{"id":18168,"date":"2013-08-02T09:16:00","date_gmt":"2013-08-02T07:16:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18168"},"modified":"2024-09-27T05:36:41","modified_gmt":"2024-09-27T03:36:41","slug":"james-galbraith-im-gesprach-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18168","title":{"rendered":"James Galbraith im Gespr\u00e4ch \u2013 deutsche \u00dcbersetzung"},"content":{"rendered":"<p><strong>Roger Strassburg<\/strong> hatte die Gelegenheit, sich in Berlin mit <strong>James Galbraith<\/strong> zu unterhalten. Galbraith war kurz zuvor in Griechenland und traf sich dort mit Yanis Varoufakis und Alexis Tsipras. Seine Erfahrungen in Griechenland, die Gefahren f&uuml;r die Eurozone und transatlantische Missverst&auml;ndnisse sind Thema des Gespr&auml;chs. Wir hatten Ihnen bereits am Mittwoch die <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18147\">englischsprachige Originalversion des Interviews<\/a> vorgestellt. Heute folgt die deutsche Version. F&uuml;r die &Uuml;bersetzung bedanken wir uns herzlich bei <a href=\"http:\/\/www.tober-uebersetzungen-berlin.com\/\">Sabine Tober<\/a>.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Im Westend Verlag ist ganz aktuell das Buch <a href=\"http:\/\/www.westendverlag.de\/buecher-themen\/programm\/handelt-jetzt-heiner-flassbeck-paul-davidson-james-k-galbraith-richard-koo-jayati-ghosh.html\">&ldquo;Handelt jetzt. Das globale Manifest zur Rettung&rdquo;<\/a> erschienen, das James K. Galbraith zusammen mit Heiner Flassbeck, Paul Davidson, Richard Koo und Jayati Ghosh verfasst hat. Galbraith skizziert darin das Versagen der herrschenden &ouml;konomischen Lehre und fordert ein vollst&auml;ndig neues Denken.<\/em><\/p><p>Roger Strassburg: Ich habe mir Ihre Reden angeh&ouml;rt. Die in Kroatien fand ich besonders interessant, als Sie &uuml;ber echten und falschen Keynesianismus sprachen. Was meinen Sie damit?<\/p><p>James Galbraith: Na ja, das ist nur eine h&ouml;flichere Ausdrucksweise f&uuml;r das, was Joan Robinson mit einem etwas weniger feinen Wort bezeichnet hat. Worauf ich da ziele in der Hoffnung, damit gewissen Leuten ein paar Nadeln unter die Haut zu pieksen, ist die irref&uuml;hrende und wie ich meine fundamental anti-keynesianische Vorstellung, die Aufgabe der Volkswirtschaft bestehe darin, zu stimulieren und so die Wirtschaft aus ihrem gegenw&auml;rtigen Zustand wieder auf das Gleis des Wachstumspotentials zu bringen, das vorher als normal galt. Daran ist zweierlei falsch. Erstens vermittelt es den irrigen Eindruck, das volkswirtschaftliche Problem sei ein kurzfristiges, offen f&uuml;r relativ kurzfristige L&ouml;sungen, die haupts&auml;chlich aus Ausgabenerh&ouml;hungen und Steuersenkungen bestehen. Und das lenkt dann von den Problemen ab, die meines Erachtens die wirklichen H&uuml;rden f&uuml;r eine solche R&uuml;ckkehr sind.<\/p><p>Ich denke mal, w&auml;re Keynes heute hier, w&uuml;rde er die Schwierigkeiten ganz klar erkennen und eine strategische und langfristige Herangehensweise an den Tag legen, um so die institutionellen Ver&auml;nderungen zu erreichen, die meiner Meinung nach notwendig sind.  Da w&auml;re als erstes die Regelung des Schuldenproblems, dann eine Umwandlung und Umstrukturierung des Bankensektors, neue Einrichtungen zur Arbeitsbeschaffung f&uuml;r die, die das brauchen, und ein gest&auml;rktes System umfassender Sozialversicherung. All dies war Teil des New Deal und ist ungemein wichtig, und zwar nicht, um Wachstum und Vollbesch&auml;ftigung wiederherzustellen, sondern um sich dem viel brennenderen Problem zu stellen, unmittelbare Katastrophen abzuwenden. <\/p><p>Roger Strassburg: Sie glauben also nicht, dass der Wachstumtrend auf jeden Fall eine gute Sache ist?<\/p><p>James Galbraith: Ich glaube, jedes Programm, das kurz- oder mittelfristig auf die Erreichung  eines vorherigen trendm&auml;&szlig;igen Wachstums ausgerichtet ist, muss in Entt&auml;uschung enden, und es ist keine gute Idee, einem Wirtschaftsprogramm falsche Bezugspunkte voranzustellen.<\/p><p>Roger Strassburg: Aber immerhin war das ein Trend, bei dem unsere Kapazit&auml;ten mehr oder weniger ausgelastet waren.<\/p><p>James Galbraith: Was Auslastung der Kapazit&auml;ten hier bedeuten soll, wei&szlig; ich nicht. <\/p><p>Roger Strassburg: Dass alle Arbeit haben, mehr oder weniger ..<\/p><p>James Galbraith: Ah, also das ist eine ganz andere Geschichte. Mit voll ausgelasteten Kapazit&auml;ten meint man &uuml;blicherweise das Produktionspotential der Kapitalg&uuml;ter. Zweierlei passiert mit den Kapitalg&uuml;tern in einer gro&szlig;en Wirtschaftskrise. Ertens verschwinden sie, und zweitens werden sie, wenn sie ersetzt werden, durch Alternativen ersetzt, die gewaltig am Faktor Arbeit sparen, und das ganz besonders bei der jetzigen Lage. Als Folge davon  &ndash;  und das kann man jetzt schon von den Zahlen ablesen  &ndash;  haben auch unsere bescheidenen Wachstumsraten nicht zu einer Erholung am Arbeitsmarkt gef&uuml;hrt, nicht einmal in dem Ausma&szlig;, das man aufgrund fr&uuml;herer Erfahrungen erwartet h&auml;tte. Und ich glaube, das hat haupts&auml;chlich zwei Gr&uuml;nde: die Ausl&ouml;schung der alten Kapitalg&uuml;ter und die Entwicklung arbeitssparender Technologien.