{"id":18021,"date":"2013-07-19T10:24:44","date_gmt":"2013-07-19T08:24:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18021"},"modified":"2019-02-15T12:28:41","modified_gmt":"2019-02-15T11:28:41","slug":"das-betreuungsgeld-ein-familien-gleichstellungs-und-sozialpolitischer-ruckfall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18021","title":{"rendered":"Das Betreuungsgeld &#8211; Ein familien-, gleichstellungs- und sozialpolitischer R\u00fcckfall"},"content":{"rendered":"<p>Ab 1. August 2013 haben Kinder nach Vollendung des 1. Lebensjahres hierzulande einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz. Obwohl der Bund die L&auml;nder und Kommunen beim KiTa-Ausbau finanziell unterst&uuml;tzte, blieb dieser hinter dem wachsenden Bedarf zur&uuml;ck. Durch den st&auml;rkeren R&uuml;ckgriff auf Tagesm&uuml;tter l&auml;sst sich das Problem genauso wenig l&ouml;sen wie durch eine Halbtagsbetreuung, die den Rechtsanspruch nicht erf&uuml;llt. Somit existieren bei der &ouml;ffentlich gef&ouml;rderten Kleinkindbetreuung in quantitativer wie in qualitativer Hinsicht erhebliche Defizite fort. [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18021#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Noch immer fehlen sowohl Kinderg&auml;rten bzw. -krippen als auch das f&uuml;r deren Betrieb n&ouml;tige Fachpersonal.<br>\nZu demselben Stichtag f&uuml;hren CDU, CSU und FDP mit dem Betreuungsgeld in H&ouml;he von zun&auml;chst 100 (und ab 1. August 2014: 150) Euro eine neue familien- und sozialpolitische Leistung ein, um die bereits seit Jahren ein gesellschaftspolitischer Gro&szlig;konflikt tobt, den konservative Protagonist(inn)en des Betreuungsgeldes wie die CSU-Bundestagsabgeordnete Dorothee B&auml;r als einen von der Linken angezettelten &bdquo;Kulturkampf&ldquo; empfinden. [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18021#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Von <strong>Christoph Butterwegge<\/strong><br>\n<!--more--><br>\n<strong>Die Vorgeschichte des Betreuungsgeldes<\/strong><\/p><p>Hatten zumindest die CDU\/CSU-gef&uuml;hrten Bundeskabinette bis 1998 auf dem Gebiet der Frauen-, Gleichstellungs- und Geschlechterpolitik eine restriktive Linie verfolgt und der b&uuml;rgerlichen Kernfamilie absolute Priorit&auml;t gegen&uuml;ber damit konkurrierenden Lebens-, Liebes- und Familienformen einger&auml;umt, brach die rot-gr&uuml;ne Koalition zwar nicht v&ouml;llig mit dieser Tradition, sorgte aber teilweise f&uuml;r mehr Offenheit, Toleranz und Pluralit&auml;t. [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] Auch bem&uuml;hten sich SPD und B&uuml;ndnis 90\/Die Gr&uuml;nen w&auml;hrend ihrer zweiten Amtsperiode (2002 bis 2005) als Regierungsparteien st&auml;rker um eine Verbesserung der au&szlig;erh&auml;uslichen Betreuungssituation von Kindern. Durch ein Sonderinvestitionsprogramm &bdquo;Zukunft Bildung und Betreuung&ldquo; unterst&uuml;tzte der Bund die L&auml;nder dabei mit 4 Mrd. Euro. In dieselbe Richtung wies das <em>Tagesbetreuungsausbaugesetz<\/em> vom 28. Oktober 2004, welches die besonders miserable Krippenversorgung der Unter-3-J&auml;hrigen verbessern sollte, ihnen bzw. ihren Eltern allerdings keinen Rechtsanspruch darauf einr&auml;umte. Bis zum Jahr 2010 wollte man jedoch vor allem in den westlichen Bundesl&auml;ndern, die damit noch schlechter als die &ouml;stlichen ausgestattet waren, 230.000 zus&auml;tzliche Betreuungspl&auml;tze schaffen. Eine gesetzliche Verpflichtung zur tariflichen Verg&uuml;tung der Tagesm&uuml;tter unterblieb.