{"id":18340,"date":"2013-08-19T09:48:55","date_gmt":"2013-08-19T07:48:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18340"},"modified":"2015-08-12T09:39:09","modified_gmt":"2015-08-12T07:39:09","slug":"falsches-spiel-mit-tunesischen-pflegeschulern-in-hamburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18340","title":{"rendered":"Falsches Spiel mit tunesischen Pflegesch\u00fclern in Hamburg"},"content":{"rendered":"<p>Die Idee h&ouml;rte sich durchaus gut an: Um den Menschen in den L&auml;ndern des arabischen Fr&uuml;hlings zu helfen, organisierte der Hamburger Klinikkonzern Asklepios in Zusammenarbeit mit dem Ausw&auml;rtigen Amt das <a href=\"http:\/\/projet-tapig.com\/\">Projekt TAPiG<\/a>, bei dem 150 junge Tunesier in Hamburg als Krankenpfleger ausgebildet werden sollten. Kaum gestartet steht das Projekt seit letzter Woche bereits vor dem Aus. 24 der 25 tunesischen Pflegesch&uuml;ler weigern sich mittlerweile, ihren Dienst bei Asklepios zu den vertraglichen Konditionen anzutreten. F&uuml;r die <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/hamburg\/article119071748\/Tunesische-Pfleger-proben-den-Aufstand.html\">WELT<\/a> und das <a href=\"http:\/\/www.abendblatt.de\/hamburg\/article119072184\/Tunesier-boykottieren-Pflegeprojekt-in-Hamburg.html\">Hamburger Abendblatt<\/a> ist die Sache klar &ndash; zwischen den Zeilen wird den jungen Tunesiern Gier unterstellt. Ihnen sei die Ausbildungsverg&uuml;tung in H&ouml;he von 620 Euro netto zu niedrig. Doch dies ist noch nicht einmal die halbe Wahrheit. Es sieht vielmehr so aus, als ginge es Asklepios eher darum, billige Arbeitskr&auml;fte zu rekrutieren und einen gro&szlig;en Teil der Kosten des Projekts auf die jungen Tunesier abzuw&auml;lzen. Was nach Hilfe aussieht, wird so zur Ausbeutung. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Transformationspartnerschaft im Gesundheitssystem<\/strong><\/p><p>Um den Demokratisierungsprozess in den nordafrikanischen L&auml;ndern des &bdquo;arabischen Fr&uuml;hling&ldquo; zu f&ouml;rdern, schloss Bundesau&szlig;enminister Westerwelle Anfang 2012 unter anderem mit Tunesien ein Partnerschaftsabkommen, f&uuml;r das bis Ende 2013 30 Millionen Euro aus dem Topf des Ausw&auml;rtigen Amts zur Verf&uuml;gung gestellt wurden. Mit diesem Geld sollten vor allem privatwirtschaftliche Initiativen unterst&uuml;tzt werden, deren Ziel die Ausbildung junger Tunesier ist. Einer der ersten Interessenten an den F&ouml;rdermitteln war der Hamburger Klinikkonzern Asklepios, der in der Branche <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8797\">den Ruf genie&szlig;t<\/a>, satte Renditen auf dem R&uuml;cken seines immer st&auml;rker ausged&uuml;nnten Personals zu erwirtschaften. Nach Berechnungen von Verdi fehlen allein in Hamburg, wo Asklepios mit zehn Kliniken eine dominante Stellung einnimmt, ganze 4.000 Stellen in der Krankenpflege. F&uuml;r renditeorientierte private Krankenhausbetreiber sind Krankenpfleger vor allem eins: ein Kostenfaktor, den es zu minimieren gilt. <\/p><p>Vor allem in teuren St&auml;dten wie Hamburg haben derartige Krankenhausbetreiber mittlerweile ein gro&szlig;es Problem, Nachwuchs f&uuml;r die physisch wie psychisch hoch anspruchsvollen, daf&uuml;r aber sehr schlecht bezahlten Jobs in der Krankenpflege zu finden. Um die Gehaltsstruktur weiterhin niedrig zu halten, rekrutiert Asklepios daher bereits seit l&auml;ngerem einen Teil seines Pflegepersonals aus China.