{"id":18073,"date":"2013-07-24T08:44:38","date_gmt":"2013-07-24T06:44:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18073"},"modified":"2019-07-05T10:56:50","modified_gmt":"2019-07-05T08:56:50","slug":"schauble-was-here-holzfaller-am-werk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18073","title":{"rendered":"Sch\u00e4uble was here \u2013 Holzf\u00e4ller am Werk"},"content":{"rendered":"<p>Der Ausnahmezustand, der am Donnerstag letzter Woche im Zentrum von Athen herrschte, hat einen Namen: Wolfgang Sch&auml;uble. Wie schon beim Besuch von Angela Merkel im Oktober letzten Jahres wird das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit suspendiert, sobald jemand aus der EU-Chefetage in Berlin die griechische Hauptstadt aufsucht. Es herrschte nicht nur absolutes Demonstrationsverbot, die Polizei legt auch vier U-Bahn-Stationen im Stadtzentrum still. Kein Normalb&uuml;rger sollte auch nur in die N&auml;he von Sch&auml;uble gelangen k&ouml;nnen. Dass der deutsche Finanzminister ein demonstratives &bdquo;Geschenk&ldquo; mitbrachte &ndash; 100 Millionen Euro als Hilfskredit zur Gr&uuml;ndung einer griechischen F&ouml;rderbank nach dem Vorbild der deutschen Kreditanstalt f&uuml;r Wiederaufbau (KfW) &ndash; hat die griechische Bev&ouml;lkerung kaum zur Kenntnis genommen. Kredite sind ja ohnehin nichts anderes als neue Schulden. Aufmerksam registriert wurde hingegen, neben dem Ausnahmezustand, der Zeitpunkt des Besuchs: nur wenige Stunden nachdem die griechische Regierung im Parlament jenes &bdquo;Holzf&auml;ller&ldquo;-Gesetz f&uuml;r den &Ouml;ffentlichen Dienst durchgepeitscht hat, das die Troika &ndash; und somit auch Sch&auml;uble &ndash; zur Vorbedingung f&uuml;r die Auszahlung ihrer n&auml;chsten Kreditrate erkl&auml;rt hatte. Von <strong>Niels Kadritzke<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie Finanzminister der Eurozone werden am 24. Juli in einer Telefonkonferenz die Auszahlung von 2,5 Mrd. Euro zu Ende Juli beschlie&szlig;en (zum selben Zeitpunkt sollen noch 1,5  Mrd. Euro aus den Gewinnen der Zentralbanken und 1,8 Mrd. Euro aus IWF-Mitteln flie&szlig;en, siehe dazu meinen <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17942\">Beitrag vom 11. Juli<\/a>).<br>\nDie zeitliche Planung des Sch&auml;uble-Besuchs wirft eine interessante Frage auf: Was w&auml;re gewesen, wenn das griechische Parlament dem Gesetz nicht zugestimmt h&auml;tte? W&auml;re der deutsche Finanzminister dann gar nicht aus Berlin abgeflogen? Das wurde in Berlin heftig bestritten. Aber wie w&auml;re Sch&auml;uble nach einer parlamentarischen Niederlage von Samaras in Athen aufgetreten? Als Zuchtmeister, der die Peitsche &uuml;ber den Abgeordneten schwingt? Als Terminator, der erneut den b&ouml;sen Geist des &bdquo;Grexit&ldquo;, des Rausschmisses aus der Eurozone, aus der Flasche l&auml;sst? Oder als Zuh&ouml;rer, der sich die Sorgen der Griechen anh&ouml;rt und bereit ist, endlich &uuml;ber die n&auml;chste Umschuldung zu diskutieren, die viele Experten ohnehin f&uuml;r unvermeidlich halten?