{"id":1829,"date":"2006-11-03T09:21:57","date_gmt":"2006-11-03T07:21:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1829"},"modified":"2019-10-28T16:27:36","modified_gmt":"2019-10-28T15:27:36","slug":"die-verscherbelte-bundesdruckerei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1829","title":{"rendered":"Die verscherbelte Bundesdruckerei"},"content":{"rendered":"<p>In einem Beitrag f&uuml;r &ldquo;Druck + Papier&rdquo; von ver.di hat sich Hermann Zoller  mit der Privatisierung der Bundesdruckerei besch&auml;ftigt. Anlass war ein Bericht im Deutschlandradio. Erg&auml;nzt durch eigene Recherchen ist ein aufschlussreicher Beitrag Zollers zum Thema Privatisierung daraus geworden.<br>\n<!--more--><br>\nHERMANN ZOLLER<br>\nBeitrag f&uuml;r Druck und Papier von verdi.<\/p><p><strong>Das Milliardenspiel<\/strong><\/p><p>Deutschlandradio Kultur: Wie die Bundesdruckerei unter den Hammer kam<\/p><p>Gesch&uuml;tzt ist sie wie ein Hochsicherheitstrakt, vor der Gefr&auml;&szlig;igkeit der kapitalistischen Heuschrecken war und ist sie dennoch nicht sicher: Die Bundesdruckerei in Berlin war einst ein Kleinod im Eigentum der Bundesrepublik Deutschland. Heute t&auml;uscht ihr Name dar&uuml;ber hinweg, dass dieser bedeutende Druckbetrieb mit hoheitlichen Aufgaben Ende 2000 &bdquo;privatisiert&ldquo; wurde, wie es stets sch&ouml;nf&auml;rberisch genannt wird, wenn Volksverm&ouml;gen verscherbelt und damit enteignet wird. Die Journalisten Heide und Rainer Schwochow haben das gro&szlig;e Fressen mit kriminalistischem Sp&uuml;rsinn aufgest&ouml;bert und in einem fast einst&uuml;ndigen Feature am 7. Oktober 2006 im &bdquo;Deutschlandradio Kultur&ldquo; zu Geh&ouml;r gebracht. <\/p><p>Den Weg der Privatisierung nachzuzeichnen ist nicht nur spannend wie ein Krimi, der Vorgang ist auch ein Lehrst&uuml;ck &uuml;ber die bundesdeutsche Privatisierungspolitik und eine Verhaltensstudie &uuml;ber jene Art von Heuschrecken, die Vizekanzler und Arbeitsminister Franz M&uuml;ntefering in das politische Artenbuch eingef&uuml;hrt hat: Ausschlachten und Absahnen wo nur irgend m&ouml;glich, das sind die vorherrschenden Handlungsmuster.<br>\nIn der Bundesdruckerei werden Personalausweise, F&uuml;hrerscheine, Reisep&auml;sse, Tabaksteuerzeichen und vieles mehr hergestellt, was zum staatlichen Hoheitsbereich geh&ouml;rt. So auch Euro-Banknoten, Aktien, Postwertzeichen und Visa. Der Betrieb war am 6. Juli 1879 als Reichsdruckerei durch den Zusammenschluss der Geheimen Oberhofbuchdruckerei von Decker und der K&ouml;niglich-Preu&szlig;ischen Staatsdruckerei gegr&uuml;ndet worden. Die Bundesdruckerei, ein Sahnest&uuml;ckchen im Besitz der Bundesrepublik Deutschland, war f&uuml;r die Modernisierer ein willkommenes Objekt, an dem viele Privatisierer es sich gutgehen lassen konnten.<br>\nHeide und Rainer Schwochow haben die Entwicklung f&uuml;r das &bdquo;Deutschlandradio Kultur&ldquo; aufgezeichnet, und die Machenschaften der Beteiligten sind damit zur Be- und Verurteilung freigegeben. Eine Sendung mehr &uuml;brigens, die zeigt, wie gut es ist, einen &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunk zu haben. Das H&ouml;rspiel zeigt einen Ausschnitt der korrupten Seite unserer Gesellschaft, Menschen, die sich mit einer Selbstverst&auml;ndlichkeit r&uuml;cksichtslos selbst die Taschen f&uuml;llen, dass es einem den Atem verschl&auml;gt.