{"id":18318,"date":"2013-08-16T09:22:29","date_gmt":"2013-08-16T07:22:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18318"},"modified":"2019-07-30T12:51:47","modified_gmt":"2019-07-30T10:51:47","slug":"rabiate-burgerlichkeit-und-angst-vor-dem-islam-alltagsrassismus-in-deutschland-der-fall-sarrazin-als-signalereignis-der-bundesrepublik-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18318","title":{"rendered":"Rabiate B\u00fcrgerlichkeit und Angst vor dem Islam: Alltagsrassismus in Deutschland &#8211; Der Fall Sarrazin als Signalereignis der Bundesrepublik Deutschland"},"content":{"rendered":"<p>Der Bielefelder Konfliktforscher Andreas Zick h&auml;lt die Terroranschl&auml;ge vom 11. September 2001 f&uuml;r die Geburtsstunde einer spezifischen Menschenfeindlichkeit, die sich <a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dlf\/sendungen\/hintergrundpolitik\/2175930\/\">gegen Muslime richtet<\/a>. Als ein weiteres zentrales Element f&uuml;r Fremdenfeindlichkeit wird auf die Einf&uuml;hrung von Hartz IV hingewiesen. Dadurch h&auml;tten einkommensschw&auml;chere Gruppen Zuwanderer vermehrt als Konkurrenten wahrgenommen, nicht nur auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt.<br>\nZick stellt heute f&uuml;r die Bundesrepublik, als relativ neues Ph&auml;nomen, bei den Besserverdienern einen Anstieg rassistischer Einstellungen fest und subsumiert sie unter dem Begriff der so genannten &bdquo;rabiaten B&uuml;rgerlichkeit&ldquo;.<br>\nIch sehe im Fall Sarrazin das Signalereignis f&uuml;r Deutschland, das nicht nur f&uuml;r die gehoben St&auml;nde, sondern f&uuml;r breite Bev&ouml;lkerungsschichten Ausl&auml;nder, Gastarbeiter, T&uuml;rken, Muslime zum Objekt von Menschenfeindlichkeit zusammenf&uuml;hrt. Von <strong>Orlando Pascheit<\/strong><br>\n<!--more--><br>\n<strong>Rabiate B&uuml;rgerlichkeit und Angst vor dem Islam: Alltagsrassismus in Deutschland<\/strong><\/p><p><strong>Der Fall Sarrazin als Signalereignis der Bundesrepublik Deutschland<\/strong><\/p><p>In der Sendung des Deutschlandradios, <a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dlf\/sendungen\/hintergrundpolitik\/2175930\/\">&ldquo;Rabiate B&uuml;rgerlichkeit und Angst vor dem Islam: Alltagsrassismus in Deutschland&rdquo;<\/a>, verweist der Bielefelder Konfliktforscher Andreas Zick darauf, dass die Terroranschl&auml;ge vom 11. September 2001 in New York und Washington die Geburtsstunde f&uuml;r die spezifische Menschenfeindlichkeit waren, die sich gegen Muslime richtet: &ldquo;11. September, das war das Signalereignis, was die Islamfeindlichkeit in Gang gesetzt hat. Nicht mehr die Abwertung der Ausl&auml;nder geschieht, sondern die Ausl&auml;nder werden zu Muslimen, und, und, und. Also wir haben eine Ver&auml;nderung. Auf einmal waren es nicht mehr die Gastarbeiter, die Ausl&auml;nder, die T&uuml;rken, sondern auf einmal war der Islam da.&rdquo; (Als <a href=\"http:\/\/podcast-mp3.dradio.de\/podcast\/2013\/07\/14\/dlf_20130714_1840_5246beb9.mp3\">Podcast hier<\/a>)<\/p><p>Ein sch&ouml;nes Beispiel f&uuml;r die damalige Hysterie war die Aufforderung des damaligen Hamburger Innensenators, Olaf Scholz, in der SZ, unauff&auml;llig in Deutschland lebende Ausl&auml;nder zu &uuml;berwachen.