{"id":1817,"date":"2006-10-27T11:51:05","date_gmt":"2006-10-27T09:51:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1817"},"modified":"2016-01-23T11:09:34","modified_gmt":"2016-01-23T10:09:34","slug":"nachtrag-zur-phoenix-runde-wunschtraum-gerechtigkeit-wird-bildung-ein-privileg-was-ich-eigentlich-sagen-wollte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1817","title":{"rendered":"Nachtrag zur Phoenix-Runde \u201eWunschtraum Gerechtigkeit \u2013 Wird Bildung ein Privileg?\u201c. Was ich eigentlich sagen wollte."},"content":{"rendered":"<p>Talk-Shows im Fernsehen sind unbefriedigend, f&uuml;r die Zuschauer, aber manchmal noch mehr f&uuml;r die Teilnehmer. Man hat kaum je Gelegenheit einen Gedanken darzulegen oder zu begr&uuml;nden. Was &uuml;berkommt, das sind Gedankenschnipsel, zugespitzte Worth&uuml;lsen, ein unerkennbares Mosaik an Argumentationsmustern. Am 24. Oktober 2006 war ich Gast in einer solchen Runde und habe mir danach die Sendung selbst nochmals angesehen.<br>\nDas hat mich veranlasst, die einzelnen Aspekte, die ich dort ansprechen konnte, wenigstens kurz zu begr&uuml;nden und zu belegen.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Phoenix-Runde vom 24.10.06<\/strong><\/p><p>Wunschtraum Gerechtigkeit &ndash; Wird Bildung ein Privileg?<\/p><p>Bildung &bdquo;<strong>wird<\/strong>&ldquo; nicht, sondern sie <strong>ist<\/strong> schon l&auml;ngst ein Privileg und ist schon seit langem mehr und mehr ein Privileg geworden, ein Vorrecht n&auml;mlich<\/p><ul>\n<li>f&uuml;r Kinder von Eltern mit h&ouml;heren Bildungsabschl&uuml;ssen,<\/li>\n<li>f&uuml;r Kinder von Eltern mit h&ouml;herer beruflicher Stellung<\/li>\n<li>f&uuml;r Kinder aus h&ouml;heren sozialen Schichten.<\/li>\n<\/ul><p><strong>Bildungsabschluss der Eltern:<\/strong><\/p><ul>\n<li>Der Anteil der Studierenden deren Eltern einen Hochschul- oder Fachhochschulabschluss haben, hat seit 1985 von 29% auf 63% zugenommen. Der Anteil der Erwachsenen aus dieser Bildungsgruppe macht aber gerade mal 10% aus.<\/li>\n<li>Studierende aus Elternh&auml;user in denen (meist der Vater) eine Meisterpr&uuml;fung absolviert wurde, haben im gleichen Zeitraum von 26% auf 9% abgenommen.<\/li>\n<li>Und der Anteil der Studierenden aus Haushalten mit Lehre oder Facharbeiterausbildung hat von 41% auf 28% abgenommen.<\/li>\n<\/ul><p><strong>Berufliche Stellung der Eltern:<\/strong><\/p><ul>\n<li>Kinder von Angestellten stellen etwa gleich bleibend mit 42% die weitaus gr&ouml;&szlig;te Gruppe an der Gesamtzahl der Studierenden.<\/li>\n<li>Kinder von Selbst&auml;ndigen (Selbst&auml;ndigenquote 10,2%) gleich bleibend machen 20% aus<\/li>\n<li>Beamtenkinder 16% (seit 1985 von 21% gesunken)<\/li>\n<li>Arbeiterkinder mit Schwankungen zwischen 13 und 17%<\/li>\n<\/ul><p><strong>Soziale Herkunft:<\/strong><br>\nDie Anteile der Studierenden nach sozialen Schichten:<br>\nHoch: 37% (1985: 17%)<br>\nGehoben: 24% (1985: 26%)<br>\nMittel: 27% (1985: 34%)<br>\nNiedrig: 12% (1985: 23%)<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.kfw.de\/DE_Home\/Service\/OnlineBibl48\/Research\/PDF-Dokumente_MacroScope_\/MakroScope_21_d.pdf\">KFW [PDF &ndash; 433 KB]<\/a><\/p><p>Der <strong>Befund<\/strong>, dass die soziale Herkunft, der materielle und kulturelle Hintergrund der Elternh&auml;user in einem engen Zusammenhang stehen mit dem Bildungserfolg ist <strong>nicht neu<\/strong>.