{"id":17985,"date":"2013-07-16T09:38:36","date_gmt":"2013-07-16T07:38:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17985"},"modified":"2019-07-05T10:57:17","modified_gmt":"2019-07-05T08:57:17","slug":"der-verkauf-von-offentlichen-werten-inmitten-einer-okonomischen-depression-und-einer-abgrundtiefen-krise-der-offentlichen-finanzen-ist-eine-volkswirtschaftliche-untat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17985","title":{"rendered":"Der Verkauf von \u00f6ffentlichen Werten inmitten einer \u00f6konomischen Depression und einer abgrundtiefen Krise der \u00f6ffentlichen Finanzen ist eine volkswirtschaftliche Untat"},"content":{"rendered":"<p>Aus vielen Experimenten in fast allen europ&auml;ischen L&auml;ndern konnte man lernen, dass die Privatisierung eine der gro&szlig;en Lebensl&uuml;gen der Markt-Fundamentalisten ist. In Griechenland lief jedoch der klientilistische Missbrauch &ouml;ffentlicher G&uuml;ter auf eine &bdquo;Privatisierung&ldquo; der ganz besonderen Art hinaus. So hat es eine &bdquo;heimliche&ldquo; private Aneignung des staatlichen Grundbesitzes in gro&szlig;em Stil gegeben. Der &ouml;ffentliche Sektor wurde von den Politikern der Altparteien vielfach &bdquo;wie ein privater Klub&ldquo; behandelt, dem sie nach Belieben neue Mitglieder zuf&uuml;hren konnten. Der Klientelstaat wurde so geradezu zum Feind des Sozialstaats. Die skeptische Einstellung der Mehrheit der Griechen zum &ouml;ffentlichen Sektor bedeutet allerdings keineswegs eine pauschale Zustimmung der Bev&ouml;lkerung zu jeder Art Privatisierung. So gibt es zum Beispiel eine klare Mehrheit gegen die Privatisierung der Wasserwerke.<\/p><p>Unter den nach wie vor herrschenden Bedingungen des Klientelismus ist die Wahrscheinlichkeit, dass  &bdquo;&ouml;ffentliches Gut&ldquo; verschleudert oder unter der Hand privatisiert wird gro&szlig;. Der Verkauf von &ouml;ffentlichen Werten inmitten einer &ouml;konomischen Depression und einer abgrundtiefen Krise der &ouml;ffentlichen Finanzen ist eine volkswirtschaftliche Untat. Das belegen etwa auch die Privatisierung des Gl&uuml;cksspiel-Unternehmens OPAP oder der gescheiterte Verkauf der Staatsanteile an dem Erdgas-Unternehmen DEPA. Von <strong>Niels Kadritzke<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAls Auftakt zu den komplexen Fragen, die sich beim Stichwort &bdquo;Privatisierungen&ldquo; im Fall Griechenlands stellen,  will ich eine Geschichte zum Thema &bdquo;parasit&auml;rer &ouml;ffentlicher Sektor&ldquo; erz&auml;hlen. Sie ist an dieser Stelle &uuml;beraus  passend, weil sie den Zusammenhang zwischen beiden Themen aufs Anschaulichste illustriert. <\/p><p>Es geht um die Athener Stra&szlig;enbahn, die knapp vor den Olympischen Spielen von 2004 fertig wurde. Das staatliche Unternehmen TRAM AE betreibt eine bescheidenes &bdquo;Netz&ldquo; von 26 Kilometer L&auml;nge (es handelt sich eigentlich nur um eine einzige gegabelte Linie, die das Athener Zentrum mit Pir&auml;us bzw. dem K&uuml;stenvorort Glyfada verbindet). 2004 geriet das Unternehmen, das mit einer Belegschaft von 190 Leuten gestartet war, in die H&auml;nde der Regierung von Kostas Karamanlis. In nur f&uuml;nf Jahren  ND-Regiment h&auml;ufte die TRAM AE bis 2009 ein Defizit in H&ouml;he eines dreistelligen Millionen-Betrags auf. Im selben Zeitraum erh&ouml;hte das Unternehmen  seinen Personalbestand auf 690 Angestellte. Die Tram- Linie war in diesem Zeitraum um 690 Meter verl&auml;ngert worden. Mit anderen Worten: Der Expansion des &bdquo;Streckennetzes&ldquo; um 2,5 Prozent stand eine Expansion des Personals um 363 Prozent gegen&uuml;ber. <\/p><p>Die Geschichte hat k&uuml;rzlich der Journalist Giorgos Papachristos in der Zeitung Ta Nea (vom 9. Juli)  rekonstruiert. Er beruft sich dabei auf Zeitzeugen, die im Jahre 2009, als Karamanlis auf vorzeitige Neuwahlen zusteuerte, die Expansion des Betriebs aus der N&auml;he erlebt haben. Demnach hat die ND ihre Leute in das Unternehmen &bdquo;durch Fenster und T&uuml;ren, durch Oberlichter und L&uuml;ftungsklappen&ldquo; eingeschleust, wie Papachristos ironisch schreibt. Die klientelistische Orgie zwang die Gesch&auml;ftsf&uuml;hrung sogar, zus&auml;tzliche provisorische B&uuml;ror&auml;ume anzumieten, um all die &uuml;berfl&uuml;ssigen &bdquo;blauen Leute&ldquo; (blau ist die Farbe der ND) &uuml;berhaupt unterbringen zu k&ouml;nnen.<\/p><p>TRAM AE ist eine Tochter der staatlichen Verkehrsgesellschaft Attiko Metro. Auch das Mutterunternehmen hat sein Personal in den Jahren vor der Krise aufgestockt, aber dem stand zumindest ein kontinuierlicher Ausbau der Metro-Strecken gegen&uuml;ber. Dennoch ist auch Attiko Metro ein kommunaler Dienstleistungsbetrieb mit stark klientelistischen Z&uuml;gen. In diesem Fall kann man sich ausnahmsweise sogar auf eine Analyse beziehen, die ein Unternehmensberater, n&auml;mlich der in Athen lebende Investment-Berater, Philipp Ammerman, verfasst hat (siehe den <a href=\"http:\/\/www.philip-atticus.com\/2013\/01\/financially-decoding-athens-metro.html\">blog Philipp Atticus<\/a>). Ammerman verweist zum Beispiel auf <\/p><ul>\n<li>die mangelnde Aufsicht und Leistungskontrolle des Managements (das noch nie wegen einer negativen Erfolgsbilanz gefeuert wurde, sondern nur im Zuge eines Regierungswechsels);<\/li>\n<li>die mangelnde finanzielle Transparenz (keine &ouml;ffentlich zug&auml;nglichen Informationen &uuml;ber Besch&auml;ftigte, Lohnstruktur, Ausgaben, Materialbeschaffung, geschweige denn &uuml;ber strategische Planung);<\/li>\n<li>unzureichende Ma&szlig;nahmen gegen Schwarzfahrer (die Schwarzfahrerquote liegt in Athen bei 15 Prozent, in vergleichbaren St&auml;dten liegt sie zwischen 3 Prozent (Berlin) und 6 Prozent (Paris);<\/li>\n<li>unzureichende Kontrolle der Investitionen f&uuml;r Wartung und weiteren Netzausbau, was ein hohes Korruptionsrisiko bedeutet (Bestechung, kickbacks mittels &uuml;berh&ouml;hter Rechnungen usw.).