<\/p><p>Die dritte Variante ist auszuschlie&szlig;en. Auch in Athen hat Sch&auml;uble Fragen nach einem m&ouml;glichen OSI (Official Sector Involvment) abgeb&uuml;rstet. Eine Diskussion um einen Schuldenschnitt f&uuml;r die griechischen Bonds, die bei der EZB oder bei den nationalen Zentralbanken liegen, darf es vor der Bundestagswahl nicht geben (worum es dabei geht, ist in der Erkl&auml;rung von Axel Troost, MdB der Linkspartei, nachzulesen <a href=\"http:\/\/www.linksfraktion.de\/im-wortlaut\/schaeubles-waterloo-liegt-griechenland\/\">hier<\/a>) Schlie&szlig;lich will die Regierung im Wahlkampf  keine Fragen nach Folgelasten f&uuml;r den deutschen Steuerzahler zu h&ouml;ren bekommen. So gesehen war Sch&auml;ubles Athen-Reise sogar ein gelungener Wahlkampf-Auftritt, hie&szlig; es erfrischend offen in der <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/europas-schuldenkrise\/schaeuble-in-athen-unter-griechen-12286618.html\">FAZ vom 18. Juli<\/a>:<\/p><p>&bdquo;Der Zeitpunkt des Besuchs k&ouml;nnte aus Sicht des Finanzministers nicht besser sein. Erst am Abend zuvor hatte das Parlament in Athen ein Sparpaket gebilligt. Nicht zuletzt wird es die Entlassung von Staatsdienern erm&ouml;glichen &ndash; eine zentrale Forderung der Troika. Dass Proteste seinen Besuch begleiten, muss den Deutschen nicht st&ouml;ren. Im Gegenteil: So kommt er in der Heimat als harter Hund her&uuml;ber.&ldquo; Griechenland-Besucher Sch&auml;uble k&ouml;nne damit eine positive Bilanz ziehen: &bdquo;Bis zur Bundestagswahl d&uuml;rfte es ruhig bleiben, bis dahin ist die Finanzierung des Landes gesichert.&ldquo;<\/p><p>Auch FAZ-Kommentator Manfred Sch&auml;fers wei&szlig; allerdings auch, wo es nach den Wahlen lang gehen wird. Zwar werde es wohl keinen zweiten Schuldenschnitt f&uuml;r private Gl&auml;ubiger (PSI) geben, aber &bdquo;dass &ouml;ffentliche Gl&auml;ubiger um einen Verzicht herumkommen werden, glauben die wenigsten, die sich mit den Zahlen besch&auml;ftigen&ldquo;. Zu denjenigen, die sich mit Zahlen besch&auml;ftigen, geh&ouml;rt offenbar auch J&ouml;rg Asmussen, der deutsche Vertreter im EZB-Direktorium. Er meinte auf eine Frage der Rheinischen Post, die Debatte &uuml;ber einen Schuldenschnitt sei &bdquo;nicht hilfreich&ldquo;, weil sie davon ablenke, &bdquo;dass es zu allererst um die Fortsetzung der Reformen in Griechenland geht&ldquo;. Was nach dem &bdquo;zu allererst&ldquo; kommen k&ouml;nnte, sagt Asmussen nicht. Ein hartes Dementi sieht anders aus. Der gro&szlig;e Kassensturz ist sp&auml;testens im Fr&uuml;hjahr 2014 f&auml;llig, wie es die Br&uuml;sseler Korrespondentin der S&uuml;ddeutschen Zeitung prophezeit (<a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/krise-des-euro-luftholen-fuer-ein-paar-wochen-1.1724368\">Cerstin Gammelin vom 18. Juli<\/a>).<\/p><p><strong>Kleine, aber folgenlose Rebellion im Parlament<\/strong><\/p><p>Zur&uuml;ck nach Athen. Dort hat die Regierung Samaras\/Venizelos ihr umfangreiches Gesetzespaket in der Nacht zum Donnerstag mit einer notd&uuml;rftigen Mehrheit durchgebracht. Das Abstimmungsergebnis fiel mit 153 zu 140 Stimmen noch knapper aus als erwartet; zwei Pasok-Abgeordnete stimmten der Vorlage nicht in allen 109 Einzelpunkten zu. Das ist f&uuml;r den Pasok-Vorsitzenden und Vize-Regierungschef Venizelos