{"id":17942,"date":"2013-07-11T09:21:10","date_gmt":"2013-07-11T07:21:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17942"},"modified":"2019-07-05T10:58:17","modified_gmt":"2019-07-05T08:58:17","slug":"die-neue-regierung-samaras-pfeifen-im-walde-aber-aus-dem-letzten-loch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17942","title":{"rendered":"Die \u201eneue\u201c Regierung Samaras: Pfeifen im Walde, aber aus dem letzten Loch"},"content":{"rendered":"<p>Die &bdquo;neue&ldquo; Regierung Samaras verbreitet Aufbruchsstimmung. Die Gefahr eines &bdquo;Grexit&ldquo;, also eines Ausschlusses aus der Eurozone, sei endg&uuml;ltig gebannt; jetzt sei bereits die &bdquo;Greekovery&ldquo;  in vollem Gange. Als endg&uuml;ltigen Beweis f&uuml;r seine These von der griechischen &bdquo;success story&ldquo; wertet er die Entscheidung &uuml;ber das TAP-Projekt, die Ende Juni gefallen ist. Von <strong>Niels Kadritzke<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDer Beschluss des internationalen Gas-Konsortiums, die Trans Adria Pipeline (TAP) zu bauen, um aserbeidschanisches Erdgas nach Europa zu exportieren, ist f&uuml;r Athen insofern vorteilhaft, als die TAP-Pipeline &uuml;ber Griechenland f&uuml;hrt (und von dort weiter nach Albanien und auf dem Meeresboden durch die Adria nach Italien). Dass sich Samaras dar&uuml;ber freut, kann man ihm nicht verdenken. Aber nat&uuml;rlich ist es eine dreiste Anma&szlig;ung,  wenn er die Entscheidung, die das Konsortium vor allem aus Rentabilit&auml;tsgr&uuml;nden getroffen hat,  als &bdquo;Vertrauensbeweis&ldquo; f&uuml;r Griechenland ausgibt und als pers&ouml;nlichen Erfolg im Bem&uuml;hen um ausl&auml;ndische Investitionen anrechnet.<\/p><p><strong>Die Realit&auml;t sieht anders aus<\/strong><\/p><p>Solche autosuggestiven Phantasien werfen eigentlich nur die Frage auf, ob Samaras  sein Volk f&uuml;r dumm verkaufen will, oder aber er tats&auml;chlich ein politischer Schlafwandler ist. In jedem Fall gleicht seine Beschw&ouml;rung einer unaufhaltsamen Erfolgsgeschichte dem ber&uuml;hmten Pfeifen im Walde, das allerdings aus dem letzten Loch kommt. Denn die Realit&auml;t im Lande sieht v&ouml;llig anders aus. <\/p><p>An der wirtschaftlichen Depression und den Staatsschulden hat sich fast nichts ver&auml;ndert; die Troika macht f&uuml;r die Auszahlung der n&auml;chsten Rettungskredite erneut harte Auflagen, besonders was Personalk&uuml;rzungen, sprich Entlassungen im &ouml;ffentlichen Sektor betrifft. Am 8. Juli haben die Finanzminister der Eurozone einen Beschluss gefasst, der in mehrfacher Hinsicht deutlich hinter den Athener Erwartungen zur&uuml;ck bleibt: <\/p><ol>\n<li>Statt 8,1 Milliarden Euro an Krediten wurden von der Troika insgesamt nur 6, 8 Milliarden bewilligt.  Damit ist der Finanzbedarf des griechischen Staates nur bis Ende Oktober 2013 gedeckt und nicht bis Ende des Jahres, wie man in Athen erwartet hatte.<\/li>\n<li>Die Auszahlung erfolgt in Raten, sodass im August zun&auml;chst nur 4 Milliarden Euro flie&szlig;en, von denen 2,5 Mrd. aus dem ESFS-Topf der Eurozonen-Partner und 1,5 Mrd. indirekt von den Notenbanken der anderen L&auml;nder stammen. Noch nicht sicher sind die 1, 8 Mrd. des  IWF, die ebenfalls Ende dieses Monats flie&szlig;en sollen: IWF-Chefin Lagarde verwies darauf, dass dies die Zustimmung des Exekutivdirektoriums erfordere, die sie lediglich als &bdquo;wahrscheinlich&ldquo; bezeichnete. Die restlichen Gelder werden bis Oktober zur&uuml;ck gehalten, um weiter Druck aus&uuml;ben zu k&ouml;nnen. <\/li>\n<li>Aber selbst die Auszahlung der Juli-Tranche ist an die Bedingung gebunden, dass im griechischen Parlament bis dahin noch weitere Gesetze verabschiedet werden, und zwar noch vor der erforderlichen Abstimmung im Deutschen Bundestag. <\/li>\n<li>Die von Griechenland erhoffte Erlaubnis, den Mehrwertsteuersatz f&uuml;r das Gastst&auml;ttengewerbe ab sofort von 23 auf 13 Prozent zu senken, um diesen Wirtschaftszweig noch in dieser Touristensaison zu unterst&uuml;tzen, wurde nicht erteilt (wird aber vielleicht noch bewilligt).<\/li>\n<li>Das wichtigste Signal an Athen liegt in einem anderen Detail: Insgesamt 2 Mrd. Euro (davon 1,5 Milliarden mit der ersten Rate) kommen nicht aus dem Stabilit&auml;tsfonds, sondern direkt von der EZB, und zwar aus deren Aufkaufprogramm f&uuml;r griechische Staatsanleihen (SMP). Schon im November 2012 hatten sich die Euro-Partner verpflichtet, die SMP-Gewinne, die den einzelnen L&auml;ndern zustehen, an Griechenland sozusagen zur&uuml;ckzuzahlen. Diese Zahlungen (in H&ouml;he von insgesamt 4,1 Mrd. Euro) wurden bis heute verschleppt. Jetzt wird die Verpflichtung eingel&ouml;st, aber anders  als es sich die Griechen vorgestellt haben: In Athen war man davon ausgegangen, dass diese Gelder direkt den Staatshaushalt entlasten, also einen kleiner &bdquo;Schuldenschnitt&ldquo; darstellen sollen. Stattdessen werden sie mit den ESFS-Krediten zu einem Paket geschn&uuml;rt. <\/li>\n<\/ol><p>Die Haltung der Eurozone und der Troika gegen&uuml;ber Griechenland ist also deutlich verh&auml;rtet. Zwar wird den Griechen bescheinigt, sie h&auml;tten &bdquo;signifikante&ldquo; Fortschritte bei der Umsetzung der zugesagten Ma&szlig;nahmen gemacht habe, aber in den n&auml;chsten Wochen seien noch &bdquo;bedeutende weitere Arbeiten&ldquo; zu bew&auml;ltigen.  <\/p><p><strong>Das Misstrauen ist mit H&auml;nden zu greifen<\/strong><\/p><p>Bem&auml;ngelt werden vor allem zwei Punkte: Erstens verschleppte Reformen, nicht nur, aber vor allem beim Umbau des &ouml;ffentlichen Dienstes (inklusive Entlassungen) und zweitens die fehlenden &bdquo;Erfolge&ldquo; beim Programm der Privatisierungen. Die Kritik in Punkt 1 ist keineswegs unberechtigt (im Gegensatz zu Punkt 2, auf den ich in einem weiteren Teil meiner aktuellen Berichterstattung eingehen werde). Denn von den seit langem zugesagten Ma&szlig;nahmen sind nur ganz wenige umgesetzt und viele noch nicht einmal in Angriff genommen. Das gilt auch f&uuml;r eine Reihe von Reformen, die v&ouml;llig unabh&auml;ngig vom den Sparauflagen der Troika unabdingbar sind, wenn Griechenland als Volkswirtschaft irgendwann wieder Tritt fassen soll. <\/p><p>Aktueller Stein des Ansto&szlig;es ist f&uuml;r die Troika der R&uuml;ckstand beim Umbau des &ouml;ffentlichen Sektors. Hier dr&auml;ngt sie sowohl auf Entlassungen, als auch auf Umbesetzungen, um Sektoren zu verst&auml;rken, die bei der Sanierung der &ouml;ffentlichen Haushalte unentbehrlich sind, zum Beispiel die Finanz&auml;mter. <\/p><p>An dieser Stelle muss ich noch einmal erl&auml;utern, warum solche Reformen, auch wenn sie Arbeitspl&auml;tze kosten, unabdingbar sind &ndash; wenn sie klug vorbereitet und systematisch umgesetzt werden. Der Hauptgrund ist nicht einmal die Einsparung  &ouml;ffentliche Gelder, die bislang  verschwendet wurden. Viel wichtiger ist, dass damit der entscheidende Schritt zur Eind&auml;mmung des Klientelsystems getan w&auml;re, das heute auch die meisten Griechen als das Krebs&uuml;bel von Staat und Gesellschaft erkannt haben. Zudem w&auml;re eine h&ouml;here Akzeptanz des &ouml;ffentlichen Dienstes, die durch eine Reform im Sinne eines Dienstes f&uuml;r die B&uuml;rger zu erzielen w&auml;re, auch die Voraussetzung daf&uuml;r, dass die Steuerehrlichkeit zunimmt. Denn die Ausrede, die viele griechischen Steuerbetr&uuml;ger  immer wieder im Munde f&uuml;hren, dass sie n&auml;mlich nicht einen parasit&auml;ren und ineffektiven Staat finanzieren wollen, hat in der aktuellen Realit&auml;t durchaus eine gewisse Berechtigung. <\/p><p>Ein letzter Punkt von sehr weitreichender Bedeutung hat mit dem Problem der Privatisierungen zu tun. Da ich auf diesen Punkt ausf&uuml;hrlich zur&uuml;ckkommen werde, sei hier nur auf den entscheidenden Zusammenhang hingewiesen: Ein effizient organisierter, von klientelistischer &Uuml;berfrachtung befreiter und b&uuml;rgerfreundlich funktionierender &ouml;ffentlicher Dienst ist das beste Argument gegen die umfassenden Privatisierungen, die die Troika  Griechenland aufzwingen will. Die Tatsache, dass heute &uuml;ber zwei Drittel der Griechen viele der diskutierten Privatisierungen positiv finden, hat vor allem damit zu tun, dass sie in ihrem Alltag viele &ouml;ffentliche Unternehmen als parasit&auml;r und nicht besonders &bdquo;dienlich&ldquo; wahrnehmen. <\/p><p><strong>Keine Abkehr vom Klientilismus im &Ouml;ffentlichen Dienst<\/strong><\/p><p>Um eine Reform des &ouml;ffentlichen Sektors im Sinne eines wirklichen &bdquo;Dienstes&ldquo;  haben sich jedoch alle Athener Regierungen seit 2009 gedr&uuml;ckt &ndash; weil die sie tragenden Parteien selbst noch integraler Bestandteil des eingefleischten Klientelsystems waren und sind.  Eine sinnvolle Reform in diesem Bereich m&uuml;sste zum Ziel haben, alle oder m&ouml;glichst viele Stellen zu identifizieren, die nach rein klientelistischen Kalk&uuml;len statt nach fachlichen Kriterien besetzt wurden. Das w&uuml;rde vor allem die Leute treffen, die ihren Staatsjob nicht &uuml;ber die (formell vorgeschriebene) Ausschreibungs- und  Auswahl-Verfahren erlangt haben, sondern auf dem &bdquo;k&uuml;rzeren Weg&ldquo; &uuml;ber Partei- oder pers&ouml;nliche Beziehungen. Zu einer zweiten Gruppe, die nicht mehr in den &ouml;ffentlichen Dienst geh&ouml;ren, geh&ouml;ren solche Leute, denen schwere disziplinarische Verst&ouml;&szlig;e nachgewiesen wurden (in der Regel F&auml;lle von passiver Bestechung und anderen Korruptionsdeliken). Ein drittes naheliegendes Sanierungsfeld w&auml;ren staatliche Beh&ouml;rden und halbstaatliche Organisationen, die nachweislich keine Funktion mehr haben (und von denen es in Griechenland erstaunlich viele gibt). Das sind h&auml;ufig kleine Einheiten, in denen die Gehaltsbezieher vornehmlich damit besch&auml;ftigt sind, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie nichts zu tun haben. <\/p><p>Zu solchen nicht einfach unproduktiven, sondern quasi abgestorbenen Zweigen des &ouml;ffentlichen Sektors geh&ouml;ren z.B. auch die staatlichen R&uuml;stungsunternehmen( EAV, EAS, ELVO) mit Tausenden von Arbeitspl&auml;tzen. Vor allem EAV und EAS sind innerhalb des &ouml;ffentlichen Sektors ein gewaltiger und noch wachsender Ballast, weil die Auftr&auml;ge f&uuml;r die griechische Armee (aufgrund von Etatk&uuml;rzungen) schrumpfen und  gr&ouml;&szlig;ere Exportauftr&auml;ge immer seltener werden. Der Schuldenstand dieser staatlichen Unternehmen liegt bei &uuml;ber 2,3 Milliarden Euro, die Ums&auml;tze gehen in den letzten Jahren rapide zur&uuml;ck. Die konsequenteste Entscheidung, w&auml;re eine Schlie&szlig;ung dieser Betriebe; dies w&uuml;rde jedoch auf den Widerstand