{"id":17827,"date":"2013-07-02T10:11:15","date_gmt":"2013-07-02T08:11:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17827"},"modified":"2015-08-09T10:08:22","modified_gmt":"2015-08-09T08:08:22","slug":"orwell-2-0-die-totale-uberwachung-ist-langst-realitat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17827","title":{"rendered":"Orwell 2.0 \u2013 Die totale \u00dcberwachung ist l\u00e4ngst Realit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Das j&uuml;ngst bekannt gewordene Internet&uuml;berwachungsprogramm Prism ist nur die Spitze des Eisbergs. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs wird die internationale Kommunikation systematisch von spezialisierten Geheimdiensten abgeh&ouml;rt. Mit dem technischen Fortschritt wuchs auch das Ausma&szlig; der &Uuml;berwachung rasant an. Heute betreibt wohl jedes bedeutende Land ein eigenes Abh&ouml;rprogramm, gegen das die Stasi wie ein graues Relikt aus der Vorzeit wirkt. Die USA sind in Sachen &Uuml;berwachung jedoch eine Klasse f&uuml;r sich. Der Staat, der stets so tut, als habe er einen Patent auf den Begriff &bdquo;Freiheit&ldquo;, hat heute ein digitales &Uuml;berwachungssystem, das jeder orwellschen Totalitarismusphantasie Ehre macht. Wer glaubt, es ginge dabei nur um die &bdquo;Terrorismusbek&auml;mpfung&ldquo;, beleidigt dabei die Geschichte durch einen Mangel an Phantasie. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_206\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-17827-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/130702_Orwell_2_Punkt_0_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/130702_Orwell_2_Punkt_0_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/130702_Orwell_2_Punkt_0_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/130702_Orwell_2_Punkt_0_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=17827-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/130702_Orwell_2_Punkt_0_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"130702_Orwell_2_Punkt_0_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Seit es m&ouml;glich ist, transatlantische Telegramme zu verschicken, lesen die Geheimdienste der USA mit. Schon 1919 machten die US-Milit&auml;rs Kopien von Telegrammen und lie&szlig;en sie von der &bdquo;Black Chamber&ldquo;, der ersten Vorg&auml;ngerorganisation der NSA, auswerten. 1921 erzielten die Kryptoanalytiker der &bdquo;Black Chamber&ldquo; ihren ersten gro&szlig;en Erfolg, als es ihnen gelang, die verschl&uuml;sselten Telegramme der japanischen Delegation bei der Washingtoner Flottenkonferenz <a href=\"http:\/\/www.army.mil\/article\/90896\/Military_Intelligence___this_week_in_history____Nov_1921\/\">zu entschl&uuml;sseln<\/a>. Die &bdquo;Black Chamber&ldquo; wurde jedoch bereits zehn Jahre nach ihrer Gr&uuml;ndung vom damaligen US-Au&szlig;enminister Stimson geschlossen. Seine <a href=\"http:\/\/www.nsa.gov\/about\/cryptologic_heritage\/center_crypt_history\/pearl_harbor_review\/black_chamber.shtml\">bemerkenswerte Begr&uuml;ndung<\/a>: &bdquo;Gentlemen do not read each other&rsquo;s mail&ldquo;. Doch die Phase der Zur&uuml;ckhaltung w&auml;hrte nicht lange. Nach dem Zweiten Weltkrieg gingen die USA in die &Uuml;berwachungsoffensive und als die NSA 1952 offiziell als eigenst&auml;ndiger Geheimdienst gegr&uuml;ndet wurde, konnte sie auf eine fortschrittliche &Uuml;berwachungsinfrastruktur zur&uuml;ckgreifen, die w&auml;hrend des Zweiten Weltkriegs von den Milit&auml;rs geschaffen wurde.