{"id":1803,"date":"2006-10-19T14:12:30","date_gmt":"2006-10-19T12:12:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1803"},"modified":"2016-01-24T16:05:49","modified_gmt":"2016-01-24T15:05:49","slug":"diakonie-statt-politik-die-ekd-denschrift-zur-armut-passt-sich-an-das-vorherrschende-okonomische-dogma-an","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1803","title":{"rendered":"Diakonie statt Politik \u2013 Die EKD-Denschrift zur Armut passt sich an das vorherrschende \u00f6konomische Dogma an"},"content":{"rendered":"<p>Von Wolfgang Lieb, Beitrag zur Armutsdebatte in der Zeitschrift &bdquo;zeitzeichen&ldquo;, Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft 10\/2006.<!--more--><\/p><p><strong>Diakonie statt Politik<\/strong><\/p><p>Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland schlie&szlig;t seinen Frieden mit dem wirtschaftspolitischen Kurs der Bundesregierung, kritisiert der K&ouml;lner Publizist Wolfgang Lieb. Der langj&auml;hrige Sprecher der nordrheinwestf&auml;lischen Landesregierung unter Johannes Rau und heutige Mitherausgeber der sozialkritischen Netzzeitung www.nachdenkseiten.de vermisst ein politisches Konzept zur Bek&auml;mpfung der Ursachen von Armut und Ausgrenzung.<\/p><p>Es ist ein wichtiger Ansto&szlig; f&uuml;r den gesellschaftspolitischen Diskurs, dass die Denkschrift des Rates der EKD in Deutschland den Armutsbegriff &uuml;ber die schiere materielle Armut hinaus um den Mangel an &bdquo;gerechter Teilhabe&ldquo;, um die &bdquo;umfassende Beteiligung Aller an Bildung und Ausbildung sowie an den wirtschaftlichen, sozialen und solidarischen Prozessen der Gesellschaft&ldquo; erg&auml;nzt und erweitert.<br>\nGerade in einer Zeit, in der der Freiheitsbegriff der solidarischen B&uuml;rgergesellschaft mittels der Betonung von &bdquo;Selbstverantwortlichkeit&ldquo; in eine eigenn&uuml;tzige &bdquo;Freiheit&ldquo; in einer &bdquo;wertblinden&ldquo; Marktgesellschaft umzudeuten versucht wird, ist es auch gut, wenn eine starke gesellschaftliche Kraft wie die Evangelische Kirche die Bedeutung der &bdquo;Solidarit&auml;t&ldquo; f&uuml;r eine nachhaltige und gerechte wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung betont. Grunds&auml;tzlich widerspricht die Denkschrift jenen, die soziale Gerechtigkeit auf eine formale &bdquo;Chancengerechtigkeit&ldquo; abschmelzen wollen, wenn es dort hei&szlig;t: &bdquo;Ohne materielle Verteilungsgerechtigkeit l&auml;uft Chancengleichheit ins Leere&hellip;&ldquo;<br>\nUnd: Statt eines blo&szlig; formal gerechten Angebots an Chancen im Sinne einer &bdquo;Bef&auml;higungsgerechtigkeit&ldquo;, nach dem Prinzip &bdquo;Jedem das Seine&ldquo;, m&uuml;ssten &uuml;ber die &bdquo;solidarisch gew&auml;hrte materielle Unterst&uuml;tzung&ldquo; hinaus &bdquo;von staatlicher Seite aktivierende und unterst&uuml;tzende Hilfen und insbesondere wirksame Bildungsm&ouml;glichkeiten bereitgehalten werden.