der milit&auml;rischen F&uuml;hrung und auch der rechten und linken Patrioten sto&szlig;en, die dem &ouml;konomischen Schw&auml;chling Griechenland einen eigenen milit&auml;risch-industriellen Komplex erhalten wollen, und sei er noch so schwinds&uuml;chtig. Aber angesichts der Verschuldung des griechischen Staates erscheint zumindest eine Umstrukturierung dieser R&uuml;stungsbetriebe samt einem kr&auml;ftigen Personalabbau unumg&auml;nglich. <\/p><p>Der stellvertretende Finanzminister Staikouras hat letzte Woche vor dem zust&auml;ndigen Parlamentsausschuss betont, eine &bdquo;sofortige, angemessene und nachhaltige L&ouml;sung des Problems&ldquo;  sei dringend geboten, und zwar &bdquo;unabh&auml;ngig von irgendwelchen Memoranden und Sparprogrammen&ldquo; (Kathimerini vom 4. Juli). Und der f&uuml;r die strukturellen Reformen verantwortliche Minister Kyriakos Mitsotakis erkl&auml;rte in einem Interview, zentrales Kriterium bei der Ermittlung von &bdquo;&uuml;berfl&uuml;ssigen&ldquo; &ouml;ffentlichen Bediensteten m&uuml;sse die Art der Einstellung sein: &bdquo;Ist er &uuml;ber das ASEP (das normale und als objektiv geltende Auswahlverfahren, NK) reingekommen oder nicht? Das ist ein Kriterium der Gerechtigkeit.&ldquo;(Kathimerini vom 9. Juli). Aber solche Aussagen hat man von fast allen Vorg&auml;ngern des jungen Mitsotakis geh&ouml;rt. Und nichts ist geschehen, wie der neue Minister selber best&auml;tigt:  Statt der 12 500 Stellen, die sich eigentlich in dem Vorratsbecken f&uuml;r &bdquo;Personalfreistellungen&ldquo;  angesammelt haben sollten, habe er null vorgefunden.<\/p><p>Alle Athener Regierungen haben bislang an dieser Front so gut wie nichts bewegt. Sie haben es noch nicht einmal geschafft, der Korruption &uuml;berf&uuml;hrte Beamte zu entlassen. Die kommen in der Regel mit dezenten Verweisen oder Disziplinarstrafen davon (wobei selbst gr&ouml;&szlig;ere S&uuml;nder von den Gewerkschaften gedeckt werden, die Korruptionsbek&auml;mpfung offensichtlich nicht als ihr eigenes Anliegen sehen). Und was die &bdquo;Evaluierung&ldquo; des gesamten &ouml;ffentlichen Dienstes betrifft, an dem s&auml;mtliche Ministerien schon seit 2010 arbeiten sollten, so hat sich auch hier kaum etwas getan. In einigen Ministerien wurden nicht einmal die n&ouml;tigen Kommissionen gebildet, in anderen Beh&ouml;rden haben die Personalr&auml;te die Mitarbeit an der Evaluierung verweigert, um Besitzst&auml;nde zu zementieren.<\/p><p><strong>Willk&uuml;rliche und pauschale K&uuml;rzungen und symbolische Ersatzhandlungen<\/strong><\/p><p>Solche Verweigerungsstrategien hatten vor allem zwei Resultate: erstens die lineare K&uuml;rzung von Geh&auml;ltern und anderen Bez&uuml;gen, ohne R&uuml;cksicht auf die h&auml;rtesten der H&auml;rtef&auml;lle. Und zweitens die Erstellung immer neuer spontaner &bdquo;Streichlisten&ldquo;.  So hat es jetzt gerade pauschal die Hausmeister und Reinigungskr&auml;fte an den Schulen erwischt, von denen die meisten entlassen werden sollen. Die zweite gro&szlig;e Gruppe auf der Liste sind die kommunalen Polizei- und Ordnungskr&auml;fte, die komplett in die allgemeine Polizei integriert  werden sollen, wobei der Staat m&ouml;glichst viele dieser Leute loswerden will. Genau diese lokalen Ordnungskr&auml;fte sind aber auf Gemeindeebene oft viel wichtiger als die normale Polizei, weil sie eher die &bdquo;b&uuml;rgernahen&ldquo; Aufgaben wahrnehmen. Deshalb hat Yiannis Boutaris, der B&uuml;rgermeister von Thessaloniki f&uuml;r den Fall der Aufl&ouml;sung &bdquo;seiner&ldquo; Stadtpolizei seinen R&uuml;cktritt angedroht, weil er dann die von ihm erwarteten Aufgaben nicht mehr erf&uuml;llen k&ouml;nne. Und Boutaris ist einer der wenigen B&uuml;rgermeister, der seine eigene Stadtverwaltung nach strengen Kriterien durchgeforstet und auch Entlassungen vorgenommen hat.<\/p><p>Dieses Beispiel ist deshalb erhellend, weil willk&uuml;rlichen Pauschalma&szlig;nahmen die zwangsl&auml;ufige Folge sind, wenn wieder einmal keine konkrete Analyse und Bewertung ganz konkreter &ouml;ffentlicher Dienstleistung erfolgt ist. Statt einer durchdachten Reform, die als Chance f&uuml;r einen effektiveren und b&uuml;rgerfreundlicheren &ouml;ffentlichen Dienst zu begreifen w&auml;re,  hat die Regierung Samaras Anfang Juni eine symbolische Ersatzhandlung beschlossen: die Aufl&ouml;sung der staatlichen Rundfunk- und Fernsehanstalt  ERT verf&uuml;gt (siehe meine ausf&uuml;hrliche Darstellungen <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17602\">hier<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17685\">hier<\/a>). Aber der Effekt dieser Aktion glich dem Abbrennen eines Tischfeuerwerks und war in keiner Weise geeignet, die umfassenden Vers&auml;umnisse der einj&auml;hrigen Regierungszeit von Samaras zu &uuml;berstrahlen.