{"id":18334,"date":"2013-08-19T09:12:54","date_gmt":"2013-08-19T07:12:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18334"},"modified":"2015-08-11T09:42:44","modified_gmt":"2015-08-11T07:42:44","slug":"rezension-stefan-selke-schamland-sozialpolitik-nach-gutsherrenart","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18334","title":{"rendered":"Rezension: Stefan Selke, Schamland &#8211; Sozialpolitik nach Gutsherrenart"},"content":{"rendered":"<p>Das Attribut &bdquo;nach Gutsherrenart&ldquo;  wird h&auml;ufig gebraucht, um  auszudr&uuml;cken, dass es sich um gehobene, deftige l&auml;ndliche K&uuml;che handelt, die eben den Gaumen eines &bdquo;Gutsherren&ldquo; besonders erfreuen k&ouml;nnte. Gutsherren werden gern romantisch verkl&auml;rt, vergessen wird dabei, dass sie in selbstherrlicher Manier &uuml;ber ihre Untergebenen entscheiden konnten. Die im Dienste eines Gutsherren stehenden M&auml;gde und Knechte hatten kaum eigene Rechte, wurden meist nur gering entlohnt  und oft nur mit Naturalien abgespeist. Mit der Agenda 2010 hat sich Deutschland vom  Anspruch eines Wohlfahrtstaates mit einem eigenst&auml;ndigen Recht auf (monet&auml;rem) Schutz gegen soziale Risiken weitgehend verabschiedet und eine Bed&uuml;rftigenhilfe nach Gutsherrenart eingef&uuml;hrt. Parallel zu diesem R&uuml;ckbau des Sozialstaates hat sich eine regelrechte Armuts&ouml;konomie entwickelt. <\/p><p>Der Soziologiprofessor an der Hochschule Furtwangen mit dem Lehrgebiet &ldquo;Gesellschaftlicher Wandel&rdquo; Stefan Selke, hat ein &auml;u&szlig;erst informatives Buch mit dem Titel &bdquo;Schamland &ndash; Die Armut mitten unter uns&ldquo; &uuml;ber die &bdquo;Vertafelung&ldquo; der Gesellschaft geschrieben. Von <strong>Christine Wicht<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nIm Rahmen seiner Feldforschungen besch&auml;ftigt sich der Autor seit 2006 mit der modernen Armenspeisung. Selke m&ouml;chte mit seinem Buch eine &ouml;ffentliche Debatte dar&uuml;ber ansto&szlig;en, wie es sich aus Sicht Armutsbetroffener anf&uuml;hlt, seit vielen Jahren Teil dieses Versorgungssystems zu sein und dar&uuml;ber, wie durch Tafeln und &auml;hnliche Angebote die Abspaltung der Gesellschaft in Arm und Reich fortgeschrieben wird (Schamland, S. 11). Er ist daf&uuml;r quer durch Deutschland gereist, hat Tafeln, Suppenk&uuml;chen und Kleiderkammern besucht und mit Betroffenen und ehrenamtlichen Helfern in vielen Bundesl&auml;ndern gesprochen. <\/p><p>F&uuml;r Selke entsteht hier ein &bdquo;Sozialstaat im Sozialstaat&ldquo;, denn w&auml;hrend das Versprechen auf wohlfahrtsstaatliche Hilfe erodiert, werden zeitgleich freiwillige Helfer vom Staat aktiviert, um ein privates Wohlt&auml;tigkeitssystem zu etablieren. (S. 244). Selbstverst&auml;ndlich, so Selke, gelte auch hier die Logik von Angebot und Nachfrage. Auch Wohlfahrtsverb&auml;nde wie Caritas, AWO, Diakonie profitierten von der Armuts&ouml;konomie, denn sie k&ouml;nnten so eine bislang schwer zug&auml;ngliche Klientel an ihre bisherigen Betreuungsangebote binden, also etwa an die Sozial-, Sucht- oder Schuldenberatung (S. 203). Selke nennt als Beispiel die sogenannten HartzIV-Kochb&uuml;cher, in welchen 2-Euro-Gerichte f&uuml;r &bdquo;sparsame Genie&szlig;er&ldquo; angeboten werden. Die Berliner Tafel publizierte ein Kochbuch mit prominenter Unterst&uuml;tzung von Alfred Biolek und Ursula von der Leyen, die als Schirmherrin bei einer Tafelveranstaltung betonte, wie wichtig das Engagement gerade von Unternehmen f&uuml;r eine starke B&uuml;rgergesellschaft sei: &bdquo;Ich bin davon &uuml;berzeugt, dass unser Land menschlicher, ideenreicher und sogar effektiver wird, wenn sich die Zivilgesellschaft und auch die Unternehmen engagieren&rdquo;. F&uuml;r ihr sogenanntes &bdquo;Bildungspaket&ldquo; bem&uuml;hte Ministerin von der Leyen folgendes Zitat von Goethe: &ldquo;Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man etwas Sch&ouml;nes bauen.