<\/p><p>Roger Strassburg: Es gibt diese Denkrichtung, die behauptet, Arbeit w&uuml;rde obsolet, was vielleicht etwas &uuml;bertrieben ausgedr&uuml;ckt ist. Aber glauben Sie, dass wir bald keine Arbeit mehr haben werden?<\/p><p>James Galbraith: Also, diese Frage teilen wir jetzt einmal auf.<\/p><p>Der Anteil der Besch&auml;ftigten in der verarbeitenden Industrie ist in den USA schon auf acht Prozent gesunken.  Diese acht Prozent, und das meiste davon wird bleiben, sind Besch&auml;ftigte in Bereichen, in denen die USA wettbewerbsf&auml;hig ist. Die Teile, die anf&auml;llig sind, in der Leichtindustrie, einiges davon wird bleiben, egal was sonst in der Welt los ist, und was dann vielleicht noch verloren gehen kann, ist kein besonders gro&szlig;er Teil des Arbeitsmarktes insgesamt. Und selbst wenn das alles verloren ginge, dann w&auml;re das auch nur in der gleichen Gr&ouml;&szlig;enordnung wie die Verluste am Arbeitsmarkt, die wir jetzt in der Krise schon haben  &ndash;  wir haben acht Millionen Jobs verloren, und auch wenn wir weitere elf Millionen verlieren, ist das nicht so viel mehr. Also soviel zum ersten Punkt. Der zweite betrifft die &uuml;brige Wirtschaft, und das sind 130, 140 Millionen Leute. Das ist ein viel gr&ouml;&szlig;erer Teil, und vieles davon ist B&uuml;roarbeit, und vieles Informationsverarbeitung, und vieles ist in unterschiedlichen Bereichen dieser Art, wo Unternehmen ihre Belegschaft verschlankt haben, und w&auml;hrend sie mit dem schwachen Wachstum zu k&auml;mpfen haben, wollen sie keine neuen Einstellungen vornehmen, und deshalb ersetzen sie teure Arbeitskraft mit billiger Technologie , wo es nur geht.<\/p><p>Roger Strassburg: Glauben Sie, dass die Wirtschaft neue und andersartige Jobs entwickeln wird?<\/p><p>James Galbraith: Ich glaube nicht, dass die Wirtschaft die entwickelt. Ich glaube, wir m&uuml;ssen das tun.<\/p><p>Roger Strassburg: K&ouml;nnen sie denn geschaffen werden?<\/p><p>James Galbraith: Ja, sicher, nat&uuml;rlich k&ouml;nnen die geschaffen werden.<\/p><p>Roger Strassburg: Sie w&uuml;rden also nicht mit der Vorstellung &uuml;bereinstimmen, unsere Arbeitskraft w&uuml;rde &uuml;berfl&uuml;ssig?<\/p><p>James Galbraith: Nein. Alte Leute brauchen Pflege, und daf&uuml;r stellt man junge Leute ein, und das ist v&ouml;llig machbar, solange es jemanden gibt, der die Schecks ausstellt. Das ist nicht schwer. Ich glaube nicht, dass das in jedem Bereich effektiv auf Profitbasis realisiert werden kann, aber gemacht werden kann es sicherlich.  Und schwierig ist es auch nicht. Man braucht eben Einrichtungen daf&uuml;r, die f&uuml;r das notwendige Niveau an Qualit&auml;tskontrolle und so fort sorgen.<\/p><p>Roger Strassburg: In einem Umfeld, in dem alle versuchen, Geld zu sparen, ist das nat&uuml;rlich nicht sehr wahrscheinlich.<\/p><p>James Galbraith: Also, wenn Sie glauben, dass Geld ein konkretes systemimmanentes Hindernis ist, dann haben Sie schon verloren.  Dann schaffen Sie es nicht.<\/p><p>Roger Strassburg: Ich wei&szlig; schon  &ndash;  man muss es irgendwie ausgraben oder so&hellip;<\/p><p>James Galbraith: Genau.<\/p><p>Roger Strassburg: Was ist mit Wachstum im Allgemeinen? Sie haben gesagt, dass Wachstum nicht unbedingt die Trends der Vergangenheit wiederholen kann. Was sehen Sie als die Grenzen des Wachstums? Der Club of Rome vertritt die Position, dass tats&auml;chlich alles kleiner werden muss, weil wir zu stark wachsen. <\/p><p>James Galbraith: Ich glaube, es gibt drei oder vier gro&szlig;e Hindernisse. <\/p><p>Einer davon ist der Preis f&uuml;r die Ressourcen, nicht ihre physische Verf&uuml;gbarkeit, sondern die Kosten der Gewinnung, und auch  &ndash;  wenn da wegen des Klimawandels richtig Rechenschaft abgelegt w&uuml;rde  &ndash;  der Preis, zu dem wir die Energie, die uns zur Verf&uuml;gung steht,  nutzen. Es ist offensichtlich, dass das jetzt ganz anders aussieht als vor vierzig Jahren.  Dazu geh&ouml;rt auch die Finanzialisierung der Energie- und Rohstoffm&auml;rkte, die es m&ouml;glich macht, dass Wirtschaftswerte sehr schnell realisiert werden k&ouml;nnen, wenn es eine Entwicklung zu schnellerem Wachstum gibt.  Die Energiepreise steigen sehr schnell, dann wird das System quasi besteuert, und folglich sinkt die Nachfrage.  Dies wiederum ist Teil des Problems der Finanzialisierung des globalen Rohstoffmarktes. Das also ist der erste Punkt.<\/p><p>Punkt Nummer zwei  &ndash;  eigentlich ein untergeordneter Punkt, auf jeden Fall einer, der eng damit zusammenh&auml;ngt  &ndash;  ist die Tatsache, dass die Vereinigten Staaten eine Zeit lang glaubten, sie k&ouml;nnten die Weltwirtschaft mit milit&auml;rischer Gewalt stabilisieren. Es ist offensichtlich, dass das nicht funktioniert, und die Auswirkungen dieser Erkenntnis f&uuml;hlt man &uuml;berall. <\/p><p>Der dritte Punkt betrifft die Auswirkung der Technologie auf den Arbeitsmarkt, und ich glaube, dass sie ein bedeutendes Hindernis f&uuml;r die Vollbesch&auml;ftigung darstellt, und zwar vor allem wegen der auf Profit ausgerichteten Privatwirtschaft.