{"id":1809,"date":"2006-10-23T14:47:55","date_gmt":"2006-10-23T12:47:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1809"},"modified":"2016-01-24T14:03:21","modified_gmt":"2016-01-24T13:03:21","slug":"schroders-eigene-versionen-neue-zumutungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1809","title":{"rendered":"Schr\u00f6ders eigene Versionen. Neue Zumutungen."},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;F&uuml;r mich gibt es keine R&uuml;ckkehr&ldquo; &ndash; so lautet die &Uuml;berschrift &uuml;ber einem Interview Gerhard Schr&ouml;ders mit dem Spiegel. Keine R&uuml;ckkehr &ndash; Gott sei Dank! Und weiter:<br>\n&ldquo;Gerhard Schr&ouml;der zieht im SPIEGEL-Gespr&auml;ch Bilanz: Die Schuld an der Wahlniederlage der SPD tr&uuml;gen die Gewerkschaften. Auch mit der Gro&szlig;en Koalition geht der Altkanzler hart ins Gericht. Die Gesundheitsreform sei ein &ldquo;b&uuml;rokratisches Monstrum&rdquo;, der Union fehle F&uuml;hrung.&ldquo;<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/0,1518,druck-443881,00.html\">SPIEGEL ONLINE<\/a><br>\n<!--more--><br>\nDas sind immer wieder neue Zumutungen. In &bdquo;Machtwahn&ldquo; habe ich das Scheitern der Schr&ouml;der&rsquo;schen Reformen dokumentiert. Nach meiner Analyse wollte er mit seinem Neuwahlbegehren dieses Scheitern &uuml;berlagern. Ich nenne das deshalb einen Befreiungsschlag, auch f&uuml;r die gescheiterte neoliberale Ideologie. Hier ein Auszug aus Machtwahn:<\/p><p><strong>Schr&ouml;ders Befreiungsschlag<\/strong><\/p><p>Auszug aus &bdquo;Machtwahn&ldquo;, Seite 45 ff.,<\/p><p>Bundeskanzler Gerhard Schr&ouml;der und sein Parteivorsitzender Franz M&uuml;ntefering sahen ihre Felle davonschwimmen. Sie sahen das Scheitern, und sie notierten, dass auch solche Medien, die bisher f&uuml;r ihre Reformen zu begeistern waren, die Nase r&uuml;mpften und die Reformen kritisch bilanzierten. Das Hartz-Desaster zeichnete sich ab, die Konjunktur sprang nicht an, die Haushaltslage blieb trist, mit wenig erfreulichen Aussichten f&uuml;r die k&uuml;nftigen Haushalte. Alles, was nach den Wahlen am 18. September 2005 an Wahrheiten &uuml;ber den Bundeshaushalt hochgesp&uuml;lt wurde, war dem Bundeskanzler und dem SPD-Parteivorsitzenden vermutlich auch am Tag der Wahlen in Nordrhein-Westfalen, am 22. Mai 2005, bekannt. Gerhard Schr&ouml;der ahnte wohl, dass er mit dieser Bilanz, mit dieser hohen Arbeitslosigkeit, mit diesem Scheitern der Reformen und diesem Schuldenberg, mit einer Partei, der die besten Leute davonlaufen, mit entt&auml;uschten Arbeitnehmern und Gewerkschaften keine Chancen haben w&uuml;rde, im Jahr 2006 die Bundestagswahlen noch einmal zu gewinnen. Und M&uuml;ntefering sah wohl, dass mit Schr&ouml;der f&uuml;r seine Partei kein Staat mehr zu machen, sprich: keine Wahl mehr zu gewinnen war. Und er erkannte, dass er als Parteivorsitzender (zu Recht) ma&szlig;geblich mitverantwortlich gemacht w&uuml;rde f&uuml;r das sich abzeichnende Desaster.6<\/p><p>Die beiden haben clever reagiert, geradezu meisterhaft. Mit ihrer Forderung nach Neuwahlen l&ouml;schten sie die Debatte um das Scheitern ihrer Reformpolitik mit einem Schlag aus, und fast niemand redete mehr vom Verlust der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen vom 22. Mai 2005. Als Schr&ouml;der schon alles zu entgleiten drohte, hatte der Medienkanzler das Heft wieder in der Hand.