{"id":18350,"date":"2013-08-20T10:10:43","date_gmt":"2013-08-20T08:10:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18350"},"modified":"2019-07-31T12:36:09","modified_gmt":"2019-07-31T10:36:09","slug":"die-klaglichen-fundamente-der-austeritatspolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18350","title":{"rendered":"Die kl\u00e4glichen Fundamente der Austerit\u00e4tspolitik"},"content":{"rendered":"<p>Wenngleich gro&szlig;e Teile der deutschen Medien in der letzten Woche die Nachricht feierten, dass das BIP im Euroraum im zweiten Quartal 2013 im Vergleich zum Vorquartal um 0,3 Prozent gestiegen ist (&bdquo;Es geht wieder bergauf&ldquo;; &bdquo;Ende der Rezession: Europa berappelt sich&ldquo; etc.), bleibt die wirtschaftliche Lage in den Euro-Krisenl&auml;ndern (Griechenland, Spanien, Portugal, Italien, Irland, Zypern) trostlos, wie ein Blick auf die neuen, von Eurostat ver&ouml;ffentlichten Daten zeigt (Eurostat 2013a). So fiel in Spanien, Italien und Zypern das BIP im zweiten Quartal 2013 abermals gegen&uuml;ber dem Vorquartal, wenn auch in geringerem Ma&szlig;e als noch zu Beginn des Jahres (f&uuml;r Griechenland und Irland liegen noch keine Daten f&uuml;r einen solchen Vorquartals-Vergleich vor). Damit ist die Wirtschaftsleistung in Spanien seit nunmehr sieben Quartalen, in Zypern und Italien gar seit acht Quartalen in Folge geschrumpft. Von den Krisenl&auml;ndern verzeichnet allein Portugal im zweiten Quartal 2013 einen Anstieg des BIP gegen&uuml;ber dem Vorquartal (von 1,1 Prozent), wobei aber zu ber&uuml;cksichtigen ist, dass die portugiesische Wirtschaft zuvor zehn Quartale hintereinander geschrumpft war. Ein Gastartikel[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18350#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] von <strong>G&uuml;nther Grunert<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nSo ging dann auch in Portugal das BIP im zweiten Quartal 2013 gegen&uuml;ber dem gleichen Quartal des Vorjahres um 2 Prozent zur&uuml;ck, in Spanien um 1,7 Prozent, in Italien um 2 Prozent, in Griechenland um 4,6 Prozent und in Zypern gar um 5,2 Prozent (f&uuml;r Irland sind entsprechende Daten noch nicht verf&uuml;gbar).<\/p><p>Die Lage ist also unver&auml;ndert dramatisch, was auch die j&uuml;ngst von Eurostat ver&ouml;ffentlichten Arbeitslosenzahlen f&uuml;r den Euroraum belegen (Eurostat 2013b), die in den deutschen Medien weit weniger Beachtung gefunden haben als die Wachstumsraten des BIP. Danach lag im Juni 2013 die saisonbereinigte Arbeitslosenquote in den Euro-Krisenl&auml;ndern zwischen 12,1 Prozent (Italien) und 26,3 Prozent (Spanien) resp. 26,9 Prozent (Griechenland, April 2013) und die Jugendarbeitslosenquote bewegte sich zwischen 26,5 Prozent (Irland) und 56,1 Prozent (Spanien) bzw. 58,7 Prozent (Griechenland, April 2013).<\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Over the era of successful capitalism, mainstream economic theory lost touch with reality. When the economic theory that inspires economic policy becomes irrelevant, then the economy is on &lsquo;The Road to Disaster&rsquo;&rdquo;(Hyman P. Minsky 1992, S. 6).<\/em><\/p><\/blockquote><p>Eigentlich kann angesichts dieser Zahlen kein vern&uuml;nftiger Mensch mehr daran zweifeln, dass die Austerit&auml;tspolitik im Euroraum gescheitert ist. Nat&uuml;rlich kommt jeder wirtschaftliche Absturz irgendwann zum Stillstand und deshalb werden alle Euro-Krisenl&auml;nder schlie&szlig;lich auch wieder wachsen. Aber die &ouml;konomische Verw&uuml;stung, die bis dahin in diesen L&auml;ndern angerichtet sein wird, d&uuml;rfte dort noch Jahrzehnte nachwirken.