<\/li>\n<\/ul><p>Es lohnt sich, den ausf&uuml;hrlichen Text im englischen Original zu lesen. Dabei wird man dem Autor gewiss nicht in allen Details zustimmen (z.B. erkl&auml;rt sich die Schwarzfahrerquote keineswegs nur aus fehlenden Kontrollen, sondern vor allem aus der Verarmung gerade derjenigen Athener, die auf &ouml;ffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind). Aber das gro&szlig;e Bild ist richtig gezeichnet und f&uuml;r viele &ouml;ffentliche Betriebe repr&auml;sentativ. Am interessantesten wird die Lekt&uuml;re jedoch am Schluss, wo uns der Unternehmensberater sein L&ouml;sungsrezept serviert: Die Attiko Metro m&uuml;sse privatisiert werden. <\/p><p><strong>Im Klientelsystem sind staatliche Betriebe l&auml;ngst privatisiert<\/strong><\/p><p>Ehe wir uns als redliche linke Leser &uuml;ber diese Rezeptur erregen, sollten wir uns ganz ern&uuml;chtert klar machen, dass eine solche Schlussfolgerung f&uuml;r viele Griechen ziemlich einleuchtend ist. Ammerman kann so nur argumentieren, weil Zust&auml;nde wie bei der Tram f&uuml;r die Steuerzahler &ndash; und die Benutzer der &ouml;ffentlichen Verkehrsdienste &ndash; tats&auml;chlich unzumutbar sind. Aber nat&uuml;rlich kommt ein Unternehmensberater nicht auf die Idee, dass die beste L&ouml;sung des Problems der &bdquo;dritte Weg&ldquo; w&auml;re:  weder Klientelbetrieb noch Privatisierung, sondern ein vern&uuml;nftig organisiertes und sparsam wirtschaftendes &ouml;ffentliches Unternehmen. Das sich den Ehrentitel &bdquo;&ouml;ffentlich&ldquo; dadurch verdient, dass es sowohl den Kunden zum &bdquo;K&ouml;nig&ldquo; macht, als auch den Steuerzahler.<\/p><p>Damit ist ein Aspekt der Privatisierungs-Debatte benannt, der h&auml;ufig &uuml;bersehen wird, im Fall Griechenland aber von besonderer Wichtigkeit ist. In den meisten kapitalistischen L&auml;ndern geht es bei der Frage, ob die Privatisierung eines &ouml;ffentlichen Dienstes\/Unternehmens unzumutbar, hinnehmbar oder gar sinnvoll ist, vor allem um die Abw&auml;gung zweier Aspekte  &ndash; abgek&uuml;rzt formuliert: Gemeinn&uuml;tzigkeit versus Finanzierbarkeit.  Es l&auml;uft also in der Regel auf zwei Fragen hinaus. <\/p><ol>\n<li>Sind bestimmte Versorgungsleistungen so wichtig, oder sollen sie so &bdquo;sozial vertr&auml;glich&ldquo; gestaltet werden, dass sie nicht dem Profitmotiv unterworfen sein d&uuml;rfen? <\/li>\n<li>Wie steht es um die Finanzierbarkeit? Hat die &ouml;ffentliche Hand gen&uuml;gend Geld (also ein ausreichendes Steueraufkommen), um einen bestimmten &ouml;ffentlichen Dienst zu finanzieren\/subventionieren, einschlie&szlig;lich gr&ouml;&szlig;erer Investitionen, die laufend n&ouml;tig sein werden? <\/li>\n<\/ol><p>Die Privatisierungswelle der letzten Jahrzehnte, die wir weltweit und verst&auml;rkt auch innerhalb des EU-Bereichs erlebt haben, wurde meist mit der Finanzierungsklemme der &ouml;ffentlichen Haushalte begr&uuml;ndet, die allerdings zuvor &uuml;ber Steuersenkungen gezielt herbeigef&uuml;hrt worden war. Wobei das Argument mit der Behauptung vers&uuml;&szlig;t wurde, private Dienstleister k&ouml;nnten ihre Kunden grunds&auml;tzlich &bdquo;billiger&ldquo; versorgen als &ouml;ffentliche Unternehmen. <\/p><p>Diese Behauptung hat sich, wie wir aus vielen Privatisierungs-Experimenten in fast allen europ&auml;ischen L&auml;ndern lernen konnten, als die gro&szlig;e Lebensl&uuml;ge der Privatisierungs-Fundamentalisten erwiesen. Deshalb erleben wir heute, wie reuevolle Kommunen ihre ehemaligen Stadtwerke zur&uuml;ckkaufen, und zwar unter dem Druck der  B&uuml;rger, die ihre bittere Privatisierungs-Lektion gelernt haben.<\/p><p>Soweit das gro&szlig;e Bild. Nun zur&uuml;ck zum Fall Griechenland. Hier geht es nicht nur um die Kriterien der Gemeinn&uuml;tzigkeit und Finanzierbarkeit. Wobei klar ist, dass der zweite Aspekt f&uuml;r einen quasi bankrotten Staat, der nicht einmal mehr ein Minimum von Sozialstaat finanzieren kann, besonders stark ins Gewicht f&auml;llt. Wenn also ein Privatisierungsvorhaben zugleich Investitionen geriert, f&uuml;r die der Staat kein Geld hat, erscheint dies den meisten Griechen als eine durchaus vern&uuml;nftige L&ouml;sung. Das erkl&auml;rt zum Beispiel die hohe Akzeptanz der Vorstellung, dass ein ausl&auml;ndisches Unternehmen zu vern&uuml;nftigen Konditionen in die marode griechische Eisenbahn investieren w&uuml;rde. <\/p><p>Entscheidend f&uuml;r das Thema Privatisierungs unter griechischen Bedingungen ist aber ein dritter Aspekt, der die beiden anderen &uuml;berlagert und damit erheblich verzerrt. Wir sprechen nat&uuml;rlich vom Problem des Klientelismus. Ein &ouml;ffentliches Unternehmen b&uuml;&szlig;t n&auml;mlich seinen gemeinn&uuml;tzigen Charakter in dem Ma&szlig;e ein, in dem er zum &bdquo;Versorgungsbetrieb&ldquo; f&uuml;r die Klientel der politischen Klasse wird. Dieser klientelistische Missbrauch eines &ouml;ffentlichen Gutes l&auml;uft auf eine &bdquo;Privatisierung&ldquo; der besonderen Art hinaus, wof&uuml;r das Beispiel der Athener TRAM AE nur das extremste ist. Nick Malkoutzis bringt es auf den Punkt, wenn er den griechischen Politikern vorwirft, den &ouml;ffentlichen Sektor &bdquo;wie einen privaten Klub zu behandeln, dem sie nach Belieben neue Mitglieder zuf&uuml;hren k&ouml;nnen&ldquo; (Kathimerini vom 24. Januar 2013).