<\/p><p>Schon vor 40 Jahren hat etwa der Ralf Dahrendorf nahezu die gleichen Befunde diagnostiziert, wie etwa die Pisa Studie.<br>\nDer liberale Lord Dahrendorf hat schon damals gegen diese Privilegierung Bildung als B&uuml;rgerrecht ausgerufen.<\/p><p>Als Verk&ouml;rperung der sozialen Benachteiligungen galt damals, das &bdquo;<strong>katholische Arbeiterm&auml;dchen vom Lande<\/strong>&ldquo;. Dieses M&auml;dchen vereinte die <strong>vier Bildungs-Handicaps<\/strong>, die damals ausgemacht wurden.<\/p><ul>\n<li>Die Konfession,<\/li>\n<li>das Geschlecht,<\/li>\n<li>die gesellschaftliche Herkunft und<\/li>\n<li>der Wohnort.<\/li>\n<\/ul><p>Drei der vier Benachteiligungen treffen auch heute noch zu.<\/p><p>Am besten kompensiert wurde die Zugeh&ouml;rigkeit zum weiblichen Geschlecht. Hier hat die Frauenemanzipationsbewegung ihre gr&ouml;&szlig;ten Erfolge erzielt: Heute machen mehr M&auml;dchen als Jungen Abitur und beginnen ein Studium. Beim Anteil der Frauen an den Professoren (12 &ndash; 13%) oder bei den Leitungspositionen in der Wirtschaft (Chefetagen der Unternehmen mit mehr als 500 Arbeitnehmern 4%) gab es allerdings nur leichte Verbesserungen.<\/p><p>Die katholische Religionszugeh&ouml;rigkeit wurde durch die <strong>islamische abgel&ouml;st bzw. &uuml;berlagert<\/strong> und <strong>zur Benachteiligung aufgrund der gesellschaftlichen Herkunft<\/strong> gesellte sich noch der <strong>Migrationshintergrund<\/strong>.<\/p><p>Die <strong>Bildungsreformen<\/strong> der 60er und 70er Jahre (der Ausbau der Realschulen, der Gymnasien sowie der Fachschulen, Fachhochschulen und Universit&auml;ten) brachte eine quantitative <strong>Bildungsexpansion<\/strong>:<\/p><p>Verteilung auf die Schulformen:<\/p><table>\n<thead>\n<tr>\n<th>1952 gingen von allen 13-j&auml;hrigen<\/th>\n<th>2002\/3<\/th>\n<\/tr>\n<\/thead>\n<tbody>\n<tr class=\"even\">\n<td>auf die Hauptschule: 79%<\/td>\n<td>23%<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"odd\">\n<td>auf die Realschulen: 6%<\/td>\n<td>25%<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"even\">\n<td>auf die Gymnasien: 13%<\/td>\n<td>33%<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"odd\">\n<td>auf Integrierte Gesamtschulen und freie Schulen<\/td>\n<td>19%<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table><p>Die Hochschulen haben sich noch deutlicher ausgedehnt als die Gymnasien. 1960 nahmen nur sechs Prozent eines Jahrgangs ein Universit&auml;tsstudium auf und weitere zwei Prozent ein Fachhochschulstudium. Bis 2002 sind diese Anteile auf 25 Prozent bzw. 13 Prozent angestiegen.<\/p><p>Diese an und f&uuml;r sich erfreuliche Bildungsexpansion und damit insgesamt eine H&ouml;herqualifikation der Bev&ouml;lkerung (untere Bildungsstufen schrumpfen, h&ouml;here dehnen sich aus) wird durch zwei gegenl&auml;ufige Tendenzen getr&uuml;bt:<\/p><ol>\n<li><strong>Die Bildungsexpansion wird auf den Wegen zu und durch die Hochschulen &bdquo;ausgebremst&ldquo; (Klaus Klemm). Trotz stark steigender Abiturienten- und Studienanf&auml;ngerzahlen nehmen die Abschlussquoten an den Hochschulen nur ganz leicht zu und pendeln um 20% gegen&uuml;ber 34,8% im OECD-Mittelwert.