&rdquo; Von der Leyen zeigte sich &uuml;berzeugt davon, dass nun jeder Stein der Hartz-Reform an seinem Platz sei: &ldquo;Mit dem Bildungspaket haben wir etwas Sch&ouml;nes gebaut.&rdquo; F&uuml;r die Betroffenen muss sich dieser Satz wie Hohn angeh&ouml;rt haben.<\/p><p>Letztendlich sollen solche Aktionen den Tafelnutzern aufzeigen, wie man sich im Elend einrichtet. <\/p><p>Selke beschreibt das unternehmerische Kalk&uuml;l des Engagements von Firmen f&uuml;r die Tafelbewegung. Sicher k&ouml;nnten die Gewinne nicht immer in Euro beziffert werden, f&uuml;r den Soziologen sind es oft auch nur symbolische Gewinne, so wenn etwa eine Firma ihre Angestellten f&uuml;r einen &bdquo;social day&ldquo; zu einer Tafel schickt. Selke bringt es auf den Punkt, wenn er sagt, dass die Tafelnutzer f&uuml;r einen Tag von Managern umgeben sind, die dann &bdquo;einen tollen Eindruck davon bekommen, was in der eigenen Nachbarschaft alles nicht in Ordnung ist (S. 204). Eine Bank schickte beispielsweise ihre Angestellten zu einem &bdquo;Volonteering&ldquo;,  um deren soziale Kompetenz zu verbessern. Einige Mitarbeiter h&auml;tten diesen sozialen Einsatz sogar genutzt, um den auf die Tafel Angewiesenen angepasste Rentenvertr&auml;ge (Armen-Riester) anzubieten. Selke fasst zusammen, dass sich dann, wenn reale Wirtschafts- und Sozialpolitik durch private Freiland-Simulationen ersetzt werde, wir in einer Gesellschaft des Spektakels angekommen seien, in der sich F&uuml;hlen, Denken und Handeln nur noch an der Oberfl&auml;che abspielt (S. 205). Wenig Einf&uuml;hlungsverm&ouml;gen zeige z.B. die Idee eine Werbeagentur, die im Auftrag der Tafel leere Wasserflaschen in Frankfurter M&uuml;lltonnen versteckte, um Tafelnutzer zu erreichen. Die Flaschen waren mit Tafelwerbung etikettiert und enthielten folgendem Text: &bdquo;Gegen Abgabe dieser Flasche erhalten Sie eine T&uuml;te mit Lebensmitteln&ldquo; (S. 210). In einem Interview mit Cicero Online erz&auml;hlt Selke von der Singener Tafel, die eine eigene Nudelproduktion aufgezogen hat. Da werden Ein-Euro-Jobber mit staatlichen Subventionen besch&auml;ftigt, <a href=\"http:\/\/www.cicero.de\/berliner-republik\/armenspeisung-selke-schamland-weg-mit-den-tafeln\/54239\">die Nudeln f&uuml;r Arme produzieren<\/a>.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/130819_wicht_sozialpolitik_nach_gutsherrenart.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>In der Tafelarbeit spiegelten sich Werte und Normen der Mehrheitsgesellschaft wider: Konkurrenzdruck und Stress, Fokussierung auf Leistungsf&auml;higkeit und die Fixierung auf einen Warenfetisch, auf den alle &Auml;ngste projiziert werden (S. 21).<\/p><p>F&uuml;r Selke sind die Tafeln eine gef&auml;hrliche Entwicklung, denn die Angebote der Armuts&ouml;konomie w&uuml;rden inzwischen auch von Politikkonzepten vereinnahmt, die in ihrer Zielsetzung nicht die Armuts&uuml;berwindung und die St&auml;rkung sozialer Gerechtigkeit im Sinn h&auml;tten. Wirtschaftsunternehmen betrieben mit ihrem Engagement eine Art  Social Washing, indem sie durch die Unterst&uuml;tzung der Tafeln ihr soziales Image aufm&ouml;belten (S. 202). (Siehe dazu auch &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18264\">Die Reputation der Tafeln wird von Unternehmen zur Imagepflege und zur Gewinnsteigerung missbraucht<\/a>&ldquo;.)