{"id":1788,"date":"2006-10-11T09:49:15","date_gmt":"2006-10-11T07:49:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1788"},"modified":"2016-01-24T17:07:21","modified_gmt":"2016-01-24T16:07:21","slug":"nicht-ins-bockshorn-jagen-lassen-ein-aufschwung-sieht-anders-aus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1788","title":{"rendered":"Nicht ins Bockshorn jagen lassen. Ein Aufschwung sieht anders aus."},"content":{"rendered":"<p>D&eacute;j&agrave; vue: Fast genau vor sechs Jahren, am 15. November 2000, verk&uuml;ndete der Sachverst&auml;ndigenrat, die Konjunktur &bdquo;laufe rund&ldquo;. Das war der Tenor seines Jahresgutachtens &ndash; und dies bei damals schon 4 Millionen Arbeitslosen. Also tat man damals nichts mehr f&uuml;r die Konjunktur, im Gegenteil, Eichel sah seinen Sparkurs best&auml;tigt. Seit dem rasseln wir weiter in den Keller. Jetzt das gleiche Spiel, nur mit noch schlechteren Voraussetzungen. Die Bundesregierung redet von &bdquo;robustem Aufschwung&ldquo;, Steinbr&uuml;ck verteidigte die restriktive Haushaltspolitik der Koalition, die einen &ldquo;robusten&rdquo; Aufschwung gebracht habe, hie&szlig; es im Berliner Tagesspiegel. (Das ist gleich zweifacher Unsinn). Die vorliegenden Zahlen und Prognosen erlauben n&uuml;chtern betrachtet nicht, von einem wirklichen Aufschwung zu sprechen, so gerne wir das t&auml;ten. Und dass die restriktive Haushaltspolitik f&uuml;r das bisschen Aufschwung gebracht habe glaubt auch nur Steinbr&uuml;ck und seine neoliberalen Glaubensgenossen.<!--more--><\/p><p>Die These vom robusten Aufschwung hat inzwischen weite Kreise gezogen. Es ist wie immer bei solchen Vorg&auml;ngen. Ohne gro&szlig;es Nachdenken werden die ausgegebenen Parolen nach- und weitergesagt. Hier in Deutschland und in Br&uuml;ssel. Und in vielen Medien. Typisch das &bdquo;Handelsblatt&ldquo; in Berufung auf das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) und den Br&uuml;sseler Chef&ouml;konomen Klaus Gretschmann: <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/news\/Politik\/Konjunkturdaten\/_pv\/_p\/200053\/_t\/ft\/_b\/1146509\/default.aspx\/deutsche-konjunktur-bleibt-robust.html\">&bdquo;Deutsche Konjunktur bleibt robust&ldquo;<\/a>, hei&szlig;t es bei Handelsblatt.<\/p><p>Und weiter:<br>\n&bdquo;Die deutsche Konjunktur l&auml;uft derzeit auf Hochtouren &ndash; und bleibt auch im kommenden Jahr robust. Darauf deuten am Montag ver&ouml;ffentlichte Daten sowie Konjunkturprognosen hin. So rechnet das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) 2007 mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 1,5 Prozent, im laufenden mit einem Plus von 2,4 Prozent. &hellip; Damit hat das arbeitgebernahe Institut seine Wachstumsprognose deutlich nach oben korrigiert und geh&ouml;rt zu den Optimisten &ndash; verglichen mit anderen Forschungsinstituten und Banken. EU-Chef&ouml;konom Klaus Gretschmann ist noch zuversichtlicher und rechnet f&uuml;r Deutschland mit einem Wirtschaftswachstum von 2,6 Prozent in diesem und rund 2,2 Prozent im kommenden Jahr.&ldquo;<\/p><p><strong>Was ist davon zu halten:<\/strong><\/p><p>Zun&auml;chst zu den Wachstumsraten des realen Bruttoinlandsproduktes der letzten Jahre und der Prognosen f&uuml;r 2006 und 2007:<\/p><table>\n<tbody>\n<tr class=\"even\">\n<td>1998<\/td>\n<td>2,0<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"odd\">\n<td>1999<\/td>\n<td>2,0<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"even\">\n<td>2000<\/td>\n<td>2,9<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"odd\">\n<td>2001<\/td>\n<td>0,6<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>2002<\/td>\n<td>0,2<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"even\">\n<td>2003<\/td>\n<td>-0,1<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"odd\">\n<td>2005<\/td>\n<td>0,9<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"even\">\n<td>2006<\/td>\n<td>2,0 bis 2,6*<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"odd\">\n<td>2007<\/td>\n<td>bis 1,5*<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table><p>(* = Prognosen und Ziffern nach Statistisches Taschenbuch 2003 und 2005)<\/p><p>Wie seltsam die Vorstellung ist, wir h&auml;tten mit den gesch&auml;tzten 2,0 bis 2,6% realem Wachstum in diesem Jahr und erwarteten 1,5% im Jahr 2007 einen robusten Aufschwung, kann man schon beim Vergleich mit der eingangs erw&auml;hnten Periode zwischen 1998 und 2001 erkennen. Damals erreichte unsere Volkswirtschaft in dem Jahr, an dessen Ende der Sachverst&auml;ndigenrat meinte, die Konjunktur laufe rund, immerhin 2,9%. Au&szlig;erdem lagen davor schon zwei Jahre mit immerhin 2%. Heute schauen wir auf traurige 1,7 und 0,9% zur&uuml;ck und erwarten f&uuml;r dieses Jahr 2,0 bis 2,6%. Schon dieser Vergleich zeigt, dass die Wachstumsraten ausgesprochen bescheiden sind.