<\/p><p><strong>Von den Anf&auml;ngen zu Echelon<\/strong><\/p><p>Seit 1945 kontrollierten die NSA und ihre Vorg&auml;nger den Kabelverkehr der gro&szlig;en internationalen Telekommunikationsunternehmen wie RCA Global, ITT World Communications und Western Union. Was als Sammlung von Papierkopien begann, entwickelte sich schon bald zu einer Sammlung von Magnetb&auml;ndern und schlie&szlig;lich zu einer direkten Netzwerkverbindung zwischen den &Uuml;berwachungszentren und den internationalen Kommunikationsknoten. Da der Unterhalt eines weltweiten &Uuml;berwachungssystem nicht nur teuer, sondern auch diplomatisch nicht problemlos ist, schlossen sich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg die Geheimdienste der USA, Gro&szlig;britanniens, Kanadas, Australiens und Neuseelands zu den sogenannten &bdquo;five eyes&ldquo; (offiziell: <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/UKUSA_Agreement\">UKUSA-Agreement<\/a>) zusammen. Dies hatte zudem den Vorteil, dass man auch seine eigenen B&uuml;rger &uuml;berwachen konnte. Auch wenn die Auslandsaufkl&auml;rung zu den origin&auml;ren Aufgaben von Geheimdiensten geh&ouml;rt, ist die Arbeit im Inland doch den meisten Diensten gesetzlich verboten. Wenn nun aber die USA britische B&uuml;rger abh&ouml;rt und die Briten amerikanische B&uuml;rger, so ist dies auf den ersten Blick legal. Dies &auml;ndert sich jedoch, wenn die Daten systematisch ausgetauscht werden. Wo kein Kl&auml;ger ist, ist jedoch auch kein Richter und es versteht sich von selbst, dass diese Operationen unter Ausschluss der &Ouml;ffentlichkeit durchgef&uuml;hrt wurden.<\/p><p><strong>Echelon &ndash; Lauschangriff auf den Freund<\/strong><\/p><p>Das erste weltumspannende Abh&ouml;rsystem nach modernen Kriterien wurde von den UKUSA-Staaten unter dem Namen &bdquo;Echelon&ldquo; ins Leben gerufen. &Uuml;ber dieses System mit seinen rund zweihundert Funkstationen wurde seit den <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/7\/7795\/1.html\">1970ern<\/a> vor allem die weltweite Satellitenkommunikation abgeh&ouml;rt &ndash; und dies betraf in der Zeit vor dem Glasfaserkabel einen Gro&szlig;teil der internationalen Telefongespr&auml;che und Telefax- sowie Internetverbindungen. Wer meint, dass das Internet das erste globale Computernetzwerk sei, irrt. Als erstes weltweites TCP\/IP-Netzwerk ging das Kommunikationsnetzwerk der UKUSA-Staaten in Betrieb, um die Daten der &uuml;berseeischen Abh&ouml;rstationen sicher und schnell in die NSA-Zentrale zu bef&ouml;rdern und den Informationsaustausch der beteiligten Geheimdienste zu gew&auml;hrleisten. Schlie&szlig;lich wussten die Dienste bereits damals ganz genau, dass jeder Kommunikationsweg, den man nicht selbst l&uuml;ckenlos kontrolliert, unsicher ist.