&ldquo;<br>\nDas h&ouml;rt sich gut und sch&ouml;n an, bis dem Leser im weiteren Verlauf der Argumentation allm&auml;hlich aufst&ouml;&szlig;t, dass er sich vom herrschenden Reformjargon eingefangen sieht. Da entspricht dann &bdquo;die Idee des Forderns und F&ouml;rderns&hellip; den hier vertretenen Grunds&auml;tzen&ldquo;, es geht um &bdquo;aktivierende Wege&ldquo;, um die &bdquo;Anleitung und Ermutigung zu Eigenverantwortung&ldquo;. &bdquo;F&ouml;rdern und fordern&ldquo;, &bdquo;aktivierender&ldquo; Sozialstaat&ldquo;, mehr &bdquo;Eigenverantwortung&ldquo;, waren das nicht die Schl&uuml;sselbegriffe der Agenda 2010? Es wirkt an vielen Stellen geradezu raffiniert, wie die Autoren versuchen, sich begrifflich an den herrschenden Reformjargon anzuschmiegen, um ihn in eine protestantische Sozialethik einzupassen.<br>\nEs ist der st&auml;ndige Versuch der Vers&ouml;hnung des Unvereinbaren. Denn die geschmeidigste Umdeutung der Reformersprache kann nicht verschleiern, dass sich die Denkschrift weitgehend an das vorherrschende &bdquo;verbetriebswirtschaftlichte&ldquo; (Prantl) &ouml;konomische Dogma angepasst hat:<br>\n&bdquo;Ohne Gewinne und prosperierende Unternehmen werden keine Arbeitspl&auml;tze geschaffen&ldquo;, &uuml;bernimmt z.B. die Schrift den Obersatz des angebotstheoretischen Dogmas. Warum aber trotz explodierender Gewinne nicht investiert wird und keine zus&auml;tzlichen Arbeitspl&auml;tze entstehen, diese Frage wird nicht gestellt. Es fehlt eine kritische Auseinandersetzung mit der herrschenden &ouml;konomischen Lehre. Deren &bdquo;Lebensl&uuml;gen&ldquo; (R&uuml;ttgers) werden unhinterfragt hingenommen. Dazu nur einige Beispiele:<br>\nStichwort Wirtschaftspolitik: Die Denkschrift verlangt eine &bdquo;enge Verzahnung von Sozial-, Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik&ldquo;. Die Wirtschaftspolitik bleibt bei diesem &bdquo;integrativen Ansatz&ldquo; aber au&szlig;en vor und gilt offenbar als sakrosankt. Wenn &uuml;berhaupt Wirtschafts- und Sozialpolitik in der Denkschrift zusammengedacht wird, geht es fast immer um die Senkung der &bdquo;Abgabenlast auf den Faktor Arbeit&ldquo;.<br>\nStichwort Lohnnebenkosten: Wird einleitend noch davon gesprochen, dass Arbeit &bdquo; ein Teil des von Gott gegebenen Auftrags an den Menschen&ldquo; ist, hei&szlig;t es sp&auml;ter im &uuml;blichen Jargon, dass &bdquo;eine weitere Verteuerung des &acute;Faktors Arbeit&acute; kontraproduktiv&ldquo; w&auml;re. Kein Wort dar&uuml;ber, dass Abgaben Teil des Lohnes sind und dass etwa die zus&auml;tzliche private Vorsorge eben nicht mehr parit&auml;tisch finanziert wird, sondern eine Umverteilung zugunsten des &acute;Faktors Kapital&acute; darstellt. Soll hier der Mythos von den zu hohen Lohnnebenkosten seine theologischen Weihen finden?<br>\nDie Doppelnatur des Lohns als Kosten- und als Nachfragefaktor kommt gar nicht erst in den Blick, daf&uuml;r aber die Bemessung des Lohnes an seiner Grenzproduktivit&auml;t (&bdquo;marktorientierte Teilhabe am Erwerbsprozess&ldquo;). Da wird die Tarifpolitik f&uuml;r eine angeblich &bdquo;&uuml;berproportionale&ldquo; Anhebung der L&ouml;hne f&uuml;r einfache T&auml;tigkeiten verantwortlich gemacht, statt ein Auge darauf zu werfen, dass durch mehr Arbeitspl&auml;tze f&uuml;r qualifizierte Besch&auml;ftigte gerade auch die Verdr&auml;ngung gering Qualifizierter vom Arbeitsmarkt aufgehalten werden k&ouml;nnte.