{"id":17864,"date":"2013-07-05T08:33:15","date_gmt":"2013-07-05T06:33:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17864"},"modified":"2019-07-25T11:06:02","modified_gmt":"2019-07-25T09:06:02","slug":"asthetik-und-politik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17864","title":{"rendered":"\u00c4sthetik und Politik"},"content":{"rendered":"<p>Unter dem Titel Sch&ouml;nheit und Gerechtigkeit fand in der Zentralbibliothek K&ouml;ln ein Symposion zur Roman-Tetralogie Die Kinder des Sisyfos des Schriftstellers Erasmus Sch&ouml;fer statt.<br>\nEs ist das gro&szlig;e Verdienst Sch&ouml;fers, mit seiner literarischen Geschichte von unten, diese Ereignisse vor dem Vergessen bewahrt zu haben. Er hat nicht nur &uuml;ber sie geschrieben; er hat an vielen der Widerstands-Aktion selbst teilgenommen. In seiner Dankesrede anl&auml;sslich der Verleihung des Gustav-Regler-Preises hat der Autor sein literarisches Credo wie folgt formuliert: <em>F&uuml;r mich hat immer gegolten: Der Schriftsteller ist nicht nur kritischer Beobachter der Weltl&auml;ufe, sondern handelnder, mitwirkender Beteiligter. Er ist einer, der sich zugeh&ouml;rig wei&szlig; zu den emanzipatorischen Bewegungen seiner Zeit, der an ihnen teilnimmt mit dem Bewusstsein, die Motive der Bewegten erkennen und bezeugen zu wollen, im Widerstand gegen die m&auml;chtigen Kr&auml;fte, in deren Interesse die Verdunkelung und Verf&auml;lschung dieser Motive liegt.<\/em> Von <strong>Joke und Petra Frerichs<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nSch&ouml;fer steht in der Tradition gro&szlig;er deutscher Romanciers, die sich dem politischen Alltag verschrieben haben, z. B.:  <em>Alfred D&ouml;blin (November 1918)<\/em> oder <em>Uwe Johnson (Jahrestage)<\/em>. Gegenstand seiner Romane ist die Geschichte der linken Bewegung in Deutschland zwischen 1968 und 1989. In Zeiten des Widerstands gegen <em>Stuttgart21<\/em> und anderer Gro&szlig;projekte, ist es wichtig, sich dieser Widerstandsgeschichte bewusst zu werden. Was <em>Peter Weiss<\/em> in seiner <em>&Auml;sthetik des Widerstands<\/em> f&uuml;r die  erste H&auml;lfte des 20. Jahrhunderts unternommen hat &ndash; die fiktionale Darstellung der linken Geschichte &ndash; leistet Erasmus Sch&ouml;fer f&uuml;r die zweite H&auml;lfte des Jahrhunderts. Viele der politischen und sozialen Konflikte dieser Zeit werden von ihm aus der Sicht von beteiligten Aktivisten dargestellt: Die Studentenbewegung (Band 1); der Kampf gegen das Atomkraftwerk Whyl (Band 2); der gewaltsame Tod einer griechischen Demonstrantin w&auml;hrend einer Protestaktion vor einer Textilfabrik in der N&auml;he Athens (Band 3) sowie die Konflikte um die Startbahn West in Frankfurt und der Kampf gegen die Schlie&szlig;ung des Krupp-Stahlwerks Rheinhausen (Band 4). [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<\/p><p>Sch&ouml;fer hat das immense historische Material, das er bearbeitet, auf sensible und literarisch h&ouml;chst anspruchsvolle Weise verdichtet. Das Ergebnis ist ein bedeutendes Werk der deutschen Gegenwartsliteratur (von insgesamt &uuml;ber 2.000 Seiten), das noch viel zu wenig Resonanz gefunden hat. Auch daf&uuml;r gibt es Gr&uuml;nde: Es geh&ouml;rt zu den <em>Strukturmerkmalen der b&uuml;rgerlichen &Ouml;ffentlichkeit<\/em>, dass ganze Bereiche unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit in den Medien tabuisiert werden. Dazu geh&ouml;ren in erster Linie betriebliche Konflikte. <em>Oskar Negt<\/em> hat zurecht darauf aufmerksam gemacht, dass die Arbeitswelt noch immer zu den Bereichen der <em>unterschlagenen Wirklichkeit<\/em> geh&ouml;rt, von der die &Ouml;ffentlichkeit fern gehalten wird wie das Kind vom hei&szlig;en Ofen. Gilt dies schon allgemein, so gilt es f&uuml;r die intellektuelle und literarische &Ouml;ffentlichkeit erst recht. <em>Siegfried Kracauer<\/em> schrieb bereits 1959: Die Arbeitswelt ist den meisten Intellektuellen <em>ihrer Allt&auml;glichkeit wegen gew&ouml;hnlich uninteressant. Hinter die Exotik des Alltags kommen auch die radikalen Intellektuellen nicht leicht.