<\/p><p>&Uuml;ber einen Punkt zumindest wird Einigkeit bestehen: Eine Politik, die so drastische soziale Einschnitte vornimmt und damit die Lebensbedingungen der betroffenen Menschen so dramatisch verschlechtert, sollte theoretisch gut begr&uuml;ndet sein. Aber ist sie das wirklich? Dieser Frage soll im vorliegenden Beitrag nachgegangen werden. In Abschnitt 1 wird gezeigt, dass die Austerit&auml;tspolitik auf einem obskuren &ouml;konomischen Modell basiert, n&auml;mlich der sog. &bdquo;ricardianischen &Auml;quivalenztheorie&ldquo;, die hier vorgestellt und einer kritischen &Uuml;berpr&uuml;fung unterzogen wird. In Abschnitt 2 soll auf eine weitere Schwachstelle der theoretischen Begr&uuml;ndung der Austerit&auml;tspolitik eingegangen werden, n&auml;mlich die g&auml;nzliche Vernachl&auml;ssigung saldenmechanischer Zusammenh&auml;nge in der Volkswirtschaft. Nur wer die volkswirtschaftliche Saldenmechanik komplett ignoriert, kann zu Schlussfolgerungen kommen wie der, dass Deutschland ein Vorbild f&uuml;r die anderen Eurol&auml;nder darstelle, da hierzulande einfach &bdquo;solider gewirtschaftet&ldquo; werde als in den Krisenl&auml;ndern; ganz so, als ob die H&ouml;he der Staatsdefizite allein vom Willen der Regierungen abhinge und alle Eurostaaten die gleichen M&ouml;glichkeiten h&auml;tten, ihre Budgetdefizite zu verringern. In Abschnitt 3 wird anschlie&szlig;end das mysteri&ouml;se Wettbewerbs-Konzept analysiert, das vor allem deutsche Politiker(innen) gern zur Rechtfertigung der Austerit&auml;tspolitik anf&uuml;hren. Abschnitt 4 beendet mit einem kurzen Fazit die Untersuchung. <\/p><ol>\n<li><strong>Die ricardianische &Auml;quivalenz<\/strong>\n<p>H&auml;ufig werden von &Ouml;konomen und Politikern in der &Ouml;ffentlichkeit pr&auml;gnante Thesen vertreten, die auf Modellen basieren, die man lieber nicht genauer erkl&auml;rt. W&uuml;rde man dies n&auml;mlich tun, w&auml;re sehr schnell klar, welche abstrusen Annahmen diesen theoretischen Modellen zugrunde liegen und kaum jemand n&auml;hme die daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen noch ernst.<\/p>\n<p>Ein klassisches Beispiel daf&uuml;r ist die Behauptung, dass staatliche Defizite immer kontraproduktiv seien und daher ein Abbau dieser Defizite &ndash; selbst inmitten einer Rezession &ndash; nicht nur keinen Schaden anrichte, sondern ganz im Gegenteil gut f&uuml;r die Wirtschaft sei. Diese Behauptung st&uuml;tzt sich auf das Theorem der &bdquo;ricardianischen &Auml;quivalenz&ldquo;, das bereits im Jahr 1821 von David Ricardo entwickelt wurde und auf das im Folgenden n&auml;her eingegangen wird.<\/p>\n<p>So kritisiert beispielsweise Fabre (2012) die fr&uuml;here Entscheidung der franz&ouml;sischen Regierung, ihr Staatsdefizit nur langsam und moderat zu verringern, heftig, da dies das Wachstumspotenzial der Wirtschaft Frankreichs belaste. Unter expliziter Berufung auf die &bdquo;ricardianischen Effekte&ldquo; behauptet er: &bdquo;Eine rigorose Ausgabenk&uuml;rzung h&auml;tte, ceteris paribus, steigende Wachstumsraten zur Folge. Wie Kanada, Schweden oder D&auml;nemark hat auch Deutschland gezeigt, dass eine Politik der Reduktion der Staatsverschuldung g&uuml;nstige Voraussetzungen daf&uuml;r schafft, dass es zu einer wettbewerbsf&auml;higen und kreativen Vermehrung von Arbeitspl&auml;tzen kommt&ldquo; (Fabre 2012, S. 12).<\/p>\n<p>Was aber ist nun das Theorem der &bdquo;ricardianischen &Auml;quivalenz&ldquo;? Die Idee stammt &ndash; wie bereits erw&auml;hnt &ndash; von David Ricardo und wurde 1974 vom Harvard-&Ouml;konomen Robert Barro wiederbelebt und mathematisch erweitert. Danach ist es f&uuml;r einen Staat gleichwertig (daher der Begriff der &bdquo;ricardianischen &Auml;quivalenz&ldquo;), ob er seine Ausgaben durch Steuern finanziert oder durch Anleihen. Denn die Defizite von heute seien die Steuern von morgen. Ein Budgetdefizit ist nach Barro nichts anderes als eine implizite Verpflichtung des Staates, in der Zukunft die Steuern zu erh&ouml;hen, um die Schulden (Kapital und