{"id":1794,"date":"2006-10-13T09:46:18","date_gmt":"2006-10-13T07:46:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1794"},"modified":"2016-01-24T17:03:10","modified_gmt":"2016-01-24T16:03:10","slug":"althaus-und-taz-in-symbiose-fur-ein-bedingungsloses-grundeinkommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1794","title":{"rendered":"Althaus und taz in Symbiose f\u00fcr ein bedingungsloses Grundeinkommen."},"content":{"rendered":"<p>In der taz erscheinen auff&auml;llig viele freundliche Artikel und Interviews zum Grundeinkommen. Jetzt wieder einmal ein Interview mit dem th&uuml;ringischen Ministerpr&auml;sidenten Dieter Althaus. Dessen Vorschlag f&uuml;r ein bedingungsloses Grundeinkommen, das er werbewirksam &bdquo;solidarisches B&uuml;rgergeld&ldquo; nennt, betrachte ich als Spielmaterial und als Mittel zur Profilierung auf einem Feld, das einen linken, fortschrittlichen Eindruck macht, aber den Ministerpr&auml;sidenten nichts kostet. Er wird seine sch&ouml;nen, aus meiner Sicht obskuren, Vorschl&auml;ge nie realisieren m&uuml;ssen, aber er bleibt im Gespr&auml;ch. Und die taz-Redakteure stellen unkritische harmlose Fragen. Zun&auml;chst zum vollen <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/pt\/2006\/10\/13\/a0203.1\/textdruck\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.taz.de\/pt\/2006\/10\/13\/a0203.1\/textdruck\">Text des Interviews<\/a>.<!--more--><\/p><p><strong>Anmerkungen zu den Vorstellungen von Althaus:<\/strong><\/p><p>Vorbemerkung: Zum Teil kann ich nur wiederholen, was schon Gegenstand anderer Eintr&auml;ge in den NachDenkSeiten war.<\/p><ol>\n<li>Althaus sagt nichts auch nur ann&auml;hernd Ausreichendes dazu, wie er sein B&uuml;rgergeld von 800 &euro; finanzieren will. 800 &euro; mal 65 Millionen Erwachsene in Deutschland macht 52 Milliarden &euro; im Monat, mal 12 sind 624 Milliarden &euro; im Jahr. Das ist ungef&auml;hr das Doppelte des bisherigen Bundeshaushalts. Woher soll dieses Geld kommen? &Uuml;ber diese Frage kann man doch nicht einfach hinweggehen. (Im weiteren Verlauf seines Interviews wird dann von Althaus f&uuml;r einen Verdienst von &uuml;ber 1600 &euro; nur noch ein Grundeinkommen von 400 &euro; vorgesehen. Das mindert dann etwas den Gesamtaufwand. Aber wie und in welchen Gr&ouml;&szlig;enordnungen, das h&auml;tte man doch gerne gewusst, zumal dann, wenn sich ein leibhaftiger Ministerpr&auml;sident &auml;u&szlig;ert.)<\/li>\n<li>Diese Frage zu beantworten ist auch deshalb wichtig, weil jede Finanzierung, ganz gleich welcher Art, R&uuml;ckwirkungen auf das Verhalten der Akteure haben wird. Die von Althaus genannten 50 Prozent Steuer auf den zus&auml;tzlichen Verdienst bis 1600 &euro; und 25% ab 1600 &euro; werden vermutlich nicht ausreichen zur Finanzierung der notwendigen 520 Milliarden. Althaus macht sich auch nicht die Andeutung einer M&uuml;he, dar&uuml;ber Berechnungen oder zumindest Vermutungen anzustellen. Vermutlich wird er zus&auml;tzlich eine Mehrwertsteuer wollen (sein Kollege in der Agitation f&uuml;r das Grundeinkommen, der Drogeriemarktchef G&ouml;tz Werner will alles &uuml;ber eine 40 bis 50 prozentige Mehrwertsteuer finanzieren.) Wenn die Mehrwertsteuer hoch ist, dann mindert diese zum ersten den realen Wert des Grundeinkommens, zum zweiten stellt diese einen weiteren Anreiz zur Schwarzarbeit dar, und zum dritten f&ouml;rdert eine hohe Mehrwertsteuer tendenziell den Export und behindert den Binnenkonsum &ndash; das Gegenteil dessen was wir zur Zeit und absehbar brauchen.<\/li>\n<li>Althaus &auml;u&szlig;ert sich nicht zu der wichtigen Frage, wie entschieden wird und wer dar&uuml;ber entscheidet, wer in der sch&ouml;nen neuen Welt der arbeitslosen Grundeinkommen noch arbeiten muss und wer das Vergn&uuml;gen hat, sich nur der Muse hinzugeben. Diese Frage zu beantworten ist ja nicht unbedeutend, vor allem, wenn man daran denkt, wie viele Menschen heute in den Betrieben gro&szlig;em Stress und steigender Willk&uuml;r ausgesetzt sind, und wie viele mit einem Job nicht auskommen, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Der Sturm auf die arbeitslosen Grundeinkommen w&auml;re vermutlich ziemlich gro&szlig;, jedenfalls kann man an die Realisierung eines solchen Systems nicht gehen, ohne sich dar&uuml;ber Gedanken gemacht zu haben, wie entschieden wird, wer das Joch der Arbeit zu tragen hat. Althaus glaubt an positive Arbeits-Anreize durch die Zahlung von 800 &euro; Grundeinkommen. Dieser Glaube ist sch&ouml;n. Aber er wird nicht ausreichen, um die hier aufgeworfene Frage zu kl&auml;ren.