<\/em> <\/p><p>Erasmus Sch&ouml;fer geh&ouml;rt neben <em>G&uuml;nter Wallraff<\/em>, dem fr&uuml;hen <em>Ralf Rothmann<\/em> und <em>Wolfgang Bittner<\/em> zur seltenen Gattung der politischen Schriftsteller, die dieses Tabu ignoriert haben. Das hat ihm seitens des Feuilletons wenig Freunde beschieden. In einer Art R&uuml;ckschau auf seine literarische T&auml;tigkeit, dem Buch <strong><em>Der gl&auml;serne Dichter<\/em><\/strong>, schreibt Sch&ouml;fer: <em>Im Hintergrund seines Bewusstseins lauerte die Erfahrung, dass seine fr&uuml;heren Arbeiten ohne F&uuml;rsprecher und halbseitige Verlagsanzeigen auf dem Geistermarkt erschienen waren, im Vertrauen auf ihre St&auml;rke dank genauer Wirklichkeitsforschung und sorgf&auml;ltiger sprachlicher Verdichtung, dass aber bis auf wenige Freunde alle angestellten Schm&auml;hschreiber vor dieser Herausforderung versagt, n&auml;mlich nicht einmal versucht hatten, die vielschichtigen Geb&auml;ude seiner Werke &uuml;berhaupt zu betreten, ihre Architektonik zu ergr&uuml;nden oder wenigstens intuitiv zu verstehen &hellip; Klar. Ihnen missfiel sein Baumaterial.<\/em> Aus diesen Erfahrungen zieht er sp&auml;ter, als er &uuml;ber Jahre an seinem vierb&auml;ndigen Hauptwerk, dem <em>Epochenst&uuml;ck (Die Kinder des Sisyfos)<\/em>, arbeitet, eine radikale Konsequenz: <em>Nicht mal im Traum &ndash; lautete sein R&uuml;tli-Schwur &ndash; wollte er ihnen noch Beachtung gew&auml;hren, und erst recht nicht lesen, was sie sich &uuml;ber sein Epochenst&uuml;ck aus den N&auml;geln knabbern w&uuml;rden. Unter ihnen war ausgemacht, in welche Schublade er geh&ouml;rte. Da konnte er schreiben, was er wollte &ndash; sie w&uuml;rden in ihren fr&uuml;heren Rezensionen nachlesen und nur nach Best&auml;tigung ihrer einmal gefassten Urteile Ausschau halten, die ihm wie ein Brandmal anhafteten.<\/em> [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]<\/p><p>W&auml;hrend des Symposions in K&ouml;ln stand neben dem Gesamtwerk insbesondere der dritte Band von Sch&ouml;fers Tetralogie <strong><em>(Sonnenflucht)<\/em><\/strong> im Mittelpunkt der Er&ouml;rterungen. Dieser Roman war erstmals 1986 unter dem Titel <em>Tod in Athen<\/em> erschienen und wurde von Sch&ouml;fer als &uuml;berarbeitete Fassung sp&auml;ter in das Gesamtwerk integriert. Gleichwohl bildet die Tetralogie eine bruchlose Einheit, in der der 3. Teil als erweiterte Perspektive und variierte Dramaturgie erscheint. Die beiden Hauptfiguren &ndash; der durch Berufsverbot erzwungenerma&szlig;en arbeitslose Geschichtslehrer Viktor Bliss und sein Freund, der Betriebsratsvorsitzende eines Stahlwerks bei D&uuml;sseldorf Manfred Anklam &ndash; sorgen f&uuml;r die personelle Kontinuit&auml;t der Roman-Teile. Zur Handlung selbst: Schauplatz des Geschehens ist Griechenland (auch dies verleiht dem Roman eine vom Autor unbeabsichtigte Aktualit&auml;t!). Bliss steckt in einer tiefen pers&ouml;nlichen Lebenskrise und ist in seiner Verzweiflung auf eine griechische Insel geflohen. Sein Freund Anklam besucht ihn nach einem halben Jahr dort und will ihn zur&uuml;ckholen. Der Roman behandelt die wenigen Tage des kurzen gemeinsamen Inselaufenthalts, der F&auml;hrfahrt zur&uuml;ck nach Athen und Anklams R&uuml;ckflug nach D&uuml;sseldorf &ndash; doch in dieser Zeitspanne ereignet sich eine Menge: viel Emotionales, Konfliktorisches und Politisches zwischen den beiden Freunden; viel an Reflexion und Nachdenklichkeit; viel sinnlich Erlebtes und zwei tragische Ereignisse &ndash; der gewaltsame Tod der Studentin Sotiria anl&auml;sslich einer Demonstration sowie Waldbr&auml;nde rund um Athen, wobei Bliss bei einer versuchten Rettungsaktion selbst schwerste Brandverletzungen an Kopf und Gesicht davontr&auml;gt. <\/p><p>Von der Erz&auml;hlform her arbeitet Sch&ouml;fer kapitelweise mit dem Wechsel der Perspektiven zwischen Bliss, Anklam und Katina, einer Freundin der get&ouml;teten Sotiria, die Bliss erst kurz vor seinem Unfall kennengelernt hatte. Sch&ouml;fer bedient sich nicht nur des Stilmittels des Perspektivwechsels zwischen den Protagonisten; er wechselt zugleich den Stil und die Sprache der jeweiligen Person, aus deren Blickwinkel erz&auml;hlt wird. Katinas Er&ouml;ffnungsbeitrag weiht die Leser in die Umst&auml;nde ein, in denen