichtum, zu dem insbesondere Immobilien-Haie und Finanzberatungs-Unternehmen gekommen sind, stellt sich im R&uuml;ckblick f&uuml;r die meisten Zyprioten als Vorzeichen der gro&szlig;en Krise dar, das man allzu leichtsinnig &uuml;bersehen hat.<\/p><p>Hinzu kommt, dass fast jede Woche neue Skandale ans Licht kommen, von denen man allerdings immer schon eine gewisse, durch Ger&uuml;chte gen&auml;hrte &bdquo;Ahnung&ldquo; hatte. Die j&uuml;ngste Enth&uuml;llung betrifft die Tatsache, dass im Zeitraum 2004 bis 2011 die Vorst&auml;nde der beiden gro&szlig;en Banken sich selbst (oder Familienangeh&ouml;rigen und Freunden) unglaubliche Summen an Krediten genehmigt haben, und zwar zu g&uuml;nstigen Konditionen und in der Regel ohne die gesetzlich geforderten Sicherheiten. Die Gesamtsumme dieser Kredite (bei BoC und Laiki) belief sich auf 4,5 Milliarden Euro, die Liste der Beg&uuml;nstigten, von denen die meisten schon vorher Multi-Million&auml;re waren, ist ein &bdquo;Who is who&ldquo; der zypriotischen Gesellschaft.<\/p><p>Aber jeder neue Skandal wird in Zypern nur als neueste Schicht eines M&uuml;llberges wahrgenommen, der sich zuvor schon aufget&uuml;rmt hatte. Diese alten Skandale reichen von der &Uuml;bernahme der Laiki durch einen griechischen Unternehmens-Hasardeur (der von Pr&auml;sident Christofias protegiert wurde) bis zum &auml;u&szlig;erst suspekten Ankauf von griechischen Bonds durch die zypriotischen Banken zu einem Zeitpunkt, an dem alle europ&auml;ischen Banken diese Schrottpapiere nur noch absto&szlig;en wollten, weil sie l&auml;ngst von einem &bdquo;haircut&ldquo; ausgingen. Der dann auch kam und f&uuml;r das zypriotische Bankensystem den Todessto&szlig; bedeutete.<\/p><p>Und noch ein Letztes: Da in die skandal&ouml;sen Praktiken und Vers&auml;umnisse (vor allem auch der Bankaufsicht durch die Zentralbank) alle Regierungen der letzten zehn Jahre inklusive der &bdquo;kommunistischen&ldquo; Akel (Anorthotiko Komma Ergazomenou Laou = Fortschrittspartei des werkt&auml;tigen Volkes) verwickelt waren, gibt es keine Partei oder politische Gruppierung, die heute mit sauberen H&auml;nden dastehen w&uuml;rde. Entsprechend ist die Akel, deren Pr&auml;sident Christofias einen erheblichen Anteil an dem ganzen Desaster hat, in den Umfragen j&auml;mmerlich abgest&uuml;rzt. Von den 30 Prozent der W&auml;hler, die diese Partei seit jeher mobilisieren konnte, hat sie inzwischen gut die H&auml;lfte verloren.<\/p><p>Der Unterschied zu Griechenland liegt auf der Hand, dort hat die Syriza als langj&auml;hrige Oppositionspartei mit dem alten Klientelsystem und den damit einhergehenden Korruptionsf&auml;llen nichts zu tun. Umso kritischer sehen es viele griechische Zyprioten, dass die Syriza die Akel noch immer als ihre &bdquo;Bruderpartei&ldquo; in Zypern sieht und deren Rolle in der Krise bislang nicht ernsthaft thematisiert hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir erinnern uns, wie speziell die deutsche Regierung mit dem Oligarchen-Argument Stimmung gemacht hat. 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Denen sollte hinfort der Spa&szlig; an ihren Anlagen im zypriotischen OFS verdorben werden<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17758\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[136,139,22,20],"tags":[1337,259,1346],"class_list":["post-17758","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-banken-boerse-spekulation","category-euro-und-eurokrise","category-europaische-union","category-landerberichte","tag-oligarchen","tag-russland","tag-zypern"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17758","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=17758"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17758\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53091,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17758\/revisions\/53091"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=17758"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=17758"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=17758"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}