<\/li>\n<li>Althaus macht sich &uuml;berhaupt keine Gedanken, wie bei einem Grundeinkommen von 800 &euro; verhindert werden soll, dass sich gro&szlig;e Gruppen von Menschen damit zufrieden geben und dieses bedingungslose Einkommen ansonsten mit Gelegenheitsarbeiten und Schwarzarbeit aufbessern. Althaus und alle, die wie er solche Konzepte vertreten, untersch&auml;tzen den Z&uuml;ndstoff, den sie damit in unsere Gesellschaft tragen. Je mehr der Anteil jener w&auml;chst, die mit einem solchen Grundeinkommen zufrieden sind und den Rest dazu verdienen, regul&auml;r oder schwarz, um so mehr wird es zu einem Konflikt zwischen dieser Gruppe und der Gruppe der hart Arbeitenden kommen.<br>\n&Uuml;brigens hat er offenbar auch nichts zu der Frage &uuml;berlegt, wie der Sprung von einer 50 prozentigen Besteuerung zu einer 25 prozentigen Besteuerung geschafft werden soll. Da sein Vorschlag nicht ernst gemeint, sondern zu aller erst eine Publicrelations Ma&szlig;nahme ist, braucht er sich &uuml;ber solche praktischen Fragen, auch wenn sie sehr gravierend sind, nicht den Kopf zu zerbrechen.<\/li>\n<li>Althaus und die &auml;hnlich denkenden Vertreter des bedingungslosen Grundeinkommens haben ihren Frieden mit der Arbeitslosigkeit gemacht. Ihre Modelle sind Vorstellungen zur Verwaltung der Arbeitslosigkeit. Den Kampf dagegen und f&uuml;r Vollbesch&auml;ftigung haben sie aufgegeben. Althaus nennt das Ziel Vollbesch&auml;ftigung &bdquo;keine realistische Perspektive&ldquo;. Damit haben er und seine Freunde auch akzeptiert, dass es die den Lohn dr&uuml;ckende Reservearmee der Arbeitslosen auf Dauer geben soll. Insofern sind B&uuml;rgergeld- und Grundeinkommens-Modelle zugleich Modelle zur Verst&auml;rkung des Drucks auf die L&ouml;hne. Das erkl&auml;rt vielleicht, dass Unternehmer wie G&ouml;tz Werner oder neoliberale Wissenschaftler wie Straubhaar auch diese Ideen vertreten. Straubhaar meinte in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau, die L&ouml;hne w&uuml;rden ins Rutschen kommen.<\/li>\n<li>Von einem Nutzer der NachDenkSeiten bin ich darauf aufmerksam gemacht worden, dass man das Grundeinkommen auch als eine Art Kombilohn Modell werten kann. Dieser Hinweis ist richtig.<\/li>\n<li>Althaus macht sich keine Gedanken dar&uuml;ber, wie ein solches Modell erstens die bisherigen anderen Regelungen wie etwa die geltenden Altersvorsorgesysteme ersetzen soll, und zweitens wie der &Uuml;bergang insgesamt geschafft werden soll. Will er die Anwartschaften zur Rentenversicherung entwerten? Das geht schon verfassungsrechtlich nicht, weil dies einer Enteignung gleichkommt? Oder soll alles parallel nebeneinander funktionieren? Man kann Modelle entwerfen und vorschlagen, ohne sich Gedanken &uuml;ber die Realisierung zu machen, wenn man in einer Studierstube sitzt. Wenn man verantwortlicher Ministerpr&auml;sident eines Landes ist, dann sollte man zumindest das Minimum an Erw&auml;gungen zur praktischen Umsetzung eines solchen Vorschlags anstellen. In den &Auml;u&szlig;erungen von Althaus findet sich nichts zu der schwierigen Frage der Systemumstellung.<\/li>\n<li>Er redet auch ansonsten ausgesprochen unverantwortlich daher. Es klingt in den Ohren der Betroffenen sicher sehr sch&ouml;n, wenn Althaus sagt, Hartz IV ist ohne Zukunft. Wenn das aber ein Ministerpr&auml;sident sagt, der vermutlich ja dieser seltsamen Reform Hartz IV zugestimmt hat, dann wird das mehr als komisch. Eine solche Regelung, die immerhin das Vertrauen in die Arbeitslosenversicherung total zerst&ouml;rt hat, kann man doch nicht im Trial-und-Error-Verfahren einf&uuml;hren und wieder wegwerfen.