<\/p><p>Punkt vier schlie&szlig;lich betrifft den Zusammenbruch des Finanzsystems, der Europa und die Vereinigten Staaten gleicherma&szlig;en getroffen hat.  Der Bankensektor besteht aus riesigen Institutionen, die nur sehr selten, wenn denn &uuml;berhaupt jemals dem Interesse der Allgemeinheit dienen. Zum jetzigen Zeitpunkt k&ouml;nnten sie als &ouml;ffentliche Versorgungsdienste gef&uuml;hrt werden, und die festen Kosten, die sie derzeit f&uuml;r die Wirtschaft verursachen, k&ouml;nnten entfallen, womit man mehr Raum f&uuml;r private Rentabilit&auml;t an anderer Stelle h&auml;tte, was gut w&auml;re.<\/p><p>Bedeutet das nun aber, dass man eine Weltwirtschaft managen kann ohne dass es irgendwelches Wachstum gibt und gar den Abstieg in eine konstant negative Wachstumsrate? Ich w&uuml;sste nicht, wie das gehen sollte. Unternehmen sind dazu da, Geld zu verdienen, und wenn sie kein Geld verdienen k&ouml;nnen, werden sie gar nichts tun. Ich glaube, das w&auml;re sehr viel schlimmer als die Leute, die das propagieren, sich das vorstellen. <\/p><p>Roger Strassburg: In Kroatien haben Sie von einem &ldquo;dritten Weg&rdquo; gesprochen. K&ouml;nnen Sie ein bisschen ausf&uuml;hren, was der beinhalten w&uuml;rde?<\/p><p>James Galbraith: Einen &ldquo;dritten Weg&rdquo; zwischen den Austerit&auml;ts- und den Stimulus-Verfechtern? Es gibt keinen dritten Weg zwischen diesen beiden Alternativen. Wenn ich den Begriff &ldquo;dritten Weg&rdquo; benutzt habe, dann war das nur aus Respekt f&uuml;r die historische Verwendung dieses Begriffes in Jugoslawien und der Tschechoslowakei.<\/p><p>Roger Strassburg: Sie waren aber nicht gegen den Stimulus, oder?<\/p><p>James Galbraith: Ich bin dagegen, dieses Wort als Beschreibung f&uuml;r irgendeine machbare Wirtschaftsstrategie zu gebrauchen. Ich bin absolut gegen den Gebrauch des Wortes &ldquo;Stimulus&rdquo;. Ich finde, es sollte aus dem Vokabular all jener gestrichen werden, die sich um eine wirkliche Alternative zur Austerit&auml;t bem&uuml;hen, denn eine wirkliche Alternative zur Austerit&auml;t ist das nicht. <\/p><p>Roger Strassburg: Und die Alternative w&auml;re?<\/p><p>James Galbraith: Als erstes gilt es, den Patienten, der kurz vor dem Zusammenbruch steht, zu stabilisieren.Es geht hier nicht um Stimulus, es geht nicht um eine R&uuml;ckkehr zu Wachstum oder eine R&uuml;ckkehr zur Vollbesch&auml;ftigung, es geht hier darum, eine Katastrophe zu vermeiden, die zu einem Auseinanderbrechen der Euro-Zone und der Europ&auml;ischen Union f&uuml;hren wird, und das meiner Meinung nach ziemlich bald, falls nichts getan wird. Das ist, was ich den ganzen letzten Monat gesagt habe.<\/p><p>Mein Denken ist durch meinen Besuch in Griechenland nach dem Trip nach Kroatien sehr viel klarer geworden. Es stellt sich die Frage: Was f&uuml;r Beweise gibt es? <\/p><p>Okay, hier sind ein paar Beweise. Nicht einmal f&uuml;r eine sehr bescheidene Summe konnte die griechische Regierung ihr Gasmonopol an Gazprom verkaufen, weil Gazproms Analysten zu Recht bef&uuml;rchten, auf das versprochene Einkommen aus dem Gasmonopol nicht vertrauen zu k&ouml;nnen. Habe ich gesagt, dass es sich um ein Gasmonopol handelt? Wir sprechen hier von einer gut fundierten Prognose seitens eines kompetenten Unternehmens, die besagt, dass die Volkswirtschaft, die die Einnahmequelle des Gasmonopols st&uuml;tzt, nicht bestehen kann. Richtig?  Man muss nicht lange nachdenken, wenn man sich fragt, warum eine vern&uuml;nftige Regierung ein Gasmonopol f&uuml;r Cash verkauft. Die einzige vern&uuml;nftige Antwort ist: Weil sie sofort Bargeld braucht und nicht damit rechnet, lange am Ruder zu bleiben, denn ein Gasmonopol ist st&auml;ndiges Einkommen, das immer und immer weiterl&auml;uft, es sei denn, man verkauft es, und dann versiegt es. Wie die Lage aus der Perspektive der derzeitigen griechischen Regierung aussieht, ist kristallklar. <\/p><p>Wenn sie nun also das Gasmonopol nicht verkaufen k&ouml;nnen, dann sperren sie ohne Diskussion im Kabinett und ohne Parlamentsdebatte oder sonstiges Votum mit einer Vorwarnung von sechs  Stunden das staatliche Radio und Fernsehen, anscheinend um 200 oder 250 Millionen Euro im Verlauf eines Jahres einzusparen, um eine willk&uuml;rliche Forderung der Troika f&uuml;r genau diese Summe zu erf&uuml;llen und zu zeigen, wie hart im Nehmen und wie resolut sie sind. <\/p><p>Das griechische Volk aber hat gesagt, nein, jetzt reicht&rsquo;s. Es reicht. Man kann mit einer Menge Entbehrungen leben, aber einen direkten Angriff auf die eine &ndash; wenngleich m&auml;ngelbehaftete  &ndash;  Einrichtung, die das Land f&uuml;r den &ouml;ffentlichen Diskurs hat, den kann man nicht akzeptieren. Das geht einfach nicht, und so &uuml;bernahmen die Journalisten die Kontrolle &uuml;ber die Geb&auml;ude, die Gewerkschaften sorgten daf&uuml;r, dass der Strom weiter floss, und das Volk stand drau&szlig;en und besch&uuml;tzte sie. Es war fantastisch! <\/p><p>Aber es war auch etwas, das zeigte, wie nah am Abgrund man schon war. Und es gibt da auch noch Anderes, das mit der Zeit passieren kann und wird, und auf jeden Fall ist man nicht weit entfernt von einer Konfrontation, die schlie&szlig;lich zu einer  wirklichen, na ja, Zerrei&szlig;probe f&uuml;hren wird. Und nat&uuml;rlich kennen wir schon das politische Nachspiel, dass n&auml;mlich einer der Koalitionspartner der Regierung den R&uuml;cken gekehrt hat und ihr eine Mehrheit von nur drei Stimmen liess. Von einer Mehrheit von drei Stimmen bis zu Neuwahlen ist es nicht weit. <\/p><p>Roger Strassburg: Wie war die Stimmung in Griechenland. Ich meine, in den Stra&szlig;en, wie hat sich die Situation des Landes da manifestiert? <\/p><p>James Galbraith: Also da gab es Zweierlei.