<\/p><p>In derselben Sendung wird als weiteres zentrales Element von Fremdenfeindlichkeit auf die Einf&uuml;hrung von Hartz IV im Jahr 2005 hingewiesen: Dadurch h&auml;tten einkommensschw&auml;chere Gruppen Zuwanderer vermehrt als Konkurrenten wahrgenommen, nicht nur auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt. Diese konkurrenzbasierte Ausl&auml;nderfeindlichkeit ist ein vertautes Ph&auml;nomen, mit dem z.B. J&uuml;rgen R&uuml;ttgers seinerzeit (Nokia) auf Stimmenfang ging: &ldquo;Bei dem Unterschied zu den Arbeitnehmern hier im Ruhrgebiet kommen die in Rum&auml;nien eben nicht morgens um sieben zur echten Schicht und bleiben bis zum Schluss da, sondern sie kommen und gehen, wann sie wollen, und wissen nicht, was sie tun.&rdquo;<\/p><p>Zick stellt heute f&uuml;r die Bundesrepublik, als relativ neues Ph&auml;nomen, bei den Besserverdienern einen Anstieg rassistischer Einstellungen fest und subsumiert sie unter dem Begriff der so genannten rabiaten B&uuml;rgerlichkeit. Etwas abweichend von der Auffassung Zicks, dass in der heutigen Krise die einkommensstarken Schichten sich materiell bedroht sehen und deshalb zur Ausgrenzung neigen, sehe ich Im Fall Sarrazin das Signalereignis f&uuml;r Deutschland, das nicht nur f&uuml;r die gehoben St&auml;nde, sondern f&uuml;r alle Ausl&auml;nder, Gastarbeiter, T&uuml;rken, Muslime zum Objekt von Menschenfeindlichkeit zusammenf&uuml;hrt. Gerade bez&uuml;glich des religi&ouml;sen Fanatismus, Nationalismus oder Rassismus vermisse ich oft einen theoretischen Rahmen, der viel an Popularit&auml;t, aber kaum an Bedeutung eingeb&uuml;&szlig;t hat und erkl&auml;rt: Jede gegebene Gesellschaft oder geschichtliche Periode wird vornehmlich von ihrer &lsquo;Produktionsweise&rsquo; gepr&auml;gt, und der politische, sittliche und ideelle &Uuml;berbau dieser Gesellschaft ist ein &lsquo;Reflex&rsquo; ihrer &ouml;konomischen Basis und nicht umgekehrt. Aber gerade im Falle des Alltagsrassismus der h&ouml;heren St&auml;nde Deutschlands d&uuml;rften die &ouml;konomischen Bedingungen nicht die einzigen sein, die z&auml;hlen. Das hei&szlig;t, dass &ldquo;ein historisches Moment, sobald es einmal durch andere, schlie&szlig;lich &ouml;konomische Ursachen in die Welt gesetzt nun auch reagiert, auf seine Umgebung und selbst seine eigenen Ursachen zur&uuml;ckwirken kann &hellip;&rdquo; (Engels an Mehring, 14.7.1893). <\/p><p><strong>Der Fall Sarrazin ist diesem &ldquo;historischen Moment&rdquo; zuzuordnen.<\/strong><\/p><p>Am 26. Februar 2013 hat der UN-Ausschuss f&uuml;r die Beseitigung der rassischen Diskriminierung (CERD) festgestellt: <a href=\"http:\/\/mediendienst-integration.de\/artikel\/rassismus-auch-rassismus-nennen.html\">Sarrazins &Auml;u&szlig;erungen waren rassistisch<\/a> &ndash; und die deutschen Strafverfolgungsbeh&ouml;rden haben keinen effektiven Rechtsschutz gegen rassistische Hassrede gew&auml;hrleistet. Thilo Sarrazin habe im Lettre-Interview &bdquo;die Ideologie rassischer &Uuml;berlegenheit und von Rassenhass verbreitet&ldquo; und zu &bdquo;rassistischer Diskriminierung angestiftet&ldquo;. Dies sei ein Versto&szlig; gegen die Antirassismus-Konvention, die auch Deutschland unterschrieben hat. Der T&uuml;rkische Bund Berlin-Brandenburg hatte mit Unterst&uuml;tzung des Deutschen Instituts f&uuml;r Menschenrechte Beschwerde eingereicht. <\/p><p>Im Juli hat nach Aufforderung des Bundesjustizministeriums, die Sach- und Rechtslage nochmals zu pr&uuml;fen, die Berliner Staatsanwaltschaft bekannt gegeben, dass es im Ergebnis der Pr&uuml;fung bei der Einstellung des Verfahrens <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/trotz-rassismus-vorwurf-der-un-kein-verfahren-gegen-sarrazin\/8505146.html\">geblieben sei<\/a>.