<\/p><p>Dazu und zu weiteren Hintergr&uuml;nden: Jens Berger &ndash; <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16751\">Chinesische Pflegekr&auml;fte &ndash; das b&ouml;se Spiel mit dem &bdquo;Fachkr&auml;ftemangel&ldquo;<\/a>.<\/p><p>Ein Projekt wie TAPiG, bei dem Asklepios tunesische Fachkr&auml;fte l&auml;ngerfristig an sich bindet, ist daher f&uuml;r Asklepios keinesfalls uneigenn&uuml;tzig. Einen Haken hat die Sache jedoch f&uuml;r den Klinikbetreiber &ndash; der Nutzen w&auml;re vergleichsweise gering, wenn die tunesischen Pflegesch&uuml;ler gleich nach ihrer Ausbildung das Land wieder verlassen oder einen besser bezahlten Job bei einem Konkurrenten annehmen. Um diesen Haken zu beseitigen, m&uuml;ssen die tunesischen Pflegesch&uuml;ler an den Konzern gebunden werden, ohne dass dies zu Folgekosten f&uuml;r den Krankenhausbetreiber f&uuml;hrt. <\/p><p><strong>Berufsstart mit 19.000 Euro Schulden<\/strong><\/p><p>Die tunesischen Pflegesch&uuml;ler des TAPiG-Projekts sind dabei alles andere als &bdquo;Hilfsempf&auml;nger&ldquo;. Vor ihrer Ausbildung im Asklepios-Konzern m&uuml;ssen sie an einem halbj&auml;hrigen &bdquo;Willkommens- und Kulturprogramm&ldquo;, das vor allem aus einem Sprachkurs am Hamburger Goethe-Institut besteht., teilnehmen. Dies ist zweifelsohne eine sinnvolle Ma&szlig;nahme, f&uuml;r die die jungen Tunesier jedoch auch mit 19.000 Euro zur Kasse gebeten werden. Da nat&uuml;rlich nur die wenigsten tunesischen Familien eine solche Summe zahlen k&ouml;nnen, wird den Pflegesch&uuml;lern ein verzinstes Darlehen in dieser H&ouml;he vermittelt, das nach der Ausbildung voll zur&uuml;ckgezahlt werden muss. <\/p><p>Dieses Darlehen ist dabei nicht mit staatlichen Ausbildungsbeihilfen, wie dem Baf&ouml;G zu verwechseln, das zinslos ist und von Studenten zur H&auml;lfte und von Auszubildenden in der Regel &uuml;berhaupt nicht zur&uuml;ckgezahlt werden muss. Wer in einer teuren Stadt wie Hamburg mit mehr[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] als 20.000 Euro Schulden in einen schlecht bezahlten Job, wie den des Krankenpflegers, startet, ist auf absehbare Zeit erst einmal damit besch&auml;ftigt, seine Schulden zur&uuml;ckzuzahlen. So lange stehen die Tunesier dem Asklepios-Konzern als willf&auml;hrige &ndash; und billige &ndash; Mitarbeiter zur Verf&uuml;gung, da die Aufenthaltsgenehmigung in der Regel direkt an den Job gebunden ist. Eine R&uuml;ckkehr nach Tunesien ist angesichts der hohen Schulden freilich ebenfalls ausgeschlossen, da das Darlehen mit tunesischen L&ouml;hnen &uuml;berhaupt nicht zur&uuml;ckgezahlt werden kann.<\/p><p>F&uuml;r die Teilnehmer ergeben sich weitere Risiken. Was passiert beispielsweise, wenn Asklepios sich weigert, sie zu &uuml;bernehmen? Was passiert, wenn Asklepios sie in einer seiner Tochtergesellschaften unterbringt, mit denen die Tarifl&ouml;hne um 30 bis 50% unterlaufen werden? Was passiert, wenn ein Teilnehmer eine Pr&uuml;fung nicht besteht? In all diesen F&auml;llen h&auml;tten die jungen Tunesier de facto gar keine M&ouml;glichkeit aus der Schuldenspirale herauszukommen.