{"id":18197,"date":"2013-08-06T09:46:48","date_gmt":"2013-08-06T07:46:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18197"},"modified":"2020-11-18T16:25:19","modified_gmt":"2020-11-18T15:25:19","slug":"spiel-uber-bande","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18197","title":{"rendered":"Spiel \u00fcber Bande"},"content":{"rendered":"<p><em>oder wie die Bundesregierung am Parlament vorbei die Rahmenbedingungen &auml;ndert<\/em><\/p><p>Es wird heftig geschimpft in Deutschland &uuml;ber die B&uuml;rokraten in Br&uuml;ssel, die man f&uuml;r Alles verantwortlich machen will, was hierzulande offenbar schief l&auml;uft. Dabei wird jedoch kaum ber&uuml;cksichtigt, dass die Politik hierzulande oft mit gespaltener Zunge redet. Erfolge schreibt man sich selbst zu und bei Entwicklungen, die in der Bev&ouml;lkerung kritisiert werden, schiebt man die Schuld nach Br&uuml;ssel. Und das ist keinesfalls ein Zufall, sondern hat Methode und nennt sich Spiel &uuml;ber Bande. Der Begriff stammt aus dem Billard-Spiel: Beim Spiel &uuml;ber Bande wir der Ball gegen die Bande gespielt und trifft sein Ziel somit erst indirekt. In der politischen Praxis w&auml;hlen die an einer Umsetzung interessierten Gruppen bei Gesetzesvorhaben, die mit Hilfe der nationalen Gesetzgebungsprozesse nicht zu realisieren sind, gerne den Umweg &uuml;ber &uuml;bergeordnete Einrichtungen wie die Institutionen der Europ&auml;ischen Gemeinschaft. Von <strong>Christoph Jehle<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDass sich zahlreiche B&uuml;rger dann bevormundet f&uuml;hlen, ist nachvollziehbar. Zudem haben deutsche Bundesregierungen bis heute wenig dazu beigetragen, dass die B&uuml;rger hierzulande verstehen, wie die Europ&auml;ische Union funktioniert und welche Einflussm&ouml;glichkeiten die B&uuml;rger im Einzelnen haben. Auch die Arbeitsteilung zwischen der unter den Regierungen der Mitgliedsstaaten ausgehandelten Europ&auml;ischen Kommission in Br&uuml;ssel und dem Europ&auml;ischen Parlament, das in Stra&szlig;burg und Br&uuml;ssel tagt, ist zumindest in der deutschen Bev&ouml;lkerung weitgehend unbekannt. Da wird dann die Kommission gerne als nicht demokratisch legitimiert hingestellt, weil sie nicht direkt von der Bev&ouml;lkerung gew&auml;hlt wird, aber das wird die deutsche Bundeskanzlerin entgegen vielfacher Annahme auch nicht.<\/p><p>&Uuml;ber 80% der in den vergangenen Jahren verabschiedeten, in Deutschland g&uuml;ltigen Gesetze gehen auf eine Entscheidung der Europ&auml;ischen Institutionen zur&uuml;ck. Sie werden zumeist in der Folge einer EU-Richtlinie in nationales Gesetz &uuml;bernommen oder vom Europ&auml;ischen Parlament als Verordnung mit allgemeiner G&uuml;ltigkeit und unmittelbarer Wirksamkeit in allen Mitgliedsstaaten verabschiedet. <\/p><p><strong>Konkrete Beispiele f&uuml;r das Spiel &uuml;ber Br&uuml;ssel<\/strong><\/p><p>Die Einf&uuml;hrung der mit Fingerabdruck versehenen biometrischen Reisep&auml;sse konnte die Bundesregierung in Deutschland nicht realisieren und hat sie dann aber als EU-Gesetz realisiert, an das sich auch Deutschland halten muss. <\/p><p>Bei der vom Verfassungsgericht gekippten Vorratsdatenspeicherung sieht sich die Bundesregierung unter Druck der EU-Richtlinie 2006\/24\/EG &uuml;ber die Vorratsspeicherung von Daten, die Vorgaben der Richtlinie in deutsches Gesetz zu &uuml;bernehmen. Die Richtlinie war zuvor unter deutscher Beteiligung in Br&uuml;ssel entstanden. <\/p><p>Bei der EU-Konzessionsrichtlinie, die als Folge der dabei vorgesehenen Ausschreibung der Wasserversorgung in vielen F&auml;llen zu einer Privatisierung der Trinkwasserversorgung gef&uuml;hrt h&auml;tte, war die Bundesregierung nicht zu einer Ablehnung zu bewegen, war doch die Richtlinie durchaus im Interesse des deutschen &Ouml;PP-Beschleunigungsgesetzes von 2005, das die Erleichterung der &Uuml;bernahme staatlicher Aufgaben durch die Privatwirtschaft vorsieht. Erst eine Europ&auml;ische B&uuml;rgerinitiative konnte die Idee der Wasserprivatisierung vorerst aus dem Geltungsbereich der Konzessions-Richtlinie herausfallen lassen.<\/p><p>Beim in Deutschland ziemlich unbeliebten Gl&uuml;hlampenverbot wissen nur Wenige, dass die Vorbereitung der Verordnung VO (EG) 244\/2009, mit der geregelt wurde, wie die Gl&uuml;hbirnen vom Markt genommen werden sollen, in der Hauptsache von zwei deutschen und einem niederl&auml;ndischen Unternehmen unterst&uuml;tzt wurde. Die von Teilen der deutschen Politik in der Schlussphase der Gesetzgebung vor der Abstimmung im Europ&auml;ischen Parlament gespielte Emp&ouml;rung war nicht mehr als ein Schauspiel f&uuml;r das Publikum. Zu dem Zeitpunkt war die Verordnung schon alternativlos.