schon deshalb ein Problem, weil es sich bei den Dissidenten nicht um Hinterb&auml;nkler handelt. Verweigert haben sich zum einen der fr&uuml;here Parlamentspr&auml;sident Apostolos Kaklamanis, ein von vielen Pasok-W&auml;hlern sehr geachteter Veteran, der das gesamte Gesetzespaket in einer Rede heftig kritisiert und sich danach krank gemeldet hat. Gravierender ist f&uuml;r die Pasok, dass ausgerechnet ihr Fraktionsvorsitzendes  Paris Koukoupoulos in einem zentralen Punkt gegen seine eigene Regierung stimmte: Er lehnte den Artikel &uuml;ber die Aufl&ouml;sung der kommunalen Polizeikr&auml;fte ab. Der Mann wird zwar den Fraktionsvorsitz verlieren, aber angesichts der knappen Mehrheitsverh&auml;ltnisse im Parlament kann es die Pasok-F&uuml;hrung nicht wagen, Koukoupoulos aus Fraktion und Partei auszuschlie&szlig;en. Zumal der Abgeordnete nach einem Treffen mit Venizelos erkl&auml;rte, er habe eine reine &bdquo;Gewissensentscheidung&ldquo; getroffen (wie sie ihm nach der griechischen Verfassung auch zusteht). <\/p><p>Im &Uuml;brigen versuchte der f&uuml;r die &bdquo;Reform des &ouml;ffentlichen Dienstes&ldquo; verantwortliche Minister Kyriakos Mitsotakis, die beiden Koalitionsfraktionen mit einzelnen &bdquo;sozialen&ldquo;Zugest&auml;ndnissen zusammen zu halten. So wurde das Gesetzespaket in letzter Minute in mehreren Punkten ge&auml;ndert. Das Gesetz benennt die Bereiche des &ouml;ffentlichen Dienstes, aus denen bis Ende Juli 12.500 und bis Ende dieses Jahres 25.000 Personen in eine sogenannte &bdquo;Mobilit&auml;tsreserve&ldquo; verschoben werden (2014 sollen weitere 15.000 folgen). Die Sonderklauseln beziehen sich vor allem auf die etwa 3.500 kommunalen Polizei- und Ordnungskr&auml;fte, die in die staatliche Polizei oder in die Gef&auml;ngnisverwaltung &uuml;berf&uuml;hrt werden sollen, sowie 2.200 Bedienstete, die als Wachpersonal an Schulen eingestellt sind. <\/p><p>Die wichtigsten Zugest&auml;ndnisse sind:<\/p><ul>\n<li>Den Kommunen bleiben zehn Prozent ihrer eigenen Polizeikr&auml;fte erhalten. Ganz von der &Uuml;berf&uuml;hrung in die nationale Polizei ausgenommen werden Polizisten in Gemeinden von weniger als 5.000 Einwohnern (das betrifft vor allem die kleineren griechischen Inseln).<\/li>\n<li>Verschont werden Polizisten oder Schulw&auml;chter, die ein Nachdiplomstudium absolviert haben (das d&uuml;rften allerdings nicht besonders viele sein).<\/li>\n<li>Ausnahmen gibt es auch f&uuml;r einige &bdquo;soziale H&auml;rtef&auml;lle&ldquo; (Alleinerziehende oder Eltern mit einem behinderten Kind). <\/li>\n<\/ul><p>Zudem werden jetzt einige Gruppen definiert, die bei der &Uuml;bernahme von Leuten aus der &bdquo;Mobilit&auml;tsreserve&ldquo; in andere Bereiche des &ouml;ffentlichen Dienstes bevorzugt behandelt werden sollen, wie etwa Eltern von drei und mehr Kindern. Solche Priorit&auml;tskriterien haben allerdings den Nachteil, dass sie zugleich klar machen, was mit den nicht bevorzugten Leuten passieren wird: Die meisten von ihnen werden entlassen, denn das ist ja der Zweck der ganzen &Uuml;bung. Die &bdquo;Mobilit&auml;tsreserve&ldquo; (der griechische Ausdruck bedeutet w&ouml;rtlich: &bdquo;Mobilit&auml;tspool&ldquo;) ist eine Konstruktion, die die Massenentlassungen notd&uuml;rftig verschleiern soll.