<\/p><p>Einerseits sieht man &auml;ltere Menschen, die den M&uuml;ll nach Essbarem durchsuchen.  Auch jede Menge Leute, die auf der Stra&szlig;e schlafen, ein erb&auml;rmlicher Anblick.  Und dann kilometerweit leerstehende Gesch&auml;fte. Und Pfandh&auml;user sieht man, ganze Reihen von Pfandh&auml;usern, manchmal das einzige existenzf&auml;hige Gesch&auml;ft in einem sonst verlassenen, ziemlich h&auml;sslichen Komplex ehemaliger Verkaufsr&auml;ume und so fort.<br>\nDas ist, was einem sofort konkret ins Auge f&auml;llt. <\/p><p>Und dann habe ich etwas gesehen  &ndash;  auch wieder vor dem B&uuml;ro des ERT (Griech. Rundfunk und Fernsehen)  &ndash;  das hat mich eher gefreut, tats&auml;chlich hat es mich sehr gefreut, und das war diese Amosp&auml;re von  &ndash;  ich w&uuml;rde es nicht mal Protest nennen  &ndash;  eher: wir sind hier, weil wir dies hier besch&uuml;tzen wollen, wir werden diese Schlie&szlig;ung des staatlichen Fernsehens und Rundfunks nicht zulassen, und darum stehen wir hier als Puffer zwischen den Leuten, die da drin ihre Arbeit tun, und irgendwelchen Zwangsma&szlig;nahmen von au&szlig;en, von denen man aber  &ndash;  zum Gl&uuml;ck zu dem Zeitpunkt &ndash;  nichts bemerkte, aber die nat&uuml;rlich potentiell da waren.  Wenn die vielen Menschen nicht da gewesen w&auml;ren, na ja, wissen Sie, da h&auml;tte man &hellip;Die Regierung hatte die Gewerkschaften angewiesen, den Strom abzustellen, und sie hat die Telefone abgeschaltet, aber die Gewerkschaften haben gesagt, nein, wir lassen den Strom an. Die Regierung schaltete die Sendemasten ab, aber die Mitarbeiter gingen ins Internet und sendeten so.  Und andere Privatstationen &uuml;berall in Europa griffen das dann auf.<\/p><p>Roger Strassburg: Wie steht&rsquo;s mit Portugal? Sie haben mal gesagt, dass es da zur Zeit nicht ganz so brisant ist.<\/p><p>James Galbraith: Es gab einen Generalstreik in Portugal, das war, glaube ich, gestern. Die Lage in Portugal ist sehr ernst, aber mein Eindruck ist, und ich war nicht sehr lange dort, mein Eindruck ist, das die sozialen Belastungen nicht so gro&szlig; sind wie in Griechenland. Was passieren wird, wenn das Ganze auseinanderbricht, ist, glaube ich, dass es erst Griechenland treffen wird, und dass das Problem dann, jedenfall unmittelbar nicht die gleiche Art des gesellschaftlichen Zusammenbruchs in Portugal oder auch Spanien sein wird, sondern eher, dass der Spekulationsangriff auf diese L&auml;nder &uuml;berhand nimmt. Anders gesagt, es wird einen Bankensturm geben.<\/p><p>Roger Strassburg: Wo wir gerade von Banken reden, die EU hat anscheinend beschlossen, dass es ab jetzt allgemeine Politik ist, damit anzufangen, die Einleger bei Bankpleiten auch in die Haftung einzubeziehen. Was glauben Sie wird das f&uuml;r Folgen haben? Ich meine, wir reden hier ja noch von ungesicherten Einlagen.<\/p><p>James Galbraith: Das Problem hier ist das Ausma&szlig; der Einlagenversicherung, und da gibt es zweierlei zu bedenken.  Erstens ist das Schutzniveau von 100.000 Euro zu niedrig. Und zweitens muss man &uuml;berlegen, wie man mit Unternehmen, Genossenschaften, Kleinunternehmern und so fort umgeht, die ja Lohnsummen haben, die zeitweise weit dar&uuml;ber liegen. Wenn man unflexibel in der Frage ist, wessen Einlagen versichert sind, dann ist man bei dieser Art von Haftungsbeteiligung, und dann ruiniert man schlie&szlig;lich die ganze Wirtschaft, wie das in Zypern passiert ist. <\/p><p>Also,  was in den USA passiert ist: Man will keine Situation schaffen, in der alle Einlagen zu 100 Prozent versichert sind, weil das blo&szlig; eine Einladung zu, sagen wir mal, skrupellosen Aktivit&auml;ten w&auml;re. Also dies ist, was dann passiert: eine Bank bietet etwas h&ouml;here Zinsen und dann flie&szlig;en die Kapitalstr&ouml;me hierhin und dorthin. Was man will, ist eine solide Einlagenversicherungsbasis und eine Basis f&uuml;r Unternehmen. Und dann m&uuml;ssen die Leute nat&uuml;rlich wissen, dass es Grenzen gibt.<\/p><p>Der Trick dabei ist, dass man eine Situation vermeiden will, in der es Panik und einen unberechenbaren Bankensturm gibt, und ich denke mal, an dem Punkt sind die Europ&auml;er noch nicht. Und nat&uuml;rlich ist es ja das Problem dort, dass, wenn eine nationale Beh&ouml;rde die Zahlungen vornimmt, ein Staatsbankrott praktisch bedeutet, dass der Einlagenversicherungsfonds nicht glaubw&uuml;rdig ist, und darum muss das alles auf kollektiver Basis gemacht werden. <\/p><p>Roger Strassburg: Das trifft hier auf viel Widerstand.<\/p><p>James Galbraith: Ja, kann schon sein, aber wissen Sie, in dieser Situation ist niemand sicher.