<\/p><p>F&uuml;r den Schlag gegen die ERT hat Samaras den Spruch bem&uuml;ht, dass man Eier zerschlagen m&uuml;sse, um ein Omelett zu machen. Dieses karge Argument hat Nick Malkoutzis, der treffsichere &ouml;konomische Kommentator von Kathimerini, mit dem Hinweis l&auml;cherlich gemacht, dass man dann ja wohl &bdquo;irgendwann auch das Omelett servieren&ldquo; m&uuml;sse. Darauf aber wird das Volk noch l&auml;nger warten m&uuml;ssen. Diesen Sommer muss es bestenfalls damit zufrieden sein, den vermehrt anreisenden Touristen die Omelettes samt Getr&auml;nken aufzutragen. Denn der kleine touristische Boom, den die Zahlen des fr&uuml;hen Sommers andeuten, ist derzeit die einzige reale Entwicklung, die (saisonale) Arbeitspl&auml;tze schafft und das Land wie die Regierung &uuml;ber den Sommer hinweg rettet &ndash;  also auch bis zum Termin der deutschen Bundestagswahlen, die f&uuml;r die griechischen Politiker nachgerade zu einem magischen Termin geworden ist. <\/p><p><strong>Die &bdquo;neue&ldquo; Regierung Samaras sieht ganz sch&ouml;n alt aus<\/strong><\/p><p>Zun&auml;chst ein kurzer  Blick auf die &bdquo;neue&ldquo; Regierung Samaras. Beginnen wir mit der Frage, ob es sich &uuml;berhaupt um eine neue Regierung handelt. Die Antwort erschlie&szlig;t sich aus der Vereidigungs-Zeremonie, die am 25. Juni in Athen &uuml;ber die B&uuml;hne ging. Den Amtseid leisteten nur die 19 neuen Kabinettsmitglieder. Staatsrechtlich gesehen stellte der Vorgang also nur eine Regierungsumbildung dar, auch wenn dabei ein Koalitionspartner verloren ging. Nach dem Ausscheiden der linkssozialdemokratischen Dimar (dazu unten mehr) besteht das Kabinett nur noch aus Mitgliedern der konservativen Nea Dimokratia und der ehemals sozialdemokratischen Pasok. Wobei eine zweite &Auml;nderung fast noch bedeutsamer ist: Die Pasok entsendet Repr&auml;sentanten ihrer Partei in die Regierung, nachdem sie bei der ersten Samaras-Regierung &ndash; wie auch die Dimar &ndash; lediglich ihr nahestehende Fachleute f&uuml;r bestimmte Ministerposten nominiert hatte. Zudem ist auch der Pasok-Vorsitzende Evangelos Venizelos ins Kabinett eingetreten und fungiert als Au&szlig;enminister und Vize-Ministerpr&auml;sident.<\/p><p><strong>Die Krise des politischen Systems<\/strong><\/p><p>Die Krise um die Einstellung der staatlichen Rundfunkanstalt ERT hat den Griechen also eine exklusive Koalition ausgerechnet der beiden Parteien beschert, die das Klientelsystem der letzten Jahrzehnte getragen und gef&ouml;rdert sowie zur letztlich ruin&ouml;sen Perfektion entwickelt haben. Wie die politische Klasse mit dieser Repr&auml;sentanz der alten, weitgehend verbrauchten politischen Kr&auml;fte das Vertrauen der griechischen Gesellschaft gewinnen will, ist nicht nur dem ausl&auml;ndischen Beobachter ein R&auml;tsel.<\/p><p>Wie es um das Vertrauensverh&auml;ltnis zwischen dieser politischen Klasse und ihren W&auml;hler bestellt ist, m&ouml;chte ich ausnahmsweise mit einem Witz illustrieren, den mir ein griechischer Freund erz&auml;hlt hat, der die Geschichte wiederum aus dem Internet hat:<\/p><p><em>In Athen geht ein Blumenh&auml;ndler zum Haareschneiden. Als er zahlen will, sagt der Friseur: Heute will ich kein Geld, in dieser Woche stelle ich meine Dienste der Gesellschaft gratis zur Verf&uuml;gung. Der Kunde bedankt sich erfreut.<\/em><\/p><p><em>Am n&auml;chsten Morgen findet der Friseur zw&ouml;lf Nelken vor seiner Ladent&uuml;r. Als erster Kunde kommt diesmal ein Konditor. Auch der h&ouml;rt &uuml;berrascht und begeistert, dass der Friseur in dieser Woche kein Geld verdienen, sondern der Gesellschaft dienen will. Am n&auml;chsten Morgen findet der Friseur eine Schachtel mit zw&ouml;lf St&uuml;ck Kuchen vor der T&uuml;r.<\/em><\/p><p><em>Der erste Kunde &uuml;bern&auml;chsten Morgen ist ein Parlamentsabgeordneter. Auch er wird gratis bedient. Der Volksvertreter bedankt sich &uuml;berschw&auml;nglich. Als der Friseur nach der Mittagspause seinen Laden wieder aufmacht, wartet vor der T&uuml;r schon eine Menschenschlange: zw&ouml;lf Abgeordnete des Parlaments.<\/em><\/p><p>Dieser Witz und seine Verbreitung im Internet ist eines von vielen Symptomen f&uuml;r die Krise des politischen Systems und f&uuml;r den Leumund der politischen Klasse: Gesellschaftlich unn&uuml;tz, parasit&auml;r und nur auf den eigenen Vorteil bedacht &ndash; so urteilt das Volk &uuml;ber die griechischen Politiker. <\/p><p><strong>Parteiverdienst vor Sachverstand<\/strong><\/p><p>Die neue Regierung tut von Beginn an alles, um an der Berechtigung dieses Urteils keine Zweifel aufkommen zu lassen. Zum Beispiel hat sie es geschafft, die Zahl der Minister- und Vizeminister von 40 auf 42 zu erh&ouml;hen, obwohl schon das erste Kabinett Samaras als unn&ouml;tig aufgebl&auml;ht galt. Und auch sonst ist von Neuanfang wenig zu sehen: Bei der Verteilung der &Auml;mter war zumeist nicht die Qualifikation der &bdquo;Ministrablen&ldquo; entscheidend, sondern deren Gewicht (bzw. Drohpotential) innerhalb der Partei, und der darauf gr&uuml;ndende Anspruch auf eine pers&ouml;nliche Pfr&uuml;nde. <\/p><p>Das schlagendste Beispiel: Der alte ND-Verteidigungsminister Panagiotopoulos, der dem bisherigen Au&szlig;enminister Avramopoulos weichen musste, weil dieser seinen Posten f&uuml;r den Pasok-Chef Venizelos zu r&auml;umen hatte, wurde mit dem Ministerium f&uuml;r Kultur und Sport abgefunden. Als einzige Rechtfertigung k&ouml;nnte man gelten lassen, dass der Mann weder von Verteidigung noch von Kultur viel Ahnung hat, dagegen die f&uuml;r beide &Auml;mter unentbehrliche &bdquo;Gabe schw&uuml;lstiger Rhetorik&ldquo; besitzt (wie ein  Zeitungskommentator anmerkte). <\/p><p>Ein weiteres Beispiel ist die Ernennung von Antonis Georgiadis zum Gesundheitsminister. Der gl&uuml;hende Nationalist ist der ND erst 2012 aus der rechtsradikalen Partei Laos zugelaufen (die