<\/p><p>Nach dem Wahlsieg von CDU und CSU sowie der dadurch bedingten Bildung einer Koalition mit der SPD im Herbst 2005 fiel das Familienministerium wieder an die Union. Ursula von der Leyen setzte die Linie ihrer sozialdemokratischen Amtsvorg&auml;ngerin Renate Schmidt im Wesentlichen fort, [<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] stand aber noch dezidierter f&uuml;r eine nachhaltige, &bdquo;bev&ouml;lkerungsbewusste&ldquo; Familienpolitik. Diese akzentuierte den Geldwert von Betreuungs- und Erziehungsleistungen der Eltern st&auml;rker, wodurch die Familienpolitik zum Einfallstor f&uuml;r mehr &bdquo;Leistungsgerechtigkeit&ldquo; avancierte, w&auml;hrend die f&uuml;r den Sozialstaat konstitutive Bedarfsgerechtigkeit auf der Strecke blieb.<\/p><p>So verbesserten CDU, CSU und SPD die steuerliche Absetzbarkeit von Kinderbetreuungskosten: Alleinerziehende und zusammenlebende Paare, die beide berufst&auml;tig sind und sich als &bdquo;Doppelverdiener\/innen&ldquo; eine Tagesmutter oder Kinderfrau f&uuml;r ein im Haushalt lebendes Kind leisten k&ouml;nnen, das j&uuml;nger als 14 Jahre ist, d&uuml;rfen die Aufwendungen daf&uuml;r zu zwei Dritteln bis zum H&ouml;chstbetrag von 4.000 Euro als Werbungskosten bzw. Betriebsausgaben absetzen. Au&szlig;erdem konnten Alleinverdienerpaare mit Kindern, die zwar das 3., aber noch nicht das 6. Lebensjahr vollendet hatten, nunmehr zwei Drittel der Kinderbetreuungskosten bis zum selben H&ouml;chstbetrag als Sonderausgaben vom Gesamtbetrag ihrer Eink&uuml;nfte abziehen.<\/p><p>Ein familienpolitisches Renommierprojekt der Gro&szlig;en Koalition war das Elterngeld, welches am 1. Januar 2007 das Erziehungsgeld abl&ouml;ste. Obwohl das einkommensabh&auml;ngige und erst bei 1.800 Euro pro Monat gedeckelte Elterngeld in H&ouml;he von 67 Prozent des Nettoerwerbseinkommens jenes Elternteils, der das Kind unter vor&uuml;bergehender Aufgabe oder Reduktion seiner Berufst&auml;tigkeit auf h&ouml;chstens 30 Wochenstunden betreute, zun&auml;chst nicht &ndash; wie von der CSU verlangt &ndash; auf die Sozialhilfe bzw. das Arbeitslosengeld II angerechnet wurde, hatten deren Bezieher\/innen, Studierende und Geringverdiener\/innen (darunter &uuml;berdurchschnittlich viele Frauen), die Kinder bekamen, hiervon ausschlie&szlig;lich Nachteile. Denn bisher war ihnen das Erziehungsgeld in H&ouml;he von 300 Euro pro Monat zwei Jahre lang oder als sog. Budget in H&ouml;he von 450 Euro ein Jahr lang gezahlt worden. Elterngeld gab es dagegen nur f&uuml;r ein Jahr; Erwerbst&auml;tigen wurden unter bestimmten Voraussetzungen zwei (Partner-)Monate zus&auml;tzlich gew&auml;hrt; sein Sockelbetrag, mit dem Studierende, Sozialhilfebezieher\/innen, Arbeitslose und Geringverdiener\/innen auskommen m&uuml;ssen, lag &uuml;berdies blo&szlig; bei 300 Euro.