sich Bliss befindet: Er liegt v&ouml;llig bewegungs- und sprechunf&auml;hig, schwerstverletzt durch Gesichtsverbrennungen in der Isolierstation eines  Athener Krankenhauses, und Katina bespricht ihm Tonb&auml;nder, damit er mit ihr und der Au&szlig;enwelt in Verbindung bleibt. (Hiermit wird der Schluss des Romans vorweggenommen, w&auml;hrend die Passagen &uuml;ber die anderen Figuren chronologisch angeordnet sind.) Der Autor verfasst diese Tonband-Briefe in der &bdquo;gesprochenen&ldquo; Sprache und verzichtet bewusst auf grammatikalische Korrektheit; durch die Unmittelbarkeit des Stils wird die N&auml;he Katinas zum Brandopfer besonders hervorgehoben &ndash; ihre Sorge und Zuversicht &uuml;ber die Heilungschancen von Bliss. Die Passagen der Katina sind in Ich-Form gehalten und kursiv gesetzt. Wohl deswegen, weil sie sich zu denen von Bliss und Anklam deutlich unterscheiden und auch f&uuml;r den Gegenw&auml;rtigkeitsbezug stehen, was f&uuml;r den Leser eine Orientierungshilfe im Geschehensablauf darstellt.<\/p><p>Mit am reizvollsten und interessantesten ist die Konstruktion der Protagonisten Bliss und Anklam: hier der Intellektuelle Bliss, dort der Facharbeiter Anklam; hier der politisch Sozialisierte mit b&uuml;rgerlicher Herkunft, der sich seiner <em>Klassenschizofrenie<\/em> [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] zu stellen hat; dort der betrieblich sozialisierte, linke Gewerkschafter mit proletarischer Herkunft; hier der Repr&auml;sentant einer systematischen Bildung; dort der belesene Arbeiter, der mit seiner Lesewut seine Benachteiligung kompensiert; hier dominiert der Kopf und Geist &uuml;ber den K&ouml;rper und die Emotionen sowie die Angst vor Kontrollverlust; dort das Impulsiv-Aggressive, Robuste, K&ouml;rperbetonte, Direkte in der Reaktion und Auseinandersetzung u.a.m. <\/p><p>Entsprechend passt Sch&ouml;fer den literarisch-stilistischen Grundton der Kapitel den Habitusformen und Wahrnehmungsweisen der beiden Hauptfiguren an. In den Abschnitten aus der Perspektive von Bliss dominiert ein reflexiver Stil, eine Sprache der Intellektualit&auml;t, Selbstreflexion; voller Zweifel, Resignation, Trauer und offener Fragen. Als Beispiel ein innerer Monolog, der Einblick in Bliss&lsquo; Gedankenwelt gew&auml;hrt und stilistisch auch aufgrund der Sprachspiele heraussticht: <em>Die Wahrheit ist keine Wahrheit ist eine Wahrheit. Amen.\/ Die gewisse Gewissheit des Wissens, dreifach gen&auml;hrt. H&auml;lt nicht. Ich grab nach der Wahrheit immer tiefer &ndash; im Schutt der Widerspr&uuml;che. \/ Die Wahrheit ist also die Dialektik? Der Satz geht nicht, aber er stimmt. \/ Was immer einer tut bewirkt auch das Gegenteil. Sie bringen das M&auml;dchen um und setzen eine Heldin in die Welt. Wir bringen die Revolution in die Welt und zwingen das Kapital, seine Macht zu st&auml;rken. \/ Das Gesetz ist die Ver&auml;nderung. Das Gesetz steht fest. \/ Die Welt dreht sich. Rast durchs Universum, wie besessen. Fliegt irgendwann in die Luft. Erfriert. Aber sie steht fest auf ihrem Newton. \/ Mein Gott schalt mir doch einer das Hirn ab! \/ Die Wahrheit ist der Sisyphos. \/ Der Mond &uuml;ber Athen. Wei&szlig;er, nackter Mond &uuml;ber der W&uuml;ste. In der Jauche flie&szlig;t und Blut und Retsina. Kein Wasser. Wo gibt&rsquo;s noch Milch und Honig! \/ Und der Wald brennt. Brennt politisch. Aber l&ouml;sch ihn mal sozialistisch! Berechne mal dialektisch die Winkelsumme im Dreieck!<\/em> <\/p><p>Kunstvoll sind in diesem inneren Monolog die Hauptthemen des Romans geb&uuml;ndelt, und das Sisyphos-Motiv steht an zentraler Stelle (f&uuml;r Vergeblichkeit? Resignation? ).<br>\nDer Lehrer tr&auml;gt schwer an der inneren Zerst&ouml;rung, die das Berufsverbotsverfahren in ihm angerichtet hat &ndash; solcherart Kr&auml;nkung, Dem&uuml;tigung, Erniedrigung sind bleibende Wunden, die nicht verheilen wollen und als Erinnerungsfetzen aus x-beliebigem Anlass immer wieder seine Psyche martern. Es ist das Verdienst von Sch&ouml;fer, an einem einzelnen Berufsverbotsfall die sukzessive Zerst&ouml;rung einer Person literarisch dargestellt zu haben &ndash; auf dass die Nachgeborenen &uuml;berhaupt davon erfahren.