<br>\nTheoretisch hat zwar jede Person, die in diesen &bdquo;Pool&ldquo; hineingesto&szlig;en wird, die Chance, von einer anderen staatlichen Stelle herausgezogen, sprich wieder eingestellt zu werden, aber viel gr&ouml;&szlig;er ist die Wahrscheinlichkeit zu ertrinken, denn es gibt schlicht zu wenig Beh&ouml;rden, die in absehbarer Zeit neues Personal einstellen (d&uuml;rfen). Und das Gesetz bringt den Versto&szlig;enen noch eine zus&auml;tzliche H&auml;rte: die Verweildauer im &bdquo;Mobilit&auml;tspool&ldquo;, w&auml;hrend der sie noch ein reduziertes Einkommen beziehen, wurde von zw&ouml;lf auf acht Monate verk&uuml;rzt. <\/p><p><strong>Horizontale Entlassungen verhindern eine durchdachte Reform des &Ouml;ffentlichen Dienstes<\/strong><\/p><p>Das Problem des ganzen Verfahrens hat in der Parlamentsdebatte am klarsten der Abgeordnete Fotis Kouvelis herausgearbeitet. Der Vorsitzende der Demokratischen Linken (Dimar), die anl&auml;sslich des ERT-Konflikts aus der ersten Regierung Samaras ausgeschieden ist, erkl&auml;rte: &bdquo;Der Beschluss, Tausende von Menschen innerhalb nur weniger Wochen (in die Mobilit&auml;tsreserve) zu versetzen, ohne vorangegangene Evaluierung der Strukturen, ohne langfristige Personalplanung, ohne Stellenbeschreibungen und ohne Erfassung der unqualifizierten Leute, ein solcher Beschluss l&auml;uft in der Realit&auml;t auf reine Willk&uuml;rentscheidungen hinaus; und das wirft auch die Frage auf, ob das ganze Verfahren nicht verfassungswidrig ist.&ldquo;(Ta Nea 17. Juli)<\/p><p>Eine interessante Information lieferte in der Debatte der DIMAR- Abgeordnete Nikos Tsoukalis. Er konnte mit Dokumenten nachweisen, dass der Vorg&auml;nger von Mitsotakis, der fr&uuml;here &bdquo;Reform&ldquo;-Minister Manitakis, f&uuml;r sein Konzept einer langfristig angelegten &bdquo;Neubegr&uuml;ndung&ldquo; des &ouml;ffentlichen Dienstes sogar die Unterst&uuml;tzung der sogenannten EU-Task Force hatte (nach ihrem Leiter Horst Reichenbach auch als Reichenbach-Gruppe bekannt). In diesem Expertenstab sind f&uuml;r die Verwaltungsreform franz&ouml;sische Berater zust&auml;ndig, die sich mit Manitakis einig waren, dass ein &bdquo;horizontales&ldquo; Kappen des &ouml;ffentlichen Dienstes jede grundlegende Reform zu Nichte machen w&uuml;rde. Lange Zeit, so Tsoukalis, habe auch die Regierung diese Rasenm&auml;her-Methode abgelehnt &ndash; bis sie dem Dr&auml;ngen der Troika, und vor allem des IWF nachgegeben habe. Damit habe man das Ziel einer qualitativen Reform dem Ziel geopfert, die geforderte Zahl von Stellen einfach weg zu k&uuml;rzen.<\/p><p>Diese Aussage von Tsoukalis ist aufschlussreich und vernebelnd zugleich. Hochinteressant ist, dass es in dieser Frage erhebliche Differenzen zwischen den Fachleuten der Task Force und der Troika gibt. Allerdings verschweigt Tsoukalis die Tatsache, dass Manitakis als &bdquo;Reform&ldquo;-Minister der ersten Regierung Samaras in seinen Bem&uuml;hungen um einen grundlegenden Umbau des &ouml;ffentlichen Dienstes von Beginn an bei der B&uuml;rokratie aufgelaufen ist. Die blockierte jeden Anlauf zu einer