<\/p><p>Die <em>emanzipatorische<\/em> Funktion des Elterngeldes ist unbestritten, bei (national)konservativen Bef&uuml;rwortern der Hausfrauenehe, Teilen des Klerus und besonders laut vernehmlich in der CSU rief sie jedoch Kritik hervor. Unter <em>sozialen<\/em> und Gerechtigkeitsaspekten &uuml;berzeugt es nicht, wirkt vielmehr selektiv, wodurch schlie&szlig;lich auch seine gleichstellungspolitische Intention konterkariert wird. Anuscheh Farahat, Stefanie Janczyk, Annett M&auml;ngel und Barbara Sch&ouml;nig sprachen deshalb mit Blick auf die Frauen- und Familienpolitik der Gro&szlig;en Koalition von &bdquo;exklusiver Emanzipation&ldquo;, was sie wie folgt begr&uuml;ndeten: &bdquo;In Familien mit niedrigem Haushaltseinkommen, f&uuml;r Arbeitslose, Studierende und Alleinerziehende wird das Elterngeld die bestehenden geschlechtsspezifischen Rollen und die soziale Lage keineswegs verbessern, sondern verschlechtern.&ldquo; [<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] Offenbar wollte man damit weniger die Armut von Kindern als die Armut an Kindern bek&auml;mpfen. Deutschland braucht aber nicht &bdquo;mehr Kinder&ldquo;, wie es im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD gefordert wurde, [<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] sondern weniger Kinder, die in Armut, Unsicherheit und Existenznot aufwachsen.<\/p><p>Im <em>Kinderf&ouml;rderungsgesetz<\/em> vom 10. Dezember 2008 verankerte die Gro&szlig;e Koalition einen Rechtsanspruch auf den Besuch einer Tageseinrichtung oder F&ouml;rderung in Kindertagespflege, die man stark ausbauen wollte, f&uuml;r die Zeit ab 1. August 2013. Gesetzlich festgelegt wurde seinerzeit au&szlig;erdem, dass Eltern, die ihre ein- bis dreij&auml;hrigen Kinder nicht in Einrichtungen betreuen lassen m&ouml;chten oder k&ouml;nnen, fortan an eine monatliche Kompensationszahlung erhalten sollten. Vor allem die CSU forderte die Einf&uuml;hrung eines Bundesbetreuungsgeldes in H&ouml;he von 150 Euro pro Monat. Das wichtigste Argument lautete, man wolle Eltern dadurch Selbstbestimmung und &bdquo;Wahlfreiheit&ldquo; zwischen unterschiedlichen Lebensmodellen erm&ouml;glichen, aber keineswegs die Art der Betreuung ihrer Kinder pr&auml;judizieren oder sie davon abhalten, eine &ouml;ffentliche Betreuungseinrichtung in Anspruch zu nehmen: &bdquo;Das Betreuungsgeld ist ein vern&uuml;nftiger Schritt zu famili&auml;rer Freiheit, die auf Anerkennung und Selbstbestimmtheit beruht und eine Vielfalt von Familien hervorbringt.&ldquo; [<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] Wahlfreiheit kann es jedoch h&ouml;chstens dann geben, wenn f&uuml;r alle U-3-Kinder, deren Eltern dies w&uuml;nschen, ein &ouml;ffentlich gef&ouml;rderter Betreuungsplatz zur Verf&uuml;gung steht.<\/p><p>SPD-Politiker\/innen sprachen hingegen von einer &bdquo;Herdpr&auml;mie&ldquo;, weil das Betreuungsgeld vornehmlich gering qualifizierte M&uuml;tter veranlassen k&ouml;nnte, nicht (mehr) berufst&auml;tig zu sein, und hofften, seine Einf&uuml;hrung unter f&uuml;r ihre Partei g&uuml;nstigeren parlamentarischen Mehrheitsverh&auml;ltnissen verhindern zu k&ouml;nnen. Tats&auml;chlich war der Anteil jener Eltern, die ihr Kind in eine Krippe schicken, deutlich zur&uuml;ckgegangen, seit der damalige Ministerpr&auml;sident Dieter Althaus 2006 in Th&uuml;ringen ein Landesbetreuungsgeld