<br>\nAuch Bliss selbst arbeitet gedanklich und kommunikativ gegen das Vergessen an, weil er davon &uuml;berzeugt ist, dass Geschichtsblindheit zur Stabilisierung von &uuml;berkommenen Herrschaftsformen beitr&auml;gt. Die Herstellung von Geschichtsbewusstsein ist daher ein Hauptanliegen des Autors, der damit in der Tradition Brechts steht: Wer sich der Geschichte des Widerstands aus der Klassenperspektive nicht bewusst ist oder erinnert, kann in den gegenw&auml;rtigen K&auml;mpfen nicht bestehen, geschweige denn siegen.<br>\nF&uuml;r Bliss beh&auml;lt sich der Autor stilistisch eine st&auml;rkere Trennung von Innen- und Au&szlig;enwahrnehmung vor, d.h. selbst gegen&uuml;ber seinem Freund Anklam h&auml;lt er seine Emotionen zur&uuml;ck, fl&uuml;chtet sich in die Distanzierung, weil Gef&uuml;hle ihm als Schw&auml;che ausgelegt werden k&ouml;nnten. Statt &uuml;ber verletzte Gef&uuml;hle zu reden, sucht er Zuflucht in der Poesie: wir erfahren, dass er in den langen Wochen der Einsamkeit auf der Insel stets einen Gedichtband des griechischen Dichters Jannis Ritsos bei sich hat.  <\/p><p>In den Kapiteln &uuml;ber den Arbeiter und Betriebsrat Anklam ist der Stil ein direkter, unmittelbarer; daf&uuml;r warmherziger. Ihm mangelt es nicht an Feinf&uuml;hligkeit f&uuml;r seinen Freund; doch f&uuml;r bestimmte Handlungsweisen, allen voran f&uuml;r dessen Flucht nach Griechenland, hat er kein Verst&auml;ndnis. Als Mann der Praxis meint er, das Kampffeld seines Freundes liege in Deutschland; alles andere sei ein Davonlaufen vor den Problemen. In die tieferen Regionen von Bliss&lsquo; seelischen Wunden vermag er nicht vorzudringen oder will es nicht, weil er sich nicht f&uuml;r <em>zust&auml;ndig<\/em> erkl&auml;rt: weder zu denen, die durch das Berufsverbotsverfahren verursacht sind, noch zu denen, die aus der Trennung von Lena (Bliss&lsquo; Frau) herr&uuml;hren. Statt mit Bliss &uuml;ber dessen pers&ouml;nliche Probleme zu reden, will er ihn nach Deutschland zur&uuml;ck holen: <em>Er &uuml;berlegte, ob der den Freund als Behelfsbetriebsrat nutzen k&ouml;nnte, ihm die Hauptpunkte vortragen, ihn zu Einw&auml;nden, Fragen provozieren, um so seine eigenen Gedanken ins Reine zu bringen. Die Hilfe k&ouml;nnte er ihm nicht verweigern. W&auml;r auch ein gutes Mittel, ihm die Realit&auml;t in den Kopf zur&uuml;ckzuzwingen. Die wichtige. Und die andre, die pers&ouml;nliche, wegzuschieben. Mit der er sich immer noch rumschl&auml;gt.<\/em><\/p><p>So steht Anklam den Gem&uuml;tsbewegungen seines Freundes relativ hilflos gegen&uuml;ber. Er erinnert sich an eine zur&uuml;ckliegende Szene mit Bliss: <em>Er verga&szlig; nicht den n&auml;chtlichen Schock, als Vik paar Wochen vor seinem Verschwinden bei ihm in D&uuml;sseldorf vor der T&uuml;r gestanden hatte, von einer eisigen Wortlosigkeit und Starre befallen, gebeten hatte, nur da sein zu d&uuml;rfen, er geredet hatte und geredet, mit Whisky, um Vik aufzulockern, abzulenken oder auch, weil er ahnte, dass den eine Sorte Schmerzen plagte, f&uuml;r die er unzust&auml;ndig war, auf die er sich nicht einlassen wollte. Bis er pl&ouml;tzlich sah, dass dem aus seinen gro&szlig;offenen Augen die Tr&auml;nen liefen, wie unstillbar, wie aus einer anderen Person, der lie&szlig; sie rinnen, bewegungslos, lautlos, ein Bild, in dem nur die unheimlich traurigen Augen lebten, und er, in seinem Schreck, dachte &ndash; jetzt schmilzt er! Jetzt l&ouml;st er sich auf! Da war er auch verstummt, unf&auml;hig zu antworten auf diese Auslieferung, bis Vik, erwachend aus der Erstarrung, heftig den Kopf sch&uuml;ttelte, Niemals! Rausstie&szlig;, aufsprang und im Bad einen scharfen Strahl Wasser ins Waschbecken lie&szlig;. Mit nassem Haar zur&uuml;ckkam, beil&auml;ufig was vom Tschuldigung murmelte und seine Nerven stillzureden versuchte, mit absurden Tiraden &uuml;ber die gro&szlig;e Koalition im Marburger Stadtrat gegen Gr&uuml;ne und Kommunisten, als w&auml;r dies die Ursache seiner Verzweiflung.