<\/p><p>Bei vielen &ouml;ffentlichen Betrieben zeigt sich also in besonders krasser Weise, was ich schon in einem anderen Zusammenhang dargelegt habe: dass  n&auml;mlich der Klientelstaat der gr&ouml;&szlig;te Feind des Sozialstaats ist (<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14288\">NachdenkSeiten vom 30. August 2012<\/a>). Eine wachsende Mehrheit in Griechenland ist dabei, das m&uuml;hsam zu lernen. Denn seitdem die personelle &Uuml;berfrachtung des &ouml;ffentlichen Sektors nicht mehr finanzierbar ist, seitdem also ein Gro&szlig;teil der ehemals in die klientilistische Korruption eingebundenen B&uuml;rger f&uuml;r sich und ihre Kinder nicht mehr auf gesicherte Jobs hoffen d&uuml;rfen, k&ouml;nnen sie den alten Klientelismus mit neuen Augen sehen.<\/p><p>In diesen politisch korrupten Strukturen liegt auch eine Erkl&auml;rung daf&uuml;r, warum seit einigen Jahren bei Umfragen eine deutliche Mehrheit (von plus\/minus zwei Dritteln) f&uuml;r Privatisierungen herauskommt. So erkl&auml;rten im April 2011 drei von vier der Befragten, dass sie  <a href=\"http:\/\/www.publicissue.gr\/1733\/private-sector\/\">Privatisierungen &bdquo;generell&ldquo; f&uuml;r notwendig halten<\/a>. Diese Zustimmungsquote d&uuml;rfte mittlerweile leicht zur&uuml;ckgegangen sein, weil das Privatisierungsprogramm dem Staat in Zeiten der Krise l&auml;ngst nicht die erwarteten Einnahmen bringt (dazu weiter unten mehr). Aber nach wie vor haben die meisten Griechen vom &ouml;ffentlichen Sektor ein so negatives Bild, das sie Privatisierungen prinzipiell nicht falsch finden k&ouml;nnen. Diesem Meinungsbild entspricht auch, dass etwa fr&uuml;her vollzogenen Privatisierungen von der &ouml;ffentlichen Meinung gebilligt wurden. Nach der bereits zitierten Public-Issue-Umfrage war z.B. jeweils eine stattliche Mehrheit der Meinung, dass die ehemaligen Staatsunternehmen OTE (Telefongesellschaft) und Olympic (Fluggesellschaft) nach der Privatisierung besser funktionieren als vorher, gegenteiliger Meinung war nur ein F&uuml;nftel der Befragten. <\/p><p><strong>Eine klare Mehrheit gegen die Privatisierung der Wasserwerke<\/strong><\/p><p>Die skeptische Einstellung zum &ouml;ffentlichen Sektor bedeutet allerdings keineswegs eine generelle Zustimmung zu jeder Art Privatisierung. Auch in Griechenland identifizieren die B&uuml;rger einen Bereich &ouml;ffentlicher Dienstleistungen, den sie auf keinen Fall dem Zugriff privater Firmen ausliefern wollen. Der klassische Fall sind die Wasser- und Abwasserunternehmen von Athen\/Pir&auml;us und Thessaloniki. Die Privatisierung der EYDAP (Athen-Pir&auml;us) und die EYTh (Thessaloniki) wird von einer Zwei-Drittel-Mehrheit abgelehnt. Daf&uuml;r sprechen sich bei einer Umfrage von Mitte Juni 2013 nur 23 Prozent der Befragten aus. Und w&uuml;rde man nur die Betroffenen in den beiden Stadtregionen befragen, d&uuml;rfte die Ablehnung noch klarer ausfallen.<\/p><p>Im Fall der &ouml;ffentlichen Wasserwerke muss sich die Regierung Samaras auf harten Widerstand seitens der Bev&ouml;lkerung einstellen. Dennoch stehen beide Projekte ganz oben auf der Privatisierungsliste: Die EYTh soll noch 2013, die EYDAP bis Mitte 2014 meistbietend verkauft werden. Welche Bedeutung die Regierung Samaras gerade diesem Vorhaben beimisst, zeigt ein personelles Detail: Im M&auml;rz berief sie zum Chef der staatlichen Privatisierungsagentur TAIPED ausgerechnet Stelios Stavridis, der zuvor Chef bei EYDAP war, also beim &ouml;ffentlichen Wasser-und Abwasserunternehmen von Athen\/Pir&auml;us. Als Nachfolger von Stavridies bei EYDAP wurde Antonis Vartholomaios eingesetzt, der zuvor im Direktorium der TAIPED sa&szlig;. Damit ist die Gew&auml;hr gegeben, dass diese Beiden Hand in Hand die Privatisierung der Wasserwerke vorantreiben. <\/p><p>Und dies, obwohl sich auf EU-Ebene inzwischen ein Umdenken anbahnt. Denn die Initiativen vieler B&uuml;rger haben den zust&auml;ndigen EU-Kommissar Michel Barnier gezwungen, sich von der &uuml;ber Jahre in Br&uuml;ssel propagierten Politik zu verabschieden, die auch die Privatisierung  der kommunalen Wasserwerke vorangetrieben hat. Trotz dieser &bdquo;von unten&ldquo; durchgesetzten Korrektur fordert die EU-Kommission (im Rahmen der Troika) von der Athener Regierung keineswegs, den Verkauf der Wasserwerke von der Agenda abzusetzen. Absolute Priorit&auml;t hat das propagierte Ziel, die Staatskasse durch &bdquo;Privatisierungserl&ouml;se&ldquo; zu entlasten. Der Kommentator Nikos Xydakis sieht hier einen klaren Fall von Schizophrenie, weil Griechenland offenbar gezwungen wird, &bdquo;gegen den Willen der EU&ldquo; und gegen die neuerdings geltende &bdquo;gemeinsame Strategie zu versto&szlig;en&ldquo; (Kathimerini vom 12. Juli).