<\/p><p>F&uuml;r Selke sind die vor 20 Jahren entstandenen Tafeln Vorl&auml;ufer einer langfristigen gesellschaftlichen Entwicklung, die sich schleichend vor unseren Augen abspiele. (S. 245). Es handele sich dabei um zentrale Fragen nach sozialer Gerechtigkeit, Verantwortlichkeit, Nachhaltigkeit sowie einem zivilisierten Menschenbild, die auf dem Pr&uuml;fstand st&uuml;nden (S. 11). Armut und Reichtum seien nicht nur Fakten, die auf Zahlen basierten. Als Lebensgef&uuml;hl und Existenzform seien sie nur unzureichend abbildbar. Doch das eigene Leben sei kein Zahlenspiel. Menschen w&uuml;rden ihren Alltag nicht damit verbringen, sich wie Nationalstaaten in Ranglisten einzuordnen.  Armut und Reichtum seien vor allem auch emotionale Zust&auml;nde, die auf subjektiven Wahrnehmungen basierten (S. 22). <\/p><p>Viele Tafelnutzer f&uuml;hlten sich von der Gesellschaft ausgeschlossen und vom Staat verlassen. Diese Gef&uuml;hle h&auml;tten massive Auswirkungen auf das Selbstwertgef&uuml;hl und das Selbstbewusstsein der betroffenen B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger und damit letztendlich auch auf seelische und k&ouml;rperliche Gesundheit. Selke spricht von sozialen Desintegrationsprozessen auf der kollektiven Ebene und erh&ouml;htem psychischen Druck auf der Ebene des einzelnen Individuums (S. 35). In Gespr&auml;chen erfuhr der Forscher von B&uuml;rgern, dass sie sich f&uuml;hlten &bdquo;wie Dreck&ldquo;, wie in der &bdquo;untersten Schublade&ldquo; und dass sie sich sch&auml;mten Essen von der Tafeln zu holen, weil sie damit in der Gesellschaft stigmatisiert w&uuml;rden. Es sei die Angst vor der Geringsch&auml;tzung durch andere (S. 40). Dieses Gef&uuml;hl sei eng verkn&uuml;pft mit den Medienberichten, in welchen Hartz IV-Empf&auml;nger als faul, ungebildet, w&auml;hlerisch und bequem abgestempelt werden. Der Autor sieht darin eine statusreproduzierende Funktion erf&uuml;llt, denn durch Besch&auml;mungsmechanismen sicherten sich die Bessergestellten ihren angestammten Platz innerhalb der Gesellschaft und durch Scham grenzten sich die Ohnm&auml;chtigen selbst immer weiter aus. Dadurch verfestigten sich soziale Kl&uuml;fte im Sinne derer, die (noch) etwas zu verlieren haben (S. 45). Selke berichtet von Menschen, die aufgrund von Krankheit oder Erwerbsunf&auml;higkeit oder Unf&auml;llen in die Armut gerutscht sind. Es habe nichts mit Faulheit oder Dummheit zu tun, meist seien es Schicksalsschl&auml;ge, die die Menschen in diese ausweglose Lage gebracht h&auml;tten. Sie bef&auml;nden sich in einer Einbahnstra&szlig;e, der Weg zur&uuml;ck in die Gesellschaft sei nahezu unm&ouml;glich.<\/p><p><strong>Wie qu&auml;lend ist die Lage dessen, der inmitten von Armut in Wohlstand lebt (Tolstoi)<\/strong><\/p><p>Manche Leute w&uuml;rden  &bdquo;containern&ldquo;, d.h. sie suchten abends in Containern der Superm&auml;rkte nach Lebensmitteln. Selbst Studenten nutzten die Tafeln, um &uuml;ber die Runden zu kommen, w&auml;hrend dies allerdings nach dem Studium Hoffnung auf eine Anstellung und ein selbstbestimmtes Leben h&auml;tten, h&auml;tten die meisten anderen die Hoffnung l&auml;ngst aufgegeben, weil das System nur noch nach unten durchl&auml;ssig sei. Selke beschreibt eine Situation an einer Berliner Verkehrsampel, wie man sie bisher eigentlich nur aus Entwicklungsl&auml;ndern kannte: Jugendliche putzen den Autofahrern blitzschnell die Scheiben (S. 79). Es sei ein Symbol f&uuml;r Armut mitten unter uns, ein weiteres deutliches Armutszeichen seien die Sozialkaufh&auml;user und Restem&auml;rkte. <\/p><p>Der Autor besuchte auch Suppenk&uuml;chen. Aus einer Rockerkneipe