<\/p><p>Sarrazin und die Reaktion darauf dr&uuml;ckt einerseits symptomatisch aus, wie weit Islamophobie bzw. Xenophobie in Deutschland gediehen sind, sind aber selbst treibende Kraft, um diese Phobien, also die Angst vor dem Fremden, dem Anderen, umschlagen zu lassen in Feindlichkeit und Hetze gegen Mitmenschen. Wer h&auml;tte sich je tr&auml;umen lassen, dass ein Vorstand der h&ouml;chst angesehenen Bundesbank unter dem Applaus vieler B&uuml;rger dieses Landes solche S&auml;tze formulieren w&uuml;rde:<\/p><blockquote><p>&ldquo;Ganze Clans haben eine lange Tradition von Inzucht und entsprechend viele Behinderungen. Es ist bekannt, dass der Anteil der angeborenen Behinderungen unter den t&uuml;rkischen und kurdischen Migranten weit &uuml;berdurchschnittlich ist. Aber das Thema wird gern totgeschwiegen. Man k&ouml;nnte ja auf die Idee kommen, dass auch Erbfaktoren f&uuml;r das Versagen von Teilen der t&uuml;rkischen Bev&ouml;lkerung im deutschen Schulsystem verantwortlich sind.&rdquo;<\/p><\/blockquote><blockquote><p>&ldquo;Die Fremden, die Frommen und die Bildungsfernen sind in Deutschland &uuml;berdurchschnittlich fruchtbar &hellip; Im Falle der muslimischen Migranten sind die drei Gruppen weitgehend deckungsgleich.&rdquo;<\/p><\/blockquote><p>Oder sp&auml;ter, nachdem er in einem Interview mit der WamS bemerkt, dass er sich im europ&auml;ischen Genpool verirrt hat, sucht er immer noch den europ&auml;ischen Volksverderber im Muslim:<\/p><blockquote><p>&ldquo;In meinem Buch rede ich zudem nicht von T&uuml;rken oder Arabern, sondern von muslimischen Migranten. Diese integrieren sich &uuml;berall in Europa deutlich schlechter als andere Gruppen von Migranten. Die Ursachen daf&uuml;r sind nicht ethnisch, sondern liegen offenbar in der Kultur des Islam.&rdquo;<\/p><\/blockquote><p>Der Mann hat ja &ldquo;nicht ganz&rdquo; unrecht. Nat&uuml;rlich bereiten bei Wanderungsbewegungen kulturelle Unterschiede Probleme. Nur es ist weniger die Religion sondern die uns seit Langem bekannte Stadt-Land-Problematik, wenn relativ abgeschlossene, traditionelle (b&auml;uerliche) Kulturen auf relativ offene, urbane Kultursysteme treffen. Die ganze Industrialisierung hindurch tun sich die Zuwanderer aus dem konservativen l&auml;ndlichen Raum bei der Wanderung in die St&auml;dte schwer. Das gilt heute ebenso f&uuml;r Istanbul, Kairo oder Mumbai &ndash; erst recht f&uuml;r westliche Gro&szlig;st&auml;dte, wenn beim Zuzug aus Entwicklungsl&auml;ndern Sprachbarrieren dazu kommen. Nur warum schreibt Sarrazin diese Barrieren fest bzw. macht sie f&uuml;r den m&ouml;glichen Untergang Deutschlands verantwortlich? Jeder historisch Interessierte kann das Schwinden dieser Barrieren im Zeitablauf belegen &ndash; insofern schockiert die positive Einsch&auml;tzung Sarrazins durch den Historiker Hans-Ulrich Wehler, der von &ldquo;echten und vermeintlichen Schwachpunkten&rdquo; spricht, aber vor allem meint, &rdquo; dass nicht wenige Argumente hieb- und stichfest formuliert und die statistischen Befunde <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2010\/41\/Wehler-Sarrazin\">schwer zu widerlegen sind<\/a>&ldquo;. <\/p><p>Zu den statistischen Befunden hat Hans Wolfgang Brachinger, Ordinarius f&uuml;r Statistik an der&nbsp;Universit&auml;t Freiburg und Pr&auml;sident der&nbsp;Bundesstatistikkommission alles gesagt, wobei er nicht nur den Laienstatistiker Sarrazin entlarvt, sondern der ganzen Debatte <a