{"id":17857,"date":"2013-07-04T09:36:32","date_gmt":"2013-07-04T07:36:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17857"},"modified":"2019-01-30T10:45:04","modified_gmt":"2019-01-30T09:45:04","slug":"vernetzung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17857","title":{"rendered":"Vernetzung"},"content":{"rendered":"<p>Vernetzung gilt als positiver Begriff und Vernetzt-Sein anzustrebender Zustand. Auch die politische Linke hat sich diesen aus der Systemtheorie stammenden Begriff zu eigen gemacht. <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong> r&auml;t zur Vorsicht.<br>\n<!--more--><\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Alles ist miteinander vernetzt, aber die Entfernungen zwischen den Menschen werden immer gr&ouml;&szlig;er.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>(Moritz Rinke)<\/p><p>Als ich dem Verleger meines letzten Buches davon erz&auml;hlt hatte, dass ich am Abend einen bekannten Schriftsteller zu einer Lesung im Gef&auml;ngnis erwartete, sagte er am Telefon zu mir: &bdquo;Sie sind aber gut vernetzt.&ldquo; Ich erschrak. Ich w&uuml;rde nie auf die Idee kommen, mich als jemanden zu bezeichnen, der &bdquo;gut vernetzt&ldquo; ist, und sagte dann nach einer kleinen Pause: &bdquo;Nun ja, im Laufe der Jahre lernt man ein paar Menschen kennen.&ldquo; <\/p><p>Ich habe gelernt, bei der Verwendung von Metaphern Vorsicht walten zu lassen. Man muss immer darauf achten, in welchen Kontext man sich damit begibt und welche Deutungsmuster man &uuml;bernimmt. Wer herausfinden will, was eine Katze ist, sollte auch die M&auml;use fragen, und wer wissen m&ouml;chte, was <em>Vernetzung<\/em> ist, sollte auch die Fische fragen. Die sind die wahren Vernetzungsexperten und k&ouml;nnen einem ein Lied singen von der Vernetzung, die sie geradewegs in die Fischfabrik und  &ndash; zu Fischst&auml;bchen gepresst und paniert &ndash; in die Bratpfannen f&uuml;hrt. Wie kann ein Mensch sich dar&uuml;ber freuen, wenn er vernetzt ist oder wird? <\/p><p>Die Leidenschaft, mit der die Leute gegenw&auml;rtig ihre Vernetzung und Selbstenth&uuml;llung via soziale Netzwerke betreiben, ist f&uuml;r mich einer der r&auml;tselhaften Z&uuml;ge der Gegenwart. Schon Spinoza hatte sich gefragt, warum die &bdquo;Menschen &hellip; f&uuml;r ihre Knechtschaft k&auml;mpfen, als sei es f&uuml;r ihr Heil&ldquo;. Orwell h&auml;tte sich eine derartige freiwillige Datenabgabe und Offenlegung noch der intimsten Lebensbereiche in seinen schlimmsten Alptr&auml;umen nicht vorstellen k&ouml;nnen und alle bisherigen Diktaturen waren st&uuml;mper- und l&uuml;ckenhaft im Vergleich mit den heutigen &Uuml;berwachungs- und Kontrollm&ouml;glichkeiten. W&auml;hrend man bei Polizei und Justiz dar&uuml;ber diskutiert, elektronische Fu&szlig;fesseln zur Verbrechensbek&auml;mpfung einzusetzen, rei&szlig;en sich die Leute um GPS-Handys, die ihre st&auml;ndige Ortung m&ouml;glich machen. Das herrschende System hat es geschafft, dass die Leute ihre umfassende Kontrolle in eigene Regie nehmen. Sogar vom neuen Papst hie&szlig; es noch w&auml;hrend des Assessmentcenters, das dieses Mal noch Konklave hie&szlig;, er sei gut vernetzt. M&auml;nnlich, katholisch, kommunikativ, kompetenzorientiert und teamf&auml;hig lautet das Anforderungsprofil f&uuml;r den, der den Papst-Job &uuml;bernehmen will. Man k&ouml;nnte beim n&auml;chsten Mal McKinsey mit der Organisation der Nachfolge beauftragen. Der R&uuml;cktritt von Benedikt verwandelt das Papsttum in ein ganz normales Vertrags- und Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnis. Die Amtszeit von K&ouml;nigen und P&auml;psten endete