<\/p><p>Roger Strassburg: Also die Deutschen bangen um ihre Spareinlagen. Sie h&ouml;ren, dass Einlagen nicht unbedingt sicher sind, und sie machen sich Sorgen. Aber sie sind absolut dagegen, f&uuml;r die Einlagen anderer zu zahlen.<\/p><p>James Galbraith: Ich denke, dass am Ende die Entscheidung &uuml;ber die Zukunft Europas in Deutschland fallen wird, und Deutschland muss sich entscheiden, will es sie oder will es sie nicht. Wenn es sie will, muss es kleine Schritte zur Stabilisierung machen, und zwar nach den gleichen Grunds&auml;tzen wie bei der Stabilisierung des Ostens oder auch wie bei der Gr&uuml;ndung der Bundesrepublik. Und wenn sie sie nicht will, na ja, dann wird sie eben nicht mehr da sein.<\/p><p>Roger Strassburg: Ich glaube, selbst wenn sie Europa wollen, werden sie es nicht stabilisieren.<\/p><p>James Galbraith: Und dann verlieren sie es, und man kann sehen, was &uuml;brig bleibt. Aber wenn es erst mal weg ist, wird Deutschland so wie fr&uuml;her das Problem einer aufwertenden W&auml;hrung haben, und einer Industrie, die schnell ihre Wettbewerbsf&auml;higkeit verliert, und die Arbeitslosigkeit wird steigen. Und die M&auml;rkte werden zusammengebrochen sein, und die Schulden werden nicht bezahlt. <\/p><p>Deutschland wird den Konsequenzen da nicht entkommen.  Noch einmal, das ist eine Wahl, die Deutschland treffen muss und, da bin ich mir sicher, auch treffen wird. Aber es ist nat&uuml;rlich n&ouml;tig, dass man ganz deutlich sagt, worin diese Wahl tats&auml;chlich besteht. <\/p><p>Darum habenYanis Varoufakis und ich ja auch in der New York Times argumentiert, dass eine Regierung Syriza in Griechenland wahrscheinlich Europas beste Chance ist, weil sie die Wahlm&ouml;glichkeiten deutlich darlegen w&uuml;rde. Die Syriza-Partei ist Europa-freundlich, sie schl&auml;gt nicht unbesonnen vor, Griechenland aus dem Euro herauszunehmen, was die Griechen ja auch nicht wollen. <\/p><p>Roger Strassburg: Das wird ihnen aber vorgeworfen.<\/p><p>James Galbraith: Das ist eine falsche Anschuldigung. Die Syriza-Partei ist Europa-freundlich.<\/p><p>Roger Strassburg: Haben Sie sich mit Tsipras getroffen?<\/p><p>James Galbraith: Ja, ich habe ihn mehrmals getroffen. Tats&auml;chlich haben wir uns mit ihm im B&uuml;ro der ERT in Thessaloniki getroffen, und das war ziemlich dramatisch. Es ist interessant, jemanden in so einem Moment zu beobachten, der total emotional aufgeladen ist. Er besticht als politische Erscheinung. Das war das erste Mal, dass ich ihn in so einer Situation erlebt habe, und ich war sehr beeindruckt.<\/p><p>Roger Strassburg: Na ja, das ( eine Regierung Syriza) k&ouml;nnte eher kommen, als man denkt. Die Regierung da zerbr&ouml;ckelt immer mehr, ich meine, drei Stimmen&hellip; <\/p><p>James Galbraith: &hellip; ja, drei Stimmen. Und am Anfang hat man gedacht, dass Samaras das zum Teil deshalb gemacht hat, weil er dachte, er w&uuml;rde so oder so gewinnen, entweder w&uuml;rden seine Koalitionspartner herausgedr&auml;ngt, wodurch es zu vorgezogenen Wahlen k&auml;me, oder aber sie w&uuml;rden nachgeben, womit er v&ouml;llig dominant in der Koalition w&uuml;rde.<\/p><p>Roger Strassburg: Ich denke mal, er glaubte nicht, dass die Leute sich dar&uuml;ber aufregen w&uuml;rden bei dem Ruf&hellip;<\/p><p>James Galbraith: Das ist genau, was Alexis gesagt hat, dass sie die Reaktion der Leute falsch eingesch&auml;tzt haben. Aber vom Standpunkt der Allgemeinheit gesehen,  wenn man sich ansieht, welche Alternativen es gibt mit kommerziellen Sendern, ausl&auml;ndischen und dem griechisch orthodoxen Sender, da hat man am Ende gar keine nationalen Medien. Es gibt nichts mit der Verantwortung, der Bev&ouml;lkerung zu sagen, was im Land vorgeht.  Das ist nat&uuml;rlich inakzeptabel. <\/p><p>Roger Strassburg: Ein Problem, das auch auftauchen kann, ist nat&uuml;rlich, dass es zu staatlichen Medien im negativen Sinn kommt.<\/p><p>James Galbraith: Stimmt, und der ERT hatte alle m&ouml;glichen Probleme&hellip;<\/p><p>Roger Strassburg: &hellip; Sprachrohr der Regierung &hellip;<\/p><p>James Galbraith: Nun ja, sicher, und Yanis Varoufakis war ausgeschlossen. Ein Grund, warum wir nach Thessaloniki gefahren sind  &ndash;  wir fuhren dorthin wegen einer Wirtschaftskonferenz, hatten aber auch ein Interview mit ERT 3 geplant, der einzigen Abteilung, die das Memo mit dem Varoufakis-Verbot nicht bekommen hatte.  Also, ja, es gab alle m&ouml;glichen Probleme. Interessanterweise waren die Journalisten der Rechten auch da, als wir zu dem Geb&auml;ude in Athen kamen. Ich meine, das ging nun wirklich zu weit. Entweder man hat grundlegende Einrichtungen mit einer intakten Selbstregierung, oder nicht. So einfach ist das. Das hat viel Klarheit geschaffen. Die Leute haben verstanden, dass das keine von der Austerit&auml;t erzwungene Ma&szlig;nahme war, sondern eine politische.<\/p><p>Roger Strassburg: Wird Griechenland zusammenbrechen?<\/p><p>James Galbraith: Nun, die derzeitige Entwicklung bewegt sich sicherlich darauf hin, und, wie ich finde, ziemlich schnell. Und ich denke, der Ausl&ouml;ser wird wahrscheinlich politischer Natur sein. Mal sehen, was passiert, wenn es einen Regierungswechsel gibt. Wenn es meine Aufgabe w&auml;re, den europ&auml;ischen Regierungen Rat zu erteilen, was ich von meiner Au&szlig;enseiterposition aus ja tue, ich w&uuml;rde ihnen raten, ihre Vorstellungen ganz schnell neu zu &uuml;berdenken. Und die Zeit dr&auml;ngt hier wirklich.