Evaluierung der Beh&ouml;rden und des eingesetzten Personals und lieferte zuweilen nicht einmal die angeforderten Organogramme von Ministerien und nachgeordneten Beh&ouml;rden. <\/p><p>In den viertelj&auml;hrlichen Fortschrittsberichten der Task Force werden diese Behinderungen dezent, aber erkennbar kritisiert. Im Dezember 2012 mahnte die Task Force die Regierung an, die &bdquo;Schaffung eines Mechanismus f&uuml;r die Koordination zwischen den einzelnen Ministerien&ldquo; zu beschleunigen, ohne den man gar nicht vorankomme. Bis Ende 2012 war eine Evaluierung des Personals nur im Ministerium f&uuml;r Umweltschutz gelaufen. Nach Auswertung dieses Pilotprojekts sollten alle Ministerien nachziehen, das ist bis heute nicht geschehen. Auch im ersten Quartalsbericht 2013 meldet die Task Force, Fortschritte habe es lediglich bei der &bdquo;Planung der Reorganisation der griechischen Ministerien&ldquo; gegeben, das Stadium der &bdquo;Umsetzung&ldquo; sei aber noch nicht erreicht. F&uuml;r die nachgeordneten Beh&ouml;rden und die Verwaltung auf Provinz- und lokaler Ebene waren im April 2013 noch nicht einmal die Evaluierungskriterien beschlossen, lediglich f&uuml;r den Bereich der Steuerverwaltung waren einige &bdquo;allgemeine Richtlinien&ldquo; ausgearbeitet.(Eine <a href=\"http:\/\/europa.eu\/rapid\/press-release_IP-13-377_de.htm\">Zusammenfassung der Vierteljahresberichte der Task Force<\/a>; dazu ein link zu den ausf&uuml;hrlichen Berichten, die allerdings nur auf Griechisch vorliegen).<\/p><p><strong>Die Obstruktionsmacht der B&uuml;rokratie<\/strong><\/p><p>Wie weit diese Obstruktion des staatlichen Apparates geht, hat vor einigen Tagen ein Mann enth&uuml;llt, der daf&uuml;r der beste griechische Zeuge ist. Leandros Rakintzis bekleidet die Position des &bdquo;Generalinspekteurs der &ouml;ffentlichen Verwaltung&ldquo;. Die Integrit&auml;t des ehemaligen Richters am Obersten Gericht (dem Aeropag) ist &uuml;ber alle Zweifel erhaben ist. Rakintzis &uuml;bt sein Inspektorenamt seit 2004 aus, muss dabei allerdings mit nur 30 Mitarbeitern auskommen. Der Jahresbericht des Generalinspekteurs, der in der Regel Ende Juli erscheint, gilt als bestes Barometer f&uuml;r die Korruptionswetterlage im Lande.<\/p><p>In der Sonntagsausgabe von Kathimerini (vom 14. Juli) berichtet Rakintzis, dass der parteipolitische Klientelismus seit Beginn der Krise keinesfalls schw&auml;cher geworden ist: &bdquo;Die Versuche, politische Freunde und Verwandte zu beg&uuml;nstigen haben sich eher noch intensiviert, seitdem es nicht mehr so viele Nester gibt, die ein bequemes Einkommen bieten. Dasselbe gilt f&uuml;r die Bem&uuml;hungen, die eigenen Kumpel vor den Folgen der Haushaltsk&uuml;rzungen zu sch&uuml;tzen&ldquo;.<\/p><p>Die Obstruktion der Korruptionsbek&auml;mpfung durch die B&uuml;rokratie selbst kam in der Parlamentsdebatte am letzten Mittwoch nat&uuml;rlich nicht zur Sprache. &bdquo;Reform&ldquo;-Minister Mitsotakis betonte zwar, dass man &bdquo;Disziplinarf&auml;lle&ldquo; als erste in die Mobilit&auml;tsreserve schicken werde, aber Zahlen nannte er nicht. Bemerkenswert war jedoch sein Hinweis auf die Gruppe, die ebenfalls ihrer Entlassung entgegensehen soll: jene Staatsdiener, die sich ihre Einstellung mittels gezinkter Bewerbungsunterlagen erschlichen haben (zum Beispiel mit gef&auml;lschten Sprachdiplomen). Man sollte eigentlich davon ausgehen, dass solche Leute nach Aufdeckung ihres Betrugs unverz&uuml;glich gefeuert wurden. Aber das ist &ndash; angesichts klientelistisch organisierter Disziplinaraussch&uuml;sse &ndash; eine hoffnungslos naive Annahme.