{"id":1818,"date":"2006-10-27T12:11:35","date_gmt":"2006-10-27T10:11:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1818"},"modified":"2019-07-25T11:16:05","modified_gmt":"2019-07-25T09:16:05","slug":"zeitungslekture-oder-warum-nicht-nur-ein-gewisser-herr-fewkoombey-schwierigkeiten-hat-die-welt-zu-verstehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1818","title":{"rendered":"Zeitungslekt\u00fcre \u2013 oder: warum nicht nur ein gewisser Herr Fewkoombey Schwierigkeiten hat, die Welt zu verstehen"},"content":{"rendered":"<p>Die Lekt&uuml;re einer ganz normalen Tageszeitung verlangt immer h&auml;ufiger extremes Durchhalteverm&ouml;gen, ja sogar eine geradezu &uuml;bernat&uuml;rliche psychische Stabilit&auml;t. Wer sich nicht etwa schon nach zwei oder drei Artikeln verzweifelt an den Kopf fasst oder aus Resignation die Lekt&uuml;re einstellt &ndash; was immerhin verst&auml;ndlich w&auml;re und f&uuml;r eine normal ausgebildete Sensibilit&auml;t spricht &ndash; dem wird eine Menge abverlangt.<br>\nOder: Was einem kritischen Zeitungsleser so durch den Kopf geht, wenn er seine Tageszeitung durchbl&auml;ttert. Eine Beobachtung von Joke Frerichs.<br>\n<!--more--><br>\nNehmen wir als Beispiel den &bdquo;K&ouml;lner Stadtanzeiger&ldquo; vom 25.10.2006. Da erfahren wir im Wirtschaftsteil auf Seite 10, wie der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG, Mathias D&ouml;pfner und seine drei Vorstandskollegen zu neuen Spitzenverdienern der deutschen Wirtschaft mutieren.<br>\nDie feinen Herren (es sind wirklich &uuml;beraus feine, vornehme Herren!), verdienten im Jahr 2005 gemeinsam 13,4 Millionen Euro (im Jahr davor 19,2 Millionen). Nach dem Einstieg des US-Finanzinvestors Hellman &amp; Friedman (H&amp;F), der mit 19,4 % am Konzern beteiligt ist, wuchs der Reiz f&uuml;r die Chefetage, den Konzern rigoros auf Rendite zu trimmen. Denn je h&ouml;her der Aktienkurs klettert, desto mehr sind auch die Aktienoptionen wert, die der Finanzinvestor bei seinem Einstieg f&uuml;r das Management springen lie&szlig;, so hei&szlig;t es in dem Artikel. Weiter hei&szlig;t es: &bdquo;D&ouml;pfner &amp; Co. brachten das zuvor schlingernde Unternehmen in wenigen Jahren wieder auf Kurs. Fast 4000 der 14 000 Stellen wurden seit 2002 gekappt. Heute erzielt das gr&ouml;&szlig;te Zeitungshaus Europas wieder Rekordgewinne. Doch die Radikalkur geht weiter. Bis 2009 sollen nochmals 421 Jobs wegfallen oder in Unternehmen mit niedrigeren L&ouml;hnen und l&auml;ngerer Arbeitszeit ausgelagert werden.&ldquo;<br>\nDie Gewerkschaft sei emp&ouml;rt, erfahren wir weiter. Es geh&ouml;re sich nicht, Besch&auml;ftigte und ihre Familien in die Arbeitslosigkeit zu schicken. (Aber wer, m&ouml;chte man spontan einwenden, soll die Herren an ihrem Vorhaben hindern, wenn nicht die angeblich so m&auml;chtigen Gewerkschaften selbst?).<br>\nEs geht noch weiter. Wir erfahren, dass seit dem Einstieg von H&amp;F der Aktienkurs von 54 Euro auf zuletzt 120 Euro gestiegen ist. Der Verkauf auch nur des halben Aktienpakets br&auml;chte H&amp;F derzeit rund 400 Millionen Euro. Aber auch D&ouml;pfner &amp; Co. gehen nat&uuml;rlich nicht leer aus. Im April 2004 hatte die Hauptversammlung beschlossen, dass der Vorstand 62.300 Aktien zum Vorzugspreis erwerben kann und dazu noch eine Option zum Kauf weiterer 498. 