{"id":17873,"date":"2013-07-05T13:32:06","date_gmt":"2013-07-05T11:32:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17873"},"modified":"2015-08-10T09:37:19","modified_gmt":"2015-08-10T07:37:19","slug":"schmierentheater-statt-therapie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17873","title":{"rendered":"Schmierentheater statt Therapie"},"content":{"rendered":"<p>Mittwoch, die Kanzlerin empf&auml;ngt zum gro&szlig;en europ&auml;ischen Gipfel gegen die Jugendarbeitslosigkeit in Berlin. Was f&uuml;r eine wunderbare Gelegenheit, das Image von &bdquo;Mutti&ldquo; zu pflegen, der das Wohl von Europas Jugendlichen am Herz liegt. So ein Schmierentheater! Erst sorgt sie daf&uuml;r, dass Millionen Menschen ihren Job verlieren, dann will sich die Kanzlerin &ouml;ffentlich daf&uuml;r feiern lassen, dass sie den Opfern Medizin in hom&ouml;opathischen Dosen verabreicht. Von <strong>Jens Berger<\/strong><br>\n<!--more--><br>\n<em>Dieser Artikel ist im Rahmen der <a href=\"https:\/\/www.taz.de\/Eurokolumne\/!119315\/\">&bdquo;Eurokolumne&ldquo;<\/a> zuerst in der taz erschienen<\/em><\/p><p>Weshalb finden sechs Millionen Jugendliche in der EU keinen Job? Liegt das etwa an den Staatsschuldenquoten? Spanien hat eine von inzwischen 97 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, au&szlig;erdem eine Arbeitslosenquote von 27 Prozent. Japan hat eine Staatsschuldenquote von derzeit 245 Prozent, aber nur 4 Prozent der Erwerbsf&auml;higen sind arbeitslos. Einen kausalen Zusammenhang zwischen den beiden Gr&ouml;&szlig;en scheint es demnach nicht zu geben.<\/p><p>Liegt es etwa an der geringen Flexibilit&auml;t des Arbeitsmarktes in den besonders betroffenen L&auml;ndern? Noch eins von Merkels Lieblingsargumenten. Der japanische Arbeitsmarkt wird in Vergleichsstudien als der am striktesten regulierte innerhalb der OECD bezeichnet. Daran kann es also auch nicht liegen. Es leuchtet ja auch niemandem ein, warum die Arbeitslosigkeit in Spanien sinken sollte, wenn man den K&uuml;ndigungsschutz f&uuml;r &auml;ltere Arbeitnehmer abschafft.<\/p><p>Um sich dem Mysterium zu n&auml;hern, lohnt es sich, einmal in die Rolle eines spanischen Arbeitgebers zu schl&uuml;pfen. In der realen Welt stellen Unternehmen Personal ein, wenn sie an eine Steigerung ihres Umsatzes glauben. Genau hier liegt doch der Kern des Problems: In den s&uuml;deurop&auml;ischen Krisenstaaten ist keine Umsatzsteigerung in Sicht, s&auml;mtliche Konjunkturindikatoren zeigen seit Beginn der &bdquo;Sparpolitik&ldquo; gen S&uuml;den. Und wenn die Wirtschaft schrumpft, die Investitionen zur&uuml;ckgefahren werden, werden die Unternehmen auch nicht aufh&ouml;ren, ihre Personalst&auml;rke zu reduzieren, geschweige denn neue Arbeitspl&auml;tze schaffen.<\/p><p><strong>8 Milliarden Euro Brosamen<\/strong><\/p><p>Die von Angela Merkel angesto&szlig;ene &bdquo;Sparpolitik&ldquo; in Europa hat zu einer Situation gef&uuml;hrt, die der &Ouml;konom Richard Koo als Bilanzrezession bezeichnet. Da Haushalte und Unternehmen ihre Ausgaben reduzieren, m&uuml;sste &ndash; so Koo &ndash; der Staat einspringen und die Konjunktur durch neue, kreditfinanzierte Investitionen auffangen, um die Krise zu beenden. Wie wir wissen, sieht die Realit&auml;t jedoch genau andersherum aus.<\/p><p>Wenn aber alle drei Sektoren auf Teufel komm raus &bdquo;sparen&ldquo; wollen und sich niemand neu verschuldet, kommt es zu einer Rezession, die nicht nur durch sinkende Zinsen, sondern auch durch steigende Arbeitslosenzahlen gekennzeichnet ist. Logische Antwort darauf w&auml;re, staatlich finanzierte Konjunkturprogramme im gro&szlig;en Stil aufzulegen. Der &bdquo;Marshall-Plan&ldquo;, mit dem der DGB die Jugendarbeitslosigkeit bek&auml;mpfen will, w&auml;re wenigstens der Anfang einer L&ouml;sung. Merkels Masterplan, die l&auml;cherlich geringe Summe von 8 Milliarden Euro f&uuml;r arbeitsmarktpolitische Programme zur Verf&uuml;gung zu stellen, ist makro&ouml;konomisch kaum mehr als Brosamen.<\/p><p>Es ist zudem nicht sonderlich nachhaltig, Unternehmen Zusch&uuml;sse f&uuml;r Ausbildungspl&auml;tze zu zahlen &ndash; und ansonsten weiter die Ausgaben zu reduzieren. Was passiert denn mit den Arbeitspl&auml;tzen, wenn die Zusch&uuml;sse auslaufen, ohne dass die Konjunktur sich gefangen hat? Die beste Hilfe f&uuml;r Europas Jugend w&auml;re es, die Konjunktur durch Investitionsprogramme anzukurbeln, die ihren Namen auch verdient haben. Dann werden die Unternehmen ganz automatisch neue Jobs schaffen &ndash; und Jugendlichen einen Ausbildungsplatz geben.<\/p><p>Mit Sparhaushalten ist dies jedoch nicht zu machen. Solange Angela Merkel diesen simplen Zusammenhang ignoriert, muss sie sich den Vorwurf gefallen lassen, mit dem Leid der verlorenen Generation Wahlkampf zu machen. Billige Inszenierungen sind das Letzte, was Europa in der Krise braucht.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/ac5c2abe2abf40fea06ba1f5b4afc3a6\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mittwoch, die Kanzlerin empf&auml;ngt zum gro&szlig;en europ&auml;ischen Gipfel gegen die Jugendarbeitslosigkeit in Berlin. Was f&uuml;r eine wunderbare Gelegenheit, das Image von &bdquo;Mutti&ldquo; zu pflegen, der das Wohl von Europas Jugendlichen am Herz liegt. So ein Schmierentheater! 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