<\/p><p>Roger Strassburg: Sie haben sicher Kontakt mit Heiner Flassbeck gehabt.<\/p><p>James Galbraith: Ich habe ihn vor zwei Tagen getroffen.<\/p><p>Roger Strassburg: Was meint er?<\/p><p>James Galbraith: Heiner und ich stimmen in vielen Dingen v&ouml;llig &uuml;berein. Ich denke,s in der Strategie gibt es ein paar Unterschiede. Ich lege gr&ouml;&szlig;eres Gewicht auf die Sozialversicherung und er auf  die L&ouml;hne. Mein Rahmen ist die Sozialversicherung, was den Vorteil hat, dass man da ganz schnell etwas tun k&ouml;nnte, wenn man denn wollte. Die Arbeitsverh&auml;ltnisse bleiben unver&auml;ndert. <\/p><p>Roger Strassburg: Das Problem ist, es sieht so aus, als bewegten wir uns gerade in genau die entgegengesetzte Richtung.<\/p><p>James Galbraith: Ich sehe ganz deutlich, in welche Richtung wir uns bewegen, aber meine Aufgabe ist nicht, ein politischer, sondern ein &ouml;konomischer Realist zu sein. Ich versuche aufzuzeigen, welches Minimum an Ma&szlig;nahmen zur Vermeidung eines Systemausfalls erforderlich zu sein scheint. Und ich glaube wirklich, das ist auch nur das Minimum. Es geht darum, nur das Notwendigste zu tun, und das so weit wie m&ouml;glich innerhalb des Rahmens der bestehenden europ&auml;ischen Vertr&auml;ge, denn es gibt jede Menge gro&szlig;e Worte &uuml;ber Bankengewerkschaften, einen neuen F&ouml;deralismus etc, aber der Patient wird schon lange tot sein, bevor es dazu kommt. Das kann man dann auf den Grabstein schreiben.<\/p><p>Roger Strassburg: Na ja, ich glaube auch, dass das in gewisser Weise dazu dient, die Dinge weit in die Zukunft zu schieben.<\/p><p>James Galbraith: Genau. Aber jetzt Dinge in die Zukunft zu schieben ist ein Rezept f&uuml;r das absolute Scheitern.<\/p><p>Roger Strassburg: Ja, klar, obwohl ich mir nicht sicher bin, dass das wirklich allen Leuten klar ist. Da gibt es diese Initiative, und auch dieses Wettbewerbsabkommen, das Merkel gestartet hat. <\/p><p>James Galbraith: Die Vorstellung, man k&ouml;nne eine erfolgreiche Europ&auml;ische Union haben, die in ihren Lohnkosten mit den chinesischen gleichzieht, ist ein &hellip;<\/p><p>Roger Strassburg: &hellip; Abkommen f&uuml;r Lohnsenkungen und Abschaffung sozialer &hellip;<\/p><p>James Galbraith: &hellip; reductio ad absurdum. Keine Chance auf Erfolg in der Richtung. Keine.<\/p><p>Roger Strassburg: Ich f&uuml;rchte aber, das das kommen wird. Erfolg oder nicht, darum geht es hier gar nicht.<\/p><p>James Galbraith: Ja, sicher. Und man fragt sich, was die wirkliche Motivation hinter einem solchen Plan eigentlich ist. Ist es einfach nur ein politisches Dokument, das eine bestimmte W&auml;hlergruppe bes&auml;nftigen soll, oder ist es in der Hauptsache ein weiterer Angriff auf gegnerische politische Kr&auml;fte, auf Arbeit etc. Und ich denke, das ist es zum Teil wohl auch. Ein glaubw&uuml;rdiges Dokument f&uuml;r eine Wirtschaftsstrategie ist es auf jeden Fall nicht im Entferntesten.<\/p><p>Roger Strassburg: Es ist ideologisch, und die hiesige &ouml;ffentliche Meinung, wie sie von den Medien dargestellt wird, m&ouml;chte, dass das &uuml;brige Europa mehr so wie Deutschland werden sollte.<\/p><p>James Galbraith: Wie die Medien die Dinge darstellen, das ist eine Sache, aber es stimmt ja auch, dass die Bundesrepublik Deutschland in den Nachkriegsjahren auf  sozialdemokratischen Grunds&auml;tzen aufgebaut worden ist, und es gibt bestimmt gro&szlig;e Teile der deutschen Bev&ouml;lkerung, die diese Grunds&auml;tze noch teilen. <\/p><p>Roger Strassburg: Das stimmt.<\/p><p>James Galbraith: Die deutschen Gewerkschaften, zu denen ich gute Beziehungen habe, haben, so denke ich, die fortschrittlichsten Positionen entwickelt, und meiner Meinung nach sind sie in Europa die Kraft, die aus dem Norden heraus die Bedingungen in den kleineren Mitgliedsstaaten am besten versteht. Wenn es also eine Rettung f&uuml;r das europ&auml;ische Projekt gibt, dann wird sie von da kommen. Ich bin sicher, sie wird nicht von Frankreich kommen, und die anderen n&ouml;rdlichen L&auml;nder sind zu klein. So sieht es also aus. Au&szlig;er Deutschland gibt es niemanden, der den Wandel im Denken und Handeln herbeif&uuml;hren k&ouml;nnte.<\/p><p>Roger Strassburg: Dann m&uuml;ssten die Anf&uuml;hrer der Meinungsmache, wie man sie nennen k&ouml;nnte, aber erst einmal ihre Rhetorik &auml;ndern, denn die geht noch stark in die andere Richtung. <\/p><p>James Galbraith: Stimmt. Oder neue Meinungsmacher mit einer anderen Rhetorik m&uuml;ssen sich zeigen, so sieht&rsquo;s aus.<\/p><p>Roger Strassburg: Die gibt es nicht.<\/p><p>James Galbraith: Ja, ich sehe das, aber das hei&szlig;t doch nicht, dass man sie nicht schaffen k&ouml;nnte. Wissen Sie, das Projekt, so aussichts- und hoffnungslos es auch scheint, wenn jemand wie ich versucht, Gedanken auszudr&uuml;cken, die in ein alternatives Programm kristllisiert werden k&ouml;nnen, ich kann das nicht umsetzen, ich bin nicht deutsch. Es muss hier gemacht werden, aber ich kann nat&uuml;rlich von Zeit zu Zeit her&uuml;berkommen und den Mund aufmachen, und das tue ich ja auch.