400 Papiere zum gleichen Preis von 54 Euro plus 2 % Zinsen bis 2011. Sobald H&amp;F mehr als die H&auml;lfte seines Anteils verkauft, k&ouml;nnen die Springer-Chefs ihre Aktien und Optionen ebenfalls versilbern. Nach derzeitigem Kurs w&uuml;rden D&ouml;pfner &amp; Co. daf&uuml;r mehr als 30 Millionen Euro erhalten. (Ich gebe zu, dass es der reine Neid-Komplex ist, der mich dazu treibt, mich &uuml;ber derartige Machenschaften zu emp&ouml;ren. Wie gern h&auml;tte ich die 30 Millionen, die ich im Lotto doch nie gewinne, obwohl ich beim letzten Jackpot schon im Voraus &uuml;berlegt hatte, mit wem ich den fetten Gewinn teilen w&uuml;rde).<\/p><p>Unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Moral spielt keine Rolle&ldquo; findet sich dann auf der Kulturseite (24) ein Interview mit dem Berliner Politikwissenschaftler Dieter Rucht &uuml;ber das Selbstverst&auml;ndnis von Managern. Hintergrund ist eine empirische Studie zur gesellschaftlichen Verantwortung deutscher Wirtschaftseliten. Zur Moral von Managern hei&szlig;t es dort: Moral ist etwas, was man sich vielleicht privat leisten kann, im Umgang mit der Familie oder auch mit den unmittelbaren Mitarbeitern. Aber Moral hat keinen Platz als praktizierter Gesichtspunkt der Unternehmensf&uuml;hrung. Der Forscher bezweifelt, dass es Sinn macht, an die Moral einzelner Manager zu appellieren. Das schiene ihm ein v&ouml;llig sinnloses Unterfangen. Ver&auml;nderungen k&ouml;nnten nur durch Druck bewirkt werden, der sich &ouml;konomisch auf Unternehmen auswirke. (Das sollten sich vielleicht die Gewerkschaften ins Stammbuch schreiben, die viel zu oft erst dann reagieren, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist).<\/p><p>Aber machen wir uns nichts vor. Die Herren D&ouml;pfner &amp; Co. versto&szlig;en ja nicht gegen Gesetze. Vielmehr verstehen sie es mit Hilfe ihrer juristischen St&auml;be, die f&uuml;r den Laien v&ouml;llig undurchschaubaren Steuer- und Aktiengesetze in ihrem Sinne anzuwenden. Ihr Handeln ist (jedenfalls meistens) v&ouml;llig legal. Vielleicht ein wenig unmoralisch, aber wer schert sich drum. Wir gew&ouml;hnen uns allm&auml;hlich an derartige Vorg&auml;nge. Die Ackermanns, Essers und wie sie auch immer hei&szlig;en m&ouml;gen, sie wuchern halt mit ihren Pfunden.<\/p><p>Von der Sozialverpflichtung des Eigentums, wie es das Grundgesetz fordert, ist kaum noch die Rede. Schlie&szlig;lich sind D&ouml;pfner &amp; Co nicht einmal Eigent&uuml;mer. Unsere obersten Verfassungsrichter haben sich vielmehr l&auml;ngst das neoliberale Dogma vom ausufernden Sozialstaat zu eigen gemacht. Auf der Politikseite (5) findet sich denn auch ein kleiner Absatz &uuml;ber die Er&ouml;ffnungsrede des Bundesverfassungsrichters Udo Di Fabio anl&auml;sslich der 38. Richterwoche am Bundessozialgericht in Kassel. Di Fabio mahnt ein Umdenken im Verst&auml;ndnis des deutschen Sozialstaats an. Leitbild eines Staates, der f&uuml;r Bed&uuml;rftige und Schwache eintrete, m&uuml;sse der &bdquo;t&auml;tige Mensch&ldquo; sein. Nur wenn Menschen arbeiteten und selbst f&uuml;r ihre Existenz sorgten, st&uuml;nden sie nicht im Abseits. So einer unserer h&ouml;chsten Verfassungsrichter. Nicht das Verfassungsgebot wird hier verteidigt, nein, dieser Richter sieht es offenbar als seine Aufgabe an, die Verfassung umzudefinieren und der Politik nach dem Maul zu reden. Dass Franz M&uuml;ntefering auf der gleichen Veranstaltung die Hartz-IV-Reform und die Reformen zur Alterssicherung als &bdquo;gro&szlig;e Umbr&uuml;che&ldquo; feiert, sei nur der Vollst&auml;ndigkeit halber erw&auml;hnt. Leider aber h&auml;tten diese Reformen zu einer wahren Prozessflut gef&uuml;hrt, weshalb die Sozialprozesse doch bitte sehr vereinfacht werden sollten (was immer das hei&szlig;t). Nicht etwa Hartz IV verunsichere die Menschen &ndash; so k&ouml;nnte man seine Logik fortspinnen &ndash; nein, die &uuml;beraus langen Prozesse in dessen Folge. Da bietet sich doch ein einfaches Verfahren viel eher an: Die Abschaffung dieser ohnehin untauglichen Gesetze.