{"id":180,"date":"2005-04-11T17:16:57","date_gmt":"2005-04-11T16:16:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=180"},"modified":"2020-02-20T10:55:29","modified_gmt":"2020-02-20T09:55:29","slug":"replik-zu-gegenargumenten-von-prof-sinn-nach-ifo-standpunkt-nr-63","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=180","title":{"rendered":"Replik zu Gegenargumenten von Prof. Sinn &#8211; nach ifo Standpunkt Nr. 63"},"content":{"rendered":"<p>Von Karl Mai, Halle, den 05.04.2005.<br>\n<!--more--><br>\nAnfang M&auml;rz ver&ouml;ffentlichte die Internetseite des ifo-Instituts eine spezielle Zusammenstellung von Gegenargumenten &ndash; aus der Feder von Prof. Sinn &ndash; auf die Argumente der &bdquo;Reformgegner&ldquo;. Damit wurde zun&auml;chst deutlich, dass man die Argumente dieser Gegner nicht weiter ignorieren kann und es angezeigt ist, dass sich der neoliberale Doyen des Wissenschaftlerkreises der &bdquo;Neuen Sozialen Marktwirtschaft&ldquo; h&ouml;chst selbst damit besch&auml;ftigt.<\/p><p>Nachstehend wollen wir exakt den angeprangerten 14 Argumenten der &bdquo;Reformgegner&ldquo; (Thesen) und den vorgetragenen Gegenargumenten von Prof. Sinn (Anti-Thesen) punktweise folgen, um jeweils einen eigenen kritischen Kurzkommentar (Replik) danach beizuf&uuml;gen. Es versteht sich, dass Prof. Sinn unter &bdquo;Reformgegner&ldquo; die Gegner von jenen allt&auml;glich lancierten neoliberalen &bdquo;Reformen&ldquo; versteht, die &ouml;ffentlich als wahre Totengr&auml;ber des &bdquo;Sozialstaats&ldquo; wahrgenommen werden. <\/p><p><strong>These 1:<\/strong> Uns geht es gut. Die Behauptung, Deutschlands Wirtschaft h&auml;tte ein Problem, ist aus der Luft gegriffen.<\/p><p><strong>Anti-These 1:<\/strong> Deutschland hat eine Massenarbeitslosigkeit und ist das Land in Mittel- und Westeuropa, das seit 1995 mit Abstand am langsamsten wuchs. Wir sind Schlusslicht.<\/p><p><strong>Replik 1:<\/strong> These 1 stammt in dieser generellen Aussage gar nicht von &bdquo;Reformgegnern&ldquo;, hier wird eine Aussage getroffen, die als Popanz dazu dient, leicht widerlegt zu werden. In Wirklichkeit leugnen die &bdquo;Reformgegner&ldquo; keineswegs vorhandene Probleme in der deutschen Binnenwirtschaft, sondern lediglich die N&uuml;tzlichkeit oder Zweckm&auml;&szlig;igkeit von einseitig neoliberalen Wirtschaftsrezepten der Angebots&ouml;konomie. Daher verfehlt die Anti-These 1 ihre logische Gegenwirkung.<\/p><p><strong>These 2:<\/strong> Das langsame Wachstum ist eine kaum vermeidbare Implikation der deutschen Vereinigung.<\/p><p><strong>Anti-These 2:<\/strong> Wenn die neuen L&auml;nder zum Westen aufschlie&szlig;en, muss Gesamtdeutschland schneller wachsen, nicht langsamer. Selbst Westdeutschland f&uuml;r sich genommen ist seit 1995 langsamer gewachsen als jedes andere Land in Mittel- und Westeuropa und Ostdeutschland noch langsamer.<\/p><p><strong>Replik 2:<\/strong> These 2 stammt nicht von sozialpolitisch motivierten Gegnern der neoliberalen &bdquo;Reformen&ldquo;, sondern von jenen Demagogen, die die deutsche Vereinigung nur als auszehrenden wirtschaftlichen Aderlass der Westdeutschen verunglimpfen, ohne hierf&uuml;r logische und hinreichend stichhaltige Fakten beibringen zu k&ouml;nnen. [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Die Anti-These 2 jedoch &bdquo;rennt offene T&uuml;ren ein&ldquo;, ohne realistische Wege aufzuzeigen.