<\/p><p><strong>Meinungsmache der Springer-Bl&auml;tter<\/strong><\/p><p>Von all diesen Problemen ist in den einschl&auml;gigen Artikeln der WELT und des Hamburger Abendblatts nichts zu lesen. Dort wird die Sache so dargestellt, als seien die Tunesier mit den 620 Euro nicht zufrieden, die sie von Asklepios als Ausbildungsverg&uuml;tung erhalten. Dies ist jedoch, Teilnehmern des Kurses zufolge, &uuml;berhaupt nicht der Fall. Die jungen Tunesier fragen sich vielmehr, wof&uuml;r sie die 19.000 Euro &uuml;berhaupt bezahlen. Eine Aufschl&uuml;sselung des Verwendungszwecks ist ihnen &ndash; trotz mehrfacher Bitte &ndash; nicht erteilt worden. Weiterhin fragen sie sich, was denn eigentlich mit den 10.000 Euro geschehen ist, die das TAPiG-Projekt offenbar f&uuml;r jeden Teilnehmer aus dem F&ouml;rdertopf des Ausw&auml;rtigen Amts bezieht. Es ist kaum zu glauben, dass man seitens der Projektleitung 29.000 Euro f&uuml;r einen sechsmonatigen Sprachkurs veranschlagt. Was passiert aber dann mit dem Geld? Dies ist eine sehr berechtigte Frage, die weder WELT noch Hamburger Abendblatt stellen.<\/p><p>Stattdessen dreht man die Geschichte so, dass die jungen Tunesier als undankbare Personen dastehen, die gierig die ausgestreckte Hand von Asklepios ausschlagen. Dies geht jedoch meilenweit an der Wahrheit vorbei. Offenbar hatten WELT und Hamburger Abendblatt sich noch nicht einmal die M&uuml;he gemacht, mit den Teilnehmern zu sprechen und sich einzig und allen bei der Projektleitung informiert. An dieser Stelle sei daher an zwei Grundregeln des qualifizierten Journalismus erinnert:<\/p><ul>\n<li>Eine Quelle allein ergibt keine Nachricht. F&uuml;r eine Nachricht braucht es mindestens zwei voneinander unabh&auml;ngige Quellen.<\/li>\n<li>Bei Konflikten sind die Positionen beider Seiten darzustellen.<\/li>\n<\/ul><p>Gegen diese beiden Regeln haben WELT und Hamburger Abendblatt versto&szlig;en. <\/p><p><strong>Falsches Spiel<\/strong><\/p><p>H&auml;tten WELT und Hamburger Abendblatt die jungen Tunesier gefragt, w&auml;ren sie auch schnell auf den eigentlichen Grund der Verstimmung gesto&szlig;en. Nach Aussagen einer Projektteilnehmerin wurde den Tunesiern vor dem Antritt der Reise nach Deutschland gesagt, dass sich das Darlehen in H&ouml;he von 19.000 Euro auf die gesamte dreieinhalbj&auml;hrige Ausbildungszeit beziehen w&uuml;rde und damit dann auch Unterkunft und Verpflegung f&uuml;r die gesamte Ausbildungszeit abgedeckt seien. Erst in Hamburg stellte sich demnach heraus, dass die Unterkunft in einem Studentenheim lediglich f&uuml;r die sechsmonatige Vorbereitungszeit &uuml;bernommen wird. Danach sollten sich die Teilnehmer selbst um eine Unterkunft sorgen. In der Antwort auf eine <a href=\"http:\/\/www.kerstenartus.info\/pdf\/anfragen\/205671.pdf\">kleine Anfrage [PDF &ndash; 35.6 KB]<\/a> der Linken-Abgeordneten Kersten Artus hei&szlig;t es vom Hamburger Senat nur lapidar: &bdquo;Die tunesischen Auszubildenden erfahren keine bevorzugte Behandlung. Das tunesische Konsulat unterst&uuml;tzt die Auszubildenden bei der Wohnungssuche und betreut seine Staatsangeh&ouml;rigen&ldquo;. Dies ist jedoch offenbar nicht der Fall. Und wie man sich von 620 Euro netto in einer teuren Stadt wie Hamburg eine Wohnung nehmen und auch die restlichen Lebenshaltungskosten aufbringen soll, bleibt ein R&auml;tsel. <\/p><p>F&uuml;r die jungen Tunesier stellt sich die Situation finanziell folgenderma&szlig;en dar: W&auml;hrend der drei Jahre Ausbildung bei Asklepios erhalten sie ein Ausbildungssal&auml;r von 22.320 Euro. Bei einem Zinssatz von 6,0% steht dem am Ende der Ausbildungszeit ein Schuldenstand von 22.630 Euro gegen&uuml;ber &ndash; etwaige neue Kredite f&uuml;r