in H&ouml;he von 150 (bis 300) Euro eingef&uuml;hrt hatte. [<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>] Manch finanzschwache und &bdquo;bildungsferne&ldquo; Familie wurde davon abgehalten, ihren Nachwuchs einer &ouml;ffentlichen Kinderbetreuungseinrichtung anzuvertrauen, wo er mehr geistige Anregungen bzw. f&uuml;r die Intelligenzentwicklung erforderliche Impulse h&auml;tte erhalten k&ouml;nnen. Daran kann auch der letztlich diskriminierend wirkende Alternativvorschlag nichts &auml;ndern, Transferleistungsempf&auml;nger(inne)n kein Bargeld auszuzahlen, sondern ihnen (Bildungs-)Gutscheine f&uuml;r ihr Kind zu geben. Statt h&ouml;herer Zuwendungen des Staates an die Eltern ist der Ausbau &ouml;ffentlicher Einrichtungen, die auch (sonst m&ouml;glicherweise leer ausgehenden) Kindern ohne famili&auml;ren R&uuml;ckhalt zugute k&auml;men, jedenfalls eindeutig vorzuziehen.<\/p><p><strong>Ein politischer Kuhhandel der CDU\/CSU\/FDP-Koalition<\/strong><\/p><p>Die junge CDU-Bundestagsabgeordnete Kristina K&ouml;hler (sie nahm nach ihrer Heirat mit dem Parlamentarischen Staatssekret&auml;r des Innenministeriums am 12. Februar 2010 den Namen  Schr&ouml;der an) &uuml;bernahm am 30. November 2009 das Bundesministerium f&uuml;r Familie, Senioren, Frauen und Jugend, ohne positive Akzente zu setzen. So verk&uuml;ndete Kristina Schr&ouml;der im April 2011, kurz bevor sie selbst in den Mutterschutz ging, den Verzicht auf die von ihr versprochene, aber unter Finanzierungsvorbehalt gestellte Aufstockung der sog. Elternzeit um zwei weitere V&auml;termonate. Begr&uuml;ndet wurde dieser Schritt mit dem &bdquo;wachsenden Schuldenberg&ldquo; und entsprechenden Sparzw&auml;ngen. Wom&ouml;glich spielte die prek&auml;re Haushaltslage des Bundes gegen&uuml;ber handfesten Bedenken und Lobbyinteressen der Wirtschaft aber nur eine Nebenrolle: Gegen&uuml;ber dem von der CSU geforderten, gleichfalls im Koalitionsvertrag festgeschriebenen und finanziell sehr viel st&auml;rker zu Buche schlagenden Betreuungsgeld &auml;u&szlig;erte sich Schr&ouml;der zwar &auml;hnlich kritisch wie ihre Amtsvorg&auml;ngerin, erteilte ihm jedoch keine Absage.<\/p><p>Die schwarz-gelbe Familienpolitik ist durch den Grundwiderspruch gekennzeichnet, dass CDU\/CSU und FDP einerseits die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes weiter vorantreiben sowie die Schutz- und Mitbestimmungsrechte der Besch&auml;ftigten schleifen wollen, um einheimische Unternehmen zu entlasten, ausl&auml;ndische Investoren anzulocken und auf diese Weise den &bdquo;Wirtschaftsstandort  D&ldquo; zu beleben, andererseits einer St&auml;rkung der Familien das Wort reden, die gerade durch solche Ma&szlig;nahmen im Kern gef&auml;hrdet werden und immer gr&ouml;&szlig;ere Schwierigkeiten haben, Kinder zu betreuen und zu erziehen, wenn deren Eltern geografisch mobil und beruflich flexibel sein sollen.