<\/p><p>Auf diesen Widerspruch verweisen auch die sehr aktiven Gruppen, die in Griechenland f&uuml;r die Erhaltung der kommunalen Wasserversorgung k&auml;mpfen (<a href=\"http:\/\/www.savegreekwater.org\">Informationen dazu &uuml;ber die Website<\/a>). Ihren Widerstand, der vor allem in Thessaloniki schon sehr gut organisiert ist, beschreibt Hillary Wainwright in der Mai-Ausgabe der unabh&auml;ngigen linken Zeitschrift &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.redpepper.org.uk\/tapping-the-resistance-in-greece\/\">Red Pepper<\/a>&ldquo;. Besonders aufschlussreich ist dabei der Verweis auf eine Bedingung, die f&uuml;r den Erfolg einer Anti-Privatisierungskampagne in Griechenland unabdingbar ist: Die an den Kampagnen beteiligten Gewerkschafter bem&uuml;hen sich, ihren B&uuml;ndnisgenossen klar zu machen, dass sie als B&uuml;rger engagiert sind, und nicht (nur) als Besch&auml;ftigte der EYTh, die um ihre Arbeitspl&auml;tze f&uuml;rchten. Deshalb scheuen sie sich nicht, die Korruption im &ouml;ffentlichen Bereich zu thematisieren und zuzugeben, dass es leider auch in ihren eigenen Reihen korrupte Elemente gibt. <\/p><p>Diese Selbstkritik ist auch unumg&auml;nglich, wenn die Gewerkschaften des &ouml;ffentlichen Sektors im Kampf gegen die Privatisierung gemeinn&uuml;tziger &ouml;ffentlicher Unternehmen eine Rolle spielen wollen. Denn die meisten B&uuml;rger hegen nach wie vor ein gro&szlig;es Misstrauen gegen die Gewerkschaften des &ouml;ffentlichen Sektors, die in der Vergangenheit h&auml;ufig eher wie Berufsgilden agierten und deshalb nicht gerade als legitime Mitstreiter einer Bewegung der Krisenverlierer gesehen werden (die &bdquo;Besonderheiten&ldquo; der griechischen Gewerkschaften habe ich ausf&uuml;hrlich auf den <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7863\">NachdenkSeiten vom 23. Dezember 2010 dargestellt<\/a>).  <\/p><p>Dazu nur ein Beispiel aus der Vergangenheit: Im Fall der staatlichen &bdquo;Olympic Airways&ldquo; (im Herbst 2009 vollzogen) war eine klare Mehrheit der Griechen f&uuml;r eine Privatisierung, weil der Betrieb der Gesellschaft mehr und mehr zu Lasten der Allgemeinheit ging. Obwohl die Olympic notorisch ein Riesendefizit machte, das aus dem Staatshaushalt ausgeglichen werden musste, konnten die Gewerkschaften der einzelnen Berufsgruppen mithilfe ihrer jeweiligen politischen Patrone ihre Privilegien st&auml;ndig weiter ausbauen. Am dreistesten trieben es die Piloten, die per Streik sogar die Forderung durchsetzen wollten, einen festen Prozentsatz der Ausbildungspl&auml;tze von Nachwuchspiloten f&uuml;r ihre eigenen Spr&ouml;sslinge zu reservieren. An solchen Beispielen haben die Griechen bitter erfahren m&uuml;ssen, dass nicht jedes &bdquo;&ouml;ffentliche Unternehmen&ldquo; automatisch einen Beitrag zu einer gerechteren und solidarischen Gesellschaft leistet. Allzu oft haben sie das Gegenteil erlebt. <\/p><p><strong>Staatlicher Grundbesitz &ndash; zweckentfremdet<\/strong><\/p><p>Wie gro&szlig; unter Bedingungen des Klientelismus die Wahrscheinlichkeit ist, dass  &bdquo;&ouml;ffentliches Gut&ldquo; verschleudert oder unter der Hand privatisiert wird, l&auml;sst sich auch am Beispiel des staatlichen Grundbesitzes aufzeigen. In Griechenland ist der Staat  aus historischen Gr&uuml;nden, die mit der osmanischen Vorgeschichte zu tun haben, der gr&ouml;&szlig;te Grundbesitzer &uuml;berhaupt. Zu Beginn der Krise hat der heutige Finanzminister Stournaras (als Direktor des Wirtschaftsforschungsinstituts IOEB) einmal ausgerechnet, dass der Staat vor Ausbruch der Krise allein durch die Ver&auml;u&szlig;erung von Immobilien 200 Mrd. Euro h&auml;tte einnehmen k&ouml;nnen. Das war allerdings eine sehr abstrakte Kalkulation, denn das h&auml;tte vorausgesetzt, dass der Staat &uuml;berhaupt eine &Uuml;bersicht &uuml;ber seine eigenen Liegenschaften hat. Das war 2009 noch bei weitem nicht der Fall. Die Erfassung der Grundst&uuml;cke ist bis heute noch nicht abgeschlossen. <\/p><p>Wie es um die Verf&uuml;gung &uuml;ber das staatliche Eigentums tats&auml;chlich bestellt ist, zeigt ein Beispiel, das in der vor einem Jahr in der Kathimerini beschrieben wurde. Im Juli 2012 begaben sich die Inspektoren der staatlichen Privatisierungsbeh&ouml;rde in das Hafenst&auml;dtchen Katakolo an der Westk&uuml;ste der Peleponnes (der Hafen lebt von den Kreuzfahrtschiffen, die hier anlegen, um den Passagieren einen  Ausflug zum nahen Olympia zu bieten). Als die Inspektoren den staatlichen Grundbesitz taxieren wollten, erlebten sie eine b&ouml;se &Uuml;berraschung. Von den 2000 Hektar ausgewiesener &ouml;ffentlicher Fl&auml;chen waren nur noch 200 Hektar ungenutzt. Die allermeisten Grundst&uuml;cke hatten sich alle m&ouml;glichen Leute illegal angeeignet und mit H&auml;usern, Gesch&auml;ften, Pensionen, ja ganzen Siedlungen &uuml;berbaut; und das nat&uuml;rlich zumeist ohne Baugenehmigung. <\/p><p>Paschos Mandravelis schrieb damals in einem bitteren Kommentar: &bdquo;W&auml;hrend die ganze Nation sich gegen die verruchten ausl&auml;ndischen Investoren wappnet, die angeblich &uuml;ber uns herfallen und die griechische Landschaft verschandeln wollen, haben unser einheimischen Geier es bereits geschafft, fast jede Ecke des Landes illegal zu privatisieren, ohne dem Staat auch nur einen Cent zu zahlen&hellip; W&auml;hrend wir die Thermopylen gegen die neoliberalen Invasoren bewachen, werden hinter unserem R&uuml;cken von Privatleuten erstklassige Grundst&uuml;cke und damit Staatsgelder aufgefressen.