<\/em>  <\/p><p>Stellen wie diese zeigen unter dem Signum von Vertrauen und tiefer Zuneigung doch die Unf&auml;higkeit, Gef&uuml;hle zu kommunizieren. Erst als Bliss die Selbstbeherrschung im symbolischen Akt der kalten Gesichtsdusche und des verbalen Aussto&szlig;es einer Unbeugsamkeitsfloskel wiedererlangt hat, ist die Fassade repariert, und ablenkende Gespr&auml;chsthemen sorgen f&uuml;r Entlastung. Anklam registriert zwar das Ablenkungsman&ouml;ver seines Freundes, nimmt es jedoch auch dankbar an, weil es auch ihn aus einer peinlichen Situation herausholt. Seine Sicht ist nicht prim&auml;r auf psychische Befindlichkeiten ausgerichtet, sondern eine politische: er lebt von der politischen Diskussion; der Bezugspunkt seines politischen Verst&auml;ndnisses sind die Probleme, die aus dem kapitalistischen Produktionsprozess resultieren. Er sieht die Welt als einen gro&szlig;en Herstellungszusammenhang; was in den Betrieben passiert, die gedankliche N&auml;he zu &bdquo;seinem&ldquo; Betrieb l&auml;sst ihn auch im fernen Griechenland nicht los. Er lebt in Kategorien der Klassenungleichheit, Ungerechtigkeit, Ausbeutung, Kontrolle, Unterdr&uuml;ckung. Daf&uuml;r hat er einen gesch&auml;rften Blick. In dieser Hinsicht ist er &bdquo;politisch&ldquo; und vor allem: ganz Betriebsrat &ndash; voller Verantwortungsgef&uuml;hl, Sorge und darauf ausgerichteter Emotionen. Sein politisches Selbstverst&auml;ndnis l&auml;sst er sich nicht eintr&uuml;ben &ndash; auch nicht vom eigenen Gewerkschaftsvorstand: <em>Niemand und nie konnte er erz&auml;hlen, mit den Gef&uuml;hlen, den Ahnungen erst, der langsam ins Klare d&auml;mmernden Gewissheit, was in dem schwarzen, schimmernden Haus in der Leuschnerstra&szlig;e geschehn war, wie sie ihn zitiert hatten nach Frankfurt mit dem Vorstandsbrief &ndash; ein Gespr&auml;ch sollte das sein! &ndash; ihn, den Verantwortlichen f&uuml;r einen Streik, mit dem anderthalbtausend Metaller ihrer Gewerkschaft das Kreuz st&auml;rken wollten, wild hatten ihn tats&auml;chlich einige genannt und meinten nicht wild vor Freude sondern eigenm&auml;chtig, verholzt waren die in der Organisation &hellip; der ganze gesch&auml;ftsf&uuml;hrende Vorstand um den Konferenztisch, kein Sessel mehr frei f&uuml;r ihn, auch kein Stuhl, angeklagte R&auml;delsf&uuml;hrer sitzen nicht vor ihren Richtern &hellip; mit dem R&uuml;cken an der Wand hatte er begriffen, dass hier das Konzept von der selbst&auml;ndigen, aktiven Basis schon verworfen, abgeblasen war, kaum eh es in den Betrieben und Kreisen zu reifen begann, der Druck von unten sollte nur auf Bestellung von oben erlaubt sein &hellip; Nicht geduldet werden konnte, dass die Rituale der Machtverwaltung von Uneingeweihten in Frage gestellt wurden, die mal zuschlagen wollten, wo nur Spiegelfechtereien stattfinden, das Imponiergehabe der Tarifforderungen, mit eingebauter Kompromissautomatik, allj&auml;hrliches versch&auml;rftes Z&auml;hnefletschen &hellip; zur Beschwichtigung der einf&auml;ltigen Proletariergem&uuml;ter &hellip; und auch der Streit im Vorstand um das Sandkorn Anklam im Getriebe ein Abbild der Vorg&auml;nge in der konfliktbereinigten Industriegesellschaft.<\/em><\/p><p>Einer wie Anklam bezieht sein Selbstbewusstsein aus seinem betrieblichen Alltag. Hier ist er verankert, hier kennt er sich aus. Das ist auch die Basis seines durch und durch sinnlichen Materialismus. So kann es geschehen, dass er geradezu in Verz&uuml;ckung ger&auml;t beim Anblick eines Sextanten: <em>Massiv! dachte er sofort mit einer gewissen Lust, als er das Gewicht des mattgl&auml;nzenden, k&uuml;hlen Metalls sp&uuml;rte &hellip; Offenbar ein Messger&auml;t. Beobachtungsger&auml;t. Das kurze Messingrohr mit dem verstellbaren Okular. Zur Navigation. Starr gelagert, das Fernrohr; nur in der H&ouml;he um die Achse variable. Er drehte an einer der R&auml;ndelschrauben, sp&uuml;rte zufrieden den satten, gleichm&auml;&szlig;igen Widerstand, den der gez&auml;hnte Messingboden dem Transportgewinde der Schraube entgegensetzte, w&auml;hrend sich das System der Spiegel millimeterweise &uuml;ber den horizontalen Messbogen schob &hellip;<\/em><br>\nEs ist der verkl&auml;rte Blick des Technikers und Ingenieurs auf ein feinoptisches Messger&auml;t, der im Facharbeiter Anklam zum Vorschein kommt und ihn zur genauesten Beschreibung des Ger&auml;ts und seiner Funktionsweise bef&auml;higt &ndash; stilistisch passend im Stakkato gehalten.  