<\/p><p><strong>These 3:<\/strong> Wer in andere europ&auml;ische L&auml;nder wie z.B. das beim Sozialprodukt angeblich f&uuml;hrende Irland oder Finnland reist, sieht mit blo&szlig;en Augen, dass die Wirtschaft noch nicht so entwickelt ist wie die deutsche.<\/p><p><strong>Anti-These 3:<\/strong> Was man sieht, ist der Kapitalstock in Form von Immobilien, der aus dem Sozialprodukt vergangener Jahrzehnte aufgebaut wurde. Die Statistik von heute zeigt das Deutschland von morgen.<\/p><p><strong>Replik 3:<\/strong> Es gibt gar keine &bdquo;Reformgegner&ldquo;, die die Wirtschaft in Irland oder Finnland visuell f&uuml;r entwickelter halten w&uuml;rden als die deutsche Wirtschaft, nur um daraus Argumente gegen &bdquo;Reformen&ldquo; ableiten zu wollen. &bdquo;Reformgegner&ldquo; erkennen aber durchaus an, dass das Einkommen je Kopf in Irland oder Finnland h&ouml;her ist als das gesamtdeutsche, wie dies auch die Statistik f&uuml;r 2003 ausweist. Der Unterschied zwischen den L&auml;ndern f&uuml;hrt zur&uuml;ck auf Fragen der Finanzpolitik dieser Staaten.<\/p><p><strong>These 4:<\/strong> Beweisen nicht die Rekordgewinne der Unternehmen wie Siemens, E. ON oder BASF, dass die deutsche Wirtschaft wettbewerbsf&auml;hig ist?<\/p><p><strong>Anti-These 4:<\/strong> Nicht die Wettbewerbsf&auml;higkeit der Unternehmen, sondern die Wettbewerbsf&auml;higkeit der Arbeiter ist das Problem. Die Unternehmen retten sich meist durch eine Produktionsverlagerung in Niedriglohnl&auml;nder (Basar-Effekt). Dort entstehen die Gewinne, mit denen sie die inl&auml;ndischen Verluste abdecken. Wer nicht ins Ausland geht, hat Probleme. Mit 30.000 Pleiten pro Jahr hat Westdeutschland gerade die Rekordmarke &uuml;berschritten.<\/p><p><strong>Replik 4:<\/strong> Im globalen Wettbewerb stehen nicht die Arbeiter, sondern die Unternehmen. Die Wettbewerbsf&auml;higkeit der Unternehmen ist im Export gegeben, was auch die Lohnst&uuml;ckkosten als internationaler Indikator des Wettbewerbs ausweisen. F&uuml;r einzelne Arbeiter gibt es keinen solchen vergleichbaren Problemindikator auf dem Arbeitsmarkt. Anti-These 4 aber schiebt die hohe Zahl der Pleiten vor, um den Jobexport zu begr&uuml;nden &ndash; statt die Frage der stagnierenden Binnenkonjunktur aufzuwerfen.<\/p><p><strong>These 5:<\/strong> Zeigen nicht die Daten des Statistischen Bundesamtes, dass Deutschland keine Basar-&Ouml;konomie ist und dass noch gen&uuml;gend Wertsch&ouml;pfung stattfindet?<\/p><p><strong>Anti-These 5:<\/strong> Nach diesen Daten f&uuml;hrt ein zus&auml;tzlicher Euro Export postwendend zu 55 Cent an Importen. Dennoch steigt die Wertsch&ouml;pfung im Export wie in jedem Land, das sich spezialisiert. Aber sie f&auml;llt in anderen Sektoren zu schnell. Der Nettoeffekt wird durch die Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts gemessen, und die ist, wie erw&auml;hnt, die niedrigste weit und breit.<\/p><p><strong>Replik 5:<\/strong> Die Anti-These 5 geht gar nicht auf die Aussage der These 5 ein, sondern sie verlagert statt dessen das Kriterium der Effektivit&auml;t von der nationalen Wertsch&ouml;pfung auf die nationale Wachstumsrate des Bruttoinlandprodukts &ndash; die bekanntlich konjunkturabh&auml;ngig ist. Hier wurde ein anderer Streitpunkt unterschoben.