{"id":178,"date":"2005-04-04T16:47:13","date_gmt":"2005-04-04T15:47:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=178"},"modified":"2020-02-20T10:55:50","modified_gmt":"2020-02-20T09:55:50","slug":"das-sozialstaatsdilemma-von-karl-mai","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=178","title":{"rendered":"&#8220;Das Sozialstaatsdilemma&#8221; von Karl Mai"},"content":{"rendered":"<p>Zu einem Kommentar der Wirtschaftsprofessoren Ronnie Sch&ouml;b und Joachim Weimann in der &ldquo;Financial Times Deutschland&rdquo; vom 1. April 2005.<br>\n<!--more--><br>\nDies haben die &ldquo;Erfinder&rdquo; des Sozialstaates so nicht vorgedacht, dass sie dereinst wegen der deutschen Massenarbeitslosigkeit von neoliberalen &Ouml;konomen die volle urs&auml;chliche Schuldzuweisung erhalten w&uuml;rden, &ldquo;war doch der Grundgedanke urspr&uuml;nglich genau das Gegenteil, die sozialen H&auml;rtef&auml;lle mittels des Sozialstaats zu verhindern bzw. zu mildern&rdquo;.<\/p><p>Wir erleben jetzt bei den beiden zitierten Kommentatoren der &ldquo;FTD&rdquo; eine glatte Umkehr der normalen Logik: der Sozialstaat wird zum &ldquo;Gift&rdquo; f&uuml;r den Arbeitsmarkt und erh&ouml;ht fortgesetzt die Langzeitarbeitslosigkeit. Die neoliberale Logik h&auml;tte ein wahres Meisterst&uuml;ck vollbracht, wenn die vom Arbeitsmarkt langfristig Ausgegrenzten in Deutschland glauben w&uuml;rden, dass der Sozialstaat sie arbeitslos gemacht hat. Zum neoliberalen B&uuml;rgerschreck w&uuml;rden so all jene Einrichtungen und Politiker gemacht, die den deutschen Sozialstaat verteidigen. Dabei wird unterschwellig verdeutlicht, dass es nicht um eine Frage der blo&szlig;en graduellen Finanzierbarkeit des Sozialstaats geht, sondern um das grunds&auml;tzliche &Uuml;bel dessen eigener marktwidriger Existenz. Ein neuer Kreuzzug gegen den &ldquo;Teufel Sozialstaat&rdquo; wird damit propagiert, und der blinde Eifer der neuen Kreuzritter unterscheidet sich durch nichts von dem ihrer historischen Vorbilder eines fanatischen Glaubenskrieges. <\/p><p>Dabei kommt die neoliberale &ldquo;Hirnw&auml;sche&rdquo; auf harmlos anmutenden Argumenten daher: &ldquo;Das soziale Sicherungssystem in Deutschland subventioniert nach wie vor die Unt&auml;tigkeit und bestraft die Arbeitsaufnahme. Daran hat sich im Prinzip durch die Hartz-Gesetze wenig ge&auml;ndert&hellip;&rdquo;, schreiben die beiden Kommentatoren. Also muss der getroffene L&ouml;sungsansatz f&uuml;r den Arbeitsmarkt offenbar falsch sein. Der Sozialstaat habe &ldquo;daf&uuml;r gesorgt, dass einfache Arbeit in Deutschland einen Preis hat, der &uuml;ber der Wertsch&ouml;pfung liegt, zu der diese Arbeit f&auml;hig ist.&rdquo; Dies &ldquo;macht es f&uuml;r Firmen uninteressant, einfache Arbeit nachzufragen.&rdquo; Dieses besagt also auf gut deutsch, dass die einfache Arbeit von Niedrigqualifizierten in Form des Lohnes einen zu hohen Preis habe, der &uuml;ber ihrer Wertsch&ouml;pfung liege. Und was macht diese einfache Arbeit so teuer? Nat&uuml;rlich die 42 Prozent Sozialabgaben [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>], die auf den deutschen Bruttol&ouml;hnen auch f&uuml;r einfache Arbeit in Normalarbeitsverh&auml;ltnissen lasten, sie verteuern und damit &ldquo;&uuml;ber&rdquo; ihre Wertsch&ouml;pfung heben. Hinter diesen Sozialabgaben steckt aber der sie raubende Sozialstaat &ndash; also &ldquo;haltet den Dieb&rdquo;! <\/p><p>Die unternehmerische Wertsch&ouml;pfung aus &ldquo;einfacher Arbeit&rdquo; ist aber eine Gr&ouml;&szlig;e, die nicht direkt ableitbar ist, weil sie multifaktoriell zustande kommt: aus technisch-technologischen Faktoren