seit dem Aufstieg der neonazistischen Chrysi Avghi keine Rolle mehr spielt). F&uuml;r das Amt des Gesundheitsministers, der mit der &Uuml;berlebenskrise der &ouml;ffentlichen Krankenh&auml;user und einem Finanzierungsloch in Milliardenh&ouml;he konfrontiert ist, bringt Georgiadis weder medizinische noch &ouml;konomische Kenntnisse mit. Wohl aber ist er ein Verehrer und H&uuml;ter des antiken Erbes und der altgriechischen Sprache. Deshalb hat er als erstes verf&uuml;gt, dass die &Auml;rzte ihren Hippokratischen Eid wieder in der (seit langem abgeschafften) Hochsprache (Katharevousa) ablegen sollen. Wie umstritten dieser Mann selbst in der Nea Dimokratia ist, zeigt der R&uuml;cktritt der bisherigen Vizeministerin f&uuml;r Gesundheitswesen, Sofia Voultepsi, die ihr Amt aus &bdquo;pers&ouml;nlichen Gr&uuml;nden&ldquo; aufgab, weil sie offenbar mit einem Mann, der sich mit fremdenfeindlichen Spr&uuml;chen (vor allem gegen albanische Wanderarbeiter und muslimische Migranten) profiliert hat, nicht zusammenarbeiten will.<\/p><p>Mit solchem Personal will Samaras also schaffen, was er am Dienstag in einer Rundfunkansprache zur &bdquo;h&ouml;chsten Priorit&auml;t&ldquo; der neuen Koalition erkl&auml;rt hat: die&bdquo; gro&szlig;en struktureller Ver&auml;nderungen einzuleiten, die Griechenland tats&auml;chlich derart umkrempeln, dass es nicht mehr wieder zu erkennen ist&ldquo;. Was die meisten B&uuml;rger in der neuen ND-Pasok-Regierung sofort  erkennen, ist nicht nur die alte Misere, sondern auch die vertrauten Namen von Politiker-Dynastien wie Mitsotakis, Varvitsiotis (ND) und Gennimatas (Pasok). Eine weitere Auff&auml;lligkeit ist der d&uuml;rftige Frauenanteil, der unter 10 Prozent liegt! Wobei von den vier Frauen im Kabinett lediglich eine Ministerin (f&uuml;r Tourismus) ist, w&auml;hrend die drei anderen als Vize-Ministerinnen dienen, als Vorgesetzte also M&auml;nner haben.<\/p><p>Ein personell aufgebl&auml;htes Kabinett, die alten dynastischen Namen, die Hegemonie der  Krawatten, das Prinzip &bdquo;Parteiverdienst vor Sachverstand&ldquo; &ndash; all das l&auml;sst die griechische Bev&ouml;lkerung eher an die alten Zeiten denken als an den Aufbruch in eine neue Epoche. Das einzige Bed&uuml;rfnis der W&auml;hler, das diese Regierung bedient, ist die Angst vor Neuwahlen. Gut 60 Prozent der Griechen sind auch nach der ERT-Krise &uuml;berzeugt, dass ein neuer Wahlgang an ihrer Misere nichts &auml;ndern w&uuml;rde. Darin dr&uuml;ckt sich nicht nur das Gef&uuml;hl der Ohnmacht aus, das die meisten Menschen angesichts der strengen Sparauflagen der Troika empfinden. <\/p><p><strong>Allgemeiner Pessimismus<\/strong><\/p><p>Der Inhalt der &bdquo;Memoranden&ldquo; wird heute von 76 Prozent der Bev&ouml;lkerung abgelehnt. Vor den letzten Wahlen im Sommer 2012 war dieser Anteil schon einmal unter 60 Prozent gesunken (jeweils laut Umfragen des seri&ouml;sesten Meinungsforschungsinstituts Public Issue). Die leisen Hoffnungen, die sich damals regten, sind also l&auml;ngst verpufft. Das zeigt sich noch deutlicher in einem weiteren Umfrageresultat (Public Issue vom Mai 2013). Auf die Frage, wie lange die &ouml;konomisch-soziale Krise in Griechenland dauern wird, gehen 30 Prozent von bis zu f&uuml;nf Jahren aus, 56 Prozent dagegen glauben, dass es noch l&auml;nger dauert ( 29 Prozent rechnen mit einem Zeitraum von 5-10 Jahren, 27 Prozent mit mehr als zehn Jahren). Dabei ist die Zahl derjenigen, die von mehr als f&uuml;nf Krisenjahren ausgehen, seit Jahresanfang <a href=\"http:\/\/www.publicissue.gr\/2358\/var-may-2013-special_issue\/\">noch einmal deutlich gestiegen<\/a>. <\/p><p>Dieser allgemeine Pessimismus r&uuml;hrt auch von dem Eindruck, dass die Politiker keine Ideen haben, wie das Land aus der Misere herauszuf&uuml;hren w&auml;re: Bei der Frage, welches politische Lager das bessere Konzept gegen die Krise hat, entschieden sich Anfang Juni 29 Prozent der potentiellen W&auml;hler f&uuml;r &bdquo;die Rechte&ldquo;, nur 20 Prozent f&uuml;r &bdquo;die Linke&ldquo;, aber 45 Prozent f&uuml;r die Antwort: &bdquo;keine von beiden&ldquo; (die Umfrage wurde allerdings knapp vor der ERT-Liquidierung abgeschlossen).  <\/p><p>Diese Zahlen belegen nat&uuml;rlich auch die Zweifel am Krisenkonzept, aber auch an der &ouml;konomischen Kompetenz der Opposition. In der Tat ist der Anteil derjenigen, die mit der wichtigsten Oppositionskraft, der linkssozialistischen Syriza zufrieden sind, in den letzten drei Monaten (also seit der M&auml;rz-Umfrage) dramatisch von 21,5 auf 12 Prozent zur&uuml;ck gegangen. Das ist f&uuml;r eine Partei, die sich als alternative Regierung im Wartestand sieht, eine h&ouml;chst bedenkliche Entwicklung (wobei abzuwarten bleibt, ob die Syriza  im Gefolge der ERT-Krise und der Regierungsumbildung wieder mehr Vertrauen gewinnen kann).<\/p><p><strong>Licht am Ende der R&ouml;hre?