<\/strong> <\/li>\n<p>Dieser R&uuml;ckstand ist kein moralisches Problem, sondern ein volkswirtschaftlicher Sprengstoff.<br>\nMan kann heute schon prognostizieren, dass vor allem in naturwissenschaftlichen F&auml;chern, die Zahl der Absolventen nicht mehr ausreicht, um die aus dem Berufsleben ausscheidenden Akademiker zu ersetzen.<br>\nDeutschland ist bei der Qualifikation im terti&auml;ren Bereich im internationalen Vergleich zur&uuml;ckgefallen.<\/p>\n<li><strong>Was sich trotz der Bildungsexpansion kaum ver&auml;ndert hat, das sind die Beteiligungsquoten der verschiedenen sozialen Herkunftsgruppen.<\/strong> <\/li>\n<p>Von 100 Kindern aus der &bdquo;hohen&ldquo; sozialen Herkunftsgruppe erreichen 85 einen Schulabschluss mit der Berechtigung zum Studieren und schaffen 81gehen zur Hochschule.<br>\nVon 100 Kindern aus der &bdquo;niedrigen&ldquo; sozialen Herkunftsgruppe schaffen 36 einen solchen Abschluss und von diesen 36 &uuml;berwinden nur noch 11 die Schwelle zur Hochschule.<\/p>\n<p>Dass Deutschland zu den L&auml;ndern geh&ouml;rt, in dem das Bildungssystem sozial am Selektivsten ist, haben uns alle Pisa-Studien ins Stammbuch geschrieben:<\/p>\n<p>Die Wahrscheinlichkeit f&uuml;r ein Kind aus einem Akademikerhaushalt ein Gymnasium zu besuchen, im Vergleich zu einem Arbeiterkind in Bayern ist nach den Ergebnissen der PISA Studie  10 Mal so hoch.<br>\nNicht nur der Bundespr&auml;sident, nennt dieses Resultat &bdquo;besch&auml;mend&ldquo;.<\/p><\/ol><p><strong>Alle sind sich einig: Mehr f&uuml;r Bildung, gleiche Chancen.<\/strong><\/p><p><strong>Aber:<\/strong> Seit den 60er Jahre spielen wir in er Bildungspolitik das immer gleiche &bdquo;Schwarze Peter&ldquo;-Spiel:<\/p><p>Da schieben die Hochschulen die M&auml;ngel und Defizite der Studierenden, also den Gymnasien zu, die Ausbildungsbetriebe die mangelnde Ausbildungsf&auml;higkeit den Schulen allgemein, die Schulen dr&uuml;cken die Verliererkarte auf die mangelnde F&ouml;rderung an den Vorschulen. Schulen und Kinderg&auml;rten schieben den &bdquo;Schwarzen Peter&ldquo; den Eltern zu, die Eltern verweisen auf die Politik und dann beginnt das Spiel von neuem.<\/p><p>Nach zahllosen Spielrunden hat sich aber nichts oder nicht viel ge&auml;ndert.<\/p><p>Nat&uuml;rlich m&uuml;sste mehr Geld in Bildung investiert werden:<\/p><p>Deutschland liegt bei den &ouml;ffentlichen Bildungsausgaben mit 4,4% des BIP deutlich unter dem OECD-Durchschnitt mit 5,1%.<br>\n(D&auml;nemark 6,8%, Schweden 6,7%, Finnland 5,9%, Frankreich 5,7%. Selbst in st&auml;rker privat finanzierten Bildungssystemen wie den USA liegt der Anteil der &ouml;ffentlichen Bildungsausgaben am BIP 5,3%. In GB immerhin noch 5%.)<\/p><p><strong>Deutschland liegt unter 28 erfassten Staaten erst auf dem 20. Platz.<\/strong><\/p><p>Es trifft zwar nach wie vor zu, was der verstorbene Bundespr&auml;sident Rau einmal so treffend formulierte, dass wir f&uuml;r Bildung weniger Geld ausgeben, als wir uns leisten k&ouml;nnen.<br>\nGeld ist nur ein Indikator &ndash; und vielleicht noch nicht einmal der wichtigste bei der Verteilung der Bildungschancen.<\/p><p>Wir f&uuml;hren z.B. seit 40 Jahren einen Graben- und Stellungskrieg zwischen Anh&auml;ngern des gegliederten und eines integrierten Schulsystems.