{"id":1814,"date":"2006-10-24T14:30:44","date_gmt":"2006-10-24T12:30:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1814"},"modified":"2016-01-23T11:13:26","modified_gmt":"2016-01-23T10:13:26","slug":"gerhard-s-mittelmas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1814","title":{"rendered":"Gerhard S. Mittelma\u00df"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe mir jetzt die M&uuml;he gemacht, den Auszug aus Schr&ouml;ders Buch im &bdquo;Spiegel&ldquo; zu lesen. Es geht dabei vor allem um die Entstehungsgeschichte der Agenda 2010 und um die Gr&uuml;nde f&uuml;r Schr&ouml;ders Neuwahlbegehren. Wenn ich diesem Rechtfertigungsst&uuml;ck glaube, dann muss ich feststellen, dass wir einen Bundeskanzler hatten, der keine Ahnung von den einfachsten gesamtwirtschaftlichen Zusammenh&auml;ngen hatte und den Bezug zur Wirklichkeit verloren hatte. Es folgen Anmerkungen zu einzelnen Textteilen.<br>\n<!--more--><\/p><p>Vorweg betone ich noch einmal die Anmerkung von oben. Ich tue mal so, als k&ouml;nne man Schr&ouml;der glauben. Die Ziffern sind &uuml;brigens die Seitenangaben im Spiegel.<\/p><ol>\n<li><strong>Der fr&uuml;here Bundeskanzler glaubt wirklich an den Wirkungszusammenhang von Reformen und Wirtschaftswachstum. <\/strong>W&ouml;rtlich hei&szlig;t es zur Begr&uuml;ndung von Strukturreformen im Gesundheitswesen, in der Rentenversicherung und auf dem Arbeitsmarkt: &ldquo;Effizienz in den sozialen Sicherungssystemen, Subventionsabbau und Steuersenkungen sollten die Zielgr&ouml;&szlig;en sein, um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln und Mittel frei zu bekommen f&uuml;r Zukunftsinvestitionen des Staates.&ldquo; (S. 44) Dieser Glaube ist die Grundlage der falschen Politik von Kohl bis heute. Schr&ouml;der hat ihn offenbar voll ausgelebt. Dagegen kann man nur die naive Erkenntnis setzen, dass Unternehmen dann investieren und mehr produzieren, wenn sie mehr Umsatz erwarten, wenn die Nachfrage stimmt. Kein rationaler Unternehmer investiert, weil die Steuern gesenkt worden sind oder weil Subventionen abgebaut wurden. Hier kann ich nur wie schon oft den amerikanischen Nobelpreistr&auml;ger Robert Solow zitieren:\n<p>      &bdquo;Die deutsche Wirtschaft schw&auml;chelt nun schon seit einer Dekade. Wenn ich ein Manager w&auml;re, w&uuml;rde ich meine Produktion auch nicht ausweiten, solange die M&auml;rkte nicht erkennbar expandieren. Klar, Makropolitik beherrscht vermutlich niemand perfekt. Aber mir scheint offensichtlich: in Deutschland k&ouml;nnte man sie wesentlich besser machen.&ldquo; (In der &bdquo;Wirtschaftswoche&ldquo; vom 9.September 2004 auf die Frage nach den Perspektiven f&uuml;r Deutschland)<\/p><\/li>\n<li><strong>Das Scheitern von Schr&ouml;ders Reformpolitik wird vollst&auml;ndig ausgeblendet.<\/strong> Schr&ouml;der setzt offenbar darauf, dass die Gehirnw&auml;sche, die er mit seinem Begehren f&uuml;r Neuwahlen und dem Wahlgang selbst bewirkt hat, nachwirkt. In &bdquo;Machtwahn&ldquo; habe ich den Vorgang selbst ausf&uuml;hrlich beschrieben. Ich wiederhole hier Wesentliches und stelle gleichzeitig (nach dem Tagebucheintrag vom 23.10.) e<a href=\"?p=1813\">inen weiteren Teil aus dem Kapitel II, &bdquo;Konkursverschleppung&ldquo;<\/a>, in die NachDenkSeiten. Siehe auch das <a href=\"?page_id=1082\">Inhaltsverzeichnis<\/a>. (Im &uuml;brigen kann ich nur empfehlen, angesichts der Texte von Schr&ouml;der die einschl&auml;gigen Kapitel von &bdquo;Machtwahn&ldquo; nachzulesen.)