<\/p><p>Wenn man jetzt jedoch noch beachtet, dass wir auf eine mindestens dreizehnj&auml;hrige Schw&auml;cheperiode zur&uuml;ckschauen, mit durchschnittlich nur 1,2% realem Wachstum seit 1993, dann leuchtet sofort ein, dass wir einen enormen Nachholbedarf haben, dass wir absolut unterausgelastete Kapazit&auml;ten haben; die hohe Arbeitslosigkeit ist der beste Beleg daf&uuml;r. In anderen L&auml;ndern, die einen wirklichen Aufschwung schafften, waren mehrmals reale Wachstumsraten um die 3-4% n&ouml;tig, um den Durchbruch zu erzielen und eine positive Wirkung f&uuml;r die Besch&auml;ftigung, die Minderung der Arbeitslosigkeit und den Schuldenabbau zu erreichen.<\/p><p>Wenn man noch bedenkt, dass die Zuwachsrate der Arbeitsproduktivit&auml;t j&auml;hrlich ungef&auml;hr 1,5% ausmacht, dass also ein Wachstum in dieser Gr&ouml;&szlig;enordnung sich nicht in neue Arbeitspl&auml;tze umsetzt, dann erkennt man sofort, dass die jetzt avisierten Wachstumsraten f&uuml;r 2006 und 2007 alles andere als robustes Wachstum darstellen. Wir br&auml;uchten mehrmals hintereinander 3% oder mehr, um wirklich aus dem tiefen Loch herauszukommen, in dem sich unsere Volkswirtschaft seit 1993 befindet.<\/p><p>Wenn die Regierenden heute von robustem Wachstum sprechen, dann w&auml;re das nur dann positiv zu bewerten, wenn man unterstellen w&uuml;rde, sie wollten damit nur eine gute Stimmung verbreiten. Das ist legitim und notwendig. Aber es ist zu bef&uuml;rchten, dass unsere f&uuml;hrenden Personen und in die in den Verb&auml;nden und Instituten T&auml;tigen Mainstream-&Ouml;konomen und Politiker mit ihren Parolen zum robusten Wachstum sich nur gegen Forderungen immunisieren wollen, endlich etwas Wirkungsvolles zur St&auml;rkung der ausgehungerten Binnennachfrage zu tun.<br>\nVor allem wollen sie sich auch vor weiteren Forderungen sch&uuml;tzen, die beschlossene Mehrwertsteuererh&ouml;hung von drei Punkten zur&uuml;ckzunehmen.<\/p><p>P.S.: Zu meinen Anmerkungen passt ganz gut ein Beitrag von Dieter Vesper in den WSI-Mitteilungen 9\/2006: <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/pdf\/impuls_2006_15_6.pdf\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.boeckler.de\/pdf\/impuls_2006_15_6.pdf\">&bdquo;Finanzpolitik &ndash; Richtungswechsel an der Zeit&ldquo; [PDF &ndash; 78 KB]<\/a>. Vesper (DIW) analysiert die Fehlentwicklungen in der Finanzpolitik und macht Vorschl&auml;ge daf&uuml;r, sie wenigstens jetzt zu &uuml;berwinden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>D&eacute;j&agrave; vue: Fast genau vor sechs Jahren, am 15. November 2000, verk&uuml;ndete der Sachverst&auml;ndigenrat, die Konjunktur &bdquo;laufe rund&ldquo;. Das war der Tenor seines Jahresgutachtens &ndash; und dies bei damals schon 4 Millionen Arbeitslosen. Also tat man damals nichts mehr f&uuml;r die Konjunktur, im Gegenteil, Eichel sah seinen Sparkurs best&auml;tigt. Seit dem rasseln wir weiter in<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1788\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[123,133,30],"tags":[423,550,343,402],"class_list":["post-1788","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kampagnentarnworteneusprech","category-wichtige-wirtschaftsdaten","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-austeritaetspolitik","tag-iw","tag-luegen-mit-zahlen","tag-wachstum"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1788","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1788"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1788\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30533,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1788\/revisions\/30533"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1788"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1788"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1788"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}