traditionell mit deren Tod und nicht, wenn ihr Vertrag abl&auml;uft. Auf einen einen oder sie das Pensionsalter erreicht hatten. Nachfolger hatten auf das das Ableben des K&ouml;nigs oder des Papstes zu warten und musste man sich in Geduld &uuml;ben. Auch K&ouml;nigin Beatrix hat am 30. April 2013 ihren R&uuml;cktritt erkl&auml;rt und den &bdquo;K&ouml;nigsjob&ldquo; an ihren Sohn &uuml;bergeben, um aufs Altenteil zu gehen. In Gestalt von P&auml;psten und K&ouml;nigen ragte noch etwas Vorb&uuml;rgerliches in die Welt des Tausches. Nachdem die Ehe ein Zweckb&uuml;ndnis auf Zeit geworden und keine lebenslange Verpflichtung mehr ist, f&auml;llt nun eine weitere Bastion der Ungleichzeitigkeit, in der sich noch eine alternative Logik durchgehalten hat. Ab jetzt haben wir gut vernetzte P&auml;pste und K&ouml;nige auf Zeit und auf Widerruf. Damit hat die die Sehnsucht nach einer Welt jenseits von Verwaltungsbeamten und Funktion&auml;ren, jenseits von blinder Aktion und Kapitalbewegung, einen weiteren Ort verloren, an den sie sich heften konnte.<\/p><p>Die amerikanische Polizei <em>twittert<\/em> ihren Erfolg bei der Suche nach einem schwer verletzten vermutlichen Bombenleger: &bdquo;GEFASST!!! Die Jagd ist vor&uuml;ber. Die Suche vorbei. Der Terror vor&uuml;ber. Gerechtigkeit bleibt.&ldquo;  Und auch hierzulande nutzt neuerdings die Polizei Facebook zu Fahndungszwecken. Sp&auml;testen da m&uuml;sste man doch stutzig werden. <\/p><p>Es geht um die Etablierung neuer und universaler &Uuml;berwachungssysteme. <em>Vernetzung<\/em> ist der Zentralbegriff einer geschmeidigen Herrschaft, die sich als Technik und Sachzwang tarnt. <em>Vernetzung<\/em> ist f&uuml;r die meisten Leute ein positiver Topos, w&auml;hrend der &bdquo;b&ouml;se Blick&ldquo; des Kritikers in ihr ein neues &bdquo;Dispositiv der Macht&ldquo; im Sinne Foucaults erblickt. Die Macht, die ehedem darauf fu&szlig;te, dass sie zerteilte, zerlegte, segregierte, stellt nun auf einer h&ouml;heren Ebene zwischen den Segregierten und Atomisierten auch wieder Verbindungen her, telekommunikative Vernetzungen, die zugleich der Kontrolle von Herrschaft unterliegen und ihrer Aufrechterhaltung und Verfeinerung dienen. Geschickter und perfider geht&rsquo;s kaum. &bdquo;Alles ist miteinander vernetzt&ldquo;, stellt Moritz Rinke fest, &bdquo;aber die Entfernungen zwischen den Menschen werden immer gr&ouml;&szlig;er.&ldquo; Vernetzung ist eine Erscheinungsform dessen, was Henri Lef&egrave;bvre als <em>Entfremdung zweiten Grades<\/em> beschrieben hat: Die Menschen haben das Bewusstsein ihrer Entfremdung eingeb&uuml;&szlig;t und f&uuml;hlen sich in ihr heimisch. Damit ist Entfremdung auf eine zynisch-perverse Art und Weise aufgehoben. Statt dass die Subjekte sich die entfremdeten Gestalten ihrer gesellschaftlichen Praxis wieder aneignen, gehen sie selbst in den Formen der Entfremdung auf und erleben die Funktionsimperative des Systems als ihre ureigensten Impulse und intimsten Leidenschaften. Die Subjekte sind, hei&szlig;t es bei Adorno, &bdquo;bis in ihre innersten Verhaltensweisen hinein mit dem identifiziert, was mit ihnen geschieht. Subjekt und Objekt sind, in h&ouml;hnischem Widerspiel zur Hoffnung der Philosophie, vers&ouml;hnt. Der Prozess zehrt davon, dass die Menschen dem, was ihnen angetan wird, auch ihr Leben verdanken. Die affektive Besetzung der Technik, der Massenappell des Sports, die Fetischisierung der Konsumg&uuml;ter sind Symptome dieser Tendenz. Der Kitt, als der einmal die Ideologien wirkten, ist von diesen einerseits in die &uuml;berm&auml;chtig daseienden Verh&auml;ltnisse als solche, andererseits in die psychologische Verfassung der Menschen eingesickert.