<\/p><p>Nun wollen wir doch nicht vers&auml;umen, den klugen Ratschlag des Richters Di Fabio direkt an die Bed&uuml;rftigen und Arbeitslosen weiter zu leiten. &Uuml;ber deren Situation berichtet meine Tageszeitung dankenswerter Weise auf Seite 28 am Beispiel K&ouml;ln. Unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Sprengstoff in allen Stadtteilen&ldquo; (ich assoziierte zun&auml;chst Terrorvorbereitungen) erfahren wir, dass 13 % der Menschen ohne staatliche Unterst&uuml;tzung ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten k&ouml;nnen. Gleichzeitig gilt jedes vierte Kind in K&ouml;ln als arm. Von den K&ouml;lnern unter 65 Jahren fielen 2005 fast 14,2 % unter die Regelungen der Hartz IV-Gesetze. Am st&auml;rksten betroffen sind Kinder: 227 von 1000 Kindern unter 15 Jahren wird Sozialgeld gezahlt, weil ihre Eltern Langzeitarbeitslose sind oder weniger verdienen als die Hartz IV-Bemessungsgrenze vorsieht. In vielen Stadtteilen gibt es eine Zunahme der Armut. Einige rutschen trotz anhaltender Bem&uuml;hungen und F&ouml;rderprogramme weiter ab. Im Stadtteil Chorweiler liegt die Arbeitslosenquote bei 30,9 %; in Kalk bei 27,8 % usw. Nur in den Wohnvierteln der Gutbetuchten &ndash; das sind die mit den hohen Mauern ums Haus &ndash; gibt es Quoten von 2,8 oder weniger als 6 % (ich wundere mich, dass es hier &uuml;berhaupt Arbeitslose gibt. Es wird sich doch nicht etwa um Sozialschmarotzer handeln, um die sich einst der umtriebige Ex-Wirtschaftsminister Clement so sorgte!).<\/p><p>Auf der gleichen Seite berichtet der Pfarrer Franz Meurer &uuml;ber seinen verzweifelten Kampf gegen die zunehmende Armut und Verwahrlosung in seinem Viertel. Dass erst jetzt das Thema &bdquo;Neue Unterschicht&ldquo; aufgekommen sei, wo doch schon 1999 ein Konzernchef die betroffenen Menschen als &bdquo;Wohlstandsm&uuml;ll&ldquo; bezeichnet habe. Sein Fazit lautet: &bdquo;Viele verfallen in Hoffnungslosigkeit, in ein Leben mit der Einstellung, ist doch alles egal, ich kann es sowieso nicht &auml;ndern. Das ist doch furchtbar. Wir m&uuml;ssen die Menschen beteiligen, sonst verwahrlost die Gesellschaft. Die meisten wollen doch mitmachen, wenn sie eine Chance haben. Ich kenne Hartz IV-Leute, die Rotz und Wasser geweint haben, als sie mit ihrem Ein-Euro-Job aufh&ouml;ren mussten. Ich kenne Kinder, die sind verzweifelt, wenn sie auf die Hauptschule kommen. Jugendliche kommen zu mir und sagen: Ich brauche eine Ausbildungsstelle, sonst werde ich irgendwann zum Dieb. Wir haben fast 30 % Arbeitslose im Viertel. Da ist es doch klar, dass ich nur im Ausnahmefall jemanden vermitteln kann.&ldquo;<\/p><p>Soweit der Pfarrer Meurer, der sich vor Ort seit Jahren engagiert und daf&uuml;r zum &bdquo;alternativen Ehrenb&uuml;rger K&ouml;lns&ldquo; ernannt wurde. Vielleicht sollte der forsche Genosse M&uuml;ntefering einmal vor dieser Klientel darlegen, warum er immer noch glaubt, das Prinzip &bdquo;Fordern und F&ouml;rdern&ldquo; k&ouml;nne irgendwann einmal funktionieren. Statt in der vornehmen Gesellschaft von Sozialrichtern untaugliche Reformen zu verteidigen. Den Herrn Di Fabio kann er bei der Gelegenheit gleich mitbringen. Die Leute w&uuml;rden sicher gern einmal erfahren, wie man unter deren Existenzbedingungen zum &bdquo;t&auml;tigen Menschen&ldquo; wird.