<br>\nDabei sind nahezu alle Bildungsuntersuchungen zu dem Ergebnis gekommen: Die fr&uuml;he Aufteilung der Klassen in unterschiedliche Leistungsgruppen bereits nach dem vierten Schuljahr ist ein Hauptgrund daf&uuml;r, dass der Schulerfolg von Kindern in Deutschland besonders stark von Geldbeutel und Bildungsniveau der Eltern abh&auml;ngt.<\/p><p>Jedes Jahr, um das die Selektion von Sch&uuml;lern in verschiedene Schulformen aufgeschoben wird, verringert die St&auml;rke des famili&auml;ren Einflusses auf die Leistungen.<\/p><p>So hat etwa in Finnland die Einf&uuml;hrung der integrierten Schule bis zum 16 Lebensjahr in den Jahren 1972 &ndash; 77 den Einfluss des Elterneinkommens auf den Bildungserfolg betr&auml;chtlich reduziert &ndash; offenbar ohne Auswirkungen auf die Bildungsqualit&auml;t, wie Finnlands Spitzenposition bei Pisa zeigt.<\/p><p>Seit 40 Jahren wird dar&uuml;ber geredet und gestritten:<\/p><ul>\n<li>Wir brauchen mehr individuelle F&ouml;rderung<\/li>\n<li>Wir m&uuml;ssen die Lehrerinnen und Lehrer st&auml;rken<\/li>\n<li>Wir brauchen ein st&auml;rkere Zusammenarbeit in den Kollegien<\/li>\n<li>Die Schulen m&uuml;ssen sich st&auml;rker austauschen und voneinander lernen.<\/li>\n<li>Die F&ouml;rderung sozialer Kompetenzen muss ein gleichrangiges Lernziel werden<\/li>\n<li>Wir brauchen mehr Sprachf&ouml;rderung f&uuml;r Migrantenkinder<\/li>\n<li>Usw. usf.<\/li>\n<\/ul><p>Mit der Aufz&auml;hlung des Themenkatalogs &uuml;ber den diskutiert wurde, lie&szlig;e sich fast die ganze Sendezeit f&uuml;llen.<\/p><p>Aber es passiert nichts oder zu wenig.<br>\n<strong><br>\nWarum geschieht so wenig?<br>\nOder genauer: Warum passiert das Falsche?<\/strong><\/p><p>Das hat nichts mit dem &uuml;blichen Reformstau-Gerede auch nichts mit der &bdquo;lahmen Schildkr&ouml;te&ldquo; Kultusministerkonferenz (KMK) zu tun, sondern ist Ausdruck eines offenbar unaufl&ouml;sbaren gesellschaftspolitischen Patts zweier im Grundsatz diametral gegen&uuml;ber stehenden Geistes- oder Denkhaltungen in Sachen Bildung.<\/p><p>&ndash; Da ist auf der einen Seite das konservative und liberale Lager, das sich unter dem besch&ouml;nigenden Kampfbegriff <strong>Chancengerechtigkeit<\/strong> versammelt.<\/p><p>&ndash; Und da ist ein (im &Uuml;brigen immer schw&auml;cher werdendes) fortschrittliches oder emanzipatorisches Lager das f&uuml;r mehr Chancengleichheit eintritt.<br>\n<strong><br>\nStark zugespitzt ist der Kampfruf der Vertreter der Chancengerechtigkeit: Jeder f&uuml;r sich und jeder ist seines Gl&uuml;ckes Schmied.<\/strong><\/p><p>Die Anh&auml;nger der Chancengleichheit halten dagegen:<br>\nEiner f&uuml;r alle und alle f&uuml;r einen, der es n&ouml;tig hat<\/p><ol style=\"list-style-type: upper-roman;\">\n<li>Die starken Bataillone der <strong>Chancengerechtigkeit<\/strong> vertreten etwa folgende Positionen:<br>\nJeder einzelne hat unterschiedliche F&auml;higkeiten und Begabungen, <strong>&bdquo;jedem das Seine&ldquo;<\/strong>, jedem einen zu seinem ihm passenden hierarchisch gestuften Bildungsgang. Der Staat oder die Gesellschaft haben nur <strong>ein formal gleiches Angebot f&uuml;r den Zugang zu den Bildungsm&ouml;glichkeiten<\/strong> anzubieten. Jeder ist dann seines Gl&uuml;ckes Schmied und kann frei zwischen Haupt-, Realschule und Gymnasium w&auml;hlen.