<br>\n      Beginnend mit dem Herbst 2004 und massiv ab Fr&uuml;hjahr 2005 erschienen in den deutschen Medien, sogar in solchen, die die Reformpolitik st&uuml;tzten, immer mehr Bilanzen des Scheiterns der Reformpolitik. So lautete etwa eine solche Bilanz des Spiegel vom 23.5.2005 &bdquo;Die total verr&uuml;ckte Reform Hartz IV&ldquo;. Im Berliner Tagesspiegel zum Beispiel erschien eine ausf&uuml;hrliche Bilanz von Hartz I bis III. Am 26. Dezember erschien im Handelsblatt sogar der Bericht &uuml;ber eine von der Bundesregierung selbst in Auftrag gegebene Studie. Die Hartz-Reformen verpuffen, war der Tenor. Wir haben dazu im kritischen Tagebuch gleich zwei Beitr&auml;ge platziert:\n<ul>\n<li>\n<a href=\"?p=1002\">&bdquo;Die Hartz-Reformen verpuffen&rdquo;<\/a><\/li>\n<li>\n<a href=\"?p=1003\">Das Handelsblatt berichtet &uuml;ber eine wissenschaftliche &Uuml;berpr&uuml;fung von Hartz I bis III: &ldquo;Gro&szlig;e Teile der Hartz-Reformen verfehlen ihr Ziel, die Arbeitslosigkeit zu senken. Einzelne Teile wirken sogar kontraproduktiv.&rdquo;<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>      Die meisten Reformen nach Hartz I bis III, so Teile der Agenda 2010 sind inzwischen sogar amtlich beerdigt oder total renoviert worden. Schr&ouml;der nimmt das alles nicht wahr. Er tut so, als sei seine Reformpolitik erfolgreich gewesen. Dass er daf&uuml;r nicht laut ausgelacht wird, folgt aus dem, was ich eine komplette Gehirnw&auml;sche nenne. Schr&ouml;der hat es mit der Neuwahl, der Debatte darum, dem daf&uuml;r notwendigen Prozedere und den vielen Bekenntnissen wichtiger Personen und Einrichtungen zur Reformpolitik (die damalige Opposition, der Bundespr&auml;sident, das Bundesverfassungsgericht) geschafft, das Scheitern der Reformpolitik total zu &uuml;berlagern.<br>\n      Er besa&szlig; obendrein die Chuzpe, eine Entscheidung des Volkes &uuml;ber die Fortsetzung dieser (gescheiterten) Reformpolitik zu verlangen. Schr&ouml;der schreibt: &bdquo;Ich wollte eine Abstimmung &uuml;ber diese Politik &ndash; und so neues Vertrauen aufbauen.&ldquo; (S. 42)<br>\n      Ich nenne das Konkursverschleppung. Eigentlich h&auml;tte die neoliberale Ideologie angesichts des Scheiterns ihrer Reformen n&auml;mlich Konkurs anmelden m&uuml;ssen. Schr&ouml;der hat ihr aus der Patsche geholfen. Der Bundespr&auml;sident und das Bundesverfassungsgericht haben dabei wissend und ma&szlig;geblich mitgewirkt. Ich schreibe &bdquo;wissend&ldquo;, weil zum Beispiel die extrem schwarz malende Erkl&auml;rung des Bundespr&auml;sidenten zur Aufl&ouml;sung des Bundestages nur so gewertet werden kann. Der Bundespr&auml;sident wusste, dass er etwas Verfassungswidriges tut und dass er deshalb dem Bundesverfassungsgericht eine Br&uuml;cke bauen muss. Deshalb das martialische Krisengem&auml;lde.<\/p><\/li>\n<li><strong>Schr&ouml;der wendet den &uuml;blichen Trick an: Die Reformen br&auml;uchten Zeit, um ihre Wirkung entfalten zu k&ouml;nnen. (S. 48)<\/strong><br>\nDas ist ein immer wiederkehrender Trick. Aber so zu argumentieren zieht nicht, wenn das Scheitern offenbar ist. Siehe oben.