<\/p><p><strong>Ein fiktiver Sonderermittler nimmt die Arbeit auf<\/strong><\/p><p>Was der Autoren Schwochow fiktiver Sonderermittler so alles findet, ist zumindest &uuml;ber weite Teile juristisch nicht zu fassen. Das macht die Sache nicht besser, wenn man betrachtet, was in Wirtschaftskreisen alles so &uuml;blich zu sein scheint, was man so mitnehmen und trotzdem seine H&auml;nde in Unschuld waschen kann. Im Deutschlandradio-Feature werden sie mit Namen genannt: Finanzminister Hans Eichel, Staatssekret&auml;r Manfred Overhaus, Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer Ernst-Theodor Menke, Aufsichtsratsvorsitzender Manfred Lahnstein, Projektleiterin Renate Kr&uuml;mmer, Rechtsanwalt Heinz G&uuml;nther Gondert von der Kanzlei Clifford Chance, Vertreter des Bankhauses Metzler, Betriebsratsvorsitzender Klaus-Dieter Langen (der sp&auml;tere Arbeitsdirektor), Staatsminister a. D. Ludger Volmer (er erhielt 400000 Euro in zwei Jahren; die Bundesdruckerei zahlte ihm diese Summe als Spesen und Honorare f&uuml;r eine nebenberufliche Arbeit, als Tagessatz zu 2500 Euro).<br>\nDie Autoren schildern im &bdquo;Deutschlandradio&ldquo;, wie jeder auf seine Weise sich seinen Teil schnappt &ndash; w&auml;hrend die Belegschaft schrumpft. Auf eine runde Milliarde Euro addieren die Autoren die Honorare und Provisionen f&uuml;r Verk&auml;ufe, Beratungen und Gutachten. Ein stattlicher Betrag f&uuml;r einen Betrieb, der f&uuml;r eine Milliarde von Eichel verkauft wurde.<br>\nAuf der anderen Seite stehen die Menschen, die mit ihrer Arbeit den Betrieb am Leben erhalten und die Gewinne erwirtschaften. Der H&ouml;rfunk-Beitrag macht die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer keinesfalls zu Randfiguren. Sie sind eigentlich die Hauptpersonen, wenn auch nur als Opfer. Die Sendung zeigt anschaulich, wie ihr Leben, ihre N&ouml;te und &Auml;ngste aussehen, welche Folgen die Sorgen um den Arbeitsplatz haben &ndash; bis zum Selbstmord aus Verzweiflung. &ldquo;Dann fehlten immer wieder Kollegen, und es hie&szlig;: Wo sind die eigentlich? Ja, Bonnies Ranch. Bonhoefer-Klinik. Die waren einfach psychisch krank geworden&rdquo;, berichtet eine in der Bundesdruckerei besch&auml;ftigte Frau. Die Schwochows geben auch den Opfern eine Stimme. Vor diesem Hintergrund bekommt das Treiben der Manager erst seine richtige Dimension. Ein Blickwinkel, den man gern auch in anderen Fernseh- und H&ouml;rfunksendungen finden m&ouml;chte. <\/p><p><strong>Etliche mussten in die Psychiatrie<\/strong><\/p><p>Was in der Sendung eindrucksvoll geschildert wird, das ist nicht einfach das zweifelhafte Treiben einer handvoll Politiker, Manager und Anw&auml;lte. Was hier beispielhaft an der Bundesdruckerei vorgef&uuml;hrt wird, sind nicht Entgleisungen oder Ausrutscher einiger weniger. Es geht um Mechanismen zu tun, die durch politische Entscheidungen zu integrierten Bestandteilen unserer Wirtschaftsordnung geworden sind. M&ouml;glich geworden ist das Aussaugen der Bundesdruckerei und ihrer Besch&auml;ftigten nur, weil die Bundesregierung mit der Orientierung ihrer Politik am Shareholder value, mit der Deregulierung der Finanzm&auml;rkte Unternehmen internationalen Kapitalinteressen ausgeliefert hat. Dazu geh&ouml;rt die Steuerbefreiung der Gewinne beim Verkauf von Unternehmen und Unternehmensteilen. Erst dadurch ist den Geldhaien der Tisch gedeckt worden. Zu allem &Uuml;bel hat die Bundesregierung den Heuschrecken dann noch mit der Privatisierung der Bundesdruckerei einen fetten Happen auf dem silbernen Tablett serviert.