<\/p><p>In Zeiten des Kalten Krieges war die Hauptaufgabe des Echelon-Systems das Abh&ouml;ren &bdquo;feindlicher&ldquo; Kommunikationswege. Da die Technik f&uuml;r eine umfassende Speicherung und Auswertung der abgeh&ouml;rten Daten damals noch nicht zur Verf&uuml;gung stand, arbeitete man mit Listen, auf denen bestimmte Schl&uuml;sselw&ouml;rter gef&uuml;hrt wurden. Besonders interessante Personen, Unternehmen und Einrichtungen wurden ebenfalls auf einer speziellen Liste gef&uuml;hrt. Ihre Kommunikation wurde dann von den Diensten l&uuml;ckenlos protokolliert und gespeichert. Wer &bdquo;Freund&ldquo; und wer &bdquo;Feind&ldquo; ist, verschwamm jedoch auch damals schon. So wurden beispielsweise bereits in den1970ern Kritiker des Vietnam-Kriegs, wie die Schauspielerin Jane Fonda, und B&uuml;rgerrechtsaktivisten der Black-Power-Bewegung systematisch durch die NSA <a href=\"http:\/\/cryptome.org\/echelon-60min.htm\">bespitzelt<\/a>, obgleich die Kommunikations&uuml;berwachung von Inl&auml;ndern eigentlich verboten ist.<\/p><p>Mit dem Ende des Kalten Krieges war Echelon eigentlich &uuml;berfl&uuml;ssig, schlie&szlig;lich gab es ja keinen &bdquo;Feind&ldquo; mehr. Die B&uuml;chse der Pandora war jedoch l&auml;ngst ge&ouml;ffnet und ein derart verlockendes Angebot generiert stets auch eine Nachfrage. 1992 erkl&auml;rte George Bush in der <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/7\/7754\/1.html\">Nationalen Sicherheitsdirektive 67<\/a> auch die Wirtschaftsspionage zu den Operationsbereichen, denen geheimdienstliche Priorit&auml;t zugewiesen wurde. Fortan drehte man die Antennen sinnbildlich einfach um und lauschte nicht mehr nur im Osten, sondern vor allem in den verb&uuml;ndeten Industriestaaten. Davon waren lediglich die UKUSA-Staaten selbst ausgenommen, s&auml;mtliche andere Staaten, wie auch Deutschland, z&auml;hlten abh&ouml;rtechnisch nicht zu den Verb&uuml;ndeten sondern zu den Zielen. Daran hat sich bis heute nichts ge&auml;ndert, wie die aktuellen Ver&ouml;ffentlichungen des NSA-Whistleblowers Edward Snowden <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/digital\/datenschutz\/2013-06\/nsa-spionage-deutschland-2\">belegen<\/a>.<\/p><p>Ein solches Ziel &bdquo;war&ldquo; beispielsweise die japanische Autoindustrie. Wie bei der Washingtoner Flottenkonferenz wusste die amerikanische Delegation auch bei den 1995 stattfindenden Genfer Verhandlungen &uuml;ber Autoexporte genau &uuml;ber die Anweisungen der <a href=\"http:\/\/www.ncoic.com\/nsapoole.htm\">japanischen Delegation Bescheid<\/a>  &ndash; Echelon sei Dank. Welch&acute; gl&uuml;ckliche F&uuml;gung, dass die NSA auch im bayerischen Bad Aibling eine der gr&ouml;&szlig;ten <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bad_Aibling_Station\">Abh&ouml;rstationen<\/a> au&szlig;erhalb der USA betrieb.<\/p><p>Es ist unbekannt, ob die NSA in diesen Zeiten Drogen- oder Waffenh&auml;ndler zur Strecke gebracht hat. Fest steht jedoch, dass sie in mindestens drei F&auml;llen aktiv Wirtschaftsspionage gegen kontinentaleurop&auml;ische Unternehmen betrieben hat. Aber auch dies ist sicher nur die sehr kleine Spitze eines sehr gro&szlig;en Eisbergs. F&uuml;r die Weitergabe der gesammelten Informationen an US-Konzerne sorgt ein speziell eingerichtetes Verbindungsb&uuml;ro (<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Office_of_Intelligence_Liaison\">Office of Intelligence Liaison<\/a>) im US-Wirtschaftsministerium. So wurden beispielsweise dem ostfriesischen Windkraftunternehmen Enercon mit Hilfe abgeh&ouml;rter Telefonate Details zu dessen Turbinentechnik <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/1998\/39\/199839.c_krypto_.xml\">entwendet<\/a>  und in einem Patentrechtsstreit an den US-Konzern Kenetech Windpower weitergegeben. Dem belgischen Unternehmen Lernout &amp; Hauspie stahl die NSA kurzer Hand <a