Zinsen) zur&uuml;ckzahlen zu k&ouml;nnen. Wie reagieren also die Konsumenten und Unternehmen darauf? In Erwartung einer gr&ouml;&szlig;eren zuk&uuml;nftigen Steuerbelastung erh&ouml;hten sie ihre gegenw&auml;rtige Ersparnis, um sicherzustellen, dass sie ihren zuk&uuml;nftigen Steuerverpflichtungen nachkommen k&ouml;nnten. Oder etwas genauer: Da sie w&uuml;ssten, dass der gegenw&auml;rtige, schuldenfinanzierte Staatshaushalt zwangsl&auml;ufig zu Steuererh&ouml;hungen in der Zukunft f&uuml;hre, aus denen der Staat dann die zus&auml;tzlichen Schulden zur&uuml;ckzahlen m&uuml;sse, reagierten die privaten Akteure auf die erh&ouml;hten Staatsausgaben sofort mit zus&auml;tzlichem Sparen, um auf die zu erwartenden h&ouml;heren Steuern vorbereitet zu sein. Jede Erh&ouml;hung der Staatsausgaben f&uuml;hre damit unmittelbar zu einem R&uuml;ckgang der Ausgaben f&uuml;r Waren und Dienstleistungen im Privatsektor.<\/p>\n<p>&Uuml;bertragen auf den Euroraum bedeutet dies: Untern&auml;hme die Regierung eines Eurolandes den Versuch, mit einem kreditfinanzierten Ausgabenprogramm zus&auml;tzliche Nachfrage und damit zus&auml;tzliche Arbeitspl&auml;tze zu schaffen, w&auml;re dieser Versuch zum Scheitern verurteilt. Denn der ricardianische &Auml;quivalenzeffekt w&uuml;rde bei den Steuerzahlern sofort einen Anstieg des Sparens aus ihrem laufenden Einkommen ausl&ouml;sen, mit dem Ergebnis, dass die private Nachfrage in exakt gleichem Umfang s&auml;nke, wie die staatliche Nachfrage als Folge des Stimulierungsprogramms zun&auml;hme. Gestiegene staatliche Ausgaben w&uuml;rden mithin durch verringerte private Ausgaben ausgeglichen: es g&auml;be gewisserma&szlig;en ein Patt.<\/p>\n<p>Staatsausgaben haben folglich nach Barro keinen realen Effekt auf Produktion und Besch&auml;ftigung, ganz egal, ob sie durch Steuern oder durch Verschuldung finanziert werden. Wenn dagegen &ndash; so die Folgerung der Ricardo-Anh&auml;nger &ndash; die Regierungen Austerit&auml;tsma&szlig;nahmen ank&uuml;ndigten, n&auml;hmen die Privatausgaben sofort zu und das Wirtschaftswachstum ziehe wieder an, da sich die allgemeine Erwartung durchsetze, dass die zuk&uuml;nftigen Steuerbelastungen niedriger sein w&uuml;rden.<\/p>\n<p>Man k&ouml;nnte jetzt annehmen, dass die &bdquo;ricardianische &Auml;quivalenz&ldquo; eine von vielen theoretischen Spielereien ist, deren praktische Relevanz jedoch gegen Null geht. Dem ist leider nicht so: Barros ricardianische &Auml;quivalenztheorie ist nicht nur die offizielle Position der Europ&auml;ischen Kommission in Br&uuml;ssel, sondern wird auch von Reinhart\/Rogoff (2010, S. 6) verwendet, um zu erkl&auml;ren, warum hohe Schuldenst&auml;nde mit niedrigen Wachstumsraten einhergehen. Zur Erinnerung: Die Studie &bdquo;Growth in a Time of Debt&ldquo; von Reinhart\/Rogoff hatte &ndash; so Wirtschaftsnobelpreistr&auml;ger Paul Krugman (Krugman 2013) &ndash; vielleicht einen gr&ouml;&szlig;eren unmittelbaren Einfluss auf die &ouml;ffentliche Debatte als jede andere wirtschaftswissenschaftliche Untersuchung zuvor. Reinhart\/Rogoff hatten festgestellt, dass eine Staatsschuldenquote, die den Schwellenwert von 90 Prozent &uuml;berschreite, das Wachstum signifikant verringere. Obgleich die beiden Autoren schon fr&uuml;hzeitig hinsichtlich ihrer Methodik und ihrer Schlussfolgerungen kritisiert wurden (z. B. von Wray\/Nersisyarn 2011), diente ihre Studie lange als Legitimation einer harschen Austerit&auml;tspolitik, bis sich herausstellte, dass die behauptete 90-Prozent-Schwelle schlicht das Ergebnis von Rechenfehlern war.<\/p>\n<p>Aber nicht nur &Ouml;konomen berufen sich auf die &bdquo;ricardianische &Auml;quivalenz&ldquo;, auch viele Politiker haben sich die Argumentation zu eigen gemacht, manche von ihnen vielleicht, ohne zu wissen, auf welchen Pr&auml;missen sie basiert. So erkl&auml;rte etwa Bundeskanzlerin Angela Merkel vor dem letzten EU-Gipfel in Br&uuml;ssel Ende Juni dieses Jahres: &bdquo;Wachstum und Haushaltskonsolidierung sind keine Gegens&auml;tze, im Gegenteil, sie bedingen einander.