&ldquo;<\/p><p>Matthias Altenburg, alias Jan Seghers, dem ich meine Anmerkung zum Begriff der Vernetzung geschickt hatte, antwortet mir am Blockupy-Wochenende in Frankfurt auf der &bdquo;Geisterbahn&ldquo; im Netz:<\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Wei&szlig; Gott, wir h&auml;ngen an der Strippe.<\/em><br>\n<em>Aber ohne dranzuh&auml;ngen, w&uuml;sste ich nicht, was gerade vor der EZB geschieht.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Ich wei&szlig;, dass vom <em>Arabischen Fr&uuml;hling<\/em> bis hin zu <em>Stuttgart 21, Occupy<\/em> und den aktuellen Protesten gegen die Zerst&ouml;rung des <em>Gezi<\/em>-Platzes in Istanbul sich viele Bewegungen der <em>Vernetzung<\/em> bedienen. Hier erh&auml;lt der Begriff des sozialen Netzwerks endlich einen Hauch von Wahrheit und Realit&auml;t. Dennoch bleibe ich dabei: Es m&uuml;sste auch ohne Vernetzung gehen. Wir h&auml;ngen nicht nur an der Strippe, sondern am Tropf und an der Leine! Wir d&uuml;rfen die Formen unserer Gesellschaftlichkeit nicht aus den H&auml;nden von Facebook und Twitter entgegennehmen. Die neuen Formen der Vergesellschaftung, die sich in den aktuellen sozialen Bewegungen herausbilden und die etwas qualitativ Neues vorwegnehmen sollen, k&ouml;nnen nicht die Gesellschaftlichkeit digitaler Netze, sondern m&uuml;ssen aus Fleisch und Blut sein und auf leiblicher Anwesenheit basieren. Br&uuml;derlichkeit und Solidarit&auml;t entstehen von Angesicht zu Angesicht, indem ich mich im anderen erkenne und alle gemeinsam die Erfahrung einer Kraft machen, von der sie gestern noch nicht wussten, dass sie &uuml;ber sie verf&uuml;gen &ndash; nicht in der Einsamkeit vor der Tastatur oder dem Touchscreen. Aus dieser erwachsen lediglich neue Formen des Autismus, keine solidarischen Verkehrsformen.<\/p><p>Seit Anfang Juni 2013 wissen wir dank der Enth&uuml;llungen des couragierten Ex-Geheimdienstmitarbeiters Edward Snowden, dass, wer auf elektronischem Weg Daten &uuml;bermittelt und &uuml;ber Rechner kommuniziert, unfreiwillig mit dem amerikanischen Milit&auml;rgeheimdienst NSA zusammenarbeitet, der unter dem Code-Namen <em>Prism<\/em> diese Daten weltweit sammelt, nach bestimmten Algorithmen auswertet und auf diese Weise Profile erstellt. Die &Uuml;berwachung geht &uuml;ber die Registrierung von Telefongespr&auml;chen und E-Mails weit hinaus und erfasst auch die Daten der Internetkonzerne und somit die sozialen Netzwerke. Ein anderer ehemaliger Mitarbeiter des amerikanischen Milit&auml;rgeheimdienstes sagt, dass die nach dem 11. September 2001 m&ouml;glich gewordene &Uuml;berwachung des Datenverkehrs ohne richterlichen Beschluss besser sei als alles, &bdquo;was der KGB, die Stasi oder die Gestapo und SS je hatten.&ldquo; Ein Kontrollfanatiker wie Jeremy Bentham, der Ende des 18. Jahrhunderts das <em>Panoptikum<\/em> ersann, das im Namen des anbrechenden Zeitalters der Arbeitsdisziplin die gleichzeitige &Uuml;berwachung vieler Menschen durch wenige &Uuml;berwacher erm&ouml;glichen sollte, h&auml;tte sich die heutigen &Uuml;berwachungspraktiken in seinen k&uuml;hnsten Tr&auml;umen nicht vorstellen k&ouml;nnen. <\/p><p><em>Auf Augenh&ouml;he, gut aufgestellt, zielf&uuml;hrend  und vernetzt sein, ins Boot geholt oder in die Spur gebracht werden:<\/em> all das will ich nicht und kann es bald nicht mehr h&ouml;ren. Widerlich diese Sprache, absto&szlig;end und ekelerregend.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vernetzung gilt als positiver Begriff und Vernetzt-Sein anzustrebender Zustand. 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