{"id":17771,"date":"2013-06-26T08:57:59","date_gmt":"2013-06-26T06:57:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17771"},"modified":"2015-08-09T09:48:03","modified_gmt":"2015-08-09T07:48:03","slug":"fur-eine-reform-der-minijobs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17771","title":{"rendered":"F\u00fcr eine Reform der Minijobs"},"content":{"rendered":"<p>Durch die k&uuml;nstliche Mauer zwischen Minijobs und sozialversicherungspflichtiger Arbeit werden f&uuml;r Unternehmen und Besch&auml;ftigte Fehlanreize gesetzt, die zu gravierenden Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt f&uuml;hrten. Offensichtlich l&auml;dt der Sonderstatus der Minijobber\/innen die Unternehmen zu einer Sonderbehandlung jenseits der Gesetzeslage ein. Von <strong>Gerhard Bosch<\/strong> [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17771#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><br>\nAus vielen Untersuchungen ist bekannt, dass Minijobber\/innen vielfach geringere Stundenl&ouml;hne als sozialversicherungspflichtige Teilzeitkr&auml;fte erhalten, 2011 erhielten 71,2% der Minijobber\/innen einen Niedriglohn im Vergleich zu 23,1% der sozialversicherungspflichtigen Teilzeitbesch&auml;ftigten.  Minijobber\/innen bekommen f&uuml;r gleiche Arbeit in vielen Betrieben nicht den gleichen Lohn. <\/p><p>Es geh&ouml;rt inzwischen auch zu den gesicherten Erkenntnissen, dass   Minijobbern\/innen in nicht tolerierbarem Ma&szlig; bezahlter Urlaub sowie bezahlte Feiertage und Krankheitstage verweigert wird. Eine repr&auml;sentative Befragung des RWI in 2012 zeigt, dass 42% der Minijobber\/innen keinen bezahlten Urlaub erhalten und 26% nicht wissen, ob sie ihn bekommen. Selbst Betriebe, die eher dazu neigen, abweichende Praktiken zu verschweigen, geben Regelverst&ouml;&szlig;e offen zu. In einer Betriebs-Befragung des RWI im gleichen Jahr antworteten 40 % der Betriebe, dass eine Bezahlung von Feiertagen nicht m&ouml;glich sei und 13% machen keine Angaben. <\/p><p>Diese Beispiele belegen, dass wir es nicht mit den &uuml;blichen Regelverletzungen zu tun haben, sondern dass einem erheblichen Teil der Besch&auml;ftigten zentrale Arbeitnehmerrechte vorenthalten werden. Es ist ganz offensichtlich, dass das  Diskriminierungsverbot im Teilzeit- und Befristungsgesetz (&sect;4, Abs.1) und in der entsprechenden europ&auml;ischen Richtlinie, dass Minijobs ausdr&uuml;cklich einschlie&szlig;t, in der Praxis ins Leere l&auml;uft.<\/p><p>Weiterhin wird durch die hohen marginalen Abgaben beim &Uuml;bergang von Minijobs in eine sozialversicherungspflichtige Besch&auml;ftigung das Arbeitsangebot in Deutschland k&uuml;nstlich rationiert. Beim &Uuml;bergang von 450 auf 451 &euro; werden Beitr&auml;ge zur Sozialversicherung f&uuml;r die Besch&auml;ftigten f&auml;llig. Hinzu kommen die Einkommensteuern, deren H&ouml;he vom Haushaltseinkommen abh&auml;ngig ist, so dass man erheblich mehr verdienen muss um auf das gleiche Netto zu kommen. <\/p><p>Die meisten Mini-jobber\/innen in einer Hauptt&auml;tigkeit wollen l&auml;nger erheblich arbeiten. Eine Untersuchung unseres Instituts (IAQ) zeigt, dass im Jahre 2008 die Minijobber\/innen im Durchschnitt  12 Stunden gearbeitet haben, aber eine Arbeitszeit von 20,8 Stunden w&uuml;nschten. <\/p><p>Es macht keinen Sinn in einer alternden Gesellschaft l&auml;ngere Lebensarbeitszeiten zu fordern und gleichzeitig das Arbeitsangebot vor allem Frauen einzuschr&auml;nken, von denen die meisten gut qualifiziert sind. Die Dimensionen der Beschr&auml;nkung des Fachkr&auml;ftereservoirs werden durch einen Vergleich mit Schweden sichtbar. Mit der schwedischen Besch&auml;ftigungsquote w&auml;re 2012 das Besch&auml;ftigungsniveau in Deutschland um 3,1 Millionen Frauen in Vollzeit&auml;quivalenten h&ouml;her gewesen. Wer f&uuml;r Minijobs ist, darf sich also nicht &uuml;ber Fachkr&auml;ftemangel beklagen.