<\/strong><\/p><p>Auf die Lage und die Dilemmata der Syriza werde ich mit Blick auf deren gestern er&ouml;ffneten Parteikongress noch zur&uuml;ckkommen. Hier will ich der Frage nachgehen, was diese &bdquo;Volksstimmung&ldquo; f&uuml;r die Regierung Samaras bedeutet. Konkret gefragt:  Wie versucht die politische Klasse der Legitimationskrise des Systems zu begegnen? Und was haben die Regierungsparteien vorzuweisen, um die Gesellschaft davon zu &uuml;berzeugen, dass die von ihnen verfolgte &ndash; und ihren W&auml;hlern mit gro&szlig;er Mehrheit abgelehnte &ndash; Politik der letzten Jahre nicht nur &bdquo;alternativlos&ldquo; ist, sondern auch die ersten Erfolge zeitigt? <\/p><p>Der Regierungschef fordert seine gebeutelten Landsleute seit Anfang des Jahres, doch endlich das &bdquo;Licht am Ende&ldquo; des Tunnels zu sehen (eine kleine Nebenpointe: Seit Samaras die Entscheidung f&uuml;r den Bau der TAP-Gaspipeline als gro&szlig;en Erfolg ausposaunt, kalauern Zyniker in Athen vom &bdquo;Licht am Ende der R&ouml;hre&ldquo;). Sein Finanzminister Stournaras dr&uuml;ckt sich zwar vorsichtiger aus (weil er den Griechen klarmachen will, dass der strenge Sparkurs weiter gehen m&uuml;sse), aber auch er ist seit dem Fr&uuml;hjahr eifrig bem&uuml;ht, das Ende der Rezession auszurufen. Ab Sommer 2014 werde  die griechische Wirtschaft wieder wachsen, meinte er am 24. Mai gegen&uuml;ber der Zeitung Ta Nea.  Zuvor hatte er in einem Interview mit der FAZ (4. Mai) allerdings erkennen lassen, wie d&uuml;nn die empirische Basis f&uuml;r solche Erwartung noch ist: Er habe alle Statistiker seines Ministeriums angewiesen, &bdquo;nach ersten Zeichen einer Wende der Wirtschaftslage Ausschau zu halten&ldquo;. Auf Nachfrage konnte er als einziges Indiz lediglich nennen, dass die Industrieproduktion nicht mehr sinke, man sei also immerhin auf der Talsohle angekommen. Aber selbst diese Hoffnung ist inzwischen von der Wirklichkeit &uuml;berholt: die neusten Zahlen zeigen einen erneuten R&uuml;ckgang der industriellen Produktion. Und das Wirtschaftsforschungsinstitut  IOEB (dessen Leiter Stournaras war, bevor er Minister wurde) geht in seiner j&uuml;ngsten Prognose davon aus, dass die Rezession 2013 erneut sch&auml;rfer ausfallen wird als bislang erwartet: Das IOEB rechnet mit einem Minuswachstum zwischen 4,8 und 5 Prozent. <\/p><p>Wie lang der Marsch durch das &ouml;konomische Jammertal dauert, h&auml;ngt von vielen Faktoren ab, auf die Athen keinen Einfluss hat. Zum Beispiel von der internationalen und insbesondere der europ&auml;ischen Konjunkturentwicklung, die bekanntlich keinen Anlass zu Optimismus bietet. Der Finanzminister scheint allerdings seinem eigenen Zweckoptimismus nicht ganz zu trauen, denn zugleich l&auml;sst er immer wieder seine Hoffnung durchblicken, dass die Gl&auml;ubiger Griechenlands nach Erreichen eines &Uuml;berschusses im Prim&auml;rhaushalt &ndash; den Samaras und Stournaras erkl&auml;rterma&szlig;en noch f&uuml;r das Haushaltsjahr 2013 anstreben &ndash;  einen weiteren &bdquo;haircut&ldquo; bei den griechischen Staatsschulden genehmigen werden.<\/p><p><strong>Nochmals ein Schuldenschnitt?<\/strong><\/p><p>Das hei&szlig;t: Auch Stournaras h&auml;lt im Grunde einen weiteren Schuldenschnitt f&uuml;r notwendig. Den erwarten viele &Ouml;konomen &ndash;  darunter die Griechenland-Experten des IWF &ndash;  sp&auml;testens f&uuml;r das Fr&uuml;hjahr 2014, wom&ouml;glich aber auch schon f&uuml;r Herbst 2013, also wenn die Wahlen in Deutschland vor&uuml;ber sind und die alte oder eine neue Berliner Regierung den Steuerzahlern endlich reinen Wein einschenken kann.  In diesem Zusammenhang  brachte die Zeitung Ta Nea in ihrer Wochenendausgabe (6.\/7. Juli) ein interessantes Detail &uuml;ber den Besuch des deutschen Au&szlig;enministers in Athen. Nach dem dortigen Bericht hat Westerwelle, auf einen Schuldenschnitt angesprochen, &ouml;ffentlich gesagt, man solle keine &bdquo;verfr&uuml;hten Vermutungen&ldquo; anstellen.  In internen Gespr&auml;chen soll er sich viel deutlicher ge&auml;u&szlig;ert haben: &bdquo;Der haircut wird nach den deutschen Wahlen kommen, aber es ist besser, dar&uuml;ber nicht st&auml;ndig zu reden.&ldquo; <\/p><p>Auch einige griechische Wirtschaftsjournalisten warnen vor der gef&auml;hrlichen Selbstgef&auml;lligkeit, die nicht nur die Regierung, sondern auch viele ihrer Kollegen an den Tag legen. Am eindringlichsten tut dies Nick Malkoutzis in einem Kommentar mit dem Titel &bdquo;Realit&auml;tscheck&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.ekathimerini.com\/4dcgi\/_w_articles_wsite3_1_16\/05\/2013_499252\">auch auf englisch nachzulesen<\/a>) Er versteht zwar, dass die Regierung eine &bdquo;positive Stimmung&ldquo; erzeugen wolle, um den gr&ouml;&szlig;eren Teil der Gesellschaft davon zu &uuml;berzeugen, dass die ihnen zugemuteten Opfer nicht vergeblich sind. Aber mit Hoffnung allein lasse sich keine Krise &uuml;berwinden. Wenn man das Sch&ouml;nreden &uuml;bertreibe, sei der PR-Effekt im Eimer. Dann wird die Regierung nur noch mehr Emp&ouml;rung bei denen ausl&ouml;sen, denen es in ihrem Alltag nicht besser, sondern von Monat zu Monat immer schlechter geht. Und die sich in ihrer Mehrzahl von der politischen Klasse (erinnern wir uns an den oben erz&auml;hlten Witz) ohnehin nichts erwarten oder zumindest nichts Positives.<\/p><p><strong>Eine Gesellschaft, die ihren &ouml;konomischen Boden verloren hat<\/strong><\/p><p>Wer in einer solchen Situation, so Markoutzis, st&auml;ndig von einer &bdquo;Erfolgsgeschichte&ldquo; redet, &bdquo;der beleidigt die Gef&uuml;hle und die Intelligenz der 1,3 Millionen Griechen ohne Arbeit, der 400 000 Familien ohne auch nur ein einziges Lohneinkommen, der 300 000 Besch&auml;ftigten, die von ihren Arbeitgebern seit Monaten kein Geld mehr gesehen haben, der vielen hunderttausenden Menschen, die zwar Arbeit haben, aber mit einem Einkommen, das kaum zum &Uuml;berleben reicht, und schlie&szlig;lich der zahllosen jungen Leute, die eine Zukunft nur noch au&szlig;erhalb Griechenlands sehen.