{"id":17778,"date":"2013-06-26T09:20:58","date_gmt":"2013-06-26T07:20:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17778"},"modified":"2015-08-09T09:50:41","modified_gmt":"2015-08-09T07:50:41","slug":"rezension-mythen-des-sparens-antizyklische-alternativen-zur-schuldenbremse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17778","title":{"rendered":"Rezension: Mythen des Sparens &#8211; Antizyklische Alternativen zur Schuldenbremse"},"content":{"rendered":"<p>Wer Schulden hat, muss sparen! &ndash; so einfach ist die Analyse der Mainstream-Medien und der herrschenden politischen Elite. Auch wenn die Empirie Gegenteiliges zeigt, werden Staatsschulden h&auml;ufig als Krisenursache postuliert und die Reduktion der &ouml;ffentlichen Ausgaben als einzige L&ouml;sung gepriesen. Ein AutorInnenkollektiv des BEIGWUM stellt dieser ideologisch motivierten Wirtschaftspolitik nach dem Band &bdquo;Mythen der Krise&ldquo; neuerlich wissenschaftlich fundierte, faktenbasierte Argumente entgegen. Von <strong>Josef Thoman<\/strong> [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17778#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><br>\nGerne werden im &ouml;ffentlichen Diskurs Metaphern aus dem Alltagsleben aufgegriffen, die den B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern den vermeintlichen Sachzwang des Sparens vor Augen f&uuml;hren sollen. Der Beirat f&uuml;r gesellschafts-, wirtschafts- und umweltpolitische Alternativen tritt nun (erneut) an, um die g&auml;ngigsten Schulden-, Spar- und Euro-Mythen systematisch zu entmystifizieren. Ohne merkbare Abstriche machen zu m&uuml;ssen, bedient sich das aus SozialwissenschaftlerInnen und &Ouml;konomInnen bestehende AutorInnenkollektiv einer Sprache, die den eigenen Anspruch widerspiegelt, &bdquo;die breite wirtschaftliche Bildung zu f&ouml;rdern, die sich gegen vermeintliches ExpertInnenwissen behaupten kann&ldquo;. <\/p><p><strong>Schulden sind weder gut noch b&ouml;se.<\/strong><\/p><p>Begonnen wird dabei mit dem aktuell in Europa dominierenden Dogma: &bdquo;Schulden sind b&ouml;se &ndash; sparen ist gut&ldquo;. <em>&bdquo;Wie im Privathaushalt soll das Vorbild f&uuml;r den Staat, (&hellip;) &rsaquo;die schw&auml;bische Hausfrau&lsaquo; sein, die sich nur &rsaquo;leistet&lsaquo;, was sie auch bezahlen kann.&ldquo;<\/em> Dem stellen die AutorInnen entgegen, dass Schulden nicht nur Kosten, sondern eben auch Investitionen, etwa in Bildung, Infrastruktur oder das Gesundheitssystem darstellen, und damit den k&uuml;nftigen Wohlstand steigern. Gleichzeitig ist der Staat aufgrund seiner wichtigen Rolle f&uuml;r die Gesamtwirtschaft schlicht nicht mit einem privaten Haushalt zu vergleichen. Dem nicht genug, werden auch die Motive der ideologisch motivierten Sparpolitik erl&auml;utert. <\/p><p>Die folgenden Kapitel des ersten Teils gehen st&auml;rker ins Detail. So wird etwa anhand von Beispielen und konkreten Zahlen belegt, dass Privatisierungen &uuml;ber h&ouml;here Preise und mangelnde Qualit&auml;t nicht nur f&uuml;r die B&uuml;rgerInnen negative Folgen haben k&ouml;nnen, sondern dass diese h&auml;ufig auch f&uuml;r den Staat ein &auml;u&szlig;erst kostspieliges Verlustgesch&auml;ft darstellen.<\/p><p><strong>Wir haben unter unseren Verh&auml;ltnissen gelebt.<\/strong><\/p><p>Im zweiten Teil der Spar-Mythen wird deutlich, dass g&auml;ngige Vorstellungen, wie &bdquo;Alle haben &uuml;ber ihre Verh&auml;ltnisse gelebt&ldquo; oder auch &bdquo;RentnerInnen m&uuml;ssen einen Beitrag leisten&ldquo; in erster Linie dazu dienen, das zentrale Problem des kapitalistischen Systems und die Kernursache der Finanz- und Wirtschaftskrise, n&auml;mlich die ungleiche Verteilung von Einkommen und Verm&ouml;gen, zu &uuml;berdecken. So macht die seit Jahren und Jahrzehnten zunehmende Polarisierung der Einkommen und Verm&ouml;gen doch deutlich, dass die Masse der Menschen nicht &uuml;ber, sondern unter ihren Verh&auml;ltnissen gelebt hat. Diese langfristige Entwicklung bedeutet nicht nur massive Probleme f&uuml;r die Finanzierung der &ouml;ffentlichen Haushalte sondern hat &ndash; aufgrund mangelnder Nachfrage &ndash; auch negative Konsequenzen f&uuml;r die gesamte Volkswirtschaft. <\/p><p><strong>Alternativen zur Spart-Orthodoxie<\/strong><\/p><p>Im letzten Teil des Buches wenden sich die AutorInnen der Eurozone im Speziellen zu. Hier werden vermeintliche L&ouml;sungen, wie der Euroaustritt &bdquo;schwacher&ldquo; L&auml;nder oder &bdquo;Europa muss (Anm.: wirtschaftspolitisch) deutsch lernen!&ldquo; auf den Pr&uuml;fstand gestellt. Besonders in diesem Teil sowie im Schlusskapitel werden aber nicht nur M&auml;ngel und Denkfehler der grassierenden Dogmen aufgezeigt, sondern auch &bdquo;Alternativen zur Spar-Orthodoxie&ldquo; genannt. Dies geschieht in aller K&uuml;rze, allerdings handelt es sich daf&uuml;r um ebenso konkrete wie praktisch realisierbare Vorschl&auml;ge.