href=\"http:\/\/www.oekonomenstimme.org\/artikel\/2010\/09\/statistik-zwischen-klamauk-und-analphabetismus\/\">statistischen Analphabetismus vorh&auml;lt<\/a>. <\/p><p>Leider bewegt sich Wehler auf der Ebene derjenigen, die meinen, Sarrazin h&auml;tte endlich mal ausgesprochen, was Sache sei. Er verkennt vollkommen die rassistische Sto&szlig;richtung von &ldquo;Deutschland schafft sich ab&rdquo; und hat offensichtlich Sarrazins Interview in der Zeitschrift Lettre International nicht gelesen, das Sarrazins elit&auml;re Menschenfeindlichkeit viel deutlicher herausstellt. Sarrazin erinnert an den Oberpr&auml;sidenten der Provinz Westfalen, Heinrich Konradt von Studt, in einer Denkschrift zur Einwanderung&nbsp; preu&szlig;ischer Polen in das Ruhrgebiet: &ldquo;Die Anh&auml;ufung gro&szlig;er Arbeitermassen slawischer Abkunft im rheinisch-westf&auml;lischen Industriegebiete&rdquo; berge bedeutende Gefahren. Denn es handele sich um &ldquo;Elemente, welche dem Deutschthume feindlich gegen&uuml;berstehen, sich auf einer niedrigen Stufe der Bildung und Gesittung befinden und zu Ausschreitungen <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2010\/50\/Polen-Ruhrgebiet\/komplettansicht\">geneigt sind<\/a>&ldquo;.<\/p><p>Dem entspricht die &Auml;u&szlig;erung Sarrazins in &ldquo;Lettre International: &ldquo;Jemanden, der nichts tut, mu&szlig; ich auch nicht anerkennen. Ich mu&szlig; niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, f&uuml;r die Ausbildung seiner Kinder nicht vern&uuml;nftig sorgt und st&auml;ndig neue kleine Kopftuchm&auml;dchen produziert. Das gilt f&uuml;r siebzig Prozent der t&uuml;rkischen und f&uuml;r neunzig Prozent der arabischen Bev&ouml;lkerung in Berlin. Viele von ihnen wollen keine Integration, sondern ihren Stiefel leben. Zudem pflegen sie eine Mentalit&auml;t, die als gesamtstaatliche Mentalit&auml;t aggressiv und atavistisch ist. &hellip; Die T&uuml;rken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine h&ouml;here Geburtenrate. Das w&uuml;rde mir gefallen, wenn es osteurop&auml;ische Juden w&auml;ren mit einem um 15 Prozent h&ouml;heren IQ als dem der deutschen Bev&ouml;lkerung.&rdquo; Probleml&ouml;sungen sehen bei Sarrazin wie folgt aus: &ldquo;Ich w&uuml;rde aus Berlin eine Stadt der Elite machen. Das w&uuml;rde voraussetzen, dass unsere Massenuniversit&auml;ten nicht weiterhin massenhaft Betriebs- oder Volkswirte, Germanisten, Soziologen ausbilden, sondern konsequent Qualit&auml;t anstreben. Die Zahl der Studenten sollte gesenkt werden, und nur noch die Besten sollten aufgenommen werden &hellip;&ldquo; und weiter: &bdquo;Die Schulen m&uuml;ssen von unten nach oben anders gestaltet werden. Dazu geh&ouml;rt, den Nichtleistungstr&auml;gern zu vermitteln, dass sie ebenso gerne woanders nichts leisten sollten. Ich w&uuml;rde einen v&ouml;llig anderen Ton anschlagen und sagen: Jeder, der bei uns etwas kann und anstrebt, ist willkommen; der Rest sollte woanders hingehen &hellip; Die Medien sind orientiert auf die soziale Problematik, aber t&uuml;rkische W&auml;rmestuben k&ouml;nnen die Stadt <a href=\"http:\/\/zoelibat.blogspot.de\/2009\/10\/das-ganze-sarrazin-interview.html\">nicht vorantreiben<\/a>.