&ldquo; (Kathimerini, 18. Juli 2012)<\/p><p>Diese nicht einmal &bdquo;heimliche&ldquo; private Aneignung ist an allen Ecken des Landes zu besichtigen. Und sie betrifft nicht nur Verm&ouml;genswerte des Staates, sondern auch der Kommunen. Ein krasses Beispiel f&uuml;r den Umgang mit &ouml;ffentlichem Eigentum bietet die Athener Regierung selbst. Obwohl der Staat in der Hauptstadt eine Menge Immobilien besitzt, haben gro&szlig;e Ministerien ganze Geb&auml;udekomplexe zu teuren Preisen angemietet. Dabei wurde bis vor kurzem nie der Versuch unternommen, den staatlichen Immobilienbestand in der Weise zu nutzen, indem man etwa alle Ministerien in staatseigenen Geb&auml;uden unterbringt. Viele dieser staatseigenen Immobilien wurden also nicht zur Minimierung der Staatsausgaben benutzt, sondern dem &bdquo;klientelistischen&ldquo; Potential zugeschlagen, aus dem alle m&ouml;glichen Gef&auml;lligkeiten verteilt wurden: die g&uuml;nstige Miete f&uuml;r den Klienten A, die kostenfreie Nutzung durch die Klientin B.<\/p><p>Den staatlichen Immobilienbesitz zu verkaufen, der f&uuml;r &ouml;ffentliche Einrichtungen (oder im &ouml;ffentlichen Interesse) nicht sinnvoll genutzt werden kann, w&auml;re schon lange vor der Krise angesichts der wachsenden Staatsdefizite tats&auml;chlich eine vern&uuml;nftige Entscheidung gewesen. Und mit diesen Einnahmen h&auml;tte man, w&auml;ren sie rechtzeitig geflossen, den Staatsbankrott &ndash; jedenfalls f&uuml;r einige Zeit &ndash; abwenden k&ouml;nnen. Dennoch w&auml;re die oben zitierte Kalkulation von Stournaras  nur realistisch gewesen, wenn man den Verkauf der Immobilienwerte &uuml;ber mehrere Jahre gestreckt h&auml;tte. Wenn hingegen ein Staat seine Werte auf einen Schlag verkaufen muss, kann er nat&uuml;rlich keine optimalen Erl&ouml;se mehr erzielen, weil er damit selbst zu einem Preisverfall beitr&auml;gt.<\/p><p><strong>Privatisierung in der Depression &ndash; eine volkswirtschaftliche Untat<\/strong><\/p><p>Dieses schlichte marktwirtschaftliche Gesetz gilt f&uuml;r das gesamte Privatisierungsprogramm, das dem griechischen Staat von der Troika aufgedr&uuml;ckt wurde. Griechenland steht seit 2010 unter Druck, seine &bdquo;assets&ldquo; auf einem &bdquo;K&auml;ufermarkt&ldquo; zu verschleudern. Allein deshalb schon ist der Verkauf von &ouml;ffentlichen Werten inmitten einer &ouml;konomischen Depression und einer abgrundtiefen Krise der &ouml;ffentlichen Finanzen eine volkswirtschaftliche Untat. Und zwar v&ouml;llig unabh&auml;ngig von allen &Uuml;berlegungen &uuml;ber die gesellschaftlichen Vor- und Nachteile oder die Finanzierbarkeit eines &ldquo;&ouml;ffentlichen Sektors&ldquo;. Dass dieses Privatisierungs-Programm f&uuml;r das heutige Griechenland eine absurde Zumutung ist, zeigt sich schon darin, dass die Troika ihre Vorgaben f&uuml;r die angestrebten Erl&ouml;se aus den Privatisierungen st&auml;ndig nach unten korrigieren musste.<\/p><p>Im Februar 2011 wurde den Griechen mitgeteilt, dass sie bis 2015 mittels Privatisierungen 19 Mrd. Euro, und bis 2020 sogar 50 Mrd. Euro zu erl&ouml;sen h&auml;tten. Seitdem wurde diese Vorgabe schrittweise der &bdquo;marktwirtschaftlichen&ldquo; Realit&auml;t angepasst. Derzeit geht die Troika davon aus, dass Athen bis Ende 2016 nur noch 11 Mrd. Euro und bis 2020 rund 25 Mrd. Euro einnehmen kann (f&uuml;r das nach wie vor geltende Ziel von 50 Milliarden wird kein Termin mehr genannt). <\/p><p>F&uuml;r das Jahr 2013 wurde die Zielmarke auf 2, 58 Mrd. Euro herabgesetzt, aber auch diese Summe ist nicht mehr zu erreichen, nachdem Anfang Juni die Privatisierung des Erdgas-Versorgers DEPA gescheitert ist, die knapp eine Milliarde Euro einbringen sollte. Deshalb haben sich Athen und die Troika informell darauf geeinigt, dass diese Milliarde Euro auf 2014 verschoben werden, sodass dieses Jahr nur 1, 6 Mrd. Euro Privatisierungserl&ouml;se dargestellt werden m&uuml;ssen. <\/p><p>Aber auch diese Summe ist noch l&auml;ngst nicht eingefahren. In diesem Jahr wurden bislang erst zwei Vorhaben umgesetzt: der Verkauf der staatlichen Lottogesellschaft OPAP und die Ver&auml;u&szlig;erung der staatlichen Anteile an dem Unternehmen DESFA, das die griechischen Haushalte mit Erdgas beliefert. Dagegen ist die Privatisierung des Erdgasunternehmens DEPA, das Erdgas en gros importiert und das griechische Pipelinenetz unterh&auml;lt, in letzter Minute gescheitert. <\/p><p>Im Folgenden will ich diese drei Privatisierungsvorhaben genauer betrachten, weil sich an ihnen ganz unterschiedliche Probleme des ganzen Privatisierungs-Programms aufzeigen lassen. Allen dreien ist jedoch eines gemeinsam: Am Ende gab es am Ende nur ein einziges &bdquo;verbindliches Angebot&ldquo;, das hei&szlig;t: In keinem dieser F&auml;lle konnte von einem Verkauf an einen &bdquo;meistbietenden&ldquo; Interessenten die Rede sein. <\/p><p><strong>Der Fall OPAP<\/strong><\/p><p>Der staatliche Anteil von 33 Prozent an dem Gl&uuml;cksspiel-Unternehmen OPAP ging f&uuml;r 652 Millionen Euro an ein Konsortium namens &bdquo;Emma Delta&ldquo;, das zu zwei Dritteln dem Private-Equity-Fund des Tschechen Jiri Smejc und zu einem Drittel dem griechischen Reeder Giorgos Melissanides geh&ouml;rt. Emma Delta