&ldquo; Politiker anderer L&auml;nder teilen diese Auffassung, beispielsweise in Gro&szlig;britannien, wo Premierminister David Cameron und Schatzkanzler George Osborne mehrfach verk&uuml;ndeten, dass die britische Wirtschaft eine &bdquo;expansive Fiskalkontraktion&ldquo; (expansionary fiscal contraction) erreichen k&ouml;nnte: Wenn man die &ouml;ffentlichen Ausgaben k&uuml;rze, komme es zu mehr privaten Ausgaben.[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] &Auml;hnlich &auml;u&szlig;erte sich Christine Lagarde, damalige Ministerin f&uuml;r Wirtschaft und Finanzen in Frankreich und jetzt gesch&auml;ftsf&uuml;hrende Direktorin des IWF: &bdquo;Wenn wir nicht das &ouml;ffentliche Defizit reduzieren, wird nicht das Wachstum beg&uuml;nstigt. Warum? Weil die Menschen sich Sorgen machen &uuml;ber das &ouml;ffentliche Defizit. Wenn sie sich dar&uuml;ber Sorgen machen, fangen sie an zu sparen. Wenn sie zuviel sparen, konsumieren sie nicht. Wenn sie nicht konsumieren, steigt die Arbeitslosigkeit und die Produktion sinkt. Deshalb m&uuml;ssen wir diesen Kreislauf vom Defizit her attackieren&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=aO6_3JequF8\">Lagarde 2010<\/a>; &Uuml;bersetzung G. G.).<\/p>\n<p>Im Folgenden soll Barros Version der ricardianischen &Auml;quivalenz einer theoretischen Pr&uuml;fung unterzogen werden. Welche Annahmen m&uuml;ssen gelten, damit sich Barros Schlussfolgerungen logisch widerspruchsfrei ableiten lassen? Bei der Beantwortung dieser Frage bleibt unber&uuml;cksichtigt, ob die Argumentation Barros &uuml;berhaupt eine realistische Darstellung der Funktionsweise eines modernen Geldsystems ist (dies ist nicht der Fall, vgl. z. B. Mitchell 2009). Das hei&szlig;t, es wird allein die Plausibilit&auml;t der zugrundeliegenden Modellannahmen untersucht. Sollte irgendeine dieser &auml;u&szlig;erst restriktiven Annahmen nicht zutreffen, lassen sich auch die darauf basierenden Ergebnisse nicht aufrechterhalten.<\/p>\n<p>Insgesamt m&uuml;ssen vier Annahmen erf&uuml;llt sein (dazu auch Mitchell 2011):<\/p>\n<p><em>Erstens<\/em> wird unterstellt, dass alle B&uuml;rger aus der gegenw&auml;rtigen Entwicklung der Staatsausgaben pr&auml;zise absch&auml;tzen k&ouml;nnen, wie hoch ihre Steuerbelastung in der Zukunft, also beispielsweise in zehn oder zwanzig Jahren, sein wird. Und nicht nur das: Jedes Individuum ist imstande, aus seiner zuk&uuml;nftigen Steuerbelastung abzuleiten, wie viel es in der Gegenwart konsumiert oder spart. Alle Menschen sind in der Lage, ihre gesamten Einkommen und zu zahlenden Steuern &uuml;ber ihr gesamtes Leben hinweg einzusch&auml;tzen, wenn sie in jeder Zeitperiode ihre Konsumentscheidungen treffen. Es d&uuml;rfte unmittelbar einleuchten, dass diese Vorstellung abwegig ist: Nat&uuml;rlich kennt niemand sein Gesamteinkommen in der Zukunft.<\/p>\n<p><em>Zweitens<\/em> m&uuml;ssen die Kapitalm&auml;rkte &bdquo;perfekt&ldquo; sein. Jeder Haushalt kann jederzeit soviel Kredit aufnehmen oder sparen, wie er m&ouml;chte &ndash; und zwar zu einem festen Zinssatz, der zu jedem Zeitpunkt f&uuml;r alle gleich ist. Anders ausgedr&uuml;ckt: Es besteht f&uuml;r alle Individuen ein vollkommen gleicher Zugang zu Finanzmitteln. Zweifellos kann diese Annahme nicht f&uuml;r alle Individuen und Zeitr&auml;ume gelten. Haushalte haben Liquidit&auml;tsbeschr&auml;nkungen und k&ouml;nnen nicht jederzeit und in jedem Umfang Geld leihen und anlegen, wie es ihnen gef&auml;llt.