<\/li>\n<li><strong>Schr&ouml;der geriert sich als Anwalt der Interessen der SPD.<\/strong><br>\nIn seiner Regierungszeit sind sechs SPD-Ministerpr&auml;sidenten abhanden gekommen und nahezu alle Wahlen verloren gegangen. Die Mitglieder liefen scharenweise davon. Und Schr&ouml;der behauptet, die Agenda 2010 aufzugeben w&auml;re eine Katastrophe f&uuml;r die SPD gewesen. (Seite 42) Das Gegenteil ist richtig.<\/li>\n<li><strong>Schr&ouml;der behauptet, er habe das Sozialstaatsprinzip unter v&ouml;llig ver&auml;nderten weltwirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen bewahren wollen.<\/strong> Dazu ist zum einen anzumerken, dass dieser Bundeskanzler offenbar v&ouml;llig naiv das g&auml;ngige Gerede von den &bdquo;v&ouml;llig ver&auml;nderten Bedingungen&ldquo; &uuml;bernommen hat &ndash; hier ist sichtbar, dass dieser Mann offenbar zu eigenst&auml;ndigen Denken nicht f&auml;hig ist, sich seine Gedanken leiht. Zum anderen erliegt er der &uuml;blichen Selbstt&auml;uschung der sozialdemokratischen Reformer. Sie reden von Umbau und meinen vielleicht auch, sie h&auml;tten den Sozialstaat nur umgebaut. Tats&auml;chlich haben sie den Sozialstaatlichkeit mit ihren Strukturreformen in der Substanz ersch&uuml;ttert:\n<ul>\n<li>Mit der Riester-Rente, der Erh&ouml;hung des Renteneintrittsalters auf 67, dem Nachhaltigkeitsfaktor und vielen anderen politischen Ma&szlig;nahmen zur Minderung der Rente beziehungsweise Erh&ouml;hung der Beitr&auml;ge (versicherungsfremde Leistungen deutsche Vereinigung) wurde die Leistungsf&auml;higkeit der gesetzlichen Rente und das Vertrauen in sie immer wieder ersch&uuml;ttert. Bis hin zur totalen Erosion des Vertrauens unter jungen Leuten. Da ist nichts erhalten geblieben, nichts von Umbau. Nur Zerst&ouml;rung.<\/li>\n<li>Mit Hartz IV werden nicht nur die direkt betroffenen Arbeitslosen getroffen, Hartz IV hat bei den noch Arbeitenden das Vertrauen in die Arbeitslosenversicherung total zerst&ouml;rt.<\/li>\n<li>&Auml;hnliches geschieht mit der solidarischen Krankenversicherung durch die F&uuml;lle von Zuzahlungen und Praxisgeb&uuml;hr und so weiter.<\/li>\n<\/ul>\n<p>      Das Vertrauen der Menschen in solidarische und damit sozialstaatliche Regelungen unseres Zusammenlebens ist von der Regierung Schr&ouml;der massiv ersch&uuml;ttert worden. Wenn Gerhard Schr&ouml;der jetzt das Gegenteil behauptet, dann sagt er nicht die Wahrheit oder er lebt im Bunker. &Uuml;brigens ist die Schlichtheit des Denkens unseres ehemaligen Bundeskanzlers schon beachtlich. Ich zitiere einen Kerngedanken von Seite 44:<\/p>\n<p>      &bdquo;Da sich die Struktur unserer Sozialsysteme seit 50 Jahren praktisch nicht ver&auml;ndert hatte, waren der Umbau des Sozialstaates und seine Erneuerung unabweisbar geworden &ndash; mit dem Ziel, seine Substanz zu erhalten. Deshalb brauchten wir durchgreifende Neuerungen.&ldquo;<\/p>\n<p>      Das ist bar jeder Logik. Und im &uuml;brigen einer Aussage von Josef Ackermann, Deutsche Bank, beim Neujahrsempfang der Stadt Frankfurt 2003 nachgeplappert:<\/p>\n<p>      &raquo;W&auml;re es nicht an der Zeit, nach f&uuml;nfzig erfolgreichen Jahren Bundesrepublik die Strukturen neu zu entwerfen?&laquo;<\/p>\n<p>      Immerhin hat Ackermann noch zugegeben, dass die 50 Jahre geltenden Strukturen erfolgreich waren.