hatte als einziger (von anfangs acht Interessenten) ein verbindliches Angebot f&uuml;r die OPAP-Anteile abgegeben, das sich zun&auml;chst auf 622 Millionen Euro belief. Aber auch die am Ende erzielten 652 Millionen bewerteten die Wirtschaftsseiten der Medien angesichts des aktuellen B&ouml;rsenwerts von 712 Millionen Euro als mageres Ergebnis. Nach Einsch&auml;tzung der Kathimerini (vom 2. Mai), d&uuml;rfte Emma Delta n&auml;mlich bei einem gesch&auml;tzten Jahresumsatz von 4 Mrd. Euro seine Investition in nur wenigen Jahren wieder eingespielt haben. Damit sei der OPAP-Verkauf aus Sicht der griechischen Steuerzahler keine besonders clevere Entscheidung gewesen. Im Wirtschaftsdienst &bdquo;Financial Mirror&ldquo; war zu lesen, dass der Business Plan von Emma Delta schon f&uuml;r 2015 einen Nettogewinn von 213 Mill. Euro vorsehe, und danach einen weiteren steilen Anstieg, der aus der Einf&uuml;hrung neuer Wett- und Gl&uuml;cksspiel- Angebote (insbesondere von Internet-Wetten und &ndash;Spielen) resultieren werde. Dazu muss man wissen, dass die technische Entwicklung dieser neuen Angebote wie auch die erforderlichen Patente, gro&szlig;enteils bereits von der alten halbstaatlichen OPAP finanziert worden sind. <\/p><p>Egal wie man zum Gesch&auml;ft mit dem Gl&uuml;cksspiel steht, angesichts dieser Vorleistung w&auml;re es f&uuml;r den griechischen Staat langfristig die weit bessere L&ouml;sung gewesen, die OPAP-Anteile zu halten und Jahr f&uuml;r Jahr an den steigenden Ertr&auml;gen zu partizipieren. Im Sinne einer nachhaltigen Stabilisierung der Staatsfinanzen war der Verkauf einer so lukrativen Beteiligung jedenfalls die falsche Entscheidung. Dass sie dennoch getroffen wurde, geht ausschlie&szlig;lich auf den Druck der Troika zur&uuml;ck &ndash; und auf den Erfolgszwang, unter dem die griechische Privatisierungsagentur TAIPED stand, die eben bis Mai 2013 noch keinen einzigen &bdquo;Erfolg&ldquo; melden konnte (au&szlig;er dem Verkauf von Immobilien im Wert von k&auml;rglichen 110 Millionen Euro). <\/p><p>Im &Uuml;brigen ist die ganze Causa OPAP noch keineswegs abgeschlossen. Sie h&auml;ngt im Gegenteil sogar noch am &bdquo;seidenen Faden&ldquo;, wie die Kathimerini vom 14. Juli meldet. Denn der tschechische Investor und sein griechischer Partner drohen den ganzen Privatisierungsvertrag zu wieder k&uuml;ndigen, wenn die OPAP nicht die alten Kooperationsvertr&auml;ge mit dem Unternehmen Intralot aufk&uuml;ndigt. Intralot ist Teil des Unternehmensimperiums von Sokratis Kokallis, der als gr&ouml;&szlig;ter Profiteur des griechischen Klientelsystems gilt, mit dem er seit &uuml;ber 30 Jahren eng vernetzt ist, bei besten Gesch&auml;ftsverbindungen zu den Pasok- wie zu den ND-Regierungen. Intralot ist seit 2007 der zentrale Software-Provider von OPAP. Der damals geschlossene Vertrag soll f&uuml;r Intralot  so vorteilhaft sein, dass die neuen Besitzer diese privilegierte Beziehung beenden wollen. Der tschechische Oligarch Jiri Smejc hat jetzt ultimativ erkl&auml;rt, dass er OPAP nur &uuml;bernehmen werde, wenn die Interlot-Vertr&auml;ge annulliert werden. Auch dieser erste &bdquo;Erfolg&ldquo; der griechischen Privatisierungs-Saga droht also noch zu platzen.<\/p><p><strong>Der Fall DEPA<\/strong><\/p><p>Nur einen Monat nach dem Verkauf der OPAP-Anteile folgte ein herber R&uuml;ckschlag: Am 10. Juni musste die TAIPED melden, dass die Privatisierung der Staatsanteile an dem Erdgas-Unternehmen DEPA vorerst gescheitert ist. Der einzige verbindliche Interessent, der russische Konzern Gazprom, hatte sein Kaufangebot zur&uuml;ckgezogen. Da die TAIPED als Erl&ouml;s eine knappe Milliarde Euro einkalkuliert hatte (Gazprom soll  900 Millionen geboten haben), bedeutete der russische R&uuml;ckzieher, dass die f&uuml;r 2013 anvisierten Einnahmen aus Privatisierungen von 2,58 Milliarden Euro nicht mehr zu erzielen sind. <\/p><p>&Uuml;ber die Gr&uuml;nde des R&uuml;ckzugs von Gazprom wurde viel diskutiert und spekuliert. Eine gewisse Rolle spielte ganz sicher die Information aus Br&uuml;ssel, wonach die EU-Kommission den Deal ohnehin verhindern werde. Daf&uuml;r gab es sogar einen triftigen Grund: Die DEPA bezieht 60 Prozent ihrer Erdgaslieferungen von der Gazprom, der Einstieg des russische Staatskonzerns h&auml;tte also gegen das Gebot versto&szlig;en, dass der Hauptlieferant nicht zugleich das Leitungsnetz kontrollieren soll.<\/p><p>Das Prinzip der Trennung von Produktion vom Leitungsnetzbetrieb ist im sogenannten Dritten EU Energie-Paket (von 2009) festgeschrieben. Allerdings ist sehr die Frage, ob Br&uuml;ssel an dieser Regel festgehalten h&auml;tte und am Ende tats&auml;chlich einen griechischen &bdquo;Privatisierungserfolg&ldquo; verhindert h&auml;tte, nachdem man der Athener Regierung monatelang Dampf gemacht und der TAIPED fast schon Versagen vorgeworfen hatte. Zudem arbeitet die russische Regierung bereits an Methoden, um die neuen EU-Regeln durch Aufspaltung des Gazprom-Konzerns zu erf&uuml;llen bzw. zu umgehen (<a href=\"http:\/\/www.manager-magazin.de\/unternehmen\/energie\/gazprom-russlands-bedrohte-rohstoffperle-a-903937-11.html\">siehe dazu hier<\/a>) Deshalb spricht einiges daf&uuml;r, dass es ganz andere Bedenken waren, die den DEPA-Deal aus Moskauer Sicht letzten Endes verhindert haben. <\/p><p>Das griechische Unternehmen sitzt n&auml;mlich