&rdquo;<\/p><p>Es ist vollkommen unverst&auml;ndlich, dass die SPD ihren Mitgliedern nicht plausibel ein Parteiausschlussverfahren Sarrazins erkl&auml;ren konnte &ndash; angesichts solcher S&auml;tze: &ldquo;Die Stadt [Berlin] hat einen produktiven Kreislauf von Menschen, die Arbeit haben und gebraucht werden, ob es Verwaltungsbeamte sind oder Ministerialbeamte. Daneben hat sie einen Teil von Menschen, etwa zwanzig Prozent der Bev&ouml;lkerung, die nicht &ouml;konomisch gebraucht werden, zwanzig Prozent leben von Hartz IV und Transfereinkommen; bundesweit sind es nur acht bis zehn Prozent. Dieser Teil muss sich auswachsen. Eine gro&szlig;e Zahl an Arabern und T&uuml;rken in dieser Stadt, deren Anzahl durch falsche Politik zugenommen hat, hat keine produktive Funktion, au&szlig;er f&uuml;r den Obst- und Gem&uuml;sehandel, und es wird sich vermutlich auch keine Perspektive entwickeln.&rdquo;<\/p><p>Warum hat diese zutiefst inhumane Rede nicht nur gegen Muslime, sondern kontra Arme und pro Elite, nicht zu einer einhelligen Verurteilung Sarrazins durch unsere Funktionseliten gef&uuml;hrt? Warum stellten nur der T&uuml;rkische Bund Berlin-Brandenburg und wenige Einzelpersonen wegen dieser &Auml;u&szlig;erungen Strafantrag wegen Volksverhetzung und Beleidigung bei der Staatsanwaltschaft Berlin? Warum hat diese den Antrag zur&uuml;ckgewiesen? (Sarrazins Aussagen seien im Rahmen einer wichtigen &ouml;ffentlichen Debatte zu den strukturellen Problemen Berlins zu sehen.) Die &Auml;chtung des Interviews h&auml;tte gewiss nicht zur Vorabver&ouml;ffentlichung von &ldquo;Deutschland schafft sich ab&rdquo; im &ldquo;Spiegel&rdquo; und in der &ldquo;Bild-Zeitung&rdquo; gef&uuml;hrt und damit eine Medienaufmerksamkeit erreicht, die den Verkauf des Buches zum Selbstg&auml;nger machte. <\/p><p><strong>Der Bundesbanker hat es geschafft, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus hoff&auml;hig zu machen. Pr&auml;ziser, wir haben versagt.<\/strong><\/p><p>Das Publikum Sarrazins besteht aus durchweg gut situierten, meist &auml;lteren Leuten, deren Ausl&auml;nderfeindlichkeit nicht konkurrenzbasiert sein d&uuml;rfte. Vielleicht trifft auf dieses Publikum der Satz des Soziologen Armin Nassehi zu, den dieser in einer Diskussion an Sarrazin richtete: &ldquo;Sie kommen mir vor wie ein b&uuml;rgerlicher Beobachter, der mit der Unordnung der Welt nicht klarkommt.&rdquo; Vielleicht f&auml;llt es &auml;lter werdenden Mitb&uuml;rgern &ndash; wie ich durchaus auch an mir selbst beobachte &ndash; immer schwerer sich in einer schnell ver&auml;ndernden Welt zu orientieren. Gro&szlig; ist die Versuchung bei wachsender Komplexit&auml;t, die Welt in Schwarz und Wei&szlig;, in Feind und Freund aufzuteilen, einfachen Erkl&auml;rungsmustern zu folgen. Wie einfach und einladend, im Fremden den Volksverderber auszumachen, wenn ein Sarrazin dann auch mit diversen Statistiken scheinbar objektiv, rational diese These st&uuml;tzt. Ja es ist alarmierend, wenn der Statistiker Brachinger feststellt: &ldquo;Bei den Personen ohne Migrationshintergrund haben 15 Prozent der Frauen Abitur und 15,2 Prozent sind ohne Schulabschluss. Unter den Frauen mit t&uuml;rkischem Migrationshintergrund haben nur 5,8 Prozent Abitur, aber 51,7 Prozent gehen ohne Schulabschluss durchs Leben.&rdquo; <\/p><p>Nur, was macht Sarrazin aus diesem einfachen deskriptiven Befund? &ndash; Er &ldquo;nutzt die deskriptiven Daten f&uuml;r aus den Daten nicht begr&uuml;ndbare statistische Inferenzen. Das ist unzul&auml;ssig. F&uuml;r tiefer gehende statistische Analysen braucht man substanzwissenschaftlich wohlbegr&uuml;ndete Hypothesen &uuml;ber Ursache-Wirkungs-Zusammenh&auml;nge. Ist der famili&auml;re Hintergrund ausschlaggebend daf&uuml;r, dass eine Frau ohne Schulabschluss bleibt, und welche Merkmale sind f&uuml;r