<\/p><p><strong>These 6:<\/strong> Ist Deutschland nicht Exportweltmeister?<\/p><p><strong>Anti-These 6:<\/strong> Nein, wir waren im Jahr 2004 mit 9 % Abstand hinter den USA Vize. Weltmeister sind wir nur, wenn man die Dienstleistungsexporte abzieht. Zur Exportst&auml;rke tr&auml;gt die Aufwertung des Euro bei, durch die selbst die deutschen Exporte in den Euroraum bei der Umrechnung in Dollars vergr&ouml;&szlig;ert werden. Au&szlig;erdem werden die Exporte durch den Basar-Effekt aufgebl&auml;ht. Ein Prozent Zunahme der Wertsch&ouml;pfung im Export erh&ouml;ht das Exportvolumen um 1,36 %.<\/p><p><strong>Replik 6:<\/strong> Die extrem &uuml;bersch&uuml;ssige Exportleitung Deutschlands (per Saldo) ist nicht generell statistisch manipuliert oder aufgebauscht, auch wenn einige Effekte dies suggerieren. Es bleibt genug realer Leistungs&uuml;berschuss, um die erstrangige Wettbewerbsf&auml;higkeit der Exportwirtschaft zu erh&auml;rten. Au&szlig;erdem ist es korrekt, die deutschen Exporte zu Wechselkursen auf Dollarbasis mit anderen Exporten statistisch zu vergleichen, denn dies kann die Relationen zwischen den Exportl&auml;ndern gar nicht verschieben.<\/p><p><strong>These 7:<\/strong> Aber wir haben einen Rekord&uuml;berschuss in der Leistungsbilanz. Beweist das nicht die Wettbewerbsf&auml;higkeit?<\/p><p><strong>Anti-These 7:<\/strong> Definitionsgem&auml;&szlig; ist dieser &Uuml;berschuss ein Ma&szlig; f&uuml;r den Kapitalexport Deutschlands. Die Ersparnisse, die in Deutschland nicht in Investitionen umgesetzt werden, flie&szlig;en als Kredite ins Ausland, und Ausl&auml;nder kaufen daf&uuml;r Waren in Deutschland. Besser w&auml;re es, die Ersparnisse w&uuml;rden zu inl&auml;ndischen Investoren flie&szlig;en, die damit Bauleistungen oder Maschinen in Deutschland kaufen, denn dann w&uuml;rden hier neue Arbeitspl&auml;tze entstehen.<\/p><p><strong>Replik 7:<\/strong> These 7 zielt auf die Frage der Wettbewerbsf&auml;higkeit, jedoch geht die Anti-These 7 gar nicht auf diese Fragestellung ein, sondern schiebt die Frage nach inl&auml;ndischen Investitionen vor. Letztere Frage wird aber von &bdquo;Reformgegnern&ldquo; in ihrer aktuellen Bedeutung gar nicht negiert, sondern vielmehr hervorgehoben. Auch die Interpretation der Lohnst&uuml;ckkosten im internationalen Vergleich wird umgangen.<\/p><p><strong>These 8:<\/strong> L&auml;nger zu arbeiten bringt nichts. Inklusive der &Uuml;berstunden arbeiten wir ohnehin schon 42,5 Stunden.<\/p><p><strong>Anti-These 8:<\/strong> Der Durchschnitt der tariflichen Arbeitszeit liegt bei 38 Stunden. Es kommt darauf an, bei gleichem Lohn l&auml;nger zu arbeiten. Eine entlohnte Mehrarbeit bringt den Unternehmen keine Kostenentlastung.<\/p><p><strong>Replik 8:<\/strong> Entscheidend sind die durchschnittlichen tats&auml;chlichen Arbeitszeiten, die in Deutschland f&uuml;r 2002 mit 39,9 Stunden (nach EU-Angaben) noch &uuml;ber denen von Frankreich, Italien, Niederlanden, D&auml;nemark und Finnland lagen.