href=\"http:\/\/www.deredactie.be\/cm\/vrtnieuws\/opinieblog\/opinie\/130612_opinie_jolernout_prism_standard\">selbst<\/a> die von Belgieren entwickelten Spracherkennungsalgorithmen, um sie f&uuml;r die eigene &Uuml;berwachungstechnik nutzbar zu machen. Den gr&ouml;&szlig;ten wirtschaftlichen Schaden musste dabei der europ&auml;ische EADS-Konzern einstecken. Die NSA <a href=\"http:\/\/news.bbc.co.uk\/2\/hi\/europe\/820758.stm\">fing<\/a> die Kommunikation zwischen dem Airbus-Hersteller EADS und Saudi Arabien ab &ndash; inklusive Bestechungsgeldangeboten und Preisvorstellungen. Der US-Konzern Boeing freute sich &uuml;ber die weitergebenen Daten und holte den Auftrag im Volumen von sechs Milliarden US$ mit tatkr&auml;ftiger NSA-Unterst&uuml;tzung. Boeing z&auml;hlt nebenbei auch zu den umsatzst&auml;rksten technischen Partnern der NSA. Da ist es mehr als ein Scherz am Rande, dass die NSA ihre syntaxgest&uuml;tzten Erkennungssysteme gerne mit dem Beispiel testet, aus einer Datenbank Mails und Telefonate herauszufiltern, in denen es um EU-Subventionen f&uuml;r das Airbus-Konsortium geht.<\/p><p>Es war vor allem der Vorwurf der Wirtschaftsspionage, der im Jahre 2001 dazu f&uuml;hrte, dass das Europ&auml;ische Parlament eine Untersuchung gegen das damals nur Insidern bekannte &Uuml;berwachungssystem einzuleiten. Auch wenn die Untersuchung zu dem <a href=\"http:\/\/www.europarl.europa.eu\/sides\/getDoc.do?pubRef=-\/\/EP\/\/NONSGML+REPORT+A5-2001-0264+0+DOC+PDF+V0\/\/DE\">klaren Ergebnis [PDF &ndash; 1.3 MB]<\/a>  kam, dass die UKUSA-Staaten die Kommunikation europ&auml;ischer B&uuml;rger und Unternehmen systematisch abh&ouml;ren, kam es nie zu einer wie auch immer gearteten Sanktion gegen die beteiligten Dienste und deren Regierungen. Die Europaparlamentarier erkannten vielmehr, dass ihnen die H&auml;nde gebunden sind und die &Uuml;berwachung bereits ein Ausma&szlig; angenommen hat, gegen das man sich mit einfachen Mitteln nicht mehr wehren kann. Sieben Tage nachdem der Sonderausschuss des Europ&auml;ischen Parlaments seinen <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/9\/9472\/1.html\">Bericht<\/a> vorlegte, flogen zwei Passagierflugzeuge ins World Trade Center und die Abh&ouml;rbef&uuml;rworter hatten ein schlagendes Argument, um &bdquo;Bedenken&ldquo; hinwegzufegen und die informelle Freiheit mit neuen Gesetzen und milliardenschweren &Uuml;berwachungsprogrammen endg&uuml;ltig zu Grabe zu getragen.<\/p><p><strong>Prism ist nur die Spitze des Eisbergs<\/strong><\/p><p>Echelon und das dazugeh&ouml;rige Datenverarbeitungsbackbone konnten zu ihrem technischen H&ouml;hepunkt zwei Millionen &bdquo;Inputs&ldquo; (also z.B. Mails oder Telefonanrufe) pro Stunde <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/digital\/so-lauscht-echelon-die-technik-der-satelliten-lauscher-1.117696\">verarbeiten<\/a>. Das aktuelle Abh&ouml;rsystem mit dem Codenamen &bdquo;Stellar Wind&ldquo; kann nach <a href=\"http:\/\/dailycaller.com\/2013\/06\/10\/what-do-they-know-about-you-an-interview-with-nsa-analyst-william-binney\/?print=1\">Angaben<\/a> des NSA-Whistleblowers William Binney 1,25 Millionen Mails mit jeweils 1.000 Buchstaben pro Sekunde verarbeiten. Bereits als das System in Betrieb ging, speicherte es <a href=\"http:\/\/www.wired.com\/threatlevel\/2012\/03\/ff_nsadatacenter\/all\/\">laut Binney<\/a> bereits 320 Millionen Telefonanrufe pro Tag. Und selbst das ist erst der Beginn f&uuml;r ein totalit&auml;res &Uuml;berwachungssystem, das s&auml;mtliche Vorstellungen sprengt. Das mittelfristige Ziel der NSA ist, zwanzig Terabyte Datenverkehr pro Minute abzuh&ouml;ren und zu verarbeiten &ndash; das entspricht &uuml;ber 300 Millionen Mails mit jeweils 1.000 Buchstaben pro Sekunde.