auf unbezahlten Forderungen in H&ouml;he von 380 Millionen Euro (siehe Reuters-Bericht vom 21. Mai 2013). DEPA ist verzweifelt bem&uuml;ht, diese Au&szlig;enst&auml;nde zu reduzieren (wobei der gr&ouml;&szlig;te Schuldner der staatliche Stromerzeuger DEI ist, der einige seiner Kraftwerke mit Erdgas betreibt). Und die griechische Seite war in den Verhandlungen bereit, bis zu 180 Millionen an nicht eintreibbaren Forderungen abzudecken, aber das h&auml;tte f&uuml;r Gazprom noch immer einen potentiellen Verlust von 200 Millionen bedeutet. Es hat ganz den Anschein, als sei der russischen Seite der ganze Deal am Ende zu undurchsichtig gewesen. Das gilt auch f&uuml;r die Frage, ob etwa der Gro&szlig;verbraucher DEI langfristig konstante Gasmengen abgenommen h&auml;tte, was wiederum vom ebenfalls ungekl&auml;rten Privatisierungsschicksal des Stromerzeugers abh&auml;ngt. <\/p><p>Mit einer neuen Ausschreibung der DEPA-Anteile rechnet die Privatisierungsbeh&ouml;rde TAIPED fr&uuml;hestens in 18 Monaten. Bis dahin besteht die Chance, die Lehren dieses Falles gr&uuml;ndlich aufzuarbeiten. Dabei ist der interessanteste &ndash; und lehrreichste &ndash; Aspekt des gescheiterten DEPA-Deals die Bereitschaft der griechischen Seite, dem einzigen Kaufinteressenten Gazprom bis zum Schluss in fast allen Punkten nachzugeben. <\/p><p>Hier zeigt sich in aller Klarheit, dass ein verzweifelter Verk&auml;ufer nicht nur beim Preis erpressbar ist. Die TAIPED musste nicht nur die urspr&uuml;nglich vorgesehene Garantiesumme halbieren (das Geld also, das bei einem Scheitern des Deals f&uuml;r den Interessenten verloren ist), sie musste auch eine Klausel abzeichnen, wonach die Gazprom das ganze Gesch&auml;ft r&uuml;ckg&auml;ngig machen kann, wenn sich die Steuers&auml;tze f&uuml;r den Energiesektor &auml;ndern. Die Russen dr&uuml;ckten sogar eine &bdquo;Drachmen-Klausel&ldquo; durch, die ihnen den Ausstieg f&uuml;r den Fall eines &bdquo;Grexit&ldquo; gestattet h&auml;tte. Das alles belegt nur die asymmetrische Verteilung der Verhandlungsmacht, die eine griechische Energie-Expertin so beschrieben hat: &bdquo;Die harten Forderungen von Gazprom wurden noch h&auml;rter, weil die Russen fr&uuml;hzeitig zwei Dinge erkannt haben: dass sie die einzigen player sind, und dass die griechische Seite unter starkem Druck steht, endlich Privatisierungseinnahmen vorzuweisen.&ldquo;(Chrysa Liangou in Kathimerini vom 11. Juni).<\/p><p>Diesem Befund ist nichts hinzuzuf&uuml;gen. Au&szlig;er der begr&uuml;ndeten Vermutung, dass der geplatzte DEPA-Deal f&uuml;r die griechische Volkswirtschaft gar kein so schlechtes Ergebnis ist. Denn der Preis, den Gazprom f&uuml;r sein Erdgas von den Griechen verlangt, liegt inzwischen um 30 bis 40 Prozent h&ouml;her als der Lieferpreis f&uuml;r die &uuml;brigen EU-L&auml;nder, erkl&auml;rt der &bdquo;Verband der energieverbrauchenden Unternehmen&ldquo; (EVIKEN). Sein Vorsitzender Kouklelis warnt inzwischen, dass die griechische Wirtschaft durch die hohen Energiekosten erdrosselt w&uuml;rde (Kathimerini vom 12. Juli). Der Verband fordert von der Regierung Samaras seit langem, die (noch staatlich kontrollierte) DEPA m&uuml;sse die Erdgaspreise senken. Das wurde aber, klagt der Verband, stets mit dem Hinweis auf die angestrebte Privatisierung abgelehnt (Kathimerini vom 21. Juni). Hier zeigt sich, dass die Fixierung auf eine &bdquo;Privatisierung um jeden Preis&ldquo; nicht nur finanziell unsinnig, sondern auch eine volkswirtschaftlich sch&auml;dliche Strategie sein kann.<\/p><p><strong>Der Fall DESFA<\/strong><\/p><p>Die DESFA ist ein Tochterunternehmen der DEPA. Es unterh&auml;lt das Leitungsnetz, das Erdgas an die griechischen Haushalte liefert und eine LNG-Anlage (Herstellung von Fl&uuml;ssiggas) betreibt. Nach einer Vereinbarung vom 19. Juni wird der 66-prozentige Staatsanteil des Unternehmen f&uuml;r 400 Millionen Euro vom aserbaidschanische Staatskonzern Socar erworben, der als einziger Bieter &uuml;brig geblieben war. Wie Panagis Galiatsatos in der FAZ vom 20. Juni schrieb, lag dieses Gebot aus Athener Sicht &bdquo;deutlich unter den Erwartungen&ldquo;. Nach griechischen Pressemeldungen hatte Socar zun&auml;chst sogar nur 305 Mill. Euro geboten, diesen Preis aber nach einem Anruf von Regierungschef Samaras bei Staatspr&auml;sident Alijew in Baku aufgebessert. <\/p><p>Noch interessanter ist die Meldung (Ethnos vom 21. Juni 2013), wonach das erste Gebot der Aserbaidschaner, eingereicht im Januar 2013, immerhin bei 750 Millionen Euro lag. Wenn diese Zahlen stimmen, w&uuml;rden sie die These des Ethnos-Kommentators von einem &bdquo;Ausverkauf&ldquo; des griechischen Gasverteilers belegen. Wobei es sich beim Einstieg des Unternehmens Socar genau genommen gar nicht um eine &bdquo;Privatisierung&ldquo; handelt, denn &bdquo;Socar&ldquo; steht f&uuml;r &bdquo;State Oil Company of Azerbaidjan Republic&ldquo;. Diesen Konzern als Staatsunternehmen zu bezeichnen, ist noch untertrieben: im Grunde ist Socar der aserbaidschanische Staat, denn mit seinen Exporterl&ouml;sen deckt er 95 Prozent des dortigen Staatshaushalts ab (Zahlen von 2012). Man muss also eher sagen, dass Griechenland seine Gasgesellschaft, samt seiner einzigen LNG-Anlage, an eine keineswegs &bdquo;lupenreine&ldquo; demokratische Republik verkauft hat.