<\/p><p>Am 15. Juni 2012 gelang es den Oppositionsparteien, die 1. Lesung des Gesetzes zum Betreuungsgeld im Bundestag durch einen Gesch&auml;ftsordnungskniff vorerst zu verhindern, was den Streit innerhalb der schwarz-gelben Koalition dar&uuml;ber verl&auml;ngerte. Da die CSU an ihrer Forderung festhielt, ihre Schwesterpartei in der Frage uneins und Bundeskanzlerin Angela Merkel nur um eine Moderation zwischen den Kontrahenten bem&uuml;ht war, wurde das Betreuungsgeld auf einer Sitzung des Koalitionsausschusses am 4. November 2012 schlie&szlig;lich im Tausch gegen die Abschaffung der Praxisgeb&uuml;hr &ndash; f&uuml;r &Auml;rzte und Zahn&auml;rzte als wichtige Klientel der FDP das Ende eines ihnen l&auml;stigen b&uuml;rokratischen Aufwandes &ndash; von dieser akzeptiert. Au&szlig;erdem gelang es dieser Partei, Banken und Versicherungen ein weiteres Gesch&auml;ftsfeld zu er&ouml;ffnen: Wer sich das Betreuungsgeld nicht sofort auszahlen l&auml;sst, sondern es f&uuml;r die Altersvorsorge verwendet oder es auf ein &bdquo;Bildungskonto&ldquo; f&uuml;r sein Kind &uuml;berweist (was Geringverdienern kaum m&ouml;glich sein d&uuml;rfte), bekommt n&auml;mlich auf ihr Betreiben einen Bonus in H&ouml;he von 15 Euro monatlich.<\/p><p>Die durch einen politischen Kuhhandel zwischen den kleineren Koalitionspartnern erm&ouml;glichte Einf&uuml;hrung des Betreuungsgeldes gleicht einem R&uuml;ckfall in die <a href=\"http:\/\/www.enzyklo.de\/Begriff\/Familiarismus\">familiaristische<\/a> Vergangenheit, weil es die Hausfrauenehe bzw. die m&auml;nnliche Alleinern&auml;hrerfamilie wiederbelebt. Zudem f&ouml;rdert es die Privatisierung bzw. Kommerzialisierung der Kindertagesbetreuung. Schlie&szlig;lich ist das Betreuungsgeld ein sozialpolitisches Paradox, weil es ausgerechnet jene Eltern alimentiert, die seiner am wenigsten bed&uuml;rfen. Spitzenverdiener mit Kindern zu beg&uuml;nstigen und Eltern ohne (Erwerbs-)Einkommen vom Transferleistungsbezug auszuschlie&szlig;en, ist unsozial.<\/p><p>Durch das Betreuungsgeld werden nicht die h&ouml;heren Mehrkosten der Eltern beim Verzicht auf eine Inanspruchnahme &ouml;ffentlich gef&ouml;rderter KiTa-Pl&auml;tze kompensiert, sondern die Bem&uuml;hungen um den Ausbau und eine qualitative Verbesserung der sozialen bzw. Bildungsinfrastruktur f&uuml;r Kinder konterkariert. Selbst wenn die Kommunen beim U-3-Ausbau &ndash; wie von der Bundesfamilienministerin behauptet &ndash; die Vorgabe des &bdquo;Krippengipfels&ldquo; (750.000 Pl&auml;tze) erf&uuml;llen, ist der wirkliche Betreuungsbedarf damit kaum zu decken. Umso notwendiger w&auml;re es, die Finanzmittel des Staates darauf zu konzentrieren, statt gut situierte Eltern bzw. privat-gewerbliche Einrichtungen zu subventionieren.<\/p><p><strong>Die Zukunft des Betreuungsgeldes<\/strong><\/p><p>Falls die CDU\/CSU\/FDP-Koalition bei der Bundestagswahl nicht im Amt best&auml;tigt wird, steht das Betreuungsgeld schon wegen seiner relativ hohen Kosten auf dem Pr&uuml;fstand. Die unsinnigste Sozialleistung seit dem Mutterkreuz muss aus drei Gr&uuml;nden baldm&ouml;glichst wieder abgeschafft werden:<\/p><ol>\n<li>kommt es gerade denjenigen Familien nicht zugute, die der staatlichen Unterst&uuml;tzung am meisten bed&uuml;rfen, um Armut zu entgehen. Genannt seien nur alleinerziehende M&uuml;tter im Hartz-IV-Bezug, denen es auf ihre Transferleistung angerechnet wird.<\/li>\n<li>verleitet es Geringverdiener\/innen, deren Kinder am meisten von einem fr&uuml;hen KiTa-Besuch profitieren w&uuml;rden, m&ouml;glicherweise dazu, diese zu Hause zu betreuen.