<\/p><p>Woher kommen diese unvorstellbaren Datenmengen? Zum Beispiel von einem der angeblich rund zwanzig NSA-Rechenzentren, die direkt an die Backbones der gro&szlig;en Netzbetreiber angekoppelt sind und von denen unterhalten werden. Eines dieser Rechenzentren wurde vom Whistleblower <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Mark_Klein\">Mark Klein<\/a> offenbart und machte als &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.wired.com\/science\/discoveries\/news\/2006\/05\/70908\">Room 641A<\/a>&ldquo; im Jahre 2006 Schlagzeilen in den einschl&auml;gigen Medien. Zus&auml;tzlich werden von der NSA auch noch die gro&szlig;en Glasfaserleitungen, &uuml;ber die der internationale Datenverkehr l&auml;uft, systematisch <a href=\"http:\/\/cryptome.org\/0004\/fcc060711.htm\">angezapft<\/a>, wobei die abgefangenen nationalen und internationalen Telefongespr&auml;che automatisiert gespeichert werden. Welche Abh&ouml;reinrichtungen die NSA zus&auml;tzlich in &bdquo;befreundeten&ldquo; und nicht befreundeten Staaten unterh&auml;lt, ist &ndash; wie so vieles &ndash; unbekannt. Dass &uuml;berhaupt etwas &uuml;ber diese Programme bekannt ist, ist einzig und alleine einigen wenigen mutigen Whistleblowern zu verdanken &ndash; zum Beispiel M&auml;nnern wie <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/William_Binney_(U.S._intelligence_official)\">William Binney<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.whistleblower.org\/program-areas\/homeland-security-a-human-rights\/surveillance\/nsa-whistleblowers-bill-binney-a-j-kirk-wiebe\">Kirk Wiebe<\/a> und <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Thomas_Andrews_Drake\">Thomas Drake<\/a>, die allesamt Jahrzehnte in leitenden Funktionen f&uuml;r die NSA t&auml;tig waren, die Arbeit aber irgendwann nicht mehr mit ihrem Gewissen vereinbaren konnten und daf&uuml;r von den US-Beh&ouml;rden <a href=\"http:\/\/www.atimes.com\/atimes\/China\/CHIN-01-210613.html\">massiv bek&auml;mpft werden<\/a>.<\/p><p>Das Abh&ouml;rprogramm Prism, mit dem die NSA sich automatisierten Zugang zu den Daten bestimmter amerikanischer Internetdienstleister verschafft, ist nur ein kleines Prisma in einem unvorstellbar gro&szlig;en &Uuml;berwachungssystem. Die sprichw&ouml;rtliche Spitze des Eisbergs. Doch wohin flie&szlig;en die ganzen Daten? In Utah wird in diesem Jahr ein neues NSA-Rechenzentrum <a href=\"http:\/\/www.wired.com\/threatlevel\/2012\/03\/ff_nsadatacenter\/all\/1\">er&ouml;ffnet<\/a>, das f&auml;hig ist, Daten im &bdquo;Yottabytebereich&ldquo; zu verarbeiten &ndash; ein Yottabyte sind eine Billion Terabyte. Damit h&auml;tte das Rechenzentrum die Kapazit&auml;t, dass Eintausendfache[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] des gesamten Datenvolumens zu verarbeiten, das j&auml;hrlich &uuml;ber das Internet transferiert wird.