<\/p><p>Ein Nebeneffekt des Spiels &uuml;ber Bande ist die Tatsache, dass nicht nur die deutsche Politik diese Umwege mag und dann Paketl&ouml;sungen zustande kommen, die letztlich meist in einem Geschachere zwischen den unterschiedlichen Interessen endet. Zuhause werden die Ergebnisse dann als unvermeidbar verk&uuml;ndet und im Zweifelsfalle der Br&uuml;sseler B&uuml;rokratie in die Schuhe geschoben.<\/p><p><strong>Spiel &uuml;ber Bande funktioniert auch &uuml;ber den Atlantik<\/strong><\/p><p>Die Zusammenarbeit mit der NSA erm&ouml;glicht es deutschen Diensten an Informationen zu kommen, die sie selbst nicht absch&ouml;pfen d&uuml;rfen, weil auf deutschem Boden deutsches Recht gilt. Nun handelt es sich bei den Niederlassungen der NSA in Deutschland praktischerweise um Areale, auf welchen US-amerikanisches Recht gilt. Man hatte diese Regelung eingef&uuml;hrt, damit das US-Personal an allen Standorten dem gleichen Recht unterliegt.  <\/p><p>Auch bei der derzeit diskutierten Transatlantischen Handels- und Investment-Partnerschaft (TTIP \/ Transatlantic Trade and Investment Partnership), ehemals Trans-Atlantic Free Trade Agreement (TAFTA), das man als Gegengewicht zum wirtschaftlich aufstrebenden asiatischen Kontinent etablieren will, ist damit zu rechnen, dass im Rahmen der Geheimverhandlungen bestimmte Rahmenbedingungen, die derzeit hierzulande nicht aufzuweichen sind, alternativlos dem sogenannten Freihandel geopfert werden.<\/p><p>Wenn man ber&uuml;cksichtigt, dass weniger als 7% des transatlantischen Handels heute noch Zollbestimmungen und &ndash;abgaben unterliegt, wird ziemlich offensichtlich, dass mit dem Freihandelsabkommen andere Ziele als eine Zolltarifsenkung verfolgt werden. Wenn jetzt von angestrebten Vereinheitlichungen und der gegenseitigen Anerkennung von Normen und Standards die Rede ist, wird das mitnichten die Vereinheitlichung von Frequenz und Spannung bei der Stromversorgung bedeuten. Viel wahrscheinlicher wird man daf&uuml;r sorgen, dass die US-amerikanischen Vorstellungen von industrieller Landwirtschaft in Europa marktf&auml;hig werden. Das Abspr&uuml;hen von H&auml;hnchenschlachtk&ouml;rpern mit gechlortem Wasser (Chlorh&auml;hnchen) d&uuml;rfte da noch das geringste Problem darstellen, denn die US- Agrarlobby erwartet, dass die EU ihre strenge gesundheitliche und pflanzenschutzrechtliche Standards reduziert, so dass amerikanische Agrarprodukte freien Marktzugang haben.<\/p><p>Angriffspunkte bei dem hier angesagten Spiel &uuml;ber Bande sind ganz grundlegend Fragen des Verbraucherschutzes und das trifft nicht nur Lebensmittelgesetze sondern auch die Produkte der Finanz-Dienstleister und die Ausschreibungen der &ouml;ffentlichen Hand. Die Gegenleistungen f&uuml;r eine Akzeptanz franz&ouml;sischen Rohmilchk&auml;ses durch die US-amerikanische Gesundheitsbeh&ouml;rde k&ouml;nnten happig werden.<\/p><p>Ein Transatlantisches Freihandelabkommen w&auml;re im Vergleich zu den rein europ&auml;ischen Spielen noch einmal eine Ebene h&ouml;her und dann f&uuml;r europ&auml;ische B&uuml;rger praktisch nicht mehr erreichbar. Probleme, wie sie sich heute im Rahmen des Europ&auml;ischen Binnenmarkts zeigen, w&auml;ren in einem transatlantischen Binnenmarkt noch weniger l&ouml;sbar. Was auch immer regelungstechnisch im Binnenmarkt angesiedelt ist, gilt in gleicher Form f&uuml;r alle Mitgliedsstaaten. <\/p><p>Die durch die Wasserrahmenrichtlinie erfolgte Vorgabe, Wasser zu sparen, macht wohl f&uuml;r zahlreiche Regionen Europas durchaus Sinn. In Deutschland f&uuml;hrt dies jedoch dazu, dass aufgrund des zur&uuml;ckgegangenen Wasserverbrauchs in zunehmend mehr Kommunen das Abwassernetz mit Frischwasser gesp&uuml;lt werden muss, was den Wasserverbrauch nicht reduziert und die Kosten durch Mehraufwand noch erh&ouml;ht. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><em>oder wie die Bundesregierung am Parlament vorbei die Rahmenbedingungen &auml;ndert<\/em><\/p>\n<p>Es wird heftig geschimpft in Deutschland &uuml;ber die B&uuml;rokraten in Br&uuml;ssel, die man f&uuml;r Alles verantwortlich machen will, was hierzulande offenbar schief l&auml;uft. Dabei wird jedoch kaum ber&uuml;cksichtigt, dass die Politik hierzulande oft mit gespaltener Zunge redet. 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