der Arbeitspl&auml;tze, aus Arbeitskosten (einschl. Lohnnebenkosten), aus der Marktlage und aus den Marktpreisen f&uuml;r die Produkte\/Leistungen u. &auml;. m. F&uuml;r welche Lohnsumme also &ldquo;einfache Arbeit&rdquo; noch Gewinn abwirft, ist nicht von vornherein statistisch determiniert. Hier w&auml;ren also willk&uuml;rliche Zuordnungen in den Unternehmen unvermeidlich. W&uuml;rde man die Tarifbindungen ganz aufl&ouml;sen, kann sich &uuml;ber den Marktwettbewerb eine Tendenz zu fortschreitenden Absenkungen der effektiven Arbeitsl&ouml;hne einstellen, die im Ergebnis zur neuen Arbeitslosigkeit von einem &auml;u&szlig;erst niedrigen Lohnniveau aus hinf&uuml;hrt &ndash; also die jetzige Lage deutlich verschlechtert f&uuml;r Arbeitslose reproduziert. <\/p><p>Mit der Anprangerung &ldquo;zu hoher L&ouml;hne&rdquo; f&uuml;r die &ldquo;einfache Arbeit&rdquo; (mit Zielrichtung der zu hohen Sozialabgaben) wird allerdings davon abgelenkt, dass die Steuerquote am BIP in Deutschland mit 21 % sehr niedrig im internationalen Vergleich ist. [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Durch ein h&ouml;heres Steueraufkommen mit Verwendung f&uuml;r die Sozialleistungen in Deutschland lie&szlig;en sich die Sozialbeitr&auml;ge absenken &ndash; aber an einer blo&szlig;en Umfinanzierung ist der Staat offenbar nicht interessiert. Statt dessen wird von der Bundesregierung zugelassen, dass ein permanenter Vorwand f&uuml;r neue Niedriglohnbereiche und Verketzerung der Sozialabgaben in der Gesellschaft und entsprechender neoliberaler Druck auf die Gewerkschaften erhalten bleibt. <\/p><p>Gleichzeitig wird auch der Anschein erweckt, als w&auml;ren immer jene ben&ouml;tigten Arbeitspl&auml;tze im unbeschr&auml;nkten Angebot, die zur Besch&auml;ftigung jener Niedrigl&ouml;hner f&uuml;hren w&uuml;rden, von denen es offenbar nicht genug geben k&ouml;nne, um das Interesse der Unternehmen zu befriedigen. Daher sei es Aufgabe der Politik, die &ldquo;freiwillig Arbeitslosen&rdquo;, aber im Grunde nur Arbeitsscheuen in solche billigen Arbeitspl&auml;tze hineinzuzwingen. Aber die Statistik zeigt nirgendwo die unterstellten massenhaften Niedriglohnjobs im Angebot. Tats&auml;chlich werden jedoch Arbeitspl&auml;tze mit Normall&ouml;hnen allzu oft in solche f&uuml;r Niedrigl&ouml;hner umgewandelt, so dass nur ein Scheinangebot an zus&auml;tzlichen Arbeitspl&auml;tzen entsteht. <\/p><p>Au&szlig;erdem gilt zu beachten: auch billige &ldquo;einfache Arbeit&rdquo; wird nicht voraussetzungslos ben&ouml;tigt, sondern in rationalisierten Prozessen auf der Grundlage einer gewissen technischen Arbeitsplatzgestaltung &ndash; mithin auf der Grundlage von Arbeitsplatzinvestitionen. Dies schlie&szlig;t aus, dass rein willk&uuml;rlich Neueinstellungen in Firmen erfolgen, solange keine solchen Arbeitspl&auml;tze geschaffen werden. Es bestehen also immer komplexe Sachkosten unabh&auml;ngig von der Lohnh&ouml;he der &ldquo;einfachen Arbeit&rdquo;, die meist viel h&ouml;her sind als deren Lohn. <\/p><p>Aber weiter: Der Druck auf die nationalen Arbeitskosten f&uuml;hrt ebenso zu einem Druck auf die nationale Massenkaufkraft, der den Binnenmarkt zwangsl&auml;ufig stranguliert. Dies ist unabh&auml;ngig davon, ob zun&auml;chst nur die Sozialbeitr&auml;ge gesenkt werden und danach auch die Bruttol&ouml;hne, oder beides gleichzeitig erfolgt. Gegenw&auml;rtig zeichnet sich bereits klar ab, dass mit dem &ldquo;Einfallstor&rdquo; zur Senkung der Lohnnebenkosten auch das n&auml;chste Tor zur Senkung der Bruttol&ouml;hne und zur Verl&auml;ngerung der Normalarbeitszeiten &ldquo;aufgesto&szlig;en&rdquo; wird. Die Androhung