<\/p><p>Unbezahlte w&ouml;chentliche Mehrarbeit gegen&uuml;ber der g&uuml;ltigen gesetzlichen Arbeitszeit bringt nur dann eine Kostenentlastung und gleichzeitig entsprechende Gewinnerh&ouml;hung, wenn die Produkte auch zu bisherigen Marktpreisen verkauft werden. Da die Massenkaufkraft durch die relative Lohnsenkung je Arbeitsstunde aber nicht ansteigt, ist die Marktrealisation auf dem Binnenmarkt ganz oder partiell problematisch. Entsteht hinreichender Wettbewerbsdruck, muss vom Mehrgewinn ein Preisverfall bestritten werden, d.h. die Kostenentlastung verpufft mehr oder weniger gewinnseitig.<\/p><p><strong>These 9:<\/strong> Wenn l&auml;nger gearbeitet wird, werden nur noch mehr Menschen entlassen. Man muss die wenige Arbeit gerechter verteilen und k&uuml;rzer arbeiten.<\/p><p><strong>Anti-These 9:<\/strong> Die Verk&uuml;rzung der Arbeitszeiten in Deutschland hat nachweislich zur Zunahme der Massenarbeitslosigkeit beigetragen (J. Hunt, Quarterly Journal of Economics). Den festen Arbeitskuchen gibt es nicht. Wenn die Menschen pro Tag l&auml;nger arbeiten, arbeitet auch der Kapitalstock (Geb&auml;ude und Maschinen) l&auml;nger. Es gibt einen sofortigen Wachstumsschub, und im zweiten Schritt werden die Unternehmen mehr Leute einstellen, weil es vor den Werktoren noch Menschen gibt, die erst nach der Verl&auml;ngerung der Arbeitszeit so viel erzeugen, wie sie kosten.<\/p><p><strong>Replik 9:<\/strong> Es gibt empirische Untersuchungen f&uuml;r Deutschland, die den logischen und faktischen Zusammenhang von Arbeitszeitverk&uuml;rzungen und zus&auml;tzlichen Jobs best&auml;tigen. [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Danach sind lt. IAB infolge der Arbeitszeitverk&uuml;rzung zwischen 1970 bis 1986 ca. 980.000 Arbeitspl&auml;tze entstanden. Das DIW hatte f&uuml;r die Zeit von 1985 bis 1991 eine Zunahme der Besch&auml;ftigten um ca. 1 Mio. infolge der tats&auml;chlichen Arbeitszeitverk&uuml;rzung mittels einer Simulationsrechnung festgestellt.<\/p><p>Anti-These 9 negiert zun&auml;chst den positiven Effekt der Arbeitszeitverk&uuml;rzung auf dem Arbeitsmarkt, die in These 9 &uuml;berhaupt nicht behandelt wird, ohne hierf&uuml;r logisch stichhaltige Gr&uuml;nde anzugeben. Jede Verk&uuml;rzung der Wochenarbeitszeit bei Verzicht auf Lohnausgleich schafft Platz f&uuml;r Neueinstellungen ohne Lohnkostenerh&ouml;hung. Dies ergibt aber kein unternehmensseitiges Motiv f&uuml;r eine gr&ouml;&szlig;ere Entlassungswelle. Erfolgt ein teilweiser Lohnausgleich, entsteht immer noch ein anteiliger Mehrgewinn. Auch dies zwingt nicht zu Entlassungen, sofern der Mehrgewinn realisiert werden kann. Danach stellt Antithese 9 auf den Effekt der Arbeitszeitverl&auml;ngerung ab, ohne einzugestehen, dass hierdurch zun&auml;chst kein direktes Motiv f&uuml;r neue Jobs entstehen kann. Sinkende Stundenl&ouml;hne sind allein keine hinreichende Voraussetzung f&uuml;r neue Jobs, denn diese erfordern auch eine zus&auml;tzliche Ausstattung mit Sachkapital f&uuml;r Arbeitspl&auml;tze, und entstehende Mehrproduktion erfordert zus&auml;tzliche Massenkaufkraft f&uuml;r ihren Absatz auf dem Binnenmarkt.<\/p><p><strong>These 10:<\/strong> Statt l&auml;nger zu arbeiten brauchen wir technischen Fortschritt, um unsere Wettbewerbsf&auml;higkeit zu erh&ouml;hen und die deutschen Arbeitspl&auml;tze zu sichern. Deshalb muss der Staat die Innovationen f&ouml;rdern.