{"id":17854,"date":"2013-07-04T09:07:03","date_gmt":"2013-07-04T07:07:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17854"},"modified":"2015-08-10T09:22:25","modified_gmt":"2015-08-10T07:22:25","slug":"bio-branche-dasselbe-in-grun","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17854","title":{"rendered":"Bio-Branche: Dasselbe in Gr\u00fcn"},"content":{"rendered":"<p>Am Anfang stand die Vision: Bio-Produkte unter die Menschen bringen. F&uuml;r jeden erschwinglich und in erreichbarer Entfernung. Die Antwort lag auf der Hand: Ein gut sortierter Gro&szlig;h&auml;ndler und ein fl&auml;chendeckendes Filialnetz von Verbraucherm&auml;rkten.<br>\nDie Vision, die Welt auf diesem Weg zu einem etwas besseren Ort zu machen, teilen sehr viele der Besch&auml;ftigten in den M&auml;rkten. Ohne das aus dieser Vision resultierende &uuml;berdurchschnittliche Engagement bis hin zur Selbstausbeutung w&auml;ren die Pioniere der Biobranche damals erfolglos geblieben. Aber darf im Umkehrschluss ein Arbeitgeber der Biobranche seine Arbeitnehmer ausbeuten? Oder sie dahingehend manipulieren, dass sie sich selbst ausbeuten? Von <strong>Florian Pfenning<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nEine Neuerscheinung auf dem Buchmarkt hat hohe Wellen geschlagen Kevin Duttons &bdquo;Psychopathen&ldquo;. Tenor des Buches: Wir alle sollten ein wenig psychopathischer werden und eine gewisse unbek&uuml;mmerte, freibeuterisch-verwegene R&uuml;cksichtslosigkeit annehmen. Dann w&uuml;rden Arbeitnehmer charmant-frech &uuml;ber Gehaltserh&ouml;hungen verhandeln, &Uuml;berstunden knallhart ausgeglichen, die Chefs, Chef-Chefs und Chef-Chef-Chefs in den unerbittlichen Hierarchien etwas von ihrem Schrecken verlieren &ndash; auch in der Biobranche.<\/p><p>Ein Blick in die Geschichte lehrt uns: Der Feudalismus mit seinem Lehnsherrentum wurde in erster Linie nicht dadurch beendet, dass der einfache Mensch seiner Habgier endlich die Z&uuml;gel schie&szlig;en lie&szlig;, sondern durch die Aufkl&auml;rung: den Ausgang aus der selbstverschuldeten Unm&uuml;ndigkeit. Grundvoraussetzung hierf&uuml;r: Sapere aude &ndash; wage, dich deines Verstandes zu bedienen. Also werfen wir mal ein paar Fakten in die Debatte, die wir einer kleinen Internetrecherche zum Marktf&uuml;hrer entnehmen: <\/p><p>Zum Beispiel: <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/archiv\/digitaz\/artikel\/?ressort=sw&amp;dig=2013%2F05%2F25%2Fa0152&amp;cHash=0333ab3c89a6e5ac010d005c99377306\">Der Bio-Schlecker<\/a><br>\nOder: <a href=\"http:\/\/taz.de\/Oeko-Discounter-im-Schlecker-Modus\/!116816\/\">&Ouml;ko-Discounter im Schlecker-Modus- &bdquo;denn&rsquo;s ist ein Ausbeuterladen&ldquo;<\/a><\/p><p>Der dort genannte Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer rechnet &uuml;berhaupt nicht damit, dass ein neuer Markt innerhalb der ersten drei Jahre schwarze Zahlen schreibt. Stellen wir eine entsprechende Rechnung auf, bei der die Zahl der M&auml;rkte jedes Jahr um ca. ein Drittel zunimmt, finden wir ganz schnell heraus: Jedes Jahr stecken ungef&auml;hr zwei Drittel der vorhandenen M&auml;rkte in den roten Zahlen, m&uuml;ssen also vom restlichen Drittel mitgetragen werden. Da wurde die Vision &bdquo;Bio f&uuml;r jedermann&ldquo; wohl von der Vision &bdquo;Erster sein&ldquo; abgel&ouml;st, wie der Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer im Interview ja auch best&auml;tigt: &bdquo;Es geht darum, den Markt zu besetzen.