<\/p><p>Doch der gr&ouml;&szlig;te Speicher nutzt wenig, wenn man die gesammelten Daten nicht sinnvoll auswerten kann. Aber auch an diesem Problem arbeitet die NSA bereits fieberhaft. In Oak Ridge, Tennessee entsteht momentan ein gigantisches geheimes Rechenzentrum, in dem bis 2018 einen neuer Superrechner untergebracht werden soll, der alle bekannten zivilen Superrechner in den Schatten stellen soll. Dieser Rechner hat den Stromverbrauch von 200.000 Haushalten und soll dann auch in der Lage sein, Daten und Mails, die mit aktuellen AES-Verschl&uuml;sselungsalgorithmen verschl&uuml;sselt wurden, in vertretbarer Zeit zu knacken. Zus&auml;tzlich hat die NSA im Februar dieses Jahres den Bau eines weiteren &bdquo;Hochleistungsrechenzentrum&ldquo; in Ft. Meade, Maryland <a href=\"http:\/\/fm4.orf.at\/stories\/1714132\/\">angek&uuml;ndigt<\/a>, das ebenfalls zum &bdquo;Codebreaking&ldquo; genutzt werden soll.  Die Verschl&uuml;sselung stellt heute &ndash; neben den Gesetzten &ndash; das einzig nennenswerte Problem f&uuml;r die NSA dar. Im Datenpool der Schlapph&uuml;te d&uuml;rften noch zigtausende Mails und Dokumente schlummern, die noch darauf warten, entschl&uuml;sselt zu werden. <\/p><p><strong>Orwell 2.0<\/strong><\/p><p>Ein Nachrichtendienst hat nat&uuml;rlich die Aufgabe, bestimmte Formen der Kommunikation von &bdquo;b&ouml;sen Buben&ldquo; abzuh&ouml;ren und die daraus gewonnen Erkenntnisse weiterzugeben. Dagegen ist auch prinzipiell nichts einzuwenden, doch was die NSA macht, hat mit diesem naiven Bild eines Nachrichtendienstes so gar nichts mehr zu tun. Auf Basis der wenigen &ouml;ffentlich bekannten Informationen sieht es vielmehr so aus, als w&uuml;rde die NSA bestrebt sein, jedes Bit, das durch die Netzwerke rauscht und jedes Telefonat, das weltweit gef&uuml;hrt wird, zu erfassen, abzuspeichern und auszuwerten. Ein leitender NSA-Angestellter fasste dies gegen&uuml;ber <a href=\"http:\/\/www.wired.com\/threatlevel\/2012\/03\/ff_nsadatacenter\/all\/1\">Wired<\/a> mit dem griffigen Satz &bdquo;Jeder ist ein Ziel; jeder, der kommuniziert ist ein Ziel&ldquo; (&ldquo;Everybody&rsquo;s a target; everybody with communication is a target.)&rdquo; zusammen.<\/p><p>Und dabei geht es keineswegs nur um die Terrorabwehr. Eine aktuelle <a href=\"https:\/\/www.aivd.nl\/english\/publications-press\/@2873\/jihadism-web\/\">Studie<\/a> des niederl&auml;ndischen Geheimdienstes stellt nicht umsonst fest, dass die wirklich &bdquo;b&ouml;sen Buben&ldquo; f&uuml;r ihre konspirative Kommunikation verschl&uuml;sselte Foren im sogenannten &bdquo;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Deep_Web\">Deep Web<\/a>&ldquo; nutzen, die Google und Co. &uuml;berhaupt nicht bekannt sind. Die Idee, dass Terroristen sich &uuml;ber Facebook oder Skype zum n&auml;chsten Anschlag verabreden, ist derart albern, dass es schon peinlich ist, wenn beispielsweise das Prism-Programm mit dem Argument der Terrorismusabwehr und &ndash;bek&auml;mpfung begr&uuml;ndet wird. Bereits das technisch wesentlich schw&auml;chere Echelon-System wurde auch zur Bespitzelung von Regierungskritikern und zur umfassenden Wirtschaftsspionage genutzt und es gibt keinen einzigen Grund anzunehmen, dass sich darin bis heute etwas ge&auml;ndert haben soll.