<\/li>\n<li>subventioniert der Bund damit ausgerechnet Besserverdienende bzw. privat-gewerbliche Tr&auml;ger von Tageseinrichtungen, denen sie ihre Kinder auch sonst anvertrauen w&uuml;rden (Mitnahmeeffekte).<\/li>\n<\/ol><p>Dass die f&uuml;r das Betreuungsgeld aufzuwendenden Finanzmittel wie ein Trostpflaster wirken und den Staat im Sinne eines modernen Ablasshandels von der &uuml;bernommenen Verpflichtung entbinden, gen&uuml;gend Betreuungspl&auml;tze f&uuml;r U-3-Kinder zu schaffen, war vermutlich ein weiteres Motiv f&uuml;r die Zustimmung seiner Kritiker\/innen im Regierungslager. Der m&ouml;glichst fr&uuml;he Besuch von Bildungs-, Erziehungs- und Kultureinrichtungen ist f&uuml;r die gedeihliche Entwicklung und freie Entfaltung der Pers&ouml;nlichkeit von Kindern jedoch unentbehrlich, weshalb sie nicht &ndash; dem neoliberalen, durch die Finanzkrise nur kurz ersch&uuml;tterten Zeitgeist folgend &ndash; weiter privatisiert, sondern &ouml;ffentlich finanziert und fl&auml;chendeckend ausgebaut werden sollten.<\/p><p>Mit dem Betreuungsgeld wird nicht blo&szlig; ein &uuml;berholtes Familienmodell rekonstruiert, sondern auch die marktf&ouml;rmige, profitorientierte Organisation der Kindertagesbetreuung gegen&uuml;ber &ouml;ffentlichen Betreuungseinrichtungen privilegiert, denn die neue Geldleistung erhalten neben Eltern, die ihr Kind selbst betreuen, auch solche, die es f&uuml;r schon fr&uuml;h in eine <em>private<\/em> KiTa geben. Umgekehrt werden solche Eltern nicht erreicht und damit benachteiligt, deren Kinder professioneller F&ouml;rderung dringend bed&uuml;rften &ndash; seien es die Spr&ouml;sslinge von Sozialleistungsempf&auml;nger(inne)n, Geringverdiener(inne)n oder &bdquo;bildungsfernen&ldquo; Migrant(inn)en. Entweder wird das Betreuungsgeld auf die Transferleistung der Eltern angerechnet oder diese sind auf das zus&auml;tzliche Geld so stark angewiesen, dass sie &ndash; dem finanziellen Fehlanreiz folgend &ndash; auf den ihnen eigentlich zustehenden KiTa-Platz verzichten.<\/p><p>Da die Kinder aus sozial benachteiligten Familien dort zu wenig Anregungen und Bildungsimpulse erhalten, profitieren sie in der Regel stark vom Besuch einer &ouml;ffentlichen Betreuungseinrichtung. Bleiben sie zu Hause, wird ihre Lage verschlechtert, weshalb das Betreuungsgeld im Hinblick auf die Bek&auml;mpfung von Kinderarmut eher kontraproduktiv wirkt. Indem es &uuml;berwiegend schlecht qualifizierte Frauen vom Arbeitsmarkt fernh&auml;lt oder ihren Wiedereinstieg in den Beruf erschwert, verhindert man au&szlig;erdem, dass sie gen&uuml;gend Rentenanspr&uuml;che erwerben, um der sich in Zukunft vermutlich weiter ausbreitenden Altersarmut zu entgehen. [<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>]<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Vgl. dazu: Carolin Butterwegge, Kitaausbau vor dem Kollaps, in: Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und internationale Politik 7\/2013, S. 31 ff.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Vgl. Dorothee B&auml;r, Kulturkampf &uuml;ber die Familienpolitik? &ndash; Die freie Wahl z&auml;hlt, in: Klaus Hurrelmann\/Tanjev Schultz (Hrsg.), Staatshilfe f&uuml;r Eltern. Brauchen wir das Betreuungsgeld?, Weinheim\/Basel 2013, S. 86 ff.