die Wohn- und Lebenshaltungskosten noch nicht einmal mit eingerechnet. So gesehen bezahlen die Tunesier ihre Ausbildung bei Asklepios indirekt selbst. Kein Wunder, dass die Teilnehmer des TAPiG-Projekt mit diesen Konditionen nicht zufrieden sind. In &bdquo;bankrechtlichen Fragen&ldquo; wurde das TAPiG-Projekt &uuml;brigens von der einschl&auml;gig bekannten Kanzlei Freshfield Bruckhaus Deringer <a href=\"http:\/\/www.freshfields.com\/de\/deals\/Projektbuero_TAPiG\/?LanguageId=1031\">beraten<\/a>, die bestens mit der <a href=\"http:\/\/beta.abgeordnetenwatch.de\/2012\/07\/25\/diener-zweier-herren-wie-groskanzleien-die-bundesregierung-in-der-eurokrise-beraten\">Bundesregierung vernetzt ist<\/a>.<\/p><p><strong>Mit harten Bandagen<\/strong><\/p><p>Die tendenzi&ouml;se Berichterstattung von WELT und Hamburger Abendblatt ist das &ouml;ffentliche Sperrfeuer im R&uuml;ckzugsgefecht der Projektleitung. Anstatt die Sorgen der  jungen Tunesier ernst zu nehmen, ist man seitens TAPiG nun in die Offensive gegangen. Nach Angaben von Kursteilnehmern wurden sie mitten in der Nacht in ihrer Unterkunft aufgesucht, um mitgeteilt zu bekommen, dass sie am n&auml;chsten Morgen um 7.00 das Land mit der Maschine nach Tunis verlassen sollten. Weitere Teilnehmer wurden psychisch massiv unter Druck gesetzt, die Vertr&auml;ge zu unterschreiben. <\/p><p>Eine besonders dubiose Rolle nimmt dabei auch das mitverantwortliche tunesische Konsulat in Hamburg ein. Anstatt seinen Landsleuten zu helfen, wie es das Vertragswerk mit der Hansestadt urspr&uuml;nglich vorgesehen hatte, hat sich der tunesische Konsul, den Angaben der Kursteilnehmer zufolge, aktiv auf die Seite der Projektleitung geschlagen und bei der Schikane der Tunesier einen besonderen Eifer an den Tag gelegt. Von einem Mann, der schon unter Diktator Ben Ali im diplomatischen Korps Karriere gemacht hat und die Kursteilnehmer nun als &bdquo;Saboteure&ldquo; bezeichnet, haben die jungen Tunesier keine Hilfe zu erwarten. <\/p><p>F&uuml;r sie sieht die Lage alles andere als rosig aus. Statt der erhofften Hilfe zur Selbsthilfe zu bekommen, sind sie von den Projektpartnern &uuml;ber den Tisch gezogen worden. Welche Alternativen haben sie? Die Unterschrift unter den TAPiG-Knebelvertrag ist sicher keine ernsthafte Alternative. Die letzte Hoffnung besteht darin, den Fall an die &Ouml;ffentlichkeit zu tragen und zu hoffen, dass der &ouml;ffentliche Druck die Beteiligten (Asklepios, Auswertiges Amt, Stadt Hamburg, Tunesien) dazu treibt, doch noch eine einvernehmliche L&ouml;sung zu finden. Doch dagegen scheinen die Springer-Bl&auml;tter WELT und Hamburger Abendblatt etwas zu haben.<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/35cfab5bde76491fbf4495d6e84a7589\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] abh&auml;ngig vom Zinssatz und von der Laufzeit k&ouml;nnen aus einem 19.000 Euro Darlehen schnell auch Schulden in weitaus gr&ouml;&szlig;erer H&ouml;he werden<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Idee h&ouml;rte sich durchaus gut an: Um den Menschen in den L&auml;ndern des arabischen Fr&uuml;hlings zu helfen, organisierte der Hamburger Klinikkonzern Asklepios in Zusammenarbeit mit dem Ausw&auml;rtigen Amt das <a href=\"http:\/\/projet-tapig.com\/\">Projekt TAPiG<\/a>, bei dem 150 junge Tunesier in Hamburg als Krankenpfleger ausgebildet werden sollten. 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