<\/p><p>Das Abh&ouml;rprogramm der NSA &auml;hnelt noch nicht einmal im Ansatz einem &bdquo;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Minority_Report\">Minority Report<\/a>&ldquo; und kann keine Verbrechen verhindern, bevor diese begangen werden. Es ist eine Sache, gigantische Datenbanken zu erfassen und abzuspeichern &ndash; sie auch sinnvoll auszuwerten, ist ungleich schwieriger. Was die Datenbank in puncto Terrorabwehr jedoch kann, ist, s&auml;mtliche Mails und Telefonate von T&auml;tern auszuwerten, nachdem die Tat begangen wurde. Da die echten b&ouml;sen Buben dies jedoch genau wissen, d&uuml;rfte sich der praktische Nutzen eher in Grenzen halten. Diesem geringen Nutzen steht jedoch eine unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig gro&szlig;e Gefahr gegen&uuml;ber. Denn (siehe oben) jedes Angebot generiert automatisch auch eine Nachfrage. Und welche Regierungsbeh&ouml;rde k&ouml;nnte schon dem s&uuml;&szlig;en Honigtopf mit einem derart umfassenden Datenpool auf Dauer widerstehen?<\/p><p>Mittels der heute entwickelten Technik ist es schon bald m&ouml;glich, ein komplettes Profil einer Person anzulegen. Nahezu jede Mail, die jemals verschickt wurde, jedes Telefonat, das jemals gef&uuml;hrt wurde, jede Finanztransaktion und jede Rechnung, die nicht in bar bezahlt wurde, wird bereits heute von der NSA direkt oder indirekt abgespeichert und ist &uuml;ber intelligente Datenbankanwendungen auch personalisierbar. Der &bdquo;Big Brother&ldquo; kann sich somit ein umfassendes Bild von jeder Person &ndash; auch von Ihnen &ndash; machen. Und dies ist keine Dystopie, kein orwellsches Schreckenszenario, sondern bereits heute technisch machbar. Nur noch die Gedanken sind frei; alles, was in irgendeiner Form digitalisiert wurde, ist nicht mehr frei. Und wir regen uns &uuml;ber die Stasi auf.<\/p><p><strong>Was kann ich dagegen tun?<\/strong><\/p><p>Am wichtigsten ist es, dass die B&uuml;rger endlich ein Gesp&uuml;r f&uuml;r die Bedrohung durch die allt&auml;gliche &Uuml;berwachung bekommen. Erst dann wird sich auch ein politisches Bewusstsein f&uuml;r diese Thematik entwickeln. F&uuml;r Angela Merkel ist ja bereits das Internet Neuland und die beiden gro&szlig;en Volksparteien scheinen &uuml;berdies noch nicht einmal &uuml;ber rudiment&auml;re Kenntnisse im Bereich Datenverarbeitung zu verf&uuml;gen. Und wenn es &ndash; siehe Echelon\/Europ&auml;isches Parlament &ndash; doch einmal eine politische Initiative schafft, Datenschutzskandale &ouml;ffentlich zu machen, z&auml;hlen schlussendlich die wirtschaftlichen Interessen mehr als die informelle Freiheit der B&uuml;rger. Man muss nicht zynisch sein, um daraus zu folgern, dass die Wahrscheinlichkeit, dass von dieser Politik mittel- bis langfristig etwas gegen die &Uuml;berwachungsallmacht der Geheimdienste unternommen wird, gegen null geht. Und dies gilt spiegelbildlich auch f&uuml;r die USA und andere Staaten mit ausgefeilten &Uuml;berwachungsprogrammen.<\/p><p>Einstweilen bleibt uns daher nur &uuml;brig, zu hoffen, dass die Politik und die staatlichen Organe mit den Daten, die sie laut Verfassung gar nicht erheben d&uuml;rfen, zumindest halbwegs verantwortungsvoll umgehen. Da das Angebot jedoch auch die Nachfrage generiert, kann man hier leider nur pessimistisch sein. Immerhin sitzen wir alle in einem Boot und es macht bekanntlich einen Unterschied, ob man in der Fu&szlig;g&auml;ngerzone oder am FKK-Strand die Hosen herunterlassen muss. Und wer es der NSA etwas schwerer machen will, der sollte seine Mails und Daten grunds&auml;tzlich verschl&uuml;sseln, so wenig propriet&auml;re Software wie m&ouml;glich nutzen und auch ansonsten so wenig Daten wie m&ouml;glich hinterlassen. Dies gilt umso mehr f&uuml;r Unternehmen, Journalisten, B&uuml;rgerrechtler und &auml;hnlich exponierte Personen. Der Satz &bdquo;Gentlemen do not read each other&rsquo;s mail&ldquo; hat n&auml;mlich heute leider keine Bedeutung mehr.