<\/p><p>Durch die Verfestigung von Minijobs, also geringen Chancen eines Wechsels in versicherungspflichtige Besch&auml;ftigung entstehen schlie&szlig;lich hohe Kosten f&uuml;r die Allgemeinheit. Die geringen Verdienste von Minijobbern\/innen m&uuml;ssen h&auml;ufig aufgestockt werden,  Leistungen der Sozialversicherung werden ohne eigene Beitragszahlung in Anspruch genommen, sozialversicherungspflichtige Besch&auml;ftigung wird vernichtet und es k&ouml;nnen keine oder nur geringe Anspr&uuml;che auf eine Alterssicherung aufgebaut werden, so dass Altersarmut droht.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Prof. Dr. Gerhard Bosch ist gesch&auml;ftsf&uuml;hrender Direktor des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) an der Universit&auml;t Duisburg Essen.<\/p><p>Er hat uns seine Stellungnahme anl&auml;sslich des gestrigen Aufrufs des Deutschen Gewerkschaftsbundes sowie 23 Wissenschaftler\/innen zur Verf&uuml;gung gestellt. Hier die <a href=\"http:\/\/www.dgb.de\/presse\/++co++930692b2-dd69-11e2-88c7-00188b4dc422\">Pressemitteilung des DGB<\/a>. Dort finden Sie auch den &bdquo;Aufruf f&uuml;r eine Reform der Minijobs&ldquo; zum Download.<\/p><p>DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach sagte zum Start der neuen Initiative f&uuml;r eine Reform der Minijobs: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Unser gemeinsamer Aufruf ist ein breiter Konsens und dringender Appell an die Politik, die Minijobs endlich zu reformieren. Es ist inzwischen eindeutig nachgewiesen, dass der Minijob kein Sprungbrett in regul&auml;re Besch&auml;ftigung, sondern eine Niedriglohnfalle ist. Deshalb ist es h&ouml;chste Zeit f&uuml;r eine Reform der Minijobs. Unsere Initiative hat das Ziel, die Minijobmauer zu durchbrechen, regul&auml;re Besch&auml;ftigung zu f&ouml;rdern, die Gleichberechtigung zu st&auml;rken und den Fachkr&auml;ftebedarf zu sichern.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.dgb.de\/presse\/++co++930692b2-dd69-11e2-88c7-00188b4dc422\">dort<\/a> auch das Statement der Vorsitzenden des Deutschen Frauenrats, Hannelore Buls:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Der Minijob steht nicht nur symbolisch f&uuml;r den Kampf zwischen den Zuverdiener-Traditionalisten und einer zukunftsorientierten Frauen-Besch&auml;ftigungspolitik. Der Minijob ist vor allem f&uuml;r verheiratete Frauen ein Super-Kleber in perspektivlosen Jobs mit einem Aushilfe-Lohn. Das Problem sind Personalkonzepte von Arbeitgebern, die auf einem fl&auml;chendeckenden Einsatz der unterbezahlten Minijobs basieren. Wir wollen die Gleichstellung aller Arbeitsverh&auml;ltnisse, um aus der Niedriglohn- und Armutsfalle heraus kommen zu k&ouml;nnen.&ldquo;<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Durch die k&uuml;nstliche Mauer zwischen Minijobs und sozialversicherungspflichtiger Arbeit werden f&uuml;r Unternehmen und Besch&auml;ftigte Fehlanreize gesetzt, die zu gravierenden Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt f&uuml;hrten. Offensichtlich l&auml;dt der Sonderstatus der Minijobber\/innen die Unternehmen zu einer Sonderbehandlung jenseits der Gesetzeslage ein. 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