\n<p>Bildungspolitik hat nach dieser konservativen Auffassung eben nichts mit Sozialpolitik zu tun und ist schon gar keine Umverteilungspolitik.<\/p>\n<p>In einer Gesellschaft, die sich zum Wettbewerb bekennt, ist jeder f&uuml;r sich selbst Verantwortlich und tr&auml;gt &bdquo;Eigenverantwortung&ldquo; f&uuml;r seine Bildungskarriere und es setzt sich eben der St&auml;rkere und der Leistungsf&auml;higere durch und so bilden sich eben unterschiedliche Bildungserfolge heraus.<br>\nDass Kinder aus Haushalten mit hoher formaler Bildung, h&ouml;herer beruflicher Stellung und h&ouml;herem Einkommen in der Bildung besser abschneiden wird geradezu als ein Beleg daf&uuml;r herangezogen, dass die h&ouml;heren sozialen Gruppen zu den Leistungstr&auml;gern dieser Leistungsgesellschaft geh&ouml;ren.<\/p>\n<p>Dieses hierarchisch gegliederte Gesellschaftssystem wird, dar&uuml;ber hinaus noch durch so pseudowissenschaftliche Begr&uuml;ndungen, wie die Gau&szlig;sche Kurve der Normalverteilung von Intelligenz oder gar durch angeblich objektive Befunde der Gehirnforschung bzw. fr&uuml;her der Zwillingsforschung als natur- oder gar gottgegeben begr&uuml;ndet.<br>\nChancengleichheit wird als unmenschliche Ergebnisgleichheit verunglimpft.<\/p>\n<p>Es gibt zum Thema Chancengerechtigkeit einen Cartoon von Hans Traxler, entstanden vor etwa 30 Jahren. Die Zeichnung zeigt verschiedene Tiere, die alle vor einem Baum stehen und auf diesen Baum hinaufklettern sollen: der Elefant, der Fisch im Glas, der Affe und der Seehund. Sie werden aufgefordert, zum Zwecke einer gerechten Auslese auf den Baum zu klettern. So wenig wie dies inzwischen der Elefant geschafft hat, so wenig besucht das durch seine Familiensituation benachteiligte Kind heute das Gymnasium.\n<\/p><\/li>\n<li><strong>Die Anh&auml;nger der Denkrichtung von der Chancengleichheit<\/strong> haben zun&auml;chst einmal das Kind im Blick &ndash; unabh&auml;ngig von seiner famili&auml;ren Herkunft. Sie treten f&uuml;r einen <strong>Ausgleich der Startnachteile bei der Wahrnehmung von Bildungschancen<\/strong> des einzelnen ein und sehen in der <strong>Schaffung real vergleichbarer Ausgangsbedingungen<\/strong> zur Wahrnehmung von Bildungschancen f&uuml;r m&ouml;glichst viele einen <strong>Kernauftrag eines demokratischen Staates<\/strong> ein.\n<ul>\n<li>Weil Bildung nicht nur die wichtigste Voraussetzung ist, einen Arbeitsplatz zu erhalten &ndash; sich selbst ern&auml;hren zu k&ouml;nnen.<\/li>\n<li>Weil Bildung die wichtigste Produktivkraft f&uuml;r eine Volkswirtschaft ist.<\/li>\n<li>Weil Bildung erst die Teilhabe in einem demokratischen Staatswesen erm&ouml;glicht. Demokratie ist auf den m&uuml;ndigen B&uuml;rger angewiesen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Es reicht den Anh&auml;ngern des Prinzips der Chancengleichheit angesichts der realen Ungleichheit bei der Wahrnehmung von Bildungschancen eben nicht aus ein formal gleiches Angebot zu machen, sondern die Gesellschaft muss finanzielle, p&auml;dagogische, f&ouml;rdernde Anstrengungen unternehmen, um f&uuml;r das jeweilige Kind unabh&auml;ngig von seiner sozialen Herkunft faire und m&ouml;glichst gleiche Bildungs- und Zugangschancen herzustellen.