<\/p><p>Hintergrund und Quellen (wenn nicht anders angegeben):<\/p><ul>\n<li>James Bamford &ndash; <a href=\"http:\/\/www.wired.com\/threatlevel\/2012\/03\/ff_nsadatacenter\/all\/1\">The NSA Is Building the Country&rsquo;s Biggest Spy Center (Watch What You Say)<\/a><\/li>\n<li>Duncan Campbell &ndash; <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/6\/6928\/1.html\">Inside Echelon<\/a><\/li>\n<li>Oliver Schr&ouml;m &ndash; <a href=\"http:\/\/web.archive.org\/web\/20100420072230\/http:\/\/www.zeit.de\/1999\/40\/199940.nsa_2_.xml?page=all\">Verrat unter Freunden<\/a><\/li>\n<li>Peter Lee &ndash; <a href=\"http:\/\/www.atimes.com\/atimes\/China\/CHIN-01-210613.html\">Snowden and the three wise NSA whistleblowers<\/a><\/li>\n<li>James Risen &ndash; <a href=\"http:\/\/www.nytimes.com\/2005\/12\/16\/politics\/16program.html?_r=0\">Bush Lets U.S. Spy on Callers Without Courts<\/a><\/li>\n<li>Democracy Now! &ndash; <a href=\"http:\/\/www.democracynow.org\/2013\/6\/10\/on_a_slippery_slope_to_a\">&ldquo;On a Slippery Slope to a Totalitarian State&rdquo;: NSA Whistleblower Rejects Gov&rsquo;t Defense of Spying<\/a><\/li>\n<li>Democracy Now! &ndash; <a href=\"http:\/\/www.democracynow.org\/2012\/4\/20\/exclusive_national_security_agency_whistleblower_william\">National Security Agency Whistleblower William Binney on Growing State Surveillance<\/a><\/li>\n<\/ul><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Basis: Sch&auml;tzung von Cisco, nach der im Jahr 2015 der Internetverkehr bei 966 Exabyte pro Jahr liegen wird.<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/a57343e1fed04c6396ae6e271a49ab73\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das j&uuml;ngst bekannt gewordene Internet&uuml;berwachungsprogramm Prism ist nur die Spitze des Eisbergs. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs wird die internationale Kommunikation systematisch von spezialisierten Geheimdiensten abgeh&ouml;rt. Mit dem technischen Fortschritt wuchs auch das Ausma&szlig; der &Uuml;berwachung rasant an. Heute betreibt wohl jedes bedeutende Land ein eigenes Abh&ouml;rprogramm, gegen das die Stasi wie ein graues Relikt<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17827\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,184,126,60],"tags":[850,901,469,1554,1556,1087],"class_list":["post-17827","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-ueberwachung","category-erosion-der-demokratie","category-innere-sicherheit","tag-datenschutz","tag-geheimdienste","tag-grossbritannien","tag-orwell-2-0","tag-usa","tag-whistleblower"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17827","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=17827"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17827\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":17841,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17827\/revisions\/17841"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=17827"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=17827"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=17827"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}