<br>\nAus Erfahrung klug zu werden, w&auml;re aller Ehren wert. Selbst aus der Wirtschaft kommen Stimmen, die das fordern, so Porsche-Chef Wendelin Wiedeking Ende September in &bdquo;SpiegelOnline&ldquo;: Die Steuerfreiheit von Ver&auml;u&szlig;erungsgewinnen m&uuml;sse &ldquo;abgeschafft werden&rdquo;. Denn: &ldquo;Damit werden alle belohnt, die Unternehmen zerschlagen. Als das Gesetz erlassen wurde, habe ich dem damaligen Kanzler Gerhard Schr&ouml;der geschrieben, dass dies Unsinn sei.&rdquo;<br>\nUnser fiktiver Sonderermittler beginnt Im Deutschlandradio seine Arbeit zu dem Zeitpunkt, als die Bundesdruckerei an Apax verkauft wurde, einen Private Equity Fonds. Die Weichenstellung zur Verschleuderung von Volksverm&ouml;gen durch die Bundesregierung beginnt aber schon fr&uuml;her. Zun&auml;chst wird der Betrieb kr&auml;ftig aufgestockt. Die deutsch-deutsche Vereinigung erfordert viele neue Personalausweise. Nach den politischen Vorgaben w&auml;chst die Belegschaft auf 4.500 Besch&auml;ftigte. Nach der Normalisierung der Auftragslage ergeben sich &Uuml;berkapazit&auml;ten. Der Personalabbau erfolgt dank massiven gewerkschaftlichen Drucks ohne betriebsbedingte K&uuml;ndigungen. Am 1. September 1994 beschlie&szlig;t das Bundeskabinett unter Helmut Kohl eine Umwandlung des Betriebs in eine GmbH. Der erste Schritt zur Privatisierung. <\/p><p><strong>Eichel will Geld f&uuml;r die leere Staatskasse<\/strong><\/p><p>In den folgenden Jahren wird die Bundesdruckerei ausgebaut. 270 Mio. Euro Steuergelder flie&szlig;en. F&uuml;r 20 Mio. Euro Steuergelder wird die Holographic Systems M&uuml;nchen GmbH gekauft, f&uuml;r 70 Mio. Euro Steuergelder die Orga Kartensysteme GmbH. Nach Einsch&auml;tzung der Gesch&auml;ftsleitung w&uuml;rde die Orga zum wichtigsten Unternehmensteil werden. Zun&auml;chst best&auml;tigt sich diese Prognose. Das Orga-Gesch&auml;ft boomt.<br>\nBundesfinanzminister Eichel will Geld f&uuml;r seine leere Staatskasse. Am 21. November 2000 wird der Verkauf an Apax unterschrieben. Eichel bekommt 1 Mrd. Euro. Apax zahlt nur ein Viertel aus eigener Tasche, ein Viertel kreditiert das Bundesfinanzministerium. Mit 500 Mio. Euro ist die Hessische Landesbank mit von der Partie. Der Private Equity Fonds hat ein klares Ziel: j&auml;hrlich 30 Prozent Rendite und nach drei Jahren an die B&ouml;rse. Das soll so funktionieren: Apax hat selbst 250 Mio. Euro investiert. Bringt das Unternehmen an der B&ouml;rse auch nur 1,25 Mrd. Euro, dann hat man locker die 30 Prozent Rendite erreicht.<br>\nApax &uuml;berf&uuml;hrt die Bundesdruckerei zun&auml;chst in die Authentos GmbH. Das macht Apax schuldenfrei. Die Verbindlichkeiten liegen jetzt bei Authentos, genauer auf der Bundesdruckerei selber. Durch einen Ergebnisabf&uuml;hrungsvertrag muss die Bundesdruckerei jedes Jahr zwischen 50 und 75 Mio. Euro an Authentos abf&uuml;hren. Diese leitet das Geld weiter zur Schuldentilgung. Apax erreicht damit ihr zweites Ziel: Authentos und die Bundesdruckerei brauchen beide keine Steuern zu zahlen, weil sie keine Gewinne mehr machen.