Oder: Bei einer beliebigen Baustelle in Griechenland erinnert Anklam sich einer weit zur&uuml;ckliegenden solidarischen Aktion, bei der er gegen die Vorschriften einem anderen Arbeiter bei der Maschinenbedienung geholfen hatte. Das ist der Habitus des hochqualifizierten, selbstbewussten Facharbeiters mit dem dazugeh&ouml;rigen sozialen und solidarischen Potential.   <\/p><p>Bei aller Verschiedenheit der Charaktereigenschaften gibt es zwischen Bliss und Anklam verbindende Gemeinsamkeiten. Die am wenigsten verbalisierbare ist ihre Freundschaft selbst; sie k&ouml;nnen dar&uuml;ber zwar nicht sprechen, aber das ist auch nicht notwendig: Es reicht, dass man sich aufeinander verlassen kann; dass einem der andere fehlt, wenn er weg ist; dass man Grund&uuml;berzeugungen im Politischen teilt: So verstehen sie sich nahezu blind in ihren Diskussionen &uuml;ber Organisationsfragen; ihre lebhaften Sozialismus-Diskussionen, meist von Anklam angezettelt, m&uuml;nden in heftige Kritik am existierenden Sozialismus und machen sich u.a. am &Uuml;berma&szlig; an Bevormundung und &Uuml;berwachung, an strukturellem Misstrauen und  nicht &uuml;berwundenen preu&szlig;ischen Tugenden fest. <em>Vielleicht ein Schl&uuml;sselerlebnis das, als sie G&auml;ste waren im Palast der Republik, beim Parteitag der SED &hellip; Was da verhandelt und berichtet wurde, aus dem Alltag der sozialistischen Republik, Erfolge, Schwierigkeiten, Pl&auml;ne, das billigte er. War aber diese ritualisierte Form der Darstellung von St&auml;rke und Geschlossenheit nicht umgeschlagen in einen &uuml;berfl&uuml;ssigen, den einzelnen einsch&uuml;chternden, l&auml;hmenden Gestus von Entm&uuml;ndigung? Da verlor sich doch der Reiz, die Verf&uuml;hrungskraft des Guten im Gepr&auml;nge der Macht?<br>\nDie Spontaneit&auml;t, der Zufall, die Idee, die Neues erfindende Fantasie waren aus diesen Veranstaltungen ihrer Parteien herausgefiltert, ebenso wie der Zorn, die un&uuml;bersetzte Emp&ouml;rung, vom vorformulierten Patos ersetzt war. Jedes politisch nicht genau orientierte Gef&uuml;hl war verp&ouml;nt, und das machte diese Kundgebungen f&uuml;r den Gegner vielleicht bedrohlich, f&uuml;r die Masse der Au&szlig;enstehenden, zu &Uuml;berzeugenden aber doch auch.<\/em><\/p><p>Und auch da, wo sie differente Erfahrungen und Wahrnehmungen haben, ber&uuml;hrt dies nicht den Kern ihrer Freundschaft. Man erkennt sich gegenseitig an, w&uuml;rdigt die jeweiligen Kompetenzen und F&auml;higkeiten und ist auch bereit, vom anderen zu lernen. Das ist es wohl, was ihre Freundschaft ausmacht, auch wenn diese im Romanverlauf etlichen Zerrei&szlig;proben ausgesetzt ist.<br>\nInteressant ist, dass Sch&ouml;fer sie als eine Art cross-class-Beziehung konstruiert: Qua Herkunft und Bildungsweg sind Bliss und Anklam verschiedener sozialer Klassenzugeh&ouml;rigkeit; qua Gender sind sie &bdquo;Kerle&ldquo; mit all den kulturellen und sozialen Pr&auml;gungen. Sch&ouml;fer leuchtet diese Beziehungen zwischen Verschiedenheit und Gleichheit pr&auml;gnant und lebendig aus: Der Intellektuelle Bliss durchbricht seine Kopflastigkeit etwa in der Faszination f&uuml;r <em>schmutzige<\/em> Arbeit, aber ebenso f&uuml;r den Akt des Brotbackens, der immer noch eine sinnliche Dimension der Herstellung birgt. Umgekehrt verbringt Anklam als &bdquo;Gewerblicher&ldquo; seine freie Zeit mit Lesen, ja, er rationalisiert als Alleinlebender seine aufs Notwendigste gestutzten reproduktiven T&auml;tigkeiten so, dass ihm ein Maximum an Zeit f&uuml;r seine Leidenschaft, das B&uuml;cherlesen und die hier&uuml;ber vermittelte Aneignung von Wissen, bleibt. <\/p><p>Apropos Gender and Class: Geradezu k&ouml;stlich ist die Szene, als Aklam seinem Freund von der Unterredung mit einem <em>studierten Weib<\/em> erz&auml;hlt, einer 35j&auml;hrigen Germanistin, die ihn, den belesenen Arbeiter, intellektuell vorf&uuml;hren will. Anklam erz&auml;hlt, was Bliss erwartet hat: es sei der Frau nicht gelungen, ihn blo&szlig;zustellen, er habe sich gut geschlagen. <em>Diese studierten Weiber k&ouml;nnen sich nicht vorstellen, dass ein Arbeiter was andres liest als die Bild! \/ Nur die Weiber? fragte Vik maulfaul &hellip; \/ Meine H&auml;nde, hat sie gesagt, Betriebsrat, hab ich geantwortet, freigestellt. Ach so, Funktion&auml;r, hat sie gemeint, und ich: Zehn Jahre Drehbank, junge Frau, Werkzeugmacher, was nicht hei&szlig;t, dass ich nicht studiert h&auml;tte, aber leider bin ich nicht als h&ouml;here Tochter geboren. Hat sie gelacht &ndash; warum ich keine geheiratet h&auml;tte, wie ich aussehe? Weil ich dann keine Zeit mehr zum Lesen gehabt h&auml;tte. War sie sprachlos, aber nur einen Augenblick, hat gegrinst, ich m&uuml;sste wohl was verdr&auml;ngen? &hellip; \/ Ob ich ihr meine Karte &uuml;berreichen darf, in D&uuml;sseldorf bring ich jeden Beweis, hab ich gesagt<\/em> &hellip; Und dann geht das Gespr&auml;ch weiter &uuml;ber Bildungsg&uuml;ter und Gelesenes, was man unbedingt gelesen haben m&uuml;sste usw.<br>\nSch&ouml;fer sitzt mit seinen beiden Protagonisten keinem M&auml;nnlichkeitskult auf; vergeblich wird man in den Romanen nach Spuren von Machismo oder Sexismus suchen. In der Auseinandersetzung mit der Germanistin hat die Frau als Intellektuelle versucht, den kulturell unterlegenen Arbeiter mit ihrer Bildung (und Herkunft) blo&szlig;zustellen; dass er sich selbstbewusst gewehrt hat, ist nachvollziehbar und legitim, zumal er es in keiner Weise ehrverletzend oder beleidigend getan hat; auf eine Unversch&auml;mtheit hin (ob er etwas zu verdr&auml;ngen habe) zahlt er nur mit gleicher M&uuml;nze zur&uuml;ck. Wichtiger als diese Episode ist jedoch: Die Frauen, die Hauptrollen in den Romanen von Sch&ouml;fer spielen, sind gleicherma&szlig;en in ihrer Emotionalit&auml;t und Erotik sowie in ihrer Intellektualit&auml;t und als Kampfgenossinnen dargestellt: Z.B. bringen die arbeitenden Frauen aus der Textilfabrik den Mut auf, vor den Augen ihrer Bewacher Flugbl&auml;tter von Demonstranten anzunehmen; und sp&auml;ter weigern sie sich, in den Werksbus einzusteigen, mit dem die Studentin mutwillig &uuml;berfahren worden war.<br>\nKurzum: Die Geschlechterbeziehungen sind egalit&auml;r konstruiert, was nicht hei&szlig;t, dass es an der erotisch-sexuellen Dimension mangelt. Das Gegenteil ist der Fall, aber die m&auml;nnlichen Protagonisten begegnen den weiblichen in einem sozialen, auch erotischen motivierten Anerkennungs- und Achtungsverh&auml;ltnis und vice versa. In dieser Hinsicht k&ouml;nnen wir Sabine Kebir nur zustimmen, die &uuml;ber den Roman geschrieben hat: <em>Unbedingt m&ouml;chte ich noch hervorheben, dass Erasmus Sch&ouml;fer das Problem der in Pr&uuml;derie oder blumiger Klischeehaftigkeit erstarrten Sprache der Liebe beeindruckend gel&ouml;st hat.<\/em><\/p><p>Res&uuml;mierend l&auml;sst sich sagen:<br>\nSch&ouml;fers Romane verkn&uuml;pfen auf nahezu ideale Weise die ansonsten getrennten gesellschaftlichen Sph&auml;ren Arbeit, Politik und &Auml;sthetik. Sie bestechen durch die poetische Verdichtung des Wirklichkeitsgehalts der beschriebenen Ereignisse. Eine besondere St&auml;rke stellen die Dialoge zwischen den Protagonisten dar; sie zeigen die M&ouml;glichkeiten, aber auch die Grenzen der Kommunikation mit literarischen Mitteln auf. H&auml;ufig werden die Dialoge durch innere Monologe erg&auml;nzt, um dem Ungesagten oder Verschwiegenem auf emotionaler und reflexiver Ebene eine Sprache zu verleihen. In den beschreibenden Passagen ist Sch&ouml;fer ungeheuer pr&auml;zise; ob es um die Beschreibung von Arbeitsvorg&auml;ngen und &ndash;prozessen geht oder um die Schilderung von Landschaften oder Stadtansichten (Athen als <em>Kaos, Steinw&uuml;ste, Labyrinth<\/em>). Sch&ouml;fer verkn&uuml;pft auf kunstvolle Weise die ganze Bandbreite von Subjektivit&auml;t und individueller Biographie mit objektiven Wirklichkeiten, und zwar so, dass das Einzelne und Besondere f&uuml;r ein Allgemeines steht (also methodisch nahezu am Idealtypus angelehnt). Die Personen tragen &ndash; bei aller Individualit&auml;t &ndash; deutliche Z&uuml;ge eines Klassenhabitus. Die Gespr&auml;che &uuml;ber Politik und Gesellschaft thematisieren allgemeine Konfliktstoffe; und der Tod der Studentin versteht sich &ndash; bei aller Emotionalit&auml;t, die er ausl&ouml;st &ndash; zugleich als