<\/p><p>Das ist noch l&auml;ngst nicht alles, was meine Tageszeitung zu bieten hat. Dabei will ich nicht verschweigen, dass diese bei allem karitativen Engagement durchaus mit dem neoliberalen Kurs des Mainstreams unserer offizi&ouml;sen Meinungsmacher &uuml;bereinstimmt. Es kommt einem so vor, als w&uuml;rde einigen von ihnen schwanen, dass da Wunden entstehen, wo die Herrschenden hintreten.<\/p><p>Also: meine Zeitung h&auml;lt es mit der Wohlt&auml;tigkeit. Zuletzt haben die Leser der Zeitung 1,1 Millionen Euro f&uuml;r minderj&auml;hrige M&uuml;tter und ihre Babys gespendet. Zur Zeit gibt es die Aktion &bdquo;Wir helfen&ldquo;. Durch den Ausbau von Familienzentren in sozialen Brennpunkten soll die Entwicklung armer Kinder gef&ouml;rdert werden. Immer wenn es auf Weihnachten zugeht, machen sich derartige Aktionen besonders gut. Benefiz-Galas mit Promis, Vereins- und Firmenfeste oder auch das Engagement vieler Einzelner &ndash; es wird gesammelt, was das Zeug h&auml;lt. Manch einer verschafft sich auf diese Weise ein gutes Gewissen. Ein feiner Nebeneffekt in einer doch ansonsten so kalten Welt. Mich jedenfalls erw&auml;rmen derartige Aktionen Jahr f&uuml;r Jahr.<\/p><p>Mit der organisierten Gegenwehr gegen die Zumutungen, die unsere sog. Politiker- und Wirtschaftselite uns auferlegen, hat meine Zeitung es nicht so sehr. So berichtet sie relativ gen&uuml;sslich &uuml;ber die &bdquo;unbeliebten Gewerkschaften&ldquo;, wie eine Meinungsumfrage von Emnid ergeben haben soll. Danach lehnen 63 % aller Deutschen (!?) die arbeitsmarktpolitischen Positionen der Gewerkschaften ab. Abgesehen davon, dass ich gar nicht gefragt worden bin (immerhin bin ich doch Deutscher), wundere ich mich, dass die Deutschen so genau &uuml;ber die arbeitsmarktpolitischen Vorstellungen der Gewerkschaften informiert sind. (Aus eigenen wissenschaftlichen Untersuchungen wei&szlig; ich, dass nicht einmal die Mitglieder der Gewerkschaften die Programme kennen). Auch w&uuml;sste ich gern, wer die Studie bezahlt hat und wie genau die Fragestellung lautete. Ganz sicher w&uuml;rde sich doch eine Mehrheit nicht f&uuml;r die Abschaffung des K&uuml;ndigungsschutzes aussprechen &ndash; auch das wei&szlig; man aus vorliegenden Untersuchungen. Sehr zum &Auml;rger der Herrschenden.<br>\nAlso dar&uuml;ber erfahre ich in meiner Tageszeitung nichts. Wie &uuml;berhaupt immer wieder unterstellt wird, die Menschen h&auml;tten zu allem eine eigene Meinung, wonach sie gefragt werden.<\/p><p>Immerhin aber erfahre ich aus meiner Zeitung dass sich 63 % der Fischarten im Rhein wieder wohl f&uuml;hlen &ndash; 20 Jahre nach der Sandoz-Katastrophe. Sind die Fische etwa auch befragt worden?<\/p><p>Neben erfreulichen Ereignissen wie diesen dann wieder Berichte &uuml;ber den grauen Politikalltag. Das Land NRW verkauft die Landesentwicklungsgesellschaft, eine der gr&ouml;&szlig;ten Immobiliengesellschaften in Deutschland. Von der Privatisierung erhofft sich das Land mehr als 2,5 Milliarden Euro. Nat&uuml;rlich keinerlei Nachteile f&uuml;r die 300.000 Mieter. Nur 2,5 % des Bestandes d&uuml;rfen j&auml;hrlich verkauft werden (immerhin 2.500 Wohnungen; macht in 10 Jahren 25.000). Die Investoren scheinen schon Schlange zu stehen.<\/p><p>Weitere Schlagzeilen: Die Gesundheitsreform vom Kabinett verabschiedet (gegen den Rat und Widerstand so ziemlich aller Beteiligten). Mithin: reiner Machterhalt.