<br>\nStichwort Altersvorsorge: Es gebe die &bdquo;Notwendigkeit verst&auml;rkter privater Vorsorge&ldquo;, es wird f&uuml;r eine &bdquo;st&auml;rkere Mischung von Umlage- und Kapitaldeckung&ldquo; pl&auml;diert. Warum eigentlich? M&uuml;ssen &ndash; egal ob umlagefinanziert oder kapitalgedeckt &ndash; nicht schon immer die Jungen f&uuml;r die Alten aufkommen? Wo in aller Welt hat sich &bdquo;erwiesen&ldquo;, dass die Kapitaldeckung &bdquo;offenbar eine stabilere Abgabenentwicklung&ldquo; erm&ouml;glicht? Wo bleibt ein klares Wort des Rates der EKD gegen die immer wieder gegen die Armen und Bed&uuml;rftigen gef&uuml;hrte &bdquo;Missbrauchsdebatte&ldquo;, gegen ihre Verunglimpfung als &bdquo;Schmarotzer&ldquo; und &bdquo;Parasiten&ldquo;?<br>\nStichwort Staatsverschuldung: Eine Verringerung wird als &bdquo;unverzichtbar&ldquo; verk&uuml;ndet, weil deren &bdquo;Ausma&szlig; schon heute die kommenden Generationen in einer unzumutbaren Weise belastet&ldquo;.<br>\nKeine Frage danach, warum die jahrzehntelang praktizierte Sparpolitik zu keinen Sparerfolgen gef&uuml;hrt hat, sondern im Gegenteil, mangels aktiver Konjunkturpolitik, die Rate der Nettoneuverschuldung sich st&auml;ndig erh&ouml;ht hat.<br>\nEs wird kein Zusammenhang zwischen einer steigenden &ouml;ffentlichen Verschuldung und dem noch rascher steigenden Privatverm&ouml;gen gesehen. Deshalb wohl auch kein Wort &uuml;ber die Verm&ouml;gens- oder Erbschaftssteuer.<br>\nKein Gedanke daran, dass den &ouml;ffentlichen Schulden auf der Habenseite auch immer Gl&auml;ubiger gegen&uuml;ber stehen und zwar schon heute und nicht erst bei den &bdquo;kommenden Generationen&ldquo;. Stichwort Sozialstaat: W&auml;hrend zu Beginn von der &bdquo;teilhabefreundlichen &acute;Erneuerung&acute; des Sozialstaates&ldquo; gesprochen wird, hei&szlig;t es weiter hinten im marktradikalen Jargon &bdquo;es braucht einen &acute;entschiedenen Umbau&acute;&ldquo;. Stichwort Binnennachfrage: Es brauche &bdquo;Impulse, um die wirtschaftliche &acute;Wettbewerbsf&auml;higkeit&acute; und die Besch&auml;ftigungsspielr&auml;ume zu erweitern.&ldquo; Implizit hei&szlig;t das doch: die &bdquo;Wettbewerbsf&auml;higkeit&ldquo; und nicht etwa die stagnierende Binnennachfrage sei Kern unseres Problems.<\/p><p>Hat nicht gerade diese Art der &bdquo;Reformpolitik&ldquo;, an die sich der Protestantismus jetzt anzupassen scheint, zur Zunahme des Armutsrisikos und der Armut gef&uuml;hrt? Haben die in der Denkschrift f&uuml;r richtig gehaltenen Hartz-Gesetze nicht f&uuml;r Millionen von Menschen so erhebliche Verschlechterungen gebracht, dass ihnen die materielle Basis f&uuml;r &bdquo;Teilhabe&ldquo; weitgehend entzogen wurde? Hat nicht die weitgehend auf die Entlastung der Kapital- und Verm&ouml;genseinkommen ausgerichtete Lohn- und Steuerpolitik zu einem guten Teil dazu beigetragen, dass es zu einer &bdquo;Spreizung zwischen Armut und Reichtum&ldquo; gekommen ist, so dass &ndash; wie in der Denkschrift beklagt &ndash; die &bdquo;Gesellschaft nicht mehr als gerecht erlebt wird&ldquo;?