&ldquo; Wie auch immer.<\/p><p><strong>Und wie? <\/strong><br>\nZum Beispiel zahlt das Unternehmen seinen Mitarbeitern in Deutschland keine Tarifl&ouml;hne. Angeblich, weil daf&uuml;r ja gar nicht gen&uuml;gend Gewinn erwirtschaftet werde. Gegen&uuml;ber steht dem eine j&auml;hrliche Zunahme der Filialzahlen um mehr als ein Drittel. Die Milchm&auml;dchenrechnung lautet: Steckt man allen Gewinn in die Expansion, bleibt selbstredend unter dem Strich nichts &uuml;brig.<\/p><p>Wof&uuml;r sollte der Gewinn eines Unternehmens genutzt werden? Zur Wertsteigerung des Unternehmens, und damit letztendlich Bereicherung des Inhabers, oder wenigstens auch zur Verteilung an viele, die die Wertsteigerung geschaffen haben? Bisher schl&auml;gt das Pendel in diesem Unternehmen stark in die erste Richtung aus, wie ein Blick auf die L&ouml;hne zeigt, die der internationale Player auf seinen Webseiten in &Ouml;sterreich verspricht:<br>\nSiehe <a href=\"http:\/\/www.denns-biomarkt.at\/754_Karriere.html\">hier<\/a>.<\/p><p>Ein gew&ouml;hnlicher Besch&auml;ftigter erh&auml;lt ein zwar kollektivvertragliches, aber doch eher lausiges Gehalt, von dem man dort, wo die zahlungskr&auml;ftige Klientel eines Biomarktes lebt &ndash; sagen wir mal, Wien &ndash; kaum mehr als eine <a href=\"http:\/\/www.denns-biomarkt.at\/22242_Feinkostverk%C3%A4ufer_m_w.html\">Einzimmerwohnung finanzieren kann<\/a>.<\/p><p>Nat&uuml;rlich kann man auch au&szlig;erhalb wohnen, das ist billiger. Aber sind Sie schon einmal zum Schichtdienst gependelt? Morgens vor sechs Uhr ist das gar nicht so einfach und kann sehr, sehr lange dauern. Und ein Auto ist von einem so geringen Gehalt kaum finanzierbar.<\/p><p>Auch wichtig zu wissen: Die 1.391 Euro brutto gibt es f&uuml;r eine Vollzeitstelle &ndash; fast alle Besch&auml;ftigten aber sind nur in Teilzeit angestellt. Dadurch fallen nicht so viele Arbeitsstunden weg, wenn zum Beispiel eine Person Urlaub nimmt.<\/p><p>Der Chef, also der Marktleiter, bekommt, wenn man die bereits enthaltene (!) &Uuml;berstundenpauschale herausrechnet, <a href=\"http:\/\/www.denns-biomarkt.at\/22241_Marktleiter_m_w.html\">knapp das Anderthalbfache plus eine erfolgsabh&auml;ngige Pr&auml;mie<\/a>. <\/p><p>Der Chef-Chef bekommt, und das vierzehnmal im Jahr, deutlich mehr als Kollektivvertragsniveau: fast das <a href=\"http:\/\/www.denns-biomarkt.at\/15184_Rayonsleiter_m_w.html\">eindreiviertelfache des Chefs<\/a>, dazu einen Dienstwagen und von Beginn an eine erfahrungsabh&auml;ngige Gehalts&uuml;berzahlung. <\/p><p>Der Chef-Chef-Chef wird gar nicht mehr erw&auml;hnt, geschweige denn beziffert; und er steht noch mehrere Stufen unter dem Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer.<\/p><p>Sapere aude &ndash; dicere aude, also nicht nur wagen nachzudenken, sondern auch dar&uuml;ber sprechen. Ein paar Besch&auml;ftigte aus Deutschland erz&auml;hlen folgendes:<\/p><p>Der Chef-Chef-Chef ist der, der zum Beispiel den Vorschlag macht, Rote Bete &uuml;ber Nacht in Wasser einzulegen, damit sie am n&auml;chsten Tag noch frisch und knackig aussehen &ndash; der daraus resultierende Qualit&auml;tsverlust ist ihm offenbar nicht wichtig oder wom&ouml;glich gar nicht bekannt. (Nota bene: Es handelt sich um Biom&auml;rkte!) <\/p><p>Er ist es auch, der jeden Besch&auml;ftigten zum Einzelgespr&auml;ch holt, wenn eine Betriebsratsgr&uuml;ndung im Raum steht &ndash; so geschehen in einem vor kurzem &uuml;bernommenen Markt in Speyer. Sein Einkommen ist nicht bezifferbar, er tr&auml;gt aber hochwertige, makellose Kleidung und f&auml;hrt ein Auto, das man eher vor einem Yachthafen vermuten w&uuml;rde. <\/p><p>Der Chef einer anderen Filiale hingegen ist der, der alles auffangen muss. Wird ein Mitarbeiter krank, springt er ein, denn die Personaldecke ist so d&uuml;nn, dass sonst keiner da ist, der die fehlende Arbeitskraft ersetzen k&ouml;nnte. In den vergangenen Monaten verlie&szlig;en mehrere Mitarbeiter seinen Markt, ohne je ersetzt worden zu sein; inzwischen fehlen mehrere hundert Monatsarbeitsstunden &ndash; rund vier Vollzeitstellen. Also vier Personen, die jeden Tag da w&auml;ren: zwei in jeder Schicht. Haben Sie schon einmal versucht, zu acht die Arbeit von zehn zu erledigen, oder zu f&uuml;nft die Arbeit von sieben? Leider darf er das fehlende Personal offenbar nicht selbst einstellen; das obliegt dem Chef-Chef, der nur alle paar Tage vor Ort ist, und es geschieht erst nach monatelangen Verhandlungen mit wer wei&szlig; wo weiter oben und jedenfalls ganz weit weg.<\/p><p>Bei solchen Verh&auml;ltnissen fallen nat&uuml;rlich mengenweise &Uuml;berstunden an. Beispiel einer Kalenderwoche: Geplant ist ein t&auml;gliches Dienstende um 15:00. Tats&auml;chliche Feierabendzeiten: 16:45, 18:30, 15:40, 18:30, 19:00, 17:30. Und so sieht fast jede Woche aus, seit Monaten. Sechs-Tage-Wochen.<br>\nFreizeit, Familienleben? Nicht planbar.<\/p><p>Unabh&auml;ngig voneinander berichten zwei Besch&auml;ftigte, dass in ihren Stundenabrechnungen Stunden fehlen. Bei einem seien es mittlerweile 70 &Uuml;berstunden, die nirgends auftauchten. Auch so kann man die Kosten eines Unternehmens k&uuml;nstlich gering halten.<\/p><p>Ja, dieses Unternehmen tr&auml;gt, ebenso wie die meisten konventionellen, <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/The_Corporation\">eindeutig psychopathische Z&uuml;ge<\/a> im Sinne des Buches von Kevin Dutton.<br>\nEs verfolgt unrealistische Ziele, boxt seine Interessen ohne R&uuml;cksichtnahme auf die Bed&uuml;rfnisse der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch, nutzt ungeniert den Vorteil des l&auml;ngeren Hebels aus, entzieht sich seiner Verantwortung und belohnt sich noch selbst daf&uuml;r. Der auf der Homepage des Unternehmens in der Formulierung &bdquo;Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind der entscheidende Vorsprung im Wettbewerb&ldquo; angedeuteten Wertsch&auml;tzung steht offenbar keine Entsprechung in denjenigen Aspekten des Personalwesens gegen&uuml;ber, bei denen man es erwarten w&uuml;rde. Anspruch und Wirklichkeit klaffen weit auseinander &ndash; treffen die Aussagen der Besch&auml;ftigten zu, sogar weiter, als die &bdquo;Polizei erlaubt&ldquo;. <\/p><p>Und trotzdem &ndash; sollten die Arbeitnehmer deshalb auch Psychopathen werden? Sicherlich nicht! Im geschilderten Fall wollen sie so etwas wie Bio-Pioniere bleiben: Unverbesserliche