<br>\n      Ich habe beide zitiert, um das Niveau unseres F&uuml;hrungspersonals sichtbar werden zu lassen.<\/p><\/li>\n<li><strong>Zur Begr&uuml;ndung der Reformpolitik wird auch die au&szlig;enpolitische Handlungsf&auml;higkeit bem&uuml;ht.<\/strong> Schr&ouml;der behauptet, wir m&uuml;ssten zum Wandel im Inneren bereit sein, um unserer deutschen Verantwortung in und f&uuml;r Europa gerecht werden zu k&ouml;nnen. (S. 44). Da kann man nur feststellen, dass die Reformpolitik mit dem massiven Niedergang der Wahlbeteiligung, dem Anwachsen der Rechtsradikalen und der von au&szlig;en durchaus erkennbaren Depression unseres Volkes das Gegenteil dessen bewirkt hat, was Schr&ouml;der sich in seinen Tr&auml;umen versprochen hatte.<\/li>\n<li><strong>Schr&ouml;der erweckt an mehreren Stellen den Eindruck, als sei seine Reformpolitik seinen Gegnern zum Opfer gefallen:<\/strong> den Linken in der SPD, den Gewerkschaften, vor allem Peters und Bsirske, den Montagsdemonstranten. Schr&ouml;der spricht von &bdquo;gesch&uuml;rter Abneigung der B&uuml;rger gegen unsere Reformpolitik&ldquo;. Abgesehen davon, dass seine Reformen an ihrer konzeptionellen Schw&auml;che und Unsinnigkeit scheiterten, steckt hinter Schr&ouml;ders Schuldzuweisung eine geradezu l&auml;cherliche Fehleinsch&auml;tzung der Macht der genannten Gruppen. Au&szlig;erdem ist es der &uuml;bliche Versuch, Vorurteile zu nutzen und im &uuml;brigen auf den gleichen Zug aufzuspringen, die Helmut Schmidt und seine Unterst&uuml;tzer schon genutzt haben, um Schmidts Verantwortung und die Verantwortung der FDP f&uuml;r die Wende von Schmidt zu Kohl im September\/Oktober 1982 beiseite zu schieben.<\/li>\n<li><strong>Interessant: die Interessenverfilzung Schr&ouml;ders und die Tatsache, dass von ihm viel &bdquo;reformiert&ldquo; worden ist, um Interessen zu bedienen, beschreibt er nat&uuml;rlich nicht.<\/strong><\/li>\n<\/ol><p>Wir werden es weiterhin tun. \t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe mir jetzt die M&uuml;he gemacht, den Auszug aus Schr&ouml;ders Buch im &bdquo;Spiegel&ldquo; zu lesen. Es geht dabei vor allem um die Entstehungsgeschichte der Agenda 2010 und um die Gr&uuml;nde f&uuml;r Schr&ouml;ders Neuwahlbegehren. Wenn ich diesem Rechtfertigungsst&uuml;ck glaube, dann muss ich feststellen, dass wir einen Bundeskanzler hatten, der keine Ahnung von den einfachsten gesamtwirtschaftlichen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1814\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[140,123,41,190],"tags":[312,411,402],"class_list":["post-1814","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hartz-gesetze-buergergeld-grundsicherung","category-kampagnentarnworteneusprech","category-medienanalyse","category-wahlen","tag-reformpolitik","tag-schroeder-gerhard","tag-wachstum"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1814","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1814"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1814\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30517,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1814\/revisions\/30517"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1814"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1814"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1814"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}