<\/p><p>Um diesen Verkauf zu einem peinlich niedrigen Preis zu rechtfertigen, hat Regierungschef Samaras den DESFA-Verkauf als gro&szlig;en strategischen Coup dargestellt, der ma&szlig;geblich dazu beigetragen habe, dass die Regierung in Baku sich f&uuml;r den Bau der durch Griechenland f&uuml;hrenden TAP-Gasleitung (und damit gegen das Konkurrenzprojekt Nabucco) entschieden habe, was einen gro&szlig;artigen &bdquo;Vertrauensbeweis&ldquo; f&uuml;r sein Land darstelle. Ich habe diese gro&szlig;m&auml;ulige These in meinem letzten Beitrag auf diesen Seiten bereits kommentiert (<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17942\">NachdenkSeiten vom 11. Juli<\/a>). Die Entscheidung f&uuml;r TAP wurde nat&uuml;rlich von der Regierung Alijew und dem internationalen TAP-Konsortium getroffen, und allein unter &ouml;konomischen Kriterien. Dass der Verlauf der Trans-Adria-Pipeline den griechischen W&uuml;nschen entspricht, spielte dabei allenfalls eine minimale Rolle. Allerdings k&ouml;nnte es durchaus sein, dass das gro&szlig;e Interesse an dem TAP-Projekt, das Samaras so demonstrativ an den Tag legte, das Regime in Baku auf die Idee brachte, dass man f&uuml;r den Erwerb der DESFA einen besonders g&uuml;nstigen Preis durchsetzen kann. Damit h&auml;tte Griechenland f&uuml;r die Beteiligung an den TAP-Investitionen bereits einen staatlichen Obulus entrichtet.<\/p><p>Allerdings kann sich Griechenland von dem Deal mit Baku einen gewichtigen Vorteil versprechen. Das aserbaidschanische Gas d&uuml;rfte billiger kommen als die russischen Gazprom-Lieferungen. Die Frage ist nur, welche Mengen die Aserbaidschaner und ihre Partner aus der TAP (die das Gas ja vor allem nach Italien bringen soll)  in das griechische Leitungssystem abzweigen wollen. Das d&uuml;rfte auch von den zu erzielenden Preisen abh&auml;ngen. In dem Zusammenhang ist interessant, dass die Socar bis heute &ndash; fast einen Monat nach der vorl&auml;ufigen Einigung &ndash; noch keinen endg&uuml;ltigen Kaufvertrag mit der TAIPED unterschrieben hat. Nach den neusten griechischen Pressemeldungen gibt es einen &bdquo;gro&szlig;en Haken&ldquo;: Die Aserbaidschaner wollen sicherstellen, dass sie auf griechischem Boden eine &bdquo;unabh&auml;ngige Handelspolitik&ldquo; aus&uuml;ben k&ouml;nnen (Kathimerini vom 15. Juli), womit die Festsetzung der Leitungsgeb&uuml;hren gemeint ist. In Athen existieren offenbar Zweifel, ob dieser Anspruch mit den Vorstellungen in Br&uuml;ssel vereinbar ist. <\/p><p><strong>Schuld sind die bl&ouml;den Marktverh&auml;ltnisse<\/strong><\/p><p>Damit ist auch der dritte Privatisierungs-&ldquo;Erfolg&ldquo; noch gef&auml;hrdet. Aber selbst wenn der DESFA-Verkauf bald &uuml;ber die B&uuml;hne gehen sollte, bleibt die Bilanz f&uuml;r die TAIPED jedenfalls f&uuml;r dieses Jahr weit hinter den Erwartungen der Troika und dem Versprechen der griechischen Regierung zur&uuml;ck. Und wenig spricht daf&uuml;r, dass das Rezept, mit dem TAIPED-Pr&auml;sident Stilianidis diese Bilanz noch notd&uuml;rftig aufbessern will, aufgehen k&ouml;nnte. Seine Ank&uuml;ndigung, man wolle jetzt beschleunigt den 51-prozentigen Staatsanteil an der Hafengesellschaft von Pir&auml;us (OLP) verkaufen, lebt von der Hoffnung auf die Investitionsbereitschaft der Chinesen. Zwar hat das chinesische Staatsunternehmen Cosco bereits sein Interesse angemeldet. Eine Cosco-Tochter betreibt in Pir&auml;us bereits zwei Container-Piers, und zwar mit beachtlichem Erfolg. Aber selbst in der Athener Regierung gibt es Zweifel, ob man sich mit einem Gesch&auml;ftspartner, der die klamme Situation des griechischen Staates schon einmal optimal ausgenutzt hat, auf einen schnellen Deal einlassen sollte. Zumal wenn Cosco wieder als einziger Bieter auftritt. <\/p><p>Der ger&uuml;chteweise umlaufende Preis f&uuml;r die &Uuml;bernahme des gesamten Hafens betr&auml;gt eine Milliarde Euro (Wall Street Journal vom 19. Juni). Das ist eine Summe, auf die sich keine Athener Regierung zu Beginn der Privatisierungs-Euphorie eingelassen h&auml;tte. Aber so sind eben die Marktverh&auml;ltnisse f&uuml;r ein Land, das &ldquo; in einer Rezessionsspirale gefangen ist, die von dauernden Forderungen der Troika nach neuen Steuern und Sparma&szlig;nahmen noch weiter verfestigt wird&ldquo;, um Galiatsatos (FAZ vom 21. Juni) zu zitieren. Noch klarer hat es TAIPED-Chef Stavridis ausgedr&uuml;ckt, als er dem Wall Street Journal am 10. Juni erkl&auml;ren wollte, warum die DEPA-Privatisierung am Ende nicht zustande kam: &bdquo;Es war kein Scheitern, es lag an den Marktverh&auml;ltnissen, und das ist nicht unsere Schuld.&ldquo; Frei ins Clinton-Amerikanische &uuml;bersetzt: It&rsquo;s the market, stupid. Ein Satz, der seine volle Wahrheit erst ganz entfaltet, wenn man ihn auf das gesamte Privatisierungs-Abenteuer bezieht: Ein bankrotter Staat, der sich durch Privatisierungen retten will, muss an den Marktverh&auml;ltnissen scheitern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus vielen Experimenten in fast allen europ&auml;ischen L&auml;ndern konnte man lernen, dass die Privatisierung eine der gro&szlig;en Lebensl&uuml;gen der Markt-Fundamentalisten ist. In Griechenland lief jedoch der klientilistische Missbrauch &ouml;ffentlicher G&uuml;ter auf eine &bdquo;Privatisierung&ldquo; der ganz besonderen Art hinaus. 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