<\/p><p>Die Medien bewunderten Schr&ouml;der und M&uuml;ntefering f&uuml;r den Coup vom 22. Mai. &raquo;Alle Achtung&laquo;, hie&szlig; es. Die SPD habe mit einem &Uuml;berraschungscoup das Gesetz des Handelns wieder an sich gerissen. Schr&ouml;der wurde als Spieler bewundert, und M&uuml;ntefering bescheinigte man einen strategischen Erfolg. Welchen viel gr&ouml;&szlig;eren Coup der Kanzler mit seinem Neuwahlbegehren landete, das haben die professionellen Beobachter nicht gemerkt: Er hat in der breiten &Ouml;ffentlichkeit, bei den Eliten und in seiner Partei vergessen gemacht, dass er als Reformkanzler gescheitert ist und dass w&auml;hrend seiner Zeit als Regierungschef sieben so&shy;zialdemokratische Ministerpr&auml;sidenten abgew&auml;hlt wurden &ndash; sie mussten damit vor allem f&uuml;r Schr&ouml;ders Politik in Berlin b&uuml;&szlig;en. Schleswig-Holstein, Hamburg, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Saarland und Hessen &ndash; in allen diesen L&auml;ndern wurde seit Regierungsantritt von Gerhard Schr&ouml;der der sozialdemo&shy;kratische Ministerpr&auml;sident gekippt. Die Bundesratsmehrheit der Union ist schlie&szlig;lich nicht vom Himmel gefallen. In Schr&ouml;ders Zeit wurden reihenweise Kommunalwahlen verloren. Tausende von Schr&ouml;ders Parteifreunden und -freundinnen haben in dieser Zeit ihre Mandate eingeb&uuml;&szlig;t. St&auml;dte, die jahre- und jahrzehntelang von Sozialdemokraten gef&uuml;hrt worden waren, fielen an die Union. Typisch daf&uuml;r ist Nordrhein-Westfalen, wo die besonderen Begabungen von Gerhard Schr&ouml;der und Wolfgang Clement sich erg&auml;nzten &ndash; und zu einem grandiosen Inferno der Genos&shy;sinnen und Genossen an Rhein und Ruhr f&uuml;hrten: K&ouml;ln, Essen, Duisburg, Wuppertal, und so weiter, und so weiter &hellip;<\/p><p>Die Neuwahlentscheidung hat Schr&ouml;ders und M&uuml;nteferings Verantwortung f&uuml;r diesen Niedergang genauso &uuml;berlagert und weggewischt wie ihre Verantwortung f&uuml;r den Aderlass der SPD, die in der Zeit von Gerhard Schr&ouml;ders Kanzlerschaft &uuml;ber 180&#8197;000 ihrer einstmals 775&#8197;000 Mitglieder verloren hat, also rund ein Viertel.<\/p><p>In dieser Situation Neuwahlen zu verlangen &ndash; das war ein toller Coup.<\/p><p>Gerhard Schr&ouml;der ging unter Ovationen und als Sieger vom Platz. Und die meisten Modernisierer in der SPD sind geblieben, sie haben sich voll eingenistet in den wichtigen Funktionen, die es auch in einer gro&szlig;en Koalition zu verteilen gibt. Die Linke, die sich im Kommen w&auml;hnte, ist entmachtet. Andrea Nahles wurde nicht Generalsekret&auml;rin, obwohl sich der SPD-Vorstand mehrheitlich f&uuml;r sie ausgesprochen hatte. Wolfgang Thierse ist nicht mehr Bundestagspr&auml;sident.<\/p><blockquote class=\"blockquote_with_border\"><p>Was hat Schr&ouml;ders Befreiungsschlag uns gebracht?<\/p>\n<p>An der Art und Weise, wie die vorgezogenen Neuwahlen durchgesetzt wurden, wird die Motivation der politischen Eliten sichtbar: Sie wollen als Person und Politiker &uuml;berleben. Das verlangt vor allem, bei den Medien zu bestehen. Daneben ist die Frage, was dem Wohl des Volkes dient, zweitrangig.<br>\nWenn letztere Frage von Bedeutung gewesen w&auml;re, h&auml;tten Schr&ouml;der und M&uuml;ntefering zu einem anderen Schluss kommen m&uuml;ssen: Die Reformpolitik hat die wirtschaftliche Belebung und auch die finanzielle Stabilisierung des Haushalts und der sozialen Sicherungssysteme nicht gebracht, also haben wir uns im Wirkungszusammenhang get&auml;uscht, also m&uuml;ssen wir vielleicht doch auf jene Fachleute h&ouml;ren, die uns eine Kurskorrektur in der Wirtschaftspolitik anraten.<br>\nAn das Wohl unseres Landes haben die beiden jedoch nicht gedacht. Das gilt &uuml;brigens auch f&uuml;r Politiker anderer Parteien: Wenn beispielsweise Bundeskanzlerin Merkel Ende Januar 2006 auf der Sicherheitskonferenz in M&uuml;nchen den Konflikt mit dem Iran bis hin zur Kriegsbereitschaftserkl&auml;rung versch&auml;rft, dann zielt sie vor allem auf das Medienecho.