<\/p><p>Roger Strassburg: Es w&uuml;rde nicht schaden&hellip;<\/p><p>Es w&auml;re nat&uuml;rlich sch&ouml;n, irgendeine starke Gruppierung zu haben. Die Sozialdemokraten kritisieren zwar, dass das Nur-Austerit&auml;t- Programm nichts bringt. Aber sie gehen nicht wirklich weit genug in die andere Richtung. <\/p><p>James Galbraith: Es gibt da in Br&uuml;ssel eine starke politische Klasse, wohlmeinende Leute mit utopischen Visionen. Sie kommen nicht so viel herum, wie sie sollten, um zu sehen, was wirklich los ist. Und dann gibt es die Tendenz, zu denken, ach, Griechenland ist so weit weg, und uns &Uuml;brigen wird das nichts ausmachen, wenn Griechenland untergeht. Aber wie ich immer sage, zeigt mir auch nur ein Beispiel einer politischen Union oder Konf&ouml;deration, die bestehen bleibt, wenn ein Tel verloren geht.<\/p><p>Die Vereinigten Staaten &hellip;<\/p><p>Roger Strassburg: Da hat man es versucht &hellip;<\/p><p>James Galbraith: Na ja, die Sezession des S&uuml;dens im Jahre 1860 wurde durch den Ausstieg South Carolinas eingeleitet. Das war der Anfang, und dann &hellip;<br>\nUm aber wieder auf das 20. Jahrhundert zur&uuml;ckzukommen, Jugoslawien fiel auseinander nach dem Austritt einer Republik, Sloweniens. Und die Sowjetunion fiel nach der Abspaltung des Baltikums auseinander, obwohl das doch im Vergleich zum Ganzen nur sehr klein war. Wenn erst mal ein St&uuml;ck eines Ganzen herausf&auml;llt, entstehen kumulative Prozesse, die unglaublich schnell ablaufen k&ouml;nnen. <\/p><p>Roger Strassburg: Hier hat man das Problem, dass es sich um L&auml;nder handelt, und die haben ihre nationale Identit&auml;t. Das macht sie nicht nationalistisch &hellip;<\/p><p>James Galbraith: Genau.<br>\nAber es muss auch gesagt werden, dass man hier ein Projekt hat, das den Lebensstandard des europ&auml;ischen Kontinents verbessert hat, und das ist ein Integrationsprojekt. Mit der Integration sind viele Leistungen verkn&uuml;pft. Und ganz sicher schafft sie eine Welt mit vielen grenz&uuml;bergreifenden Abh&auml;ngigkeiten.  Wenn man die aufbrechen will, kann man das tun, aber der Preis ist enorm hoch.  Wenn die j&uuml;ngsten Erfahrungen einen Hinweis geben, bel&auml;uft er sich auf ungef&auml;hr 40 Prozent. Also das w&auml;re ein guter Richtwert f&uuml;r das, was mit dem Lebensstandard geschehen w&uuml;rde,  wenn man auf einmal zu Kapitalkontrollen, Handelsschranken und nationalen Industrien zur&uuml;ckkehren w&uuml;rde. Und viel Gl&uuml;ck bei dem Versuch, nationale Industrien aufzubauen, die im Wettbewerb mit denen in Deutschland stehen, die stark wettbewerbsorientiert sind, aber keine Absatzm&auml;rkte haben, weil niemand es sich leisten kann, ihre Waren zu kaufen.<\/p><p>Roger Strassburg: Ja. Und dann gibt es auch den Wettbewerb zwischen Nationen, der ganz &auml;hnlich ist wie der von Unternehmen, und der in Europa ziemlich verbreitet ist.<\/p><p>James Galbraith: Ja, schon, und dann gibt es auch die Vorstellung, dass Griechenland ein Erfolgsrezept hat, das seine Wettbewerbsf&auml;higkeit wiederherstellen wird. Es gibt ein Missverst&auml;ndnis dar&uuml;ber, was genau die griechische Wirtschaft ausmacht. Der bedeutendste Industriezweig ist die Schifffahrt, und danach kommt der Tourismus. Die Schifffahrt ist ein Ph&auml;nomen, das ausschlie&szlig;lich auf den Str&ouml;men von Waren und Dienstleistungen um die Welt begr&uuml;ndet ist. Und der Tourismus ist fast ausschlie&szlig;lich von den Deutschen und den Briten abh&auml;ngig. <\/p><p>Roger Strassburg: Wie ist die Einstellung dort zu den Deutschen? Was ich in den Zeitungen lese, ist gemischt. Manchmal liest man von Nazisymbolen und so. Und dann  &ndash;  vor ungef&auml;hr einem Jahr gab es ein Bild von Leuten, die ein Schild hochhielten, auf dem &ldquo;Danke Europa&rdquo; stand, und das waren nun Leute, die sich bei den Menschen anderer L&auml;nder f&uuml;r ihre Proteste gegen die Austerit&auml;tsma&szlig;nahmen bedankten, und das wurde dann einfach ins Gegenteil umgekehrt. So bekommt man also ein bisschen von beidem, was die Einstellung betrifft.<\/p><p>James Galbraith: Griechenland ist stark polarisiert, und wenn die Lage verzweifelt wird wie jetzt, dann ist da eine Neonazi- Partei, die unter anderem Essen und Fremdenhass als politische Werkzeuge einsetzt. <\/p><p>Leute, die mit Einwanderergemeinden Kontakt gehabt haben, berichten, dass es dort sehr viel Angst gibt. Ende letzten Jahres habe ich Tariq Ali in Rom getroffen. Er hatte Kontakt mit der pakistanischen Gemeinde in Griechenland und erz&auml;hlte, dass diese Leute wirklich ver&auml;ngstigt sind. Es gibt in Griechenland viele Einwanderergemeinden, und die sind Angriffsziele, und das wissen sie. <\/p><p>Roger Strassburg: Ich wollte Ihnen eine Frage zu etwas ganz Anderem Stellen: zu Ihrer heutigen Rede. Der Titel (Wieso haben die Europ&auml;er die politische &Ouml;konomie Amerikas 1861 so viel besser verstanden als heute, und was hat Karl Marx damit zu tun?) klang interessant, aber ich frage mich, was Sie damit meinen. Da bin ich neugierig.