&ldquo; <\/p><p>Allein schon die nackte Zahl der Arbeitslosen, die Markoutzis anf&uuml;hrt, spricht von einer Gesellschaft, die ihren &ouml;konomischen Boden verloren hat. Aber das Elend dieser Gesellschaft wird erst voll sichtbar, wenn wir uns drei Gruppen genauer ansehen. <\/p><ol>\n<li>Die Langzeitarbeitslosen, die nach 12 Monaten einer d&uuml;rftigen Arbeitslosenhilfe keinerlei Leistungen mehr beziehen und dazu noch aus der Krankenversicherung herausfallen. Die Zahl dieser Griechen ohne jedes &bdquo;soziale Netz&ldquo; hat seit Beginn der Krise noch dramatischer zugenommen als die allgemeine Arbeitslosenquote. Ende 2012 waren 61 Prozent der Arbeitslosen, das sind mehr als 800 000 Menschen,  l&auml;nger als 12 Monate ohne Arbeit, das bedeutet seit Ende 2011 einen Anstieg um fast 10 Prozentpunkte (Daten nach dem Vierteljahresbericht f&uuml;r das erste Quartal 2013  des Wirtschaftsforschungsinstituts IOBE, S.75 f.). Ende 2013  wird der Prozentsatz der Langzeitarbeitslosen wahrscheinlich 65 Prozent &uuml;bersteigen.<\/li>\n<li>Genau so dramatisch steigt die Zahl der jugendlichen Arbeitslosen. Die j&uuml;ngste Zahl (vom April 2013) f&uuml;r die Altersgruppe von 15-24 Jahren liegt bei 62,5 Prozent. Wie ich an dieser Stelle schon einmal erl&auml;utert habe (<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16192#h05\">NachdenkSeiten vom 15. Februar 2013<\/a>), ist diese Zahl aber nur bedingt aussagekr&auml;ftig, denn in dieser Altersgruppe sind viele der jungen Leute Sch&uuml;ler, Studenten oder Wehrpflichtige, stehen also dem Arbeitsmarkt gar nicht zur Verf&uuml;gung. Viel signifikanter f&uuml;r die verzweifelte Lage der Berufsanf&auml;nger ist deshalb die Arbeitslosenquote in der Altersgruppe 25-34 Jahre, deren Mitglieder ihre Ausbildung und ihren Wehrdienst in der Regel abgeschlossen haben. Hier ist die Arbeitslosigkeit von 14,1 Prozent im Jahre 2010 bis Anfang 2013 auf 34,2 Prozent, also um 142 Prozent gestiegen. Die Quote bei der Altersgruppe 15-24 Jahre im selben Zeitraum 2010-2013 &bdquo;nur&ldquo; um 91 Prozent gestiegen ist (<a href=\"http:\/\/www.griechenland-blog.gr\/tag\/arbeitslosigkeit\/\">die Zahlen sind nachzulesen auf dem Griechenland-blog<\/a>.)<\/li>\n<li>So tragisch die Jugendarbeitslosigkeit f&uuml;r die Zukunft des Landes ist, f&uuml;r die Gegenwart stellt die Lage der &bdquo;Erwachsenen&ldquo; das gr&ouml;&szlig;ere Drama dar. 2011 waren 63 Prozent aller griechischen Arbeitslosen 30 Jahre und &auml;lter; Anfang 2013 lag dieser Anteil bereits &uuml;ber 70 Prozent, Tendenz weiter steigend. Angesichts der Tatsache, dass M&auml;nner und Frauen &uuml;ber 30 in der Regel eine Familie gegr&uuml;ndet haben, f&uuml;r die sie aufkommen m&uuml;ssen, ist die Arbeitslosenquote in dieser Alterskohorte besonders bedrohlich, weil sie quasi das Zentrum der Gesellschaft aush&ouml;hlt und deren Zukunftsperspektiven l&auml;hmt.<\/li>\n<\/ol><p><strong>Wirtschaftliche Belebung auf Treibsand<\/strong><\/p><p>Was hat die Regierung Samaras solchen Zahlen entgegenzusetzen &ndash; jenseits einer &uuml;berzogenen Optimismus-Kampagne? Bislang nur die steigenden Touristenzahlen und den Verweis auf die Arbeitspl&auml;tze, die in Nordgriechenland entstehen werden, wenn einmal die R&ouml;hren der TAP-Pipeline &uuml;ber griechisches Gebiet verlegt werden. Aber selbst der Verweis auf diese beiden Konjunkturimpulse ist f&uuml;r die Regierung nicht ungef&auml;hrlich. <\/p><p>Das gilt vor allem f&uuml;r den ersten Punkt. Zwar steigt die Zahl der ausl&auml;ndischen Touristen seit Juni deutlich an und n&auml;hrt die Hoffnung, dass man den Rekordwert von 17 Millionen Besuchern (aus Zeiten vor der Krise) sogar &uuml;bertreffen wird. Aber da der inl&auml;ndische Tourismus eingebrochen ist und noch weniger Griechen sich Ferien leisten k&ouml;nnen als letztes Jahr, wird die Bilanz f&uuml;r den ganzen Sektor sehr gemischt ausfallen. Zwar wird man in den touristischen Zentren (vor allem aus dem Ausland direkt angeflogene Inseln wie Rhodos, Kos, Korfu) zus&auml;tzliche Arbeitskr&auml;fte einstellen, aber eben nur f&uuml;r die Hochsaison. Das hei&szlig;t jedoch, dass im Herbst eine f&uuml;r die Regierung sehr unangenehme Entwicklung eintreten d&uuml;rfte, wenn die Saisonjobber sich im Winter wieder arbeitslos melden. Dann wird sich zeigen, dass eine erfreuliche Touristensaison zwar eine Entlastung bringen, aber keinesfalls schon f&uuml;r einen stabilen Konjunkturaufschwung sorgen kann. Zumal der Tourismus kein berechenbarer Sektor ist, weil er sehr stark von der allgemeinen Konjunkturentwicklung in Europa abh&auml;ngig ist. Ein Kommentator der Zeitung Ethnos (vom 28. Juni) urteilt zu Recht, die Erwartung einer wirtschaftlichen Belebung sei &bdquo;auf Treibsand&ldquo; gebaut. <\/p><p>F&uuml;r das TAP-Projekt wiederum gilt das Gegenteil: es bringt keine unmittelbaren Konjunkturimpulse. Die Verlegung des 550 Kilometer langen Leitungsabschnitts und der Bau von zwei Pumpstationen auf griechischem Boden repr&auml;sentiert nach Angaben des Konsortiums zwar eine Investitionssumme von 1,5 Milliarden Euro, die 2000 direkte und 10 000 indirekte Arbeitspl&auml;tze schaffen w&uuml;rde (letzteres eine eher k&uuml;hne Hochrechnung), aber wann die Bauarbeiten beginnen, steht noch gar nicht fest. Der Termin h&auml;ngt auch davon ab, wann das Teilst&uuml;ck durch die T&uuml;rkei (die sogenannte TANAP) fertig wird. Das TANAP-Konsortium geht zwar davon aus, dass diese Gas-Pipeline (bis zur t&uuml;rkisch-griechischen Grenze) Ende 2018 fertig wird; in einem Bericht der NZZ vom 15. Juni hei&szlig;t es jedoch, selbst der Er&ouml;ffnungstermin 2020 werde &bdquo;in der Branche mit einem Fragezeichen versehen&ldquo;.  