Weltverbesserer. Wie wir alle wollen sie die Erde sch&uuml;tzen, Mensch, Pflanze und Tier gut ern&auml;hren, ihre Familien und Freunde lieben und Zeit mit ihnen verbringen. <\/p><p>Witzigerweise sind das genau dieselben Bed&uuml;rfnisse, die auch ihre Chefs s&auml;mtlicher Hierarchiestufen haben. Nur &bdquo;Das Unternehmen&ldquo; hat sie nicht, die juristische Person, die von Menschen geschaffen wurde und von der die Menschen nun abh&auml;ngig zu sein scheinen. Nur Menschen besitzen die F&auml;higkeit, ihrer eigenen Spezies auf Dauer &uuml;berlebensfeindliche Lebensumst&auml;nde zu schaffen. Dem Versuch, diese mit gr&uuml;ner Farbe zu bepinseln &ndash; Farbe des Lebens, griechisch &bdquo;bios&ldquo;, unter juristischen Personen &bdquo;Nachhaltigkeit&ldquo; genannt &ndash; kann man wohl nur mit einem Hinweis begegnen: Gr&uuml;n ist auch die Farbe der Hoffnung, und die aller Graswurzelbewegungen. <\/p><p>Wir alle wollen gern f&uuml;r einen guten Zweck helfen, schenken und freiwillig geben &ndash; aber erpressen und bestehlen lassen wir uns nicht gern. Wir wollen nicht mit einem Psychopathen &uuml;ber unser Gehalt verhandeln m&uuml;ssen, sondern ein akzeptables Angebot bekommen. Wir wollen nicht der Freizeit, dem &Uuml;berstundenausgleich oder dem Urlaub hinterherlaufen und uns dabei noch Vorw&uuml;rfe anh&ouml;ren m&uuml;ssen wie &bdquo;Du l&auml;sst deine Kollegen im Stich&ldquo;. Wer sich als Arbeitgeber geb&auml;rdet, soll sich zumindest an die entsprechenden Gesetze halten, und am besten in Deutschland auch an den Tarifvertrag &ndash; denn auch der wurde einmal von beiden Seiten gemeinsam ausgehandelt. <\/p><p>Einen Schritt so zu tun, dass alle weitergehen k&ouml;nnen, auch das ist Nachhaltigkeit.<br>\nDie Idee der Nachhaltigkeit &uuml;ber den konkreten Menschen zu stellen, ist das nicht.<br>\nDazu kommt mir ein Zitat von Stanislaw Lec in den Sinn: Blinder Glaube hat einen b&ouml;sen Blick. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Anfang stand die Vision: Bio-Produkte unter die Menschen bringen. F&uuml;r jeden erschwinglich und in erreichbarer Entfernung. Die Antwort lag auf der Hand: Ein gut sortierter Gro&szlig;h&auml;ndler und ein fl&auml;chendeckendes Filialnetz von Verbraucherm&auml;rkten.<br \/> Die Vision, die Welt auf diesem Weg zu einem etwas besseren Ort zu machen, teilen sehr viele der Besch&auml;ftigten in den M&auml;rkten.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17854\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,150],"tags":[849,288,324],"class_list":["post-17854","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-verbraucherschutz","tag-nahrungsmittel","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-tarifvertraege"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17854","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=17854"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17854\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":17856,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17854\/revisions\/17856"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=17854"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=17854"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=17854"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}