<\/p>\n<p><em>Drittens<\/em> muss die zuk&uuml;nftige Entwicklung der Staatsausgaben feststehen und den privaten Haushalten bzw. den Individuen, die annahmegem&auml;&szlig; &uuml;ber perfekte Voraussicht verf&uuml;gen (zu einer umfassenden Kritik daran vgl. Minsky 1995, S. 10ff), bekannt sein. Auch diese Pr&auml;misse ist komplett realit&auml;tsfern, da nat&uuml;rlich niemand perfekte Voraussicht hat und genau wei&szlig;, wieviel welche Regierung in zehn oder f&uuml;nfzehn Jahren ausgeben wird.<\/p>\n<p><em>Viertens<\/em> besteht eine zeitlich unbegrenzte Sorge um die zuk&uuml;nftigen Generationen. Diese Annahme ist deshalb notwendig, weil sich aus der internen Logik des Modells keine Vorhersage ableiten l&auml;sst, zu welchem Zeitpunkt in der Zukunft die Steuererh&ouml;hungen zur Schuldenr&uuml;ckzahlung anfallen werden. Nat&uuml;rlich kann der Staat (der &ndash; anders als ein Unternehmen oder ein privater Haushalt &ndash; praktisch ewig bestehen bleibt) seine Schulden, statt sie zur&uuml;ckzuzahlen, auch immer nur wieder refinanzieren, d.h. alte Kredite durch neue abl&ouml;sen. Die Erh&ouml;hung der Steuern, die angeblich erforderlich ist, um die Schulden des Staates zur&uuml;ckzuzahlen, k&ouml;nnte also in ferner Zukunft erfolgen, m&ouml;glicherweise erst in hundert Jahren oder noch viel sp&auml;ter. Ob aber tats&auml;chlich eine relevante Zahl von Menschen heute ihre privaten Ausgaben verringert, um (vererbbare) Sicherheitsersparnisse f&uuml;r den Fall zu bilden, dass irgendwann in vielleicht einhundert oder zweihundert Jahren die Steuern angehoben werden, darf wohl bezweifelt werden.<\/p>\n<p>Das Fazit ist eindeutig: Die Theorie der ricardianischen &Auml;quivalenz ist aufgrund ihrer abstrusen Annahmen und Unplausibilit&auml;ten theoretisch nicht haltbar. Dies gilt selbst dann, wenn man ihre weiteren Modellannahmen (beispielsweise die unzutreffende These, dass der Staat in irgendeiner zuk&uuml;nftigen Periode seine Steuern erh&ouml;hen muss, um seine schuldenfinanzierten Ausgaben der Vergangenheit zur&uuml;ckzuzahlen) vorbehaltlos akzeptiert.<\/p>\n<p>Interessanterweise hat die Theorie gleich ihren ersten gro&szlig;en &bdquo;Praxistest&ldquo; nicht bestanden. Nachdem Barro seine Version der ricardianischen &Auml;quivalenz pr&auml;sentiert hatte, wurde in vielen empirischen Untersuchungen ihre &bdquo;Vorhersagef&auml;higkeit&ldquo; gepr&uuml;ft. Eine g&uuml;nstige Gelegenheit ergab sich, als der US-Kongress im August 1981 umfangreiche Steuersenkungen beschloss, weil sich die USA in einer Rezession befanden. Die Steuerreduzierungen sollten zwischen 1982 und 1984 zum Einsatz kommen, um die aggregierte Nachfrage zu stimulieren. Die Anh&auml;nger Barros prognostizierten, dass &ndash; gem&auml;&szlig; der Theorie der ricardianischen &Auml;quivalenz &ndash; die Menschen nun bef&uuml;rchten w&uuml;rden, dass diese Steuersenkungen &uuml;ber eine entsprechende Ausweitung der staatlichen Finanzierungsdefizite finanziert werden. Folglich werde der Konsum nicht zunehmen und die Menschen w&uuml;rden mehr sparen, um f&uuml;r die wachsende zuk&uuml;nftige Steuerbelastung aufgrund des Anstiegs der &ouml;ffentlichen Verschuldung vorzusorgen. Die Realit&auml;t sah v&ouml;llig anders aus: Die Sparquote der privaten Haushalte stieg keineswegs, sondern sank ganz im Gegenteil von 7,5 Prozent im Jahr 1981 auf durchschnittlich 5,7 Prozent in den Jahren 1982 bis 1984.<\/p>\n<p>In der Folgezeit gab es eine Vielzahl empirischer Studien, auch von konservativen &Ouml;konomen, die keinerlei Belege f&uuml;r die G&uuml;ltigkeit der Ricardo\/Barro-These fanden (z. B. Feldstein 1986; Feldstein\/Elmendorf 1987; Evans 1993; Stanley 1998; Niple 2006; Waqas\/Awan 2011 und 2012). Das ist wenig &uuml;berraschend: Konsumenten, die bei K&uuml;rzungen der &ouml;ffentlichen Ausgaben in Hochstimmung geraten, weil sie nun keine sp&auml;teren Steuererh&ouml;hungen wegen h&ouml;herer Defizite mehr bef&uuml;rchten m&uuml;ssen; die deshalb aufh&ouml;ren, f&uuml;r