<\/li>\n<li>Althaus h&auml;ngt voll in den g&auml;ngigen Vorstellungen: Abgesichert durch das Grundeinkommen, w&uuml;rde es sich f&uuml;r die Menschen rechnen, auch geringer bezahlte T&auml;tigkeiten verst&auml;rkt anzunehmen. Durch die Trennung von Sozialstaat und Arbeitsmarkt bek&auml;men wir wieder einen dynamischen Arbeitsmarkt, behauptet er. Das ist die g&auml;ngige Denke. Sie ist auch bei manchen Intellektuellen weit verbreitet. Daher vermutlich auch die Affinit&auml;t der taz-Redakteure zu Althaus. Bei diesen Theorien wird schlicht unterschlagen, dass das Grundeinkommen irgendwie finanziert werden muss, dass irgend jemand daf&uuml;r zahlen muss und dass selbst bei Finanzierung &uuml;ber Steuern diese Belastung eintritt und die Kosten der Arbeit erh&ouml;ht. Diesen Denkfehler k&ouml;nnten diese Agitatoren vermeiden, wenn sie endlich einmal lernen w&uuml;rden, in real terms zu denken, also zu erfassen, dass irgend jemand f&uuml;r die Finanzierung des Grundeinkommen arbeiten muss und dass dessen T&auml;tigkeit durch diese Belastung tendenziell weniger wettbewerbsf&auml;hig wird. Bei anderer Gelegenheit habe ich festgestellt: die Vertreter des Grundeinkommens scheinen allesamt einen Goldesel zuhause stehen zu haben. Diese Feststellung gilt auch f&uuml;r Althaus.<br>\nIch m&ouml;chte diesen Gedanken noch einmal anders formulieren, weil er so aktuell ist: Wer einen Niedriglohnsektor subventioniert, muss die Kosten daf&uuml;r irgendwo anders anlasten, andere Personen im Gesamtarbeitsmarkt m&uuml;ssen die Kosten tragen. Die Euro fallen nicht vom Himmel. Ganz gleich wie man es finanziert, ob &uuml;ber Mehrwertsteuer oder Lohnsteuer oder Unternehmenssteuern, es sind belastende Kosten.<\/li>\n<li>Wie sich die Umstellung auf ein Grundeinkommen sich in ein zusammen wachsendes Europa einf&uuml;gen soll, erkl&auml;rt der th&uuml;ringische Ministerpr&auml;sident auch nicht und die taz Redakteure\/innen fragen auch nicht nach. Es muss gekl&auml;rt werden, ob das bedingungslose Grundeinkommen nur f&uuml;r Deutsche gelten soll, oder f&uuml;r alle, die hier leben. Wenn Letzteres der Fall ist, dann muss man wissen, welche Wanderungsanreize dies ausl&ouml;st. Nichts davon im Interview. Kein Gedanke an eine Regelung dieses Problems.<\/li>\n<li>Beachtlich bei Althaus ist das offene Bekenntnis, dass er das Sozialsystem der alten Bundesrepublik abwickeln will. Abenteuerlich ist diese Vorstellung angesichts der Tatsache, wie wenig durchdacht die Vorstellungen des th&uuml;ringischen Ministerpr&auml;sidenten sind.<\/li>\n<li>Ich bin schon deshalb dessen sicher, dass das Pl&auml;doyer des th&uuml;ringischen Ministerpr&auml;sidenten f&uuml;r das solidarische B&uuml;rgergeld zu aller erst eine Publicrelations-Ma&szlig;nahmen ist und seiner Profilierung dienen soll. Vermutlich hat sich das Projekt eine PR-Agentur ausgedacht. Es funktioniert ja auch fantastisch. Die taz fragt ihn nach der Bedeutung des Kreuzes in seinem Arbeitszimmer und ob der Vorschlag f&uuml;r das Grundeinkommen auf religi&ouml;ser &Uuml;berzeugung beruht. Er kann daraufhin auf die katholische Soziallehre verweisen. Obendrein beeindruckt sein Vorschlag selbstverst&auml;ndlich jene armen Menschen, die seit Jahren arbeitslos sind und f&uuml;r die ein solches Grundeinkommen die Befreiung aus der Drangsalierung durch Hartz IV, die Bundesagentur und andere Stellen w&auml;re. Das hei&szlig;t: dieser Ministerpr&auml;sident gewinnt auch noch an Ansehen bei jenen Personen und Gruppen, die die Opfer der Politik seiner politischen Gruppe sind. Und er beeindruckt eine ganze gro&szlig;e Zahl von so genannten linken Intellektuellen. Fantastisch. Das ist eine ausgesprochen clevere Zielgruppenarbeit. Gratulation, Herr Dieter Althaus. Von ihnen kann man etwas lernen.<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der taz erscheinen auff&auml;llig viele freundliche Artikel und Interviews zum Grundeinkommen. Jetzt wieder einmal ein Interview mit dem th&uuml;ringischen Ministerpr&auml;sidenten Dieter Althaus. 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