von Jobexport gegen die Gewerkschaften und gegen die Belegschaften wird zur allt&auml;glichen Waffe der Kapitaleigner. <\/p><p>Den neoliberalen Wirtschaftsprofessoren folgt aber wie ein Schatten die grunds&auml;tzliche Frage, wie tief die L&ouml;hne allgemein im unteren Lohnsegment sinken m&uuml;ssten, um die verfestigte Arbeitslosigkeit zu senken und hierbei einen raschen Durchbruch zu erzielen. Man hatte hierauf schon oft &ldquo;belustigende Antworten&rdquo; in der Vergangenheit parat, die aber nicht ernsthaft &uuml;berzeugten: es waren immer nur wenige Prozent des Lohnniveaus zu opfern, womit angeblich ein echter Durchbruch erzielbar w&auml;re. Dabei wurde stets missachtet, aus welchen Gr&uuml;nden eigentlich die st&auml;ndigen Freisetzungen von Arbeitspl&auml;tzen generiert werden, die wie von selbst aus der Produktivit&auml;tsentwicklung pro Jahr zus&auml;tzlich erwachsen. <\/p><p>Damit ist die neoliberale Scheinlogik aufgezeigt, die glaubhaft machen will, dass der Produktivit&auml;tsfortschritt zun&auml;chst der Profith&ouml;he zufallen sollte, ein angemessener anteiliger Lohnzuwachs aber der Ausdehnung des Niedriglohnsektors und damit dem Abbau der Langzeitarbeitslosigkeit direkt hinderlich ist. Die makro&ouml;konomischen Zusammenh&auml;nge jedoch erfordern eine Sichtweise, die im Kern die Einheit von Lohnh&ouml;he, Massenkaufkraft und realisierbaren Gewinnen auf dem Binnenmarkt begreift: die Lohnh&ouml;he des Einen ist der Gewinn des Anderen. Dies ist aber das Mindeste, was ein Wirtschaftsprofessor von der Realit&auml;t anerkennen sollte. <\/p><p>Die neoliberale Unlogik jedoch f&uuml;hrt selbst zur Flucht vor einer offensichtlichen einfachen &ouml;konomischen Tatsache. Hierauf hat auch der bekannte USA-&Ouml;konom Galbraith mit folgenden Worten hingewiesen: &ldquo;In einer Rezession bedarf es einer nachhaltigen Sicherung der Kaufkraft, besonders bei den sozial Schwachen, die dieses (zus&auml;tzliche) Geld ausgeben w&uuml;rden. Der Effekt ist hier gesichert, aber die entsprechenden Ma&szlig;nahmen werden als fruchtlose Mildt&auml;tigkeit gegei&szlig;elt &hellip; Den Bed&uuml;rftigen versagt man das Geld, welches sie mit Sicherheit ausgeben w&uuml;rden, und den Beg&uuml;terten wirft man das Geld nach, welches sie mit Sicherheit auf die hohe Kante legen werden.&rdquo; [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Die Sozialbeitragss&auml;tze f&uuml;r Arbeitnehmer und Arbeitgeber betrugen im Jahre 2003 insgesamt 42 % vom Bruttolohn. Diese Beitragss&auml;tze sind als Bestandteil der komplexen Arbeitskosten auch in den Lohnst&uuml;ckkosten enthalten, die ihrerseits als Kriterium der nationalen Wettbewerbsf&auml;higkeit gelten und die im internationalen Vergleich f&uuml;r Deutschland eine sehr g&uuml;nstige Tendenz aufweisen.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Nach Angaben des BMF hatte Deutschland im Jahre 2003 eine Steuerquote am BIP, die mit 21 % noch unter der von solchen L&auml;ndern lag wie z. B. Irland, Niederlande, Schweiz, Spanien und Tschechien. Gleichzeitig war die Steuerquote am BIP in einigen Staaten um 10 %-Punkte oder mehr h&ouml;her als in Deutschland, darunter z.B. in Belgien, D&auml;nemark, Finnland, Norwegen, Schweden.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] John Kenneth Galbraith, &ldquo;Die &Ouml;konomie des unschuldigen Betruges&rdquo;, Siedler 2005, S. 110.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu einem Kommentar der Wirtschaftsprofessoren Ronnie Sch&ouml;b und Joachim Weimann in der &ldquo;Financial Times Deutschland&rdquo; vom 1. 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