<\/p>\n<p>Insofern ist die Forderung nach Chancengleichheit, zwar nicht die Herstellung von Ergebnisgleichheit, aber immer auch ein Angriff auf eine vorgefundene soziale Ungleichheit.<br>\nChancengleichheit richtet sich gegen den <strong>Omnibus-Effekt<\/strong>, bei dem diejenige die schon im Omnibus sind, die T&uuml;r zuhalten, damit sich nicht noch andere hereindr&auml;ngeln k&ouml;nnen und den bequemen Sitzplatz streitig machen.<br>\nDie Vertreter der Chancengleichheit in der Bildung hoffen so mehr <strong>gesellschaftliche Durchl&auml;ssigkeit<\/strong> herbeif&uuml;hren zu k&ouml;nnen und streben zugleich eine <strong>H&ouml;herqualifizierung der Gesamtbev&ouml;lkerung<\/strong> an.<\/p>\n<p>Je h&ouml;her der erreichte Abschluss, desto gr&ouml;&szlig;er die Chancen auf den gew&uuml;nschten Ausbildungs- oder Studienplatz und damit im Allgemeinen auch auf die sp&auml;tere berufliche Position. Mit dem Einschlagen bestimmter Schul- und Ausbildungswege sind klare Unterschiede im Hinblick auf Einkommenschancen, Aufstiegsm&ouml;glichkeiten und Besch&auml;ftigungssicherheit im weiteren Berufsleben verbunden.<\/p>\n<p>Es ist klar, dass mehr Chancengleichheit f&uuml;r sozial Benachteiligte, f&uuml;r sozial Privilegiertere eine Statusbedrohung darstellt und dementsprechend sind die Abwehrreaktionen und politischen Gegenstrategien.<\/p><\/li>\n<\/ol><p>Diese beiden bildungspolitischen Denkrichtungen bek&auml;mpfen sich nun schon seit 40 Jahren. Das Ergebnis kennen wir.<\/p><p>In der Phase der gro&szlig;en Bildungsexpansion der 60er und 70er Jahre schlug das Pendel in Richtung &bdquo;Chancengleichheit&ldquo; aus &ndash; es kam aber &bdquo;nur&ldquo; zu einer Bildungsexpansion. Seit den 80er Jahren, also seit der Regierungs&uuml;bernahme der konservativ-liberalen Parteien in der &Auml;ra Kohl schlug das Pendel zur&uuml;ck.<\/p><p>W&auml;hrend der rot-gr&uuml;nen Koalition gab es wieder ein Patt. Es gab einzelne Erfolge, wie z.B. die Verbesserung der Baf&ouml;G-Leistungen, die seit 1999 bis heute prompt einen Anstieg der Studierenden pro Jahrgang von 27,7% auf 35,7% brachte.<br>\nEs gab den 4 &ndash; Milliardenzuschuss des Bundes an die L&auml;nder zur Einrichtung von mehr Ganztagsschulen und anderes mehr.<\/p><p><strong>Aber:<\/strong> Gegenl&auml;ufig zu dieser F&ouml;rderung von Chancengleichheit und der Bildungsf&ouml;rderung in der Breite hat allerdings die <strong>Elitef&ouml;rderung<\/strong> die politische Agenda beherrscht.<\/p><p>Wir erlebten auch ein Zur&uuml;ckdr&auml;ngen des Staates und des gesellschaftlich verantworteten Bildungswesens zugunsten von Wettbewerb und Eigenverantwortung bei der Wahrnehmung von Bildungschancen.<\/p><p>Wie will man mit weniger Steuereinnahmen mehr Staat mit der Bildung machen? Statt 60 Milliarden Steuersenkungen vor allem f&uuml;r Unternehmen um Anreize f&uuml;r Investitionen zu schaffen &ndash; die dann wie wir feststellen konnten nicht erfolgt sind -, h&auml;tte man lieber, wenigstens einen Teilbetrag, in Bildung investiert. Das h&auml;tte erheblich positivere Auswirkungen gehabt.<\/p><p>Wie will man etwa in Nordrhein-Westfalen, wo sich der Staat mit einem sog. Hochschulfreiheitsgesetz komplett aus der Hochschule zur&uuml;ckzieht, f&uuml;r mehr Chancengleichheit sorgen?