<\/p><p>Wohl aufgrund der Komplexit&auml;t des Themas und der damit einhergehenden zahlreichen &Uuml;berschneidungen sowie aufgrund des Anspruchs, dass die Mythen auch einzeln zu lesen sein sollen, lassen sich in &bdquo;Mythen des Sparens&ldquo; Wiederholungen nicht immer vermeiden. Und auch wenn dekorative Fotos und kleine Sparschweine da und dort das Buch schm&uuml;cken w&auml;re die eine oder andere Grafik w&uuml;nschenswert, um die &bdquo;Textw&uuml;ste&ldquo; etwas aufzulockern.<\/p><p><strong>Geistige Selbstverteidigung in Wirtschaftsfragen<\/strong><\/p><p>Wer vielleicht aufgrund des Titels glaubt, mit diesem Buch nur naive und oberfl&auml;chliche Antworten auf die vorherrschende Sparideologie zu finden, irrt. Die differenzierte Argumentation, die sich auf Zahlen, Fakten und hilfreiche Literaturverweise st&uuml;tzt, gibt der Leserin und dem Leser nach &bdquo;Mythos Nulldefizit&ldquo; (2000), &bdquo;Mythen der &Ouml;konomie&ldquo; (2005), &bdquo;Mythen der Krise&ldquo; (2010) sowie &bdquo;imagine economy (2012)&ldquo; eine weitere effektive Waffe zur &bdquo;geistigen Verteidigung in Wirtschaftsfragen&ldquo; in die Hand.<\/p><p><strong>Mythen des Sparens<\/strong><br>\nAntizyklische Alternativen zur Schuldenbremse<br>\nHerausgegeben vom Beirat f&uuml;r gesellschafts-, wirtschafts- und umweltpolitische Alternativen<br>\nVSA-Verlag<br>\nHamburg 2013, 144 Seiten<br>\nISBN: 978-3-89965-555-1<br>\nEuro 11,80<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Josef Thoman ist Referent in der Abteilung Wirtschaftspolitik der Arbeiterkammer Wien und Mitglied des Redaktionsteams des <a href=\"http:\/\/blog.arbeit-wirtschaft.at\/ueberdiesenblog\/\">Blogs &bdquo;Arbeit &amp; Wirtschaft&ldquo;<\/a>. <\/p><p>Diese Artikel erscheint Anfang Juli im <a href=\"http:\/\/wien.arbeiterkammer.at\/interessenvertretung\/eu\/europaeischeunion\/EU_Infobrief.html\">EU-Infobrief der Arbeiterkammer Wien<\/a>. Der EU-Infobrief liefert 5x j&auml;hrlich eine kritische Analyse der Entwicklungen auf europ&auml;ischer und internationaler Ebene. Die Zeitschrift der Arbeiterkammer Wien fokussiert dabei auf Themen an der Schnittstelle von Politik, Recht und &Ouml;konomie. Kurze Artikel informieren in pr&auml;gnanter Form &uuml;ber aktuelle Themen. Langbeitr&auml;ge geben den Raum f&uuml;r grundlegende Analysen, Buchbesprechungen bieten eine kritische &Uuml;bersicht einschl&auml;giger Publikationen.<\/p><p><strong>Zum Herausgeber des Buches &bdquo;Mythen des Sparens&ldquo;:<\/strong><\/p><p>Der Beirat f&uuml;r gesellschafts-, wirtschafts- und umweltpolitische Alternativen (<a href=\"http:\/\/www.beigewum.at\/\">BEIGEWUM<\/a>) verfolgt das Ziel, &Ouml;ffentlichkeit f&uuml;r Ergebnisse kritischer Forschung zu schaffen und sie f&uuml;r alle zug&auml;nglich zu machen. Als Verein von SozialwissenschaftlerInnen mit Sitz in Wien besteht der BEIGEWUM seit 1985. Seitdem erstellt, diskutiert und verbreitet er alternative Konzepte der Wirtschafts- und Sozialpolitik und widerspricht dem herrschenden politischen Diskurs. Inhaltliche Schwerpunkte sind die Verteilungs- und Budgetpolitik, feministische Fragestellungen sowie Aspekte der Europ&auml;ischen Integration. Viertelj&auml;hrlich wird die Zeitschrift Kurswechsel herausgegeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer Schulden hat, muss sparen! &ndash; so einfach ist die Analyse der Mainstream-Medien und der herrschenden politischen Elite. Auch wenn die Empirie Gegenteiliges zeigt, werden Staatsschulden h&auml;ufig als Krisenursache postuliert und die Reduktion der &ouml;ffentlichen Ausgaben als einzige L&ouml;sung gepriesen. Ein AutorInnenkollektiv des BEIGWUM stellt dieser ideologisch motivierten Wirtschaftspolitik nach dem Band &bdquo;Mythen der Krise&ldquo;<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17778\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[13,156],"tags":[423,477,735,325,291],"class_list":["post-17778","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-denkfehler-wirtschaftsdebatte","category-schulden-sparen","tag-austeritaetspolitik","tag-keynesianismus","tag-schwaebische-hausfrau","tag-staatsschulden","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17778","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=17778"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17778\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27130,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17778\/revisions\/27130"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=17778"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=17778"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=17778"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}