zuk&uuml;nftig zu erwartende Steueranhebungen zu sparen und stattdessen anfangen, mehr Geld auszugeben, selbst wenn die Arbeitslosigkeit sprunghaft ansteigt und die L&ouml;hne gek&uuml;rzt werden; Unternehmen, die hohe Staatsdefizite hassen und deshalb bei staatlichen Haushaltsk&uuml;rzungen freudig in neue Produktionsanlagen investieren, obgleich die vorhandenen Kapazit&auml;ten mehr als ausreichend sind, um die aktuelle Nachfrage zu befriedigen, und obwohl der Absatz einbricht &ndash; solche Wirtschaftsakteure d&uuml;rften in der realen Welt wohl sehr selten vorkommen. Dass eine Theorie, die ein derartiges Verhalten unterstellt und die sich (nat&uuml;rlich) empirisch nicht best&auml;tigen l&auml;sst, dennoch zur Handlungsanleitung f&uuml;r die Politik in Europa werden konnte, ist nicht nur in h&ouml;chstem Ma&szlig;e verwunderlich, sondern schlicht unbegreiflich.<\/p><\/li>\n<li><strong>Das deutsche Modell als Vorbild f&uuml;r den Euroraum?<\/strong>\n<p>Seit Beginn der Eurokrise sind deutsche Politiker und &Ouml;konomen nicht m&uuml;de geworden, Deutschland als Vorbild f&uuml;r die gesamte Eurozone zu preisen. Die relativ gute wirtschaftliche Entwicklung hierzulande, die angeblich der Reformierung des Arbeitsmarkts und des Sozialstaats im Zuge der Agenda 2010 geschuldet ist, hat die Vertreter dieser Auffassung in ihrer Meinung gest&auml;rkt. Die Euro-Krisenl&auml;nder &ndash; so der Tenor &ndash; sollten nicht vor &auml;hnlich schmerzhaften Reformen wie in Deutschland zur&uuml;ckschrecken, um Wachstum und Besch&auml;ftigung zu f&ouml;rdern.<\/p>\n<p>Bundesbankpr&auml;sident Jens Weidmann vertrat im September 2011 in einer Rede vor dem &bdquo;American Council on Germany&ldquo; in Washington die Ansicht, dass Deutschland haushaltspolitisch ein Vorbild f&uuml;r die anderen Staaten der Eurozone bleiben m&uuml;sste (Handelsblatt, 26.9.2011). Auf einem CDU-Parteitag in Leipzig im November des gleichen Jahres verstieg sich Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) &ndash; mit Blick auf Beschl&uuml;sse nach dem Vorbild der deutschen Schuldenbremse in L&auml;ndern wie Frankreich oder Spanien &ndash; gar zu der Behauptung: &bdquo;Jetzt auf einmal wird in Europa Deutsch gesprochen&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.stern.de\">stern<\/a>, 15.11.2011). Ein Jahr sp&auml;ter verk&uuml;ndete Bundesfinanzminister Wolfgang Sch&auml;uble bei der Einbringung des Haushaltsentwurfs f&uuml;r 2013: &bdquo;Wir sind f&uuml;r viele europ&auml;ische Staaten ein Vorbild&ldquo; (<a href=\"http:\/\/de.reuters.com\">reuters.com<\/a>, 11.9.2012). Und im M&auml;rz dieses Jahres verwies Bundeswirtschaftsminister Philipp R&ouml;sler, der zusammen mit Wolfgang Sch&auml;uble die Haushaltsplanung f&uuml;r 2014 vorstellte, auf das Prinzip &bdquo;F&uuml;hren durch Vorbild in Europa&ldquo; und erg&auml;nzte: &bdquo;Die Welt beneidet uns um unsere Erfolge&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.n24.de\">n24<\/a>, 13.3.2013).<\/p>\n<p>Die deutsche Regierung hat ihre Vorstellungen im sog. europ&auml;ischen Fiskalpakt durchgesetzt, der das deutsche Modell auf die Eurozone &uuml;bertr&auml;gt. Im Fiskalpakt verpflichten sich die teilnehmenden EU-Unterzeichnerstaaten insbesondere, nationale Schuldenbremsen nach deutschem Vorbild einzuf&uuml;hren, die bis zum 1. Januar 2014 in ihren jeweiligen Rechtsordnungen verankert werden m&uuml;ssen. Der Fiskalpakt fordert von den teilnehmenden EU-L&auml;ndern ausgeglichene Staatshaushalte.[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] Als &bdquo;ausgeglichen&ldquo; gelten hierbei Haushalte, deren j&auml;hrliches strukturelles Defizit h&ouml;chstens 0,5 Prozent des nominalen BIP betr&auml;gt. Nur unter &bdquo;au&szlig;ergew&ouml;hnlichen Umst&auml;nden&ldquo; d&uuml;rfen die Staaten von dieser Zielmarke oder dem Anpassungspfad dorthin abweichen. Dar&uuml;ber hinaus enth&auml;lt der Fiskalpakt u. a. eine Versch&auml;rfung des im Stabilit&auml;tspakt vorgesehenen Defizitverfahrens.