<br>\nEbenso wird die Rente mit 67 durchgezogen. Kein Mensch wei&szlig;, was das bringen soll au&szlig;er nat&uuml;rlich einer faktischen Rentenk&uuml;rzung. Aber bei einer derart hohen Jugendarbeitslosigkeit werden sich die Probleme auf dem Arbeitsmarkt (ein Begriff, den man auch einmal &uuml;berdenken sollte, es geht schlie&szlig;lich nicht um Obst und Gem&uuml;se) weiter versch&auml;rfen. Ungewollte Nebenwirkungen sind mithin programmiert &ndash; wie bei allen Reformen auch. Das kausale Denken eignet sich eben nicht f&uuml;r die L&ouml;sung komplexer Sachverhalte.<\/p><p>Was noch? Die Aktienkurse steigen. Herr Sinn vom Ifo-M&uuml;nchen vermeldet eine gute Stimmung in der Wirtschaft, die &ndash; da das Ifo jeden Monat etwas anderes berichtet &ndash; vom guten oder schlechten Wetter oder der Laune der Manager abzuh&auml;ngen scheint. Also wir sehen: Hier wird Wissenschaft auf h&ouml;chstem Niveau betrieben. (Ach w&uuml;rde der Herr Sinn doch einmal kundtun, in wessen Interesse er jetzt wieder weissagt).<\/p><p>Wir kommen nicht umhin, ihn vor das Weltgericht des Herrn Fewkoombey zu zitieren. Wer das ist? Nun, eine Figur aus Bert Brechts &bdquo;Dreigroschenroman&ldquo; &ndash; einer genialen Studie &uuml;ber die Mechanismen und Machenschaften des Kapitalismus. Fewkoombey, einer der Verlierer, hat den Traum, Vorsitzender eines Weltgerichts zu sein, das herausfinden m&ouml;chte, wie es kommt, dass es Arme und Reiche in der Gesellschaft gibt. Anders gesagt: wieso die einen mit ihrem Pfund wuchern und es vermehren, w&auml;hrend die anderen sich kaputt arbeiten und im Elend landen. Brecht f&uuml;hrt die 2000 Jahre alte Geschichte aus dem Matth&auml;us-Evangelium (Matth&auml;us 25, Ziffer 15 ff.) konsequent zu Ende. Jenes: Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die F&uuml;lle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden (Ziffer 29). Fewkoombey m&ouml;chte pr&auml;zise wissen, wie das funktioniert. Also l&auml;sst er alle aufmarschieren, die da profitiert haben sowie die Erniedrigten und Beleidigten. Ebenso die Pfaffen, die seit Jahrhunderten die M&auml;r verbreiten, jeder sei mit einem Pfund ausgestattet worden, mit dem er zu wuchern habe. Wenn man so will, eine schon vor 2000 Jahren formulierte Grundthese des Neoliberalismus, wonach jeder seines Gl&uuml;ckes Schmied ist.<br>\nWie zu erwarten, gestaltet sich die Beweisf&uuml;hrung schwierig. Viel Ideologie, ja Unwissen ist im Spiel. Die T&uuml;chtigen sind t&uuml;chtig, weil sie eben t&uuml;chtig sind. Der Rest hat es nicht verstanden, mit seinem Pfund zu wuchern. Lauter Tautologien also. Die 40 B&auml;nde der Britischen Enzyklop&auml;die, die Fewkoombey aufmarschieren l&auml;sst, enthalten auch nicht des R&auml;tsels L&ouml;sung. Das Kapital scheint sich aus sich selbst heraus zu vermehren (so wie die Kuh kalbt); die Arbeitskraft kann das von ihr Geschaffene nicht behalten, da es anderen geh&ouml;rt. Gro&szlig;e Ideen, Organisationstalent, Leistungsbereitschaft &ndash; all das erkl&auml;rt nicht die vorhandene soziale Ungleichheit, so sehr sich die Ideologen auch bem&uuml;hen, darin die Ursache der Ungleichheit zu erblicken.<\/p><p>Schlie&szlig;lich kommt Fewkoombey dem R&auml;tsel allm&auml;hlich auf die Spur. Aber wie, das wird hier &ndash;es handelt sich schlie&szlig;lich um einen Wirtschafts-Krimi &ndash; nicht verraten. Also es hilft nichts: man muss schon bei Brecht selbst nachschauen und sollte &uuml;berhaupt viel mehr Brecht lesen. Es muss ja nicht immer nur eine Tageszeitung sein!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Lekt&uuml;re einer ganz normalen Tageszeitung verlangt immer h&auml;ufiger extremes Durchhalteverm&ouml;gen, ja sogar eine geradezu &uuml;bernat&uuml;rliche psychische Stabilit&auml;t. 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