<\/p><p>James Galbraith: Also das ist gar nicht so weit entfernt von dem, wor&uuml;ber wir gerade gesprochen haben, das traf sich so ziemlich.<\/p><p>Roger Strassburg: Der Titel jedenfalls deutete etwas ganz Anderes an. <\/p><p>James Galbraith: Nein, ganz anders ist das gar nicht, sondern ich habe den Titel daf&uuml;r genutzt, den inversen Zusammenhang von Bandbreite und Verstehen in der transatlantischen Kommunikation zu verdeutlichen. <\/p><p>In der Zeit vor dem Telegrafen gab es in Europa zumindest einen Zeitungsreporter, der die Vereinigten Staaten ganz gut verstand, und sein Name war Karl Marx.  Er war nie dort gewesen, aber er konnte gut Karten lesen, kannte die Eisenbahnstrecken, wusste wo die Gebirge waren, kannte das politische Umfeld, die Volksz&auml;hlungen und die Anteile von Sklaven und freien Arbeitern in den S&uuml;dstaaten und den Anrainerstaaten. Und weil er &uuml;ber all dies gut und unbeeinflusst nachdachte, konnte er sehr klar &uuml;ber den B&uuml;rgerkrieg, Abraham Lincolns Politik und den wahrscheinlichen milit&auml;rischen Ausgang schreiben, dar&uuml;ber, was f&uuml;r einen Sieg der S&uuml;dstaaten n&ouml;tig gewesen w&auml;re, und wie das sehr schnell milit&auml;risch unm&ouml;glich wurde. Es ist also wirklich sehr erfrischend, bei Karl Marx &uuml;ber den B&uuml;rgerkrieg nachzulesen, und das besonders im Vergleich zu den mythologisierten Lehrbuch-Versionen, die man sogar jetzt nach 150 Jahren noch zu lessen bekommt. <\/p><p>Was das mit der modernen Welt zu tun hat? <\/p><p>Ich wollte zeigen, dass die vorherrschende europ&auml;ische Meinung &uuml;ber die Vereinigten Staaten heute genau wie damals v&ouml;llig falsch ist. Es ist diese Vorstellung. dass wir uns irgendwie in den drei&szlig;ig Jahren seit Ronald Reagan verwandelt haben in ein Land der freien Marktwirtschaft, dereguliert, privatisiert, mit flexiblem Arbeitsmarkt und schwachem Wohlfahrtssystem, und das ist,  wenn man auf die 60er- und 70er-Jahre zur&uuml;ckblickt, ein ganz verzerrtes Bild des Landes, das ja von Roosevelt und Kennedy und Johnson aufgebaut worden ist, besonders von Roosevelt und Johnson, und das ging dann noch bis in die Nixon Administration hinein weiter, und dabei spielen doch auch heute noch Sozialversicherung, &ouml;ffentliche Investitionen und staatliche Beaufsichtigung eine entscheidende Rolle. Vieles davon ist immer wieder Angriffen ausgesetzt, einiges ist total gecheitert wie etwa die Regulierung des Finanzsektors, aber es ist nicht so, als feierte die Vision der Hayekianer Triumphe, eher dann schon die, die ich in meinem Buch The Predator State (Raubtierstaat) beschreibe. Die reale Politik, die hinter diesen Einrichtungen steht, und das Ausma&szlig;, in dem Leistungen abgezweigt werden f&uuml;r Freunde, Oligarchen, W&auml;hlergruppen, all diese Dinge, die in den Clinton- und Bush-Jahren passiert sind, und nat&uuml;rlich noch immer passieren. <\/p><p>Roger Strassburg: Sch&ouml;n, das zu h&ouml;ren, denn das sind Meinungen, mit denen ich oft konfrontiert werde, besonders von Linken. Da glaubt man, die USA seien der Inbegriff des Unsozialen, und in den USA denkt man das Gleiche &uuml;ber Europa. <\/p><p>James Galbraith: Davon bin ich ausgegangen. Und es ist interessant, dass diese wechselseitigen Sichtweisen auf beiden Kontinenten den Zwecken der Rechten wie auch der Linken dienen. Und da sie von keiner Seite hinterfragt werden, werden sie auch nie korrigiert. Gut, das ist genau der Punkt , den ich machen wollte. <\/p><p>Roger Strassburg: Ich bin froh, dass das mal jemand anders sagt. Mir reicht es irgendwie, das immer tun zu m&uuml;ssen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Roger Strassburg<\/strong> hatte die Gelegenheit, sich in Berlin mit <strong>James Galbraith<\/strong> zu unterhalten. Galbraith war kurz zuvor in Griechenland und traf sich dort mit Yanis Varoufakis und Alexis Tsipras. Seine Erfahrungen in Griechenland, die Gefahren f&uuml;r die Eurozone und transatlantische Missverst&auml;ndnisse sind Thema des Gespr&auml;chs. Wir hatten Ihnen bereits am Mittwoch die <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18147\">englischsprachige Originalversion<\/a><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18168\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[139,209,202,30],"tags":[423,475,1555,477,402],"class_list":["post-18168","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-euro-und-eurokrise","category-interviews","category-postwachstumskritik","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-austeritaetspolitik","tag-galbraith-james","tag-griechenland","tag-keynesianismus","tag-wachstum"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18168","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18168"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18168\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":122060,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18168\/revisions\/122060"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18168"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18168"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18168"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}