<br>\nDie Rechnung geht nicht auf. Die Mikrochips auf Karten bleiben nicht der Renner, auf den man spekuliert hat. Weitere Hoffnungen auf Sicherheitstechniken platzen, der Internet-Hype implodiert. Das bringt die Bundesdruckerei in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Weil Orga nicht mehr die Gewinne bringt, k&ouml;nnen auch keine weitergeleitet werden. Authentos wird zahlungsunf&auml;hig. Kreditgeber und Bund sind bereit, auf die Zahlung der Zinsen und der Kreditraten zu verzichten, um nicht den kompletten Verlust ihrer Forderungen zu riskieren. Kreditgeber ist bekanntlich die Hessische Landesbank. Einige Monate sp&auml;ter sind Landtagswahlen. Es h&auml;tte Ministerpr&auml;sident Roland Koch sicherlich gest&ouml;rt, wenn die Helaba am Vorabend in Schwierigkeiten geraten w&auml;re.<\/p><p><strong>Satte Pfr&uuml;nde zulasten der B&uuml;rger und der Besch&auml;ftigten<\/strong><\/p><p>Im September 2002 wird Authentos f&uuml;r den symbolischen Kaufpreis von einem Euro an zwei Zwischenerwerber &uuml;bertragen: 94 Prozent an die Berliner JVVG, sechs Prozent an die Dinos Verm&ouml;gensverwaltung in Heidelberg. Die Gesellschaft soll saniert und wieder verkauft werden. Die Clifford Chance ist mittelbarer Mehrheitsgesellschafter der Authentos. Die Anwaltssoziet&auml;t fungiert als Strohmann der Hessischen Landesbank. Damit w&auml;re heute die Helaba der gr&ouml;&szlig;te Anteilseigner an der Bundesdruckerei.<br>\nIm M&auml;rz 2003 wird die Orga an das Bamberger Unternehmen GW Card Holding GmbH, eine Schwesterfirma der GHP Holding GmbH, verkauft. Einzelheiten &uuml;ber den Preis bleiben unbekannt. Es wird gemunkelt, dass noch Geld hinterhergeworfen wurde, um Orga loszuwerden. Weitere Untergesellschaften (mit einem Umsatzanteil von 75 Prozent ist die Bundesdruckerei die gr&ouml;&szlig;te Tochter) sollen ebenfalls verkauft werden. Die Authentos-Bilanz des Jahres 2004 weist einen Schuldenstand von 1,2 Mrd. Euro aus. Das Unternehmen &ndash; vor allem die Bundesdruckerei &ndash; lebt nur noch, weil die Gl&auml;ubiger stillhalten.<br>\nDie Geschichte der Bundesdruckerei zeigt, dass viele Wegelagerer der Bundesdruckerei aufgelauert haben. Sie konnten aber nur abkassieren, weil ihnen durch politische Entscheidungen die M&ouml;glichkeiten zum R&auml;ubern geschaffen wurden. Nur durch entsprechende politische Entscheidungen lassen sich diese Mi&szlig;st&auml;nde auch wieder beseitigen<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Die Autoren Heide und Rainer Schwochow sind erreichbar &uuml;ber <a href=\"mailto:hr.schwochow@t-online.de\">E-Mail<\/a>. Informationen des ver.di-Bereichs Wirtschaftspolitik zum Thema Private Equity Fonds unter <a href=\"http:\/\/wipo.verdi.de\/wirtschaftspolitische_informationen\/data\/Hedgefonds\">wipo.verdi.de<\/a>. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem Beitrag f&uuml;r &ldquo;Druck + Papier&rdquo; von ver.di hat sich Hermann Zoller mit der Privatisierung der Bundesdruckerei besch&auml;ftigt. Anlass war ein Bericht im Deutschlandradio. 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