<\/p><p><strong>Anti-These 10:<\/strong> F&uuml;r die Wirtschaft ist die Verl&auml;ngerung der Arbeitszeit dasselbe wie ein technischer Fortschritt, der die Produktivit&auml;t der Menschen und des Kapitals vergr&ouml;&szlig;ert. Alle Effekte auf den Wirtschaftsablauf sind identisch. Gegen die F&ouml;rderung von Grundlagenforschung spricht nichts. Nur wirkt die Arbeitszeitverl&auml;ngerung viel schneller.<\/p><p><strong>Replik 10:<\/strong> Technischer Fortschritt erh&ouml;ht die Produktivit&auml;t je geleistete Arbeitsstunde. Dies erfordert Investitionen ins Sachkapital, schafft also neue Nachfrage daf&uuml;r. Der Impuls f&uuml;r die Wirtschaft daraus wird gegenw&auml;rtig in Deutschland gleichsam von der Politik &bdquo;herbeigebetet&ldquo;. Blo&szlig;e Verl&auml;ngerung der w&ouml;chentlichen Arbeitszeit dagegen basiert auf der bestehenden Ausr&uuml;stung der Arbeitspl&auml;tze. Es w&auml;chst nicht die Stundenproduktivit&auml;t, sondern nur die Produktivit&auml;t je Besch&auml;ftigten, und der Mehrgewinn entsteht durch relative Lohnsenkung je Arbeitsstunde. Impulse zum technischen Fortschritt werden nicht direkt ausgel&ouml;st, sondern eher verz&ouml;gert. Die Effekte auf den Wirtschaftsablauf sind also nicht identisch. <\/p><p><strong>These 11:<\/strong> Wer soll denn die zus&auml;tzlichen Produkte kaufen, wenn l&auml;nger gearbeitet wird und keiner zus&auml;tzlich Geld verdient?<\/p><p><strong>Anti-These 11:<\/strong> Die Unternehmen verdienen dann sehr wohl zus&auml;tzliches Geld. Die Steigerung der Unternehmensgewinne und damit die Zunahme der Kaufkraft der Unternehmer ist bis auf den letzten Cent identisch zum Wert der Mehrproduktion. Die Unternehmer werden das Geld nicht horten, sondern selbst f&uuml;r den Kauf von Investitionsg&uuml;tern ausgeben oder anderen leihen, die es dann f&uuml;r den Kauf solcher G&uuml;ter ausgeben.<\/p><p><strong>Replik 11:<\/strong> Die zus&auml;tzlichen Gewinne sind nicht identisch mit dem Wert der Mehrproduktion, weil dieser Wert der Mehrproduktion (BIP) stets auch Sach- und Lohnkostenbestandteile enth&auml;lt. Aber jede Mehrproduktion muss erst einmal auf dem Markt realisiert werden, bevor ein Mehrgewinn verf&uuml;gbar ist. Ohne &bdquo;Mehrlohn&ldquo; ist auch der Mehrgewinn nicht vollst&auml;ndig realisierbar. Der Mehrgewinn wird oftmals weder im eigenen Unternehmen reinvestiert noch &bdquo;ausgesch&uuml;ttet&ldquo;, sondern in spekulative Geldanlagen geleitet. Demgegen&uuml;ber w&uuml;rde eine Zunahme der lohnabh&auml;ngigen Masseneinkommen in h&ouml;herem Grade sofort konsumtiv verwendet.<\/p><p><strong>These 12:<\/strong> In den neuen Bundesl&auml;ndern gibt es viele Arbeitslose, obwohl die L&ouml;hne noch so viel niedriger sind als im Westen. Beweist das nicht, dass es auf die fehlende Nachfrage ankommt?<\/p><p><strong>Anti-These 12:<\/strong> Die Arbeitslosigkeit h&auml;ngt von den L&ouml;hnen und der Produktivit&auml;t ab. In den neuen L&auml;ndern sind die L&ouml;hne viel schneller gewachsen als die Produktivit&auml;t. Die Nachfrage &uuml;bersteigt die eigene Erzeugung dank der riesigen staatlichen Transfers und dank eines gewissen Zustroms an Finanzkapital um bald die H&auml;lfte. Noch nie hat es eine Gro&szlig;region gegeben, in der es einen &auml;hnlich gro&szlig;en Nachfrage&uuml;berhang gab.