<\/p><p><strong>Logisches Ergebnis: die Holzf&auml;ller-Methode<\/strong><\/p><p>Da sich die Regierungen als unf&auml;hig und unwillig erwiesen haben, eine gr&uuml;ndlich geplante, auf qualitative Verbesserungen zielende Reform in die Wege zu leiten, geht es ihr heute nur noch darum, die quantitativen Vorgaben fristgerecht zu erf&uuml;llen. Das l&auml;uft auf die Holzf&auml;ller-Methode hinaus: Statt den &ouml;ffentlichen Dienst wie einen Obstbaumgarten zu pflegen und auf Ertrag zurecht zu schneiden (wof&uuml;r es den sch&ouml;nen Ausdruck Baumpflege gibt), kommt die Motors&auml;ge zum Einsatz. Drei bis vier ausreichend dicke B&auml;ume (ERT, kommunale Polizei, Schulw&auml;chter, die Lehrer eines bestimmten Schultyps) m&uuml;ssen fallen, damit man der Troika die geforderte Menge Holz liefern kann. Ob die sonstigen B&auml;ume mehr und bessere Fr&uuml;chte tragen, ob also die B&uuml;rger endlich mehr von ihrem &Ouml;ffentlichen Dienst haben, ist den Holzf&auml;llern herzlich egal.<\/p><p>Der ungebrochene Klientelismus ist also wieder einmal daf&uuml;r verantwortlich, dass eine seit drei Jahren geplante, von vier Regierungen zugesagte, von der EU-Task Force seit dem Sommer 2011 unterst&uuml;tzte Reform f&uuml;r einen leistungsf&auml;higeren &ouml;ffentlichen Dienst so lange Zeit blockiert wurde. Das Ergebnis ist nicht nur eine gro&szlig;e Ungerechtigkeit f&uuml;r die pauschal betroffenen Gruppen, es impliziert auch politische Weichenstellungen, die niemand geplant oder erw&uuml;nscht hat, wie etwa die Abschaffung der kommunalen Ordnungskr&auml;fte, die allen offiziellen Bekenntnissen zur St&auml;rkung der kommunalen Ebene gegen&uuml;ber dem Zentralstaat zuwiderl&auml;uft. Deshalb hat sich die Regierung mit ihrem Schlag gegen die kommunalen Ordnungskr&auml;fte einen handfesten Konflikt mit dem Verband der Kommunen (KEPE) eingehandelt, die sich wieder einmal durch Athen &uuml;berfahren f&uuml;hlen. Daf&uuml;r werden die Regierungsparteien in den Kommunalwahlen des n&auml;chsten Jahres sicherlich die Quittung bekommen.<\/p><p>Es ist ja durchaus nicht so, dass die griechische Bev&ouml;lkerung mehrheitlich prinzipiell gegen Reform des ausgeuferten &Ouml;ffentlichen Dienstes w&auml;re. Nach einer neuen Umfrage (von Kapa Research, ver&ouml;ffentlich in To Vima vom 21. Juli) sind nur 36 Prozent der Befragten grunds&auml;tzlich gegen Stellenk&uuml;rzungen, w&auml;hrend 60 Prozent daf&uuml;r sind, wobei sogar jeder zweite Syriza-W&auml;hler zu den Bef&uuml;rwortern geh&ouml;rt (dabei ist allerdings wichtig zu wissen, dass sich die Fragestellung nicht auf den konkreten Regierungsplan bezog. Auch die eher d&uuml;rftige Teilnahme an den Demonstrationen, zu denen die Gewerkschaften letzte Woche vor dem Parlament aufgerufen hatten, zeugt von einer immer noch breiten Skepsis der Griechinnen und Griechen gegen&uuml;ber einem klientelistischen &ouml;ffentlichen Sektor, der zu einem Teil f&uuml;r die griechischen Probleme verantwortlich ist.