Symbol f&uuml;r den Widerstandsgeist einer jungen, linken Bewegung. Nicht zuletzt ist vor allem der 3. Band ein Roman voller Poesie; daf&uuml;r stehen das Gedicht <em>Sisyfos schl&auml;ft<\/em> (von Sch&ouml;fer) gleich zu Beginn, die originellen wie einf&uuml;hlsamen Zwischen&uuml;berschriften der Kapitel und die Gedichte von Jannis Ritsos, denen nahezu ein leitmotivischer Charakter zukommt. <\/p><p>Zum Schluss noch die Frage, ob die &bdquo;Kampf-Rhetorik&ldquo;, die der Autor bedient, aus heutiger Sicht zeitgem&auml;&szlig; erscheint. Sie ist zu bejahen, auch wenn sich die Anl&auml;sse und Formen der sozialen und politischen Auseinandersetzungen gewandelt haben m&ouml;gen. Betrachtet man die Zeitspanne nach 1989, also die j&uuml;ngste deutsche Geschichte nach der Wende, so sind es neben den kontinuierlichen Widerstandsaktionen gegen die Kernenergie oder die Castor-Transporte, vor allem breite B&uuml;rgerbewegungen gegen bauliche Gro&szlig;projekte &ndash; allen voran Stuttgart21 &ndash; an denen sich kollektiver Widerstand und Protest heute festmachen. Auch lokale und regionale B&uuml;rgerproteste gegen rechte Gewalt geh&ouml;ren dazu. Man k&ouml;nnte sich also durchaus einen 5. Band zu den aktuellen Widerstands-Aktionen vorstellen. Aber diesen wird dann ein anderer als Erasmus Sch&ouml;fer schreiben m&uuml;ssen. Ihm w&uuml;nschen wir Momente der Mu&szlig;e, wie er sie selbst beschrieben hat:<br>\n<em>Gestern nun habe ich dort, wo zwischen zwei Bergen die Winterwasser der Jahrtausende die Bucht in ein St&uuml;ck flaches, ackerbares Land aufgesp&uuml;lt haben, umgeben von einer niedrigen Felsenmauer, das mit gr&uuml;nen Haferrispen untermischte bl&uuml;hende Mohnfeld entdeckt. Dank des Hafers kein gleichm&auml;&szlig;iger roter Farbteppich, sondern jede Bl&uuml;te zu beobachten in ihrer durchsonnten, windbewegten Einzigkeit inmitten der unz&auml;hligen Schwestern. Ich habe mich auf die Mauer gesetzt und geschaut.<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Siehe auch: Joke und Petra Frerichs: Engagierte Literatur, in: Lesespuren. Notizen zur Literatur, Norderstedt 2011, 187 ff.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Der Vollst&auml;ndigkeit halber muss erw&auml;hnt werden, dass Sch&ouml;fers Werk nicht nur in der Bundesrepublik wenig rezipiert wurde. Seine kritischen &Auml;u&szlig;erungen &uuml;ber das Erscheinungsbild des &bdquo;realen Sozialismus&ldquo; f&uuml;hrten offenbar dazu, dass seine Tetralogie in der DDR gar nicht erst aufgelegt wurde (vgl. z.B. Band 3, S. 138 f.).<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Sch&ouml;fer verwendet in diesem Buch eine &bdquo;eigene&ldquo; Orthographie und Interpunktion, wie hier Schizophrenie mit f oder Teater, Teorie, Filosofie etc. Zur Begr&uuml;ndung schreibt er, im Zweifel lieber seinem Sprachgef&uuml;hl als dem kommissarischen Rechtschreibkanon zu folgen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter dem Titel Sch&ouml;nheit und Gerechtigkeit fand in der Zentralbibliothek K&ouml;ln ein Symposion zur Roman-Tetralogie Die Kinder des Sisyfos des Schriftstellers Erasmus Sch&ouml;fer statt.<br \/> Es ist das gro&szlig;e Verdienst Sch&ouml;fers, mit seiner literarischen Geschichte von unten, diese Ereignisse vor dem Vergessen bewahrt zu haben. Er hat nicht nur &uuml;ber sie geschrieben; er hat an vielen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17864\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[208,211],"tags":[],"class_list":["post-17864","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rezensionen","category-veranstaltungshinweiseveranstaltungen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17864","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=17864"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17864\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53654,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17864\/revisions\/53654"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=17864"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=17864"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=17864"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}