<\/p><p><strong>Replik 12:<\/strong> Satz 2 in These 12 stammt nicht von &bdquo;Reformgegnern&ldquo;. Daher trifft die Anti-These 12 nicht ins Ziel. Au&szlig;erdem: in der Verarbeitenden Industrie Ost liegen die Lohnst&uuml;ckkosten offiziell inzwischen (f&uuml;r 2003) um 5,9 %-Punkte g&uuml;nstiger als in Westdeutschland, 3 d.h. die Lohnh&ouml;he in diesem Wirtschaftszweig ist hier gem&auml;&szlig; der speziellen regionalen Zweig-Produktivit&auml;t auf Stundenbasis mindestens &bdquo;angemessen&ldquo;. (Dagegen wird die gesamte ostdeutsche Produktivit&auml;t auf Basis BIP methodisch abweichend ermittelt.)<\/p><p>Der in Anti-These 12 erw&auml;hnte &bdquo;Nachfrage&uuml;berhang&ldquo; entsteht u. a. f&uuml;r Arbeitslose und Rentner aus den Sozialtransfers, d. h. also aus den Langzeitwirkungen der Vereinigungs&ouml;konomie hinsichtlich der extremen ostdeutschen Arbeitslosigkeit und ihren fiskalischen Folgen. <\/p><p><strong>These 13:<\/strong> Ist nicht die Produktivit&auml;t im Osten schon so hoch wie im Westen.<\/p><p><strong>Anti-These 13:<\/strong> Nein, je Erwerbst&auml;tigen lag das Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2004 bei 72 %. Dabei ist die Null- Produktivit&auml;t der Arbeitslosen nicht einmal mitgerechnet. Die Produktivit&auml;t im Sinne des Bruttoinlandsprodukts je Person im erwerbsf&auml;higen Alter liegt bei 59 % des Westniveaus. Die Monatsl&ouml;hne liegen schon in der N&auml;he von 80%.<\/p><p><strong>Replik 13:<\/strong> These 13 ist keine Aussage speziell von &bdquo;Reformgegnern&ldquo;, die sie jedoch gewiss f&uuml;r falsch halten w&uuml;rden. Die in der Anti-These 13 gezeigte Differenzierung zwischen Ost und West ist summarisch gesehen nicht korrekt, weil die Produktivit&auml;tsmessung im Sektor Staat, im Sektor Verkehr und im Dienstleistungssektor zwischen Ost und West auf besonderen statistischen Kriterien beruht, die das Gesamtergebnis zu Gunsten West verzerren. Dar&uuml;ber hinaus gibt es erhebliche regionale Strukturunterschiede zwischen der ost- und westdeutschen Industrie, die hinsichtlich der Produktivit&auml;tsh&ouml;he permanent von Nachteil f&uuml;r Ostdeutschland wirksam sein m&uuml;ssen und deren Effekt absehbar fortexistiert. <\/p><p><strong>These 14:<\/strong> Die Wirtschaftspessimisten sind wegen der schlechten Stimmung, die sie verbreiten, selbst am Verlust der Arbeitspl&auml;tze schuld.<\/p><p><strong>Anti-These 14:<\/strong> Wenn der Patient der Operation zustimmen soll, muss man ihm die Wahrheit sagen, auch wenn das seine Stimmung vermiest. Opium sollte man nur geben, wenn die Krankheit hoffnungslos ist. <\/p><p><strong>Replik 14:<\/strong> Die Stimmung wird nicht durch &bdquo;die Wahrheit&ldquo;, sondern durch die neoliberale Interpretation der Wahrheit vermiest. Die absolute Wahrheit ist auf der Basis einer einseitig interessengeleiteten Wirtschaftsdeutung der Neoliberalen so wenig erreichbar, wie eine andere Galaxis. Au&szlig;erdem: die &bdquo;Wirtschaftspessimisten&ldquo; organisieren nicht den Jobexport ins Ausland, sondern nutzen die schlechte Stimmung aus ihrer angeblichen &bdquo;Wahrheitsdiagnose&ldquo; f&uuml;r weiteren Sozialabbau im Vorfeld von Jobexport. <\/p><p>Autor der vorstehenden zitierten Thesen und Anti-Thesen: Hans-Werner Sinn, Professor f&uuml;r National&ouml;konomie und Finanzwissenschaft, Pr&auml;sident des ifo Instituts. Erschienen unter dem Titel &ldquo;Die Irrt&uuml;mer der Reformgegner&rdquo;, S&uuml;ddeutsche Zeitung, Nr. 62, 4. M&auml;rz 2005, S. 24.)