<\/p><p><strong>Ein neuerlicher Beleg des Versagens<\/strong><\/p><p>Das am 17. Juli verabschiedete Gesetz ist kein Erfolg der alten politischen Klasse, sondern ein neuerlicher Beleg ihres Versagens. Dass die Regierung dieses Gesetz durchpeitschte, verschafft ihr allenfalls eine kurze Atempause. Und der gesetzgeberische Parforce-Ritt hat ihre Autorit&auml;t eher geschw&auml;cht als gest&auml;rkt. Das gilt auch f&uuml;r Ministerpr&auml;sident Samaras selbst, der am Vorabend der Abstimmung eine weitere seiner verzweifelten Eigenlob-Nummern abgezogen hat. In einer Fernsehansprache verk&uuml;ndete er dem Volk in dramatischen Worten, er ganz pers&ouml;nlich habe der Troika die Erlaubnis abgerungen, die Mehrwertsteuerrate f&uuml;r das Hotel- und Gastst&auml;ttengewerbe von 23 auf 13 Prozent zu senken, und zwar ab 1. August f&uuml;r vorerst sechs Monate. Damit sei es erstmals gelungen, die Troika zu einer Steuersenkung zu bewegen: &bdquo;Im Gegensatz zu dem, was einige behaupten, machen wir wirkliche Fortschritte.&ldquo;<\/p><p>Die Fernsehansprache war ernst gemeint, jedenfalls als PR-Aktion. Doch die meisten Griechen haben den Auftritt ihres Regierungschefs als Groteske empfunden. Und das nicht nur, weil beim Sender Skai TV &bdquo;versehentlich&ldquo; eine verkorkste Aufnahme der Ansprache landete und eingespielt wurde (in der sich Samaras drei Mal verhaspelt und entnervt aus dem Bild geht, wobei die Worte zu h&ouml;ren sind: &bdquo;Fickmich -mein Kopf&ldquo;, und dazu ein griechisches Wort, das man besser nicht &uuml;bersetzt). <\/p><p>Das politische Kalk&uuml;l bei dieser Samaras-Ansprache ging aus drei Gr&uuml;nden nicht auf. Erstens war der Zeitpunkt zu offensichtlich. Am Vorabend der Debatte um ein umstrittenes Gesetz, wirkte die &bdquo;Erfolgsmeldung&ldquo; wie ein abgekartetes Spiel: als sei das &bdquo;gro&szlig;e Ringen&ldquo; mit der Troika nur simuliert, damit der Regierungschef p&uuml;nktlich in der Heldenrolle posieren konnte. Zweitens ist eine Steuersenkung zum 1. August nur bedingt geeignet, dem Hotel- und Gastst&auml;ttengewerbe eine Konjunkturspritze zu geben, die Samaras der Branche versprochen hat. Bis dahin ist die touristische Saison bereits zur H&auml;lfte gelaufen. Jedenfalls wird kein ausl&auml;ndischer Tourist wegen einer billigeren Tasse Kaffee, die sich Samaras von seinem Coup verspricht, seine Reisepl&auml;ne &auml;ndern.  <\/p><p>Am wichtigsten ist der dritte Punkt: Es ist eine v&ouml;llig offene Frage, ob die Gastst&auml;tten und Pensionen ihre Ersparnis bei der Mehrwertsteuer &uuml;berhaupt an die Konsumenten weiter geben (k&ouml;nnen). Darauf hat im Parlament auch der wirtschaftspolitische Sprecher der Syriza, der &Ouml;konom Georgios Stathakis hingewiesen. Damit steht und f&auml;llt aber die Grundannahme der Regierung, die gegen&uuml;ber der Troika argumentiert hat, die verlorenen Steuereinnahmen w&uuml;rden durch h&ouml;here Ums&auml;tze des Gewerbes weitgehend ausgeglichen. Diese Rechnung