<\/p><p>Wie will man durch die Zulassung und F&ouml;rderung von Privatschulen gegen Schulgeld f&uuml;r mehr gleichen Bildungszugang sorgen?<\/p><p>Wie will man mit der Aufl&ouml;sung von Schulbezirken f&uuml;r die Grundschulen f&uuml;r mehr soziale Integration sorgen, wenn dann k&uuml;nftig die &auml;rmeren Schichten unter sich bleiben und die Eltern reicherer Eltern ihre Kinder in die Grundschulen der reicheren Stadtbezirke oder in (weitgehend) ausl&auml;nderfreie Konfessionsschulen karren?<\/p><p>Wie will man zu mehr Hochschulabsolventen kommen, wenn gleichzeitig mit Studiengeb&uuml;hren, neue finanzielle Zugangsbarrieren errichtet werden? (In NRW, das im WS 2006\/07 Studiengeb&uuml;hren eingef&uuml;hrt hat, ist die Zahl der Studienanf&auml;nger gegen&uuml;ber dem Vorjahr um 5,3% zur&uuml;ckgegangen.)<\/p><p>Nun macht man Exzellenzwettbewerbe und k&uuml;rt Eliteuniversit&auml;ten, und spaltet die Hochschullandschaft in einige wenige Forschungsuniversit&auml;ten und einer Masse von zweit-, dritt- oder viertklassigen Lernanstalten. Man gef&auml;hrdet eines der weltweit anerkannten Qualit&auml;tssiegel unserer Hochschullandschaft: Eine qualitativ hochwertige und gleichwertige Breite.<\/p><p>Was in der Schule mit dem gegliederten Schulsystem schon existiert, wird nun auch noch auf die Hochschulen &uuml;bertragen: Die Masse der Studierenden wird in dreij&auml;hrige Bachelor-Studieng&auml;nge gedr&auml;ngt und der Weg zu einem wissenschaftlichen Master-Studium steht nur noch wenigen offen.<\/p><p>Wie soll es mehr Chancengleichheit geben, wenn Ungleichheit geradezu zum Stimulus f&uuml;r eine Wettbewerbsgesellschaft erkl&auml;rt wird?<\/p><p><strong>Chancengerechtigkeit als Fluchtpunkt aus dem zunehmenden Auseinanderdriften der Gesellschaft.<\/strong><\/p><p>Dennoch: Alle Parteien haben das Feld der Bildungspolitik als zentrales Zukunftsprojekt entdeckt.<\/p><p>Die Anh&auml;nger einer Marktgesellschaft und Wirtschaftsliberalen, weil sie sich um das Humankapital als wesentliches Element des Standortwettbewerbs sorgen &ndash; so etwa auch die OECD.<\/p><p>Die Sozialdemokraten und wie j&uuml;ngst etwa auch die EKD in ihrem Armutsbericht, weil sie dar&uuml;ber hinaus den Verlust von gesellschaftlicher Integration und demokratischer Teilhabe bef&uuml;rchten.<br>\nWeil sie in der Frage der sozialen Gerechtigkeit mit der Agenda 2010 ihre Glaubw&uuml;rdigkeit verloren hat, propagiert die SPD mit dem Versprechen von mehr Bildungsgerechtigkeit in ferner Zukunft geradezu das Kernelement des neu erfundenen &bdquo;vorsorgenden Sozialstaats&ldquo;.<\/p><p>Bildungsgerechtigkeit wird zum Fluchtpunkt aus der faktisch zunehmenden sozialen Ungerechtigkeit.<\/p><p>Dabei w&uuml;rde doch gerade umgekehrt ein Schuh draus:<\/p><p>Ist es etwa Zufall, dass gerade die international in allen Bildungsranking am Besten bewerteten skandinavischen L&auml;nder die geringste Ungleichheit bei der Einkommensverteilung haben?<\/p><p>F&uuml;hrt nicht gerade die zunehmende Spaltung der Gesellschaft, in Ausgegrenzte, dem Prekariat, der verunsicherten Mitte zu noch mehr sozialer Auslese im Bildungssystem?<\/p><p><strong>F&ouml;rdern ist nat&uuml;rlich teurer und erhebliche schwieriger als Fordern.<\/strong> Das gilt f&uuml;r den Arbeitsmarkt genauso, wie f&uuml;r den Zugang zu Bildungschancen.