<\/p><p><strong>Nachbemerkung von Karl Mai<\/strong><\/p><p>Der kritische Leser der vorstehenden 14 Gegenargumente (Anti-Thesen) wird zun&auml;chst entt&auml;uscht sein, dass die angeblich irref&uuml;hrenden Thesen der &bdquo;Reformergegner&ldquo; weder einen inhaltlich-logischen Zusammenhang noch eine akribische Vorstellung von den Auffassungen dieser Gegner vermitteln: sie sind willk&uuml;rlich ausgew&auml;hlt und teilweise sogar unsinnig formuliert sowie darauf abgestellt, den Vorwand f&uuml;r abschmetternde Gegenargumente abzugeben. <strong>Weder hierin noch in seinen vorgeblichen Widerlegungen bzw. Klarstellungen sind bei Prof. Sinn logisch-sachliche Erkenntnisgewinne abzuholen.<\/strong> Seine Bem&uuml;hungen erwecken eher den Eindruck, dass l&auml;stige und l&auml;ssige Ausf&uuml;hrungen zu vorgeblichen Thesen von &bdquo;Reformgegnern&ldquo; die W&uuml;rde des &bdquo;Doyen deutscher Neoliberaler&ldquo; st&ouml;ren.<\/p><p>Doch im Vorstehenden kann jeder Leser selbst beurteilen, wie arm die logischen Argumente der Apologeten des neoliberalen &bdquo;Reformkurses&ldquo; eigentlich sind. Die jeweils angef&uuml;gten Detail-Repliken sollen dies nur erleichtern. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Siehe ausf&uuml;hrlich hierzu: Verlautbarung der Autorengruppe aus der AG &ldquo;Alternative Wirtschaftspolitik&rdquo;: <a href=\"http:\/\/www.memo.uni-bremen.de\/docs\/m8304.pdf\" title=\"Externer Link [PDF - 212 KB]\">&ldquo;Intervention: Gegen die Zwangsperspektive des ostdeutschen Zur&uuml;ckbleibens &ndash; F&uuml;r forcierte Mobilisierung endogener Entwicklungspotentiale Ost&rdquo; [PDF &ndash; 212 KB]<\/a>, vom 15.11.2004, Pkt. 3<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Einen &Uuml;berblick hierzu gibt das &ldquo;Memorandum &sbquo;96&rdquo; (S. 144\/45) der AG &ldquo;Alternative Wirtschaftspolitik&rdquo;. Siehe auch: Heinz-J. Bontrup, &ldquo;Arbeit, Kapital und Staat&rdquo;, PapyRossa 2005, S. 66 f.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Karl Mai, Halle, den 05.04.2005. <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[129,11],"tags":[1259,312,424],"class_list":["post-180","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-lobbyorganisationen-und-interessengebundene-wissenschaft","category-strategien-der-meinungsmache","tag-ifo-institut","tag-reformpolitik","tag-sinn-hans-werner"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/180","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=180"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/180\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":58686,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/180\/revisions\/58686"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=180"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=180"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=180"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}