werde z.B. tags&uuml;ber eine Suppenk&uuml;che. Frauen kochten ehrenamtlich Essen. Es werde eine Suppe ausgeteilt, bei der sich die Nutzer dieser Suppenk&uuml;che nicht darauf einigen konnten, ob es nun eine Erbsen-, Linsen- oder Gulaschsuppe sei (S. 92). F&uuml;r manche Nutzer sei die Suppenk&uuml;che der einzige soziale Treffpunkt, ein wenig Kontakt zur Au&szlig;enwelt. Eine Gespr&auml;chspartnerin erz&auml;hlte dem Autor, dass sie versucht habe, sich n&uuml;tzlich zu machen, doch die besseren Jobs d&uuml;rften nur die Ehrenamtlichen machen. Wenn Schluss ist, kommt sie zum Putzen und r&auml;umt die Suppenk&uuml;che auf (S. 94). Ein Gespr&auml;chspartner berichtet, dass er 60 Jahre alt ist, Zeitungen austrage, weil das Geld nicht reiche und sich eigentlich nur noch darauf freue, &bdquo;in der Kiste&ldquo; zu liegen (94).  Die Gespr&auml;che unter den Suppenk&uuml;chennutzern blieben meist nur an der Oberfl&auml;che, es entwickelten sich nur selten Freundschaften. Es sei eine Mischung aus Abgrenzung vor den anderen Armen und aus der Hoffnung wieder aus der Situation rauszukommen. Solidarit&auml;t komme nicht auf. Manche Tafelnutzer m&uuml;ssten sogar den einen Euro f&uuml;r die Lebensmittelhilfe anschreiben lassen, weil sie schlichtweg keinen Euro mehr h&auml;tten. Manche Nutzer berichten davon, dass das Nahrungsangebot manchmal &auml;u&szlig;erst knapp sei. Eine Frau h&auml;tte sogar das Br&ouml;tchen in Scheiben geschnitten, weil es dann l&auml;nger reiche (S. 112). <\/p><p>Auch bei der Tiertafel erfolgt eine Bed&uuml;rftigkeitspr&uuml;fung, HartzIV-Bescheid, Personalausweis und Hund m&uuml;ssten vorgezeigt werden. Bei Tiertafeln kommen die Nutzer leichter ins Gespr&auml;ch, n&auml;mlich &uuml;ber das Haustier. Der entscheidende Unterschied sei wohl, dass man sich nicht so minderwertig vorkommt, wenn man um das Fressen f&uuml;r das Haustier bitten muss, als wenn man f&uuml;r Lebensmittel f&uuml;r sich selbst anstehen w&uuml;rde (S. 105).<\/p><p><strong>Tafeln lindern Armut, aber sie bek&auml;mpfen sie nicht<\/strong><\/p><p>F&uuml;r Selke sind die Tafeln zwar ein logistisches Erfolgsmodell, weil sie es schaffen Lebensmittel von A nach B zu transportieren. Aber trotz (oder wegen?) dieser Erfolge werde konsequent &uuml;bersehen, dass Tafeln selbst zu einem Symbol des sozialen Abstiegs geworden seien, das den gesellschaftlichen Misserfolg derjenigen schonungslos offenlegt, die besch&ouml;nigend &bdquo;Kunden&ldquo; genannt w&uuml;rden (S. 69). <\/p><p>Tafeln r&uuml;hmten sich ihrer Logistikleistungen und gew&ouml;nnen daf&uuml;r sogar Preise. Der Bundesverband Deutsche Tafel e.V. etwa habe den Nachhaltigkeitspreis &bdquo;Ecocare 2011&ldquo; f&uuml;r herausragende Nachhaltigkeitskonzepte von Lebensmittelhandel und -industrie sowie von Zulieferern und Dienstleistern der Branche erhalten. Oftmals m&uuml;sse man den Eindruck gewinnen, dass das eigentliche Leitbild der  Ausbau der logistische Infrastruktur sei, deren Erfolgsma&szlig;stab sei, m&ouml;glichst viele Lebensmittel schnell und sicher verteilen zu k&ouml;nnen (S. 199). <\/p><p>F&uuml;r Selke ist die HartzIV-&Ouml;konomie ein Hilfssystem f&uuml;r Millionen, eine Parallelwirtschaft, auf die breite Bev&ouml;lkerungsgruppen dauerhaft angewiesen sind. Es sei der zivilgesellschaftliche Versuch, die seit Jahren nicht mehr eingel&ouml;ste Teilhabegarantie des Staates zu kompensieren (S. 200). Tafeln ersetzten hoheitliche Leistungen der Daseinsvorsorge oder &uuml;berlagerten diese zumindest teilweise. Tafeln linderten zwar  Armut, aber sie bek&auml;mpften diese nicht. Eine riesige Zahl von Menschen, die aufgrund von Krankheit und Behinderung oder aus Scham nicht zur Tafel gehen k&ouml;nnten oder abgeschieden lebten, w&uuml;rden im &Uuml;brigen aus dem privaten Ersatzversorgungskonzept komplett herausfallen.