F&uuml;r Griechenland bedeutet dies, dass vor 2015 durch die Pipeline keine Arbeitspl&auml;tze entstehen werden. Zu der &bdquo;Konjunkturwende&ldquo;, die Samaras und Stournaras f&uuml;r das zweite Halbjahr 2014 k&uuml;hn voraussagen, werden die TAP-Investitionen jedenfalls nichts beitragen k&ouml;nnen. <\/p><p><strong>Ausstehende Steuern auf Rekordstand<\/strong><\/p><p>Zum Schluss die griechische Standardfrage: Und wie steht es um die Haushaltssanierung und insbesondere um die Steuereinnahmen?  Dazu nur eine einzige Zahl: Die Summe der ausstehenden Zahlungen von Steuern erreichte Ende April 2013 den neuen Rekordstand von 59 Milliarden Euro. Allein im ersten Jahresdrittel haben sich die Au&szlig;enst&auml;nde der Staatskasse um 3 Mrd. Euro erh&ouml;ht. Hinzu kommt, dass auch die Beitr&auml;ge an die Sozialkassen mit 13 Mrd. Euro im R&uuml;ckstand sind. Insgesamt sind die Einnahmen des Staates von nat&uuml;rlichen Personen wie von Unternehmen im Vergleich mit dem Vorjahr noch einmal geschrumpft. Und zwar &bdquo;weit st&auml;rker als es durch das Sparprogramm und die wirtschaftliche Rezession zu erkl&auml;ren w&auml;re&ldquo;, hei&szlig;t es in einem Report der Alpha-Bank, dem diese Zahlen entnommen sind (Kathimerini vom 27. Juni).<\/p><p>Der Report kommt zu dem Schluss: &bdquo;Das gravierendste Problem, das die griechische Wirtschaft und Gesellschaft derzeit haben, ist die Schw&auml;che beim Eintreiben von Steuern und Abgaben und die erkennbar weiter zunehmende Neigung eines gro&szlig;en Teils der Steuer- und Abgabenpflichtigen, diese Zahlungen zu verweigern.&ldquo;  Dabei sei eine effektive Steuererhebung die &bdquo;Voraussetzung f&uuml;r die Erholung der Wirtschaft, f&uuml;r den Abbau der Arbeitslosigkeit und nat&uuml;rlich auch f&uuml;r die Wahrnehmung der absolut notwendigen Sozialpolitik.&ldquo; <\/p><p>S&auml;tze wie diese konnte man in den letzten Jahren, und sp&auml;testens seit Fr&uuml;hjahr 2010, in unz&auml;hligen Variationen lesen. Geschehen ist so gut wie nichts und in jedem Fall zu wenig. Auf diesem Gebiet liegt das gr&ouml;&szlig;te Versagen der griechischen Regierungen. Ein repr&auml;sentatives Beispiel: &Uuml;ber die Erfassung von Immobilien, die von ihren privaten Besitzern auf Briefkastenfirmen in der Karibik und anderswo eingetragen sind, wird seit Sommer 2010 geredet. Ende Juni 2013 berichtete der zust&auml;ndige Vizeminister im griechischen Parlament, dass von den 6575 ermittelten &bdquo;offshore-Immobilien&ldquo; bis heute nur 375 F&auml;lle (oder 5,7 Prozent) aufgearbeitet wurden. Von den dabei f&auml;lligen Steuerbescheiden in H&ouml;he von 40 Millionen Euro wurden bislang ganze  6 Millionen eingetrieben.<\/p><p>Nat&uuml;rlich ist es nicht einfach, ausgerechnet in der tiefsten Krise eine Wende zur Steuerehrlichkeit zu erzwingen. Aber damit sind die Vers&auml;umnisse weder zu erkl&auml;ren noch zu entschuldigen. Zumal wenn die L&ouml;cher in den &ouml;ffentlichen Haushalten stattdessen mit &bdquo;Privatisierungserl&ouml;sen&ldquo; gestopft werden sollen. Die Problematik &ndash; und die Illusionen &ndash; dieser angeblichen &bdquo;Reformen&ldquo; werde ich in einem weiteren Teil dieses aktuellen Berichts darstellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die &bdquo;neue&ldquo; Regierung Samaras verbreitet Aufbruchsstimmung. Die Gefahr eines &bdquo;Grexit&ldquo;, also eines Ausschlusses aus der Eurozone, sei endg&uuml;ltig gebannt; jetzt sei bereits die &bdquo;Greekovery&ldquo; in vollem Gange. Als endg&uuml;ltigen Beweis f&uuml;r seine These von der griechischen &bdquo;success story&ldquo; wertet er die Entscheidung &uuml;ber das TAP-Projekt, die Ende Juni gefallen ist. Von <strong>Niels Kadritzke<\/strong>.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[139,173,156,132],"tags":[423,672,588,907,851,325,654],"class_list":["post-17942","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-euro-und-eurokrise","category-griechenland","category-schulden-sparen","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-austeritaetspolitik","tag-esmefsf","tag-personalabbau","tag-samaras-antonis","tag-schuldenschnitt","tag-staatsschulden","tag-troika"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17942","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=17942"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17942\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53090,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17942\/revisions\/53090"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=17942"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=17942"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=17942"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}