setzt voraus, dass die Preise tats&auml;chlich nach unten angepasst werden, aber vor allem auch, dass die Restaurants und Caf&eacute;s die Mehrwertsteuer nicht ganz unterschlagen, indem sie etwa keine Rechnungen ausstellen. Im letzten  Sommer hat sich gezeigt, dass Steuerunterschlagung und Schwarzarbeit gerade in der touristischen Hochsaison besonders stark zugenommen haben (siehe dazu mein <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14288\">Bericht auf den NachdenkSeiten vom 30. August 2012<\/a>).<\/p><p>Ermittlungen der Polizei und der Steuerfahndung belegen, dass dieser Trend auch dieses Jahr ungebrochen ist. Die Kontrolleure haben zwischen Mitte Juni und Mitte Juli bei der H&auml;lfte der Gastst&auml;ttenbetriebe gleich mehrfache Steuervergehen festgestellt (pro Betrieb im Durchschnitt fast 2,5 Verst&ouml;&szlig;e). Dabei lag der Prozentsatz in den boomenden Touristenzentren besonders hoch: In Rhodos bei fast 85, in Santorini bei 77 Prozent. Von den &uuml;berpr&uuml;ften Arbeitskr&auml;ften waren knapp 30 Prozent schwarz besch&auml;ftigt. <\/p><p><strong>Verzweifelter Appell ans Gastst&auml;ttengewerbe<\/strong><\/p><p>Es spricht also einiges daf&uuml;r, dass die meisten Gastst&auml;ttenbetriebe die ersparten zehn Prozent der Mehrwertsteuer f&uuml;r sich behalten werden. Deshalb appellierte Samaras in seiner Fernsehansprache an die Branche, sie m&ouml;ge einen ehrlichen Beitrag zur Gesundung der Staatsfinanzen leisten. Wenn die Gastst&auml;tten nicht endlich Quittungen ausstellten, m&uuml;sse man die Steuer wieder erh&ouml;hen. Nick Malkoutzis, der Herausgeber der englischen Ausgabe von Kathimerini meint zurecht: Das klinge so, als sehe die Regierung die erm&auml;&szlig;igte Mehrwertsteuer als &bdquo;Anreiz f&uuml;r die Restaurationsbranche, ein Gesetz zu befolgen, an das sich viele andere Branchen bereits halten&ldquo;.<\/p><p>Hintergrund f&uuml;r den Samaras-Appell ist die Bef&uuml;rchtung, durch die Mehrwertsteuer-Senkung k&ouml;nnten die staatlichen Einnahmen so stark zur&uuml;ckgehen, wie es die Steuersch&auml;tzer der Troika vermuten, n&auml;mlich um 130 Millionen Euro. In den Verhandlungen mit den EU-Partnern einigte man sich auf den Kompromiss, einen Verlust von 100 Millionen Euro anzunehmen. Das hei&szlig;t aber, dass die die griechische Seite Einsparungen in dieser H&ouml;he zusagen musste, da sie ja st&auml;ndig betont, sie wolle 2013 einen &Uuml;berschuss im Prim&auml;rhaushalt erzielen.<\/p><p>Diese 100 Millionen werden im Verteidigungshaushalt, und zwar bei der Beschaffung von R&uuml;stungsg&uuml;tern gestrichen. Eine andere L&ouml;sung war ausgeschlossen, denn beide Regierungsparteien haben ihren W&auml;hlern versprochen, keine neuen Einschnitte in die Einkommen und in die verbliebenen staatlichen Leistungen vorzunehmen. <\/p><p>So gesehen ist die K&uuml;rzung der R&uuml;stungsausgaben das einzige positive Ergebnis, das diese Mehrwertsteuer-Saga hervorgebracht hat. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Ausnahmezustand, der am Donnerstag letzter Woche im Zentrum von Athen herrschte, hat einen Namen: Wolfgang Sch&auml;uble. 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