<br>\nWelche Erfolge haben denn die bisherigen &bdquo;strukturellen Ma&szlig;nahmen der Arbeitsmarktpolitik&ldquo; gezeitigt? Wie will man ohne eine aktive Konjunkturpolitik die Ankn&uuml;pfungspunkte f&uuml;r eine &bdquo;aktivierende&ldquo; Arbeitsmarktpolitik schaffen? Wie soll ein Staat, der die Steuern f&uuml;r die Verm&ouml;genden und auf Kapitalertr&auml;ge sei es gar nicht erst eintreibt oder am laufenden Band senkt die materiellen Voraussetzungen f&uuml;r eine &bdquo;teilhabegerechte&ldquo; und &bdquo;armutsverringernde&ldquo; Bildungsf&ouml;rderung schaffen? Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland bietet mit seiner Denkschrift zur Armut in Deutschland viele gut gemeinte moralische und theologisch begr&uuml;ndete Appelle. Die Denkschrift liest sich &uuml;ber weite Passagen, wie eine Kombination aus Armutsbericht und Bildungsenquete. Es wird viel referiert und sorgf&auml;ltig abgewogen, aber es wird wenig gesagt. Weniger Diplomatie gegen&uuml;ber der &bdquo;Obrigkeit&ldquo; und daf&uuml;r mehr Klarheit, Eindeutigkeit und Entschiedenheit in den Aussagen, weniger flammende Worte &uuml;ber den Skandal der Armut aber daf&uuml;r mehr Eindeutigkeit in der barmherzigen Parteinahme f&uuml;r die Armen oder kurz, mehr Karl Barth und &ouml;fters einmal ein protestantisches &bdquo;Hier stehe ich, ich kann nicht anders&ldquo; h&auml;tte der Denkschrift gut angestanden.<br>\nKein Wunder, dass sie bisher weder innerhalb der Kirche noch au&szlig;erhalb Ansto&szlig; erregt hat und von den Arbeitgeberverb&auml;nden bis zu den Parteien als &bdquo;ausgewogen&ldquo; abgehakt wird.<\/p><p>Die Evangelische Kirche will &ndash; richtigerweise &ndash; keine Politik &bdquo;machen&ldquo;, aber sie will sich in das &bdquo;politische Gesch&auml;ft einmischen&ldquo; &ndash; wie der Ratsvorsitzende Wolfgang Huber betonte. Doch es ist ein Einmischen durch Anpassung an eine Politik, die an den Symptomen der Armut in Deutschland herumdoktert, anstatt ihre Ursachen zu bek&auml;mpfen.<br>\nDie Denkschrift stellt karitativ-diakonische Wohlt&auml;tigkeit neben einen vorherrschenden politischen Kurs, der Armut in Kauf nimmt und Ungleichheit schafft. Der Rat der EKD st&ouml;&szlig;t aber keinen politischen Diskurs an, der an den Wurzeln der zunehmenden Verarmung und Spaltung der Gesellschaft ansetzt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang Lieb, Beitrag zur Armutsdebatte in der Zeitschrift &bdquo;zeitzeichen&ldquo;, Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft 10\/2006.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[199,146,132,14,30],"tags":[532,230,312,218,291],"class_list":["post-1803","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kirchen-religionen","category-soziale-gerechtigkeit","category-ungleichheit-armut-reichtum","category-veroffentlichungen-der-herausgeber","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-ekd","tag-lieb-wolfgang","tag-reformpolitik","tag-teilhabe","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1803","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1803"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1803\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30524,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1803\/revisions\/30524"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1803"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1803"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1803"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}