<\/p><\/blockquote><p>Die Modernisierer dagegen sind personell etabliert: Franz M&uuml;ntefering, in dessen Wirkungszeit als SPD-Vorsitzender, als Generalsekret&auml;r und Fraktionsvorsitzender der Niedergang ebenso f&auml;llt wie in die Zeit von Schr&ouml;ders Kanzlerschaft, ist Vizekanzler, so m&auml;chtig wie nie zuvor und ohne Verantwortung in seiner Partei. Damit ist M&uuml;ntefering ein noch gr&ouml;&szlig;erer Gewinner des Coups vom 22. Mai 2005 als Schr&ouml;der selbst. Der Wahlverlierer von Nordrhein-Westfalen, Peer Steinbr&uuml;ck, ist m&auml;chtiger Finanzminister, weil er im neoliberalen Trend liegt und trotz Wahlniederlage systematisch &raquo;hochgeschrieben&laquo; wurde, sogar zum potentiellen Vizekanzler; der Wahlverlierer von Niedersachsen, Sigmar Gabriel, ist ebenfalls im Kabinett, er verdankt sein Comeback vermutlich der &raquo;F&auml;higkeit&laquo;, unentwegt zu Talkshows eingeladen zu werden; und Generalsekret&auml;r ist Hubertus Heil, ein Angeh&ouml;riger der sogenannten Netzwerker in der Partei, die sich selbst als jung und unideologisch verstehen, als weder rechts noch links. Personell wie sachlich ist die SPD damit als ausgewiesen soziale und demokratische linke Partei abgetreten.<\/p><blockquote class=\"blockquote_with_border\"><p>Ein toller Vorgang!<\/p>\n<p>Wie und an wen die SPD-Ministerposten in der neuen Bundes&shy;regierung und die Positionen in der neuen F&uuml;hrungsspitze der Partei vergeben wurden, das interessiert hier nicht wegen der parteipolitischen Entwicklung der SPD, es interessiert, weil daran sichtbar wird, dass personalpolitische Entscheidungen in wichtigen Positionen, also die Auswahl von Parteieliten, nicht mehr in der inneren Willensbildung und vor allem nicht nach Leistungsgesichtspunkten fallen, sondern ganz wesentlich medial vorgepr&auml;gt sind. Peer Steinbr&uuml;ck, Sigmar Gabriel, Hubertus Heil &ndash; diese Personen geh&ouml;ren allesamt zu Gruppierungen, die in den neoliberal ausgerichteten Medien Beifall finden. Nach diesem Kriterium scheinen die Kader von den Parteien ausgew&auml;hlt zu werden, nicht nach Qualit&auml;t, nicht nach sachlichem Profil. Nicht einmal nach Leistung. Die innere Willensbildung ist zumindest in der SPD und bei den Gr&uuml;nen weitgehend fremdbestimmt. Auch die 99-Prozent-Wahl des neuen SPD-Vorsitzenden Platzeck war wesentlich medial und nicht vom Leistungsnachweis gepr&auml;gt. Das daraus folgende Wunder wird die SPD noch erleben.<\/p><\/blockquote><p>Unter normalen Umst&auml;nden h&auml;tte man mit diesen verantwortlichen Personen abrechnen m&uuml;ssen. Statt dessen haben sie steil Karriere gemacht.<\/p><p>Gerhard Schr&ouml;der brachte seine Leute im neuen Kabinett und im SPD-Vorstand unter, er wurde Mitglied der Koalitionsverhandlungskommission, redete ein gewichtiges Wort mit und ging dann als Sieger vom Platz &ndash; ein fantastisches Beispiel einer breitangelegten und erfolgreichen Gehirnw&auml;sche. Und wie sich bei solchen Manipulationsvorg&auml;ngen immer wieder zeigt: Die Eliten sind mindestens so beeinflussbar wie das Volk. Auch im sogenannten kritischen B&uuml;rgertum waren nur wenige anzutreffen, die den Vorgang durchschauten. G&uuml;nter Grass zum Beispiel ist der Faszination von Schr&ouml;ders Spiel voll erlegen. Er &ndash; sozu&shy;sagen oberster Repr&auml;sentant jener Gruppe, die man kritisches B&uuml;rgertum nennen k&ouml;nnte &ndash; hat noch nach der Wahl Gerhard Schr&ouml;der als &raquo;politisches Talent&laquo; &uuml;ber den gr&uuml;nen Klee gelobt, er sei &raquo;ein mutiger Mann&laquo;; er m&uuml;sse Kanzler bleiben, trotz Verlust von &uuml;ber 4 Prozentpunkten; Schr&ouml;der sei der &raquo;Wunschkandidat der Bev&ouml;lkerung&laquo; und m&uuml;sse die &raquo;Reformen fortsetzen&laquo;.7 Das spricht f&uuml;r sich. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;F&uuml;r mich gibt es keine R&uuml;ckkehr&ldquo; &ndash; so lautet die &Uuml;berschrift &uuml;ber einem Interview Gerhard Schr&ouml;ders mit dem Spiegel. Keine R&uuml;ckkehr &ndash; Gott sei Dank! Und weiter:<br \/> &ldquo;Gerhard Schr&ouml;der zieht im SPIEGEL-Gespr&auml;ch Bilanz: Die Schuld an der Wahlniederlage der SPD tr&uuml;gen die Gewerkschaften. Auch mit der Gro&szlig;en Koalition geht der Altkanzler hart ins Gericht. 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