<\/p>\n<p>Gerade am Fiskalpakt l&auml;sst sich sehr gut aufzeigen, dass der Versuch, das deutsche Modell auf alle anderen Eurol&auml;nder zu &uuml;bertragen, aufgrund der Interdependenzen zwischen den volkswirtschaftlichen Sektoren zum Scheitern verurteilt ist. Dies soll im Folgenden anhand einiger einfacher &Uuml;berlegungen zur volkswirtschaftlichen Saldenmechanik n&auml;her erl&auml;utert werden:<\/p>\n<p>Von der Ausgabenseite betrachtet, setzt sich das Bruttoinlandsprodukt (Y) eines Landes wie folgt zusammen:<\/p>\n<ol>\n<li>Y = C + I + G + (X &ndash; M),\n<p>wobei C den privaten Konsum, I die privaten Investitionen, G die Staatsausgaben (einschlie&szlig;lich der staat&shy;lichen Investitionen), M die Importe und X die Exporte (inclusive des Nettoeinkommens aus dem Ausland) bezeichnen. Von der Einnahmeseite her gilt:<\/p><\/li>\n<li>Y = C + S + T,\n<p>wobei S f&uuml;r die Ersparnis und T f&uuml;r die Steuern steht. Gleichung (2) zeigt also, dass wir unser Einkommen konsumieren (C), sparen (S) oder damit Steuern zahlen (T). Die zwei Formeln f&uuml;r Y, also f&uuml;r das BIP, lassen sich gleichsetzen:<\/p><\/li>\n<li>C + S + T = C + I + G + (X &ndash; M)\n<p>Formt man Gleichung (3) um, ergeben sich die Finanzierungssalden der drei volkswirtschaftlichen Sektoren Privatsektor (Haushalte und Unternehmen, S &ndash; I), Staat (T &ndash; G) und Ausland (M &ndash; X), die sich zu Null addieren [<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>]:<\/p><\/li>\n<li>(S &ndash; I) + (T &ndash; G) + (M &ndash; X) = 0\n<p>Der Finanzierungssaldo des Auslands entspricht hierbei der Leistungsbilanz mit umgekehrtem Vorzeichen.<\/p>\n<p>Zur Veranschaulichung: Deutschland beispielsweise weist im Jahr 2012 einen positiven Finanzierungssaldo sowohl des Privatsektors (163 Mrd. Euro) als auch des Staates (4,2 Mrd. Euro) auf, dem ein negativer Finanzierungssaldo des Auslands (-167,2 Mrd. Euro) gegen&uuml;bersteht. Das Minuszeichen beim Finanzierungssaldo des Auslands bedeutet einen Leistungsbilanz&uuml;berschuss Deutschlands. Die Summe der sektoralen Finanzierungssalden betr&auml;gt also Null: 163 + 4,2 &ndash; 167,2 = 0.<\/p>\n<p>Dem Defizit eines Sektors steht folglich immer ein gleich gro&szlig;er &Uuml;berschuss der beiden anderen Sektoren zusammen gegen&uuml;ber. Wichtig ist, dass dies nicht irgendeine umstrittene Wirtschaftstheorie ist, sondern eine volkswirtschaftliche Identit&auml;t, also ein rein logischer Zusammenhang, der zu jeder Zeit in jedem Land gilt. Die sektoralen Finanzierungssalden lassen sich auch in Prozent des BIP ausdr&uuml;cken. Nehmen wir als Beispiel Frankreich: Dort verzeichnet im Jahr 2012 der Staat ein Defizit von 4,9 Prozent des BIP, der private Sektor einen &Uuml;berschuss von 3,1 Prozent des BIP und somit betr&auml;gt das Leistungsbilanzdefizit Frankreichs 1,8 Prozent des BIP (das Ausland weist einen &Uuml;berschuss von 1,8 Prozent der franz&ouml;sischen Wirtschaftskraft gegen&uuml;ber Frankreich auf): &ndash;4,9 + 3,1 + 1,8 = 0.<\/p>\n<p>Gleichung (4) l&auml;sst sich wie folgt umstellen:<\/p><\/li>\n<li>(S &ndash; I) = (G &ndash; T) + (X &ndash; M)\n<p>Wenn die linke Seite der Gleichung positiv ist, d.h. der Privatsektor eines Landes insgesamt einen Finanzierungs&uuml;berschuss (Einnahmen&uuml;berschuss) erzielt (S &gt; I), muss auch die Summe aus dem Finanzierungssaldo des Staatssektors und der Leistungsbilanz des Landes &ndash; also die rechte Seite der Gleichung &ndash; positiv (und gleich der linken Seite) sein.