<\/p><p>Arbeit statt Arbeitslosigkeit zu finanzieren, diese Forderung darf heute in keiner Politikerrede fehlen.<br>\nW&auml;re es nicht viel kl&uuml;ger auch heute schon Bildung statt k&uuml;nftige Arbeitslosigkeit zu finanzieren?<\/p><p>Ist es f&uuml;r ein Zusammenleben in Freiheit nicht viel vern&uuml;nftiger in Bildung als zentrales Element gesellschaftlicher Teilhabe und Integration zu investieren, als in einen die Freiheit zunehmend erstickenden Sicherheitsapparat?<\/p><p>Ist es auf Dauer gesehen nicht volkswirtschaftlich wesentlich effizienter Geld f&uuml;r einen Ausgleich von Bildungsbenachteiligungen zu stecken, als Bildung z.B. &uuml;ber Studiengeb&uuml;hren oder Schulgeld in eine private Investition in das pers&ouml;nliche Humankapital umzuwandeln?<\/p><p>Gerade am Beispiel der Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren, sieht man, dass Reden und Handeln in der Bildungspolitik auseinanderklaffen.<\/p><p>Das zeigt auch die j&uuml;ngst beschlossene gr&ouml;&szlig;te Verfassungs&auml;nderung der Nachkriegszeit. Mit der F&ouml;deralismusreform wurde die Schulbildung komplett in die H&auml;nde der 16 L&auml;nder geschoben und bei der Hochschulbildung hat der Bund nichts mehr zu sagen und darf allenfalls Geld verteilen.<\/p><p>Man kann sich also darauf verlassen, dass das &bdquo;Schwarze Peter&ldquo;-Spiel in der Bildungspolitik weiter gehen wird.<\/p><p>Wer dar&uuml;ber hinaus, nichts oder viel zu wenig unternimmt, dass der Fahrstuhl f&uuml;r eine immer gr&ouml;&szlig;ere Zahl nach unten nicht angehalten wird, nimmt es hin, dass die Gleichheit der Bildungschancen abnimmt.<br>\nDas schon deshalb, weil je gr&ouml;&szlig;er die soziale Ungleichheit, desto gr&ouml;&szlig;er der Aufwand f&uuml;r die Herstellung gleicher Bildungschancen.<\/p><p>Der &bdquo;Wunschtraum Gerechtigkeit&ldquo; r&uuml;ckt in immer gr&ouml;&szlig;ere Ferne.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Talk-Shows im Fernsehen sind unbefriedigend, f&uuml;r die Zuschauer, aber manchmal noch mehr f&uuml;r die Teilnehmer. Man hat kaum je Gelegenheit einen Gedanken darzulegen oder zu begr&uuml;nden. Was &uuml;berkommt, das sind Gedankenschnipsel, zugespitzte Worth&uuml;lsen, ein unerkennbares Mosaik an Argumentationsmustern. Am 24. Oktober 2006 war ich Gast in einer solchen Runde und habe mir danach die Sendung<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1817\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[151,206,41],"tags":[430,409,230,607,408],"class_list":["post-1817","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bildungspolitik","category-chancengerechtigkeit","category-medienanalyse","tag-bildungsausgaben","tag-bildungschancen","tag-lieb-wolfgang","tag-phoenix","tag-soziale-herkunft"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1817","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1817"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1817\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30515,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1817\/revisions\/30515"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1817"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1817"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1817"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}