ihren famili&auml;ren Hintergrund kennzeichnend? Dann braucht man Daten &uuml;ber diese Merkmale. Vor allem braucht man aber Methoden, mit denen Hypothesen &uuml;ber solche Zusammenh&auml;nge empirisch &uuml;berpr&uuml;ft werden k&ouml;nnen. Zu pr&uuml;fen ist, ob die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau keinen Schulabschluss hat, tats&auml;chlich von den vermuteten Ursachen abh&auml;ngt. An dieser methodischen Kompetenz mangelt es Herrn Sarrazin offenbar. Bes&auml;sse er sie, h&auml;tte er dieses Buch so nie geschrieben.&rdquo; Ebenso richtig ist es, dass t&uuml;rkische- und arabischst&auml;mmige Zuwanderer mehr Schulabbrecher oder eine h&ouml;here Jugendkriminalit&auml;t aufweisen als der Rest. Und vor diesem Hintergrund wird dann das eigentlich typische Gehabe von Jugendlichen auf der Stra&szlig;e als bedrohlich empfunden, wenn diese farbig sind. Schwierig ist es, diese Fakten auszuhalten und weiter zu fragen nach dem Warum. Um dann festzustellen, dass auch der Anteil in vielerlei Hinsicht prek&auml;rer Familien unter Zuwanderern gr&ouml;&szlig;er ist als im Rest der Bev&ouml;lkerung und dass in diesem Rest genau die gleichen Bedingungen denselben jugendlichen Typus hervorbringen. Und beiden Gruppen d&uuml;rfen wir Bildungsb&uuml;rger nach Sarrazin das Plakat: &ldquo;integrationsunwillig&rdquo;, entgegenhalten.<\/p><p>Nun wird vielleicht mancher entgegenhalten, es habe viel Kritik an Sarrazin gegeben und damit sei die notwendige, &ouml;ffentliche von Sarrazin u.a. geforderte Debatte eingetreten. <\/p><p>Nat&uuml;rlich hat es im Nachhinein auch viel Kritik gegeben. Aber wo fand diese statt? Doch meist in den Feuilletons und nicht auf der ersten Seite &ndash; und h&auml;ufig wurden am Wesentlichen vorbei viele Aussagen als richtig befunden. Und die Politiker? Auch hier wurde kritisiert, aber auch vor einer Tabuisierung des Themas gewarnt. Nat&uuml;rlich haben die Politiker als erste begriffen, dass Sarrazin gut ankam, nicht nur beim einfachen W&auml;hler, sondern auch bei den potentiellen Multiplikatoren der Mittel- und Oberschicht. Entsprechend lau fielen die Reaktionen aus. Die Kanzlerin: Es handle sich um Formulierungen, &ldquo;die f&uuml;r viele Menschen in diesem Land nur verletzend sein k&ouml;nnen, die diffamieren, die sehr, sehr polemisch zuspitzen&rdquo;. Bei der gro&szlig;en Aufgabe, bei der Integration voranzukommen, seien sie &ldquo;&uuml;berhaupt nicht&nbsp;hilfreich&rdquo;. Und Sigmar Gabriel konzentrierte viel zu sehr auf den Hobby-Eugeniker Sarrazin und &nbsp;bezeichnet sein Buch als ungeheure intellektuelle Entgleisung. Das Bestreben, Sarrazin aus der SPD auszuschlie&szlig;en, endete alles ander als souver&auml;n: &ldquo;Thilo Sarrazin hat seine sozial-darwinistischen &Auml;u&szlig;erungen relativiert, Missverst&auml;ndnisse klargestellt und sich auch von diskriminierenden &Auml;u&szlig;erungen distanziert&rdquo;, so die fr&uuml;here Ankl&auml;gerin Andrea Nahles. <\/p><p>Die Politik hat in einer zentralen Aufgabe, die jedem deutschen Politiker aus der deutschen Vergangenheit erw&auml;chst, versagt: Jeden Ansatz von Fremdenfeindlichkeit entschieden zu bek&auml;mpfen. Nat&uuml;rlich haben Politiker wie Koch oder R&uuml;ttgers die latente Xenophobie in uns bereits fr&uuml;her zu instrumentalisieren versucht, aber die Dimension des Falles Sarrazin hat die ganze politische Klasse verkannt oder feige verschwiegen. Vor allem vermisse ich die emotionale Komponente. Es reicht nicht, die