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Vgl. hierzu und zum Folgenden: Christoph Butterwegge, Krise und Zukunft des Sozialstaates, 4. Aufl. Wiesbaden 2012, S. 176 ff.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Vgl. Nancy Ehlert, Die Familienpolitik der Gro&szlig;en Koalition, in: Sebastian Bukow\/Wenke Seemann (Hrsg.), Die Gro&szlig;e Koalition. Regierung &ndash; Politik &ndash; Parteien 2005-2009, Wiesbaden 2010, S. 142 f.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Anuscheh Farahat u.a., Exklusive Emanzipation. Zur Frauen- und Familienpolitik der gro&szlig;en Koalition, in: Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und internationale Politik 8\/2006, S. 985<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Siehe CDU Deutschlands\/CSU Landesleitung\/SPD Deutschlands (Hrsg.), Gemeinsam f&uuml;r Deutschland. Mit Mut und Menschlichkeit. Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD, Rheinbach o.J., S. 79<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] Bettina M. Wiesmann, Das Betreuungsgeld &ndash; ein vern&uuml;nftiger Schritt zu mehr Familienfreiheit, in: Klaus Hurrelmann\/Tanjev Schultz (Hrsg.), Staatshilfe f&uuml;r Eltern, a.a.O., S. 108<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] Vgl. &bdquo;Eltern, die sich gut k&uuml;mmern, nicht stigmatisieren&ldquo;. Ministerpr&auml;sident Althaus verteidigt Betreuungsgeld, in: Die Welt v. 26.3.2008; erg&auml;nzend: Dorothea Siems, Familienpolitisches Musterl&auml;ndle. Wie das umstrittene Betreuungsgeld wirkt &ndash; eine Stippvisite im Testlabor Th&uuml;ringen, in: ebd.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] Vgl. hierzu: Christoph Butterwegge\/Gerd Bosbach\/Matthias W. Birkwald (Hrsg.), Armut im Alter. Probleme und Perspektiven der sozialen Sicherung, Frankfurt am Main\/New York 2012<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ab 1. August 2013 haben Kinder nach Vollendung des 1. Lebensjahres hierzulande einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz. Obwohl der Bund die L&auml;nder und Kommunen beim KiTa-Ausbau finanziell unterst&uuml;tzte, blieb dieser hinter dem wachsenden Bedarf zur&uuml;ck. Durch den st&auml;rkeren R&uuml;ckgriff auf Tagesm&uuml;tter l&auml;sst sich das Problem genauso wenig l&ouml;sen wie durch eine Halbtagsbetreuung, die den Rechtsanspruch<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18021\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[167,146,145],"tags":[1316,318,1095],"class_list":["post-18021","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-familienpolitik","category-soziale-gerechtigkeit","category-sozialstaat","tag-betreuungsgeld","tag-elterngeld","tag-kinderbetreuung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18021","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18021"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18021\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":49350,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18021\/revisions\/49350"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18021"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18021"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18021"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}