<\/p><p>Es gehe nicht darum, dass Lebensmittel weggeschmissen werden, wenn es die Tafeln nicht g&auml;be, sondern es gehe einerseits um &Uuml;berproduktion und &Uuml;berangebot und um ein menschenw&uuml;rdiges Leben f&uuml;r jedes Mitglied unserer Gesellschaft und um eine Politik, die Armut vorbeugt oder bek&auml;mpft und nicht bef&ouml;rdert. <\/p><p>In Artikel 22 der Allgemeinen Erkl&auml;rung der Menschenrechte von 1948 steht:<\/p><blockquote><p>\n<em>&ldquo;Jeder Mensch hat als Mitglied der Gesellschaft Recht auf soziale Sicherheit; er hat Anspruch darauf, durch innerstaatliche Ma&szlig;nahmen und internationale Zusammenarbeit unter Ber&uuml;cksichtigung der Organisation und der Hilfsmittel jedes Staates in den Genuss der f&uuml;r seine W&uuml;rde und die freie Entwicklung seiner Pers&ouml;nlichkeit unentbehrlichen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte zu gelangen.&rdquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Die Allgemeine Erkl&auml;rung der Menschenrechte ist keine verbindliche Rechtsquelle des V&ouml;lkerrechts, sondern sie hat nur Bekenntnischarakter. Es liegt deshalb vor allem  in der Verantwortung der B&uuml;rger sich daf&uuml;r einzusetzen, dass soziale Errungenschaften nicht auf dem Altar der neoliberalen Philosophie geopfert werden. Mit den so genannten &bdquo;Reformen&ldquo; der letzten 20 Jahre hat das Bekenntnis der UN-Menschenrechtserkl&auml;rung in Deutschland einen R&uuml;ckschlag erlitten und die Agenda-Politik hat  offensichtlich zu einer bis dahin nicht bekannten massiven Verarmung in Deutschland gef&uuml;hrt. Der so oft gepriesene &bdquo;Trickle-down-Effekt&ldquo;, demzufolge die unteren Schichten der Bev&ouml;lkerung vom Wohlstand der Reichen profitieren sollen, wenn es den Reichen nur gut genug gehe, ist gerade nicht eingetreten. Die Bed&uuml;rftigen bekommen n u r das, was &uuml;ber die Tischkante nach unten f&auml;llt, das ist nicht nur arrogant und selbstherrlich sondern auch zynisch und menschenunw&uuml;rdig &ndash; eben nach Gutsherrenart. <\/p><p>Stefan Selke stellt an den Anfang seines Buches ein Zitat von Oscar Wilde:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Sie (die Armen) f&uuml;hlen, dass die Wohlt&auml;tigkeit eine l&auml;cherlich ungen&uuml;gende Art der R&uuml;ckerstattung ist oder eine gef&uuml;hlvolle Spende, die gew&ouml;hnlich von einem unversch&auml;mten Versuch, seitens der Gef&uuml;hlvollen begleitet ist, in ihr Privatleben einzugreifen. Warum sollten sie (die Armen) f&uuml;r die Brosamen dankbar sein, die vom Tische des reichen Mannes fallen? Sie sollten mit an der Tafel sitzen und fangen an, es zu wissen&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p><strong><a href=\"http:\/\/www.ullsteinbuchverlage.de\/econ\/buch.php?id=42390&amp;page=suche&amp;auswahl=a&amp;pagenum=1&amp;page=buchaz\">Stefan Selke, Schamland &ndash; Die Armut mitten unter uns<\/a><\/strong>, 288 Seiten, Econ-Verlag, 18 Euro<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Attribut &bdquo;nach Gutsherrenart&ldquo; wird h&auml;ufig gebraucht, um auszudr&uuml;cken, dass es sich um gehobene, deftige l&auml;ndliche K&uuml;che handelt, die eben den Gaumen eines &bdquo;Gutsherren&ldquo; besonders erfreuen k&ouml;nnte. Gutsherren werden gern romantisch verkl&auml;rt, vergessen wird dabei, dass sie in selbstherrlicher Manier &uuml;ber ihre Untergebenen entscheiden konnten. 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