sarrazinsche Wissenschaftlichkeit in den Orkus zu versenken. Gabor Steingart vom Handelsblatt mag in manchen &ouml;konomischen Fragen zu allzu simplen Vereinfachungen neigen, aber ich werde ihm immer zugutehalten, dass er in einer Diskussionsrunde mit Sarrazin diesem das durchgearbeitete Manuskript vor die F&uuml;&szlig;e knallte und einfach sagte: &ldquo;So spricht man nicht mit Menschen. &hellip; Nach der Lekt&uuml;re habe ich mich den &lsquo;Kopftuchm&auml;dchen&rsquo; n&auml;her gef&uuml;hlt als je zuvor&rdquo; (Buhrufe im Publikum).<\/p><p>Trotz all der Kritik an Sarrazin merkt man, dass diese nicht verinnerlicht wurde, &ndash; wenn man sich z.B. die Europapolitik unserer Regierung anschaut. Ist es nicht genauso verwerflich diskriminierend, wenn Politiker mit der Rede vom Sozialmissbrauch bei der Zuwanderung, den &bdquo;faulen Griechen&ldquo; usw. unsere Bef&uuml;rchtungen sch&uuml;ren und die Bef&uuml;rchtungen anderer vor uns. Und damit, nachdem sie in ihrem Bem&uuml;hen, Europa zu Ende zu denken, versagen, f&uuml;r die viel schwerer wiegende Verwirrung der Herzen der Europ&auml;er sorgen &ndash; bis sich Deutsche, Franzosen, Griechen, Spanier usw. wieder auseinanderdividiert haben. Das Wort &ldquo;diabolisch&rdquo; stammt aus dem griechischen &ldquo;diaballein&rdquo;, was durcheinanderwerfen hei&szlig;t: Der Diabolos (Teufel) bringt die Dinge in Unordnung. Auf dieser Ebene gesprochen, m&uuml;ssen politische Strategien, die mit Fremdenfeindlichkeit\/Menschenfeindlichkeit beim W&auml;hler punkten wollen, als teuflisch bezeichnet werden. Solche Politiker lassen ihre W&auml;hler, wie der gefallene Cherubim, die Welt in einem falschen Licht sehen. So tr&auml;gt heute die Predigt vom deutschen Wesen, an dem Europa genesen soll, sowohl au&szlig;en- wie innenpolitisch den Keim des Zerfalls, der Unordnung in sich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Bielefelder Konfliktforscher Andreas Zick h&auml;lt die Terroranschl&auml;ge vom 11. September 2001 f&uuml;r die Geburtsstunde einer spezifischen Menschenfeindlichkeit, die sich <a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dlf\/sendungen\/hintergrundpolitik\/2175930\/\">gegen Muslime richtet<\/a>. Als ein weiteres zentrales Element f&uuml;r Fremdenfeindlichkeit wird auf die Einf&uuml;hrung von Hartz IV hingewiesen. Dadurch h&auml;tten einkommensschw&auml;chere Gruppen Zuwanderer vermehrt als Konkurrenten wahrgenommen, nicht nur auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18318\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[207,126,159,191],"tags":[930,274,705,831,419,1115,340],"class_list":["post-18318","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-anti-islamismus","category-erosion-der-demokratie","category-fremdenfeindlichkeit-rassismus","category-spd","tag-justiz","tag-ruettgers-juergen","tag-sarrazin-thilo","tag-scholz-olaf","tag-steingart-gabor","tag-wehler-hans-ulrich","tag-zuwanderung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18318","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18318"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18318\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53827,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18318\/revisions\/53827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18318"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18318"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18318"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}