<\/p><\/li>\n<\/ol>\n<p>Aus diesen &Uuml;berlegungen wird deutlich, warum der von Deutschland durchgesetzte Fiskalpakt, der die teilnehmenden EU-L&auml;nder zu ausgeglichenen Staatshaushalten verpflichtet, nicht funktionieren kann. Denn wenn L&auml;nder wie Deutschland dauerhafte Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse verzeichnen und diese auch nicht aufgeben wollen, m&uuml;ssen andere L&auml;nder notwendigerweise Leistungsbilanzdefizite aufweisen, denn in der Summe addieren sich &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite weltweit auf null. Wie aus Tabelle 1 ersichtlich, war die Leistungsbilanz der Eurozone als Ganzes seit dem Jahr 2000 zumeist nahezu ausgeglichen; lediglich im letzten Jahr (2012) ergab sich ein gewachsener &Uuml;berschuss.<\/p>\n<p><em>Innerhalb<\/em> der W&auml;hrungsunion dagegen sind gravierende Ungleichgewichte entstanden, die sich erst seit 2009 sp&uuml;rbar abgeschw&auml;cht haben. Insbesondere Deutschland, aber auch die Niederlande und &Ouml;sterreich verzeichnen dabei anhaltende Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse, denen permanente Leistungsbilanzdefizite von L&auml;ndern wie Spanien, Portugal, Griechenland und Italien entgegenstehen.<\/p>\n<p><em>Tabelle 1:<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/wko.at\/statistik\/eu\/europa-leistungsbilanzsalden.pdf\">Leistungsbilanzsalden [PDF &ndash; 212 KB]<\/a><\/p>\n<p>* Prognose und vorl&auml;ufige Werte<\/p>\n<p><strong>Quelle:<\/strong> Wirtschaftskammer &Ouml;sterreich, Mai 2013 <\/p>\n<p>Mit seinen dauerhaft hohen Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;ssen, die zu einem erheblichen Teil auf Leistungsbilanzdefiziten anderer EWU-L&auml;nder basieren, verschafft sich Deutschland gro&szlig;e Vorteile, was die Einf&uuml;hrung der im Fiskalpakt festgelegten nationalen Schuldenbremsen betrifft. F&uuml;r Deutschland ist die Realisierung eines ausgeglichenen Staatsbudgets vergleichsweise einfach. Wie aus Gleichung (5) hervorgeht, erlaubt ein Leistungsbilanz&uuml;berschuss (X &ndash; M &gt; 0) dem Staatssektor eines Landes, einen ausgeglichenen Haushalt (G &ndash; T =  0) oder sogar einen Haushalts&uuml;berschuss (G &ndash; T &lt;  0) zu erzielen und trotzdem dem Privatsektor als Ganzes zu sparen (S &ndash; I &gt; 0).[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>]<\/p>\n<p>Anders sieht es bei den EWU-S&uuml;dl&auml;ndern aus, die Leistungsbilanzdefizite verzeichnen. Bei einem Leistungsbilanzdefizit (X &ndash; M &lt; 0) k&ouml;nnen in einem Land niemals der Staat und der Privatsektor gleichzeitig Einnahmen&uuml;bersch&uuml;sse erzielen. Versuchen die Leistungsbilanzdefizitl&auml;nder, ausgeglichene Staatshaushalte zu realisieren (oder gar Budget&uuml;bersch&uuml;sse), so ist dies nur dann m&ouml;glich, wenn ihre Privatsektoren Ausgaben&uuml;bersch&uuml;sse (S &ndash; I &lt; 0) in Kauf nehmen (und damit eine steigende Verschuldung anh&auml;ufen). Oder etwas genauer: Ein Land mit einem Leistungsbilanzdefizit kann nur dann einen ausgeglichenen Staatshaushalt aufweisen, wenn es ein Defizit des heimischen Privatsektors akzeptiert, das in seiner H&ouml;he exakt dem Leistungsbilanzdefizit entspricht.[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>]<\/p>\n<p>Das Problem mit einer solchen Konstellation ist, dass sie sich zwar einige Jahre aufrechterhalten l&auml;sst, aber niemals nachhaltig sein kann. Wird n&auml;mlich das Wachstum des BIP durch eine Expansion der privaten Schulden getrieben (d. h. verschuldet sich der Privatsektor immer mehr), so st&ouml;&szlig;t dieser Prozess irgendwann an eine Grenze: Erreicht die H&ouml;he des Schuldendienstes einen bestimmten Prozentsatz der Einkommen, ist der Verschuldungsspielraum des Privatsektors ausgesch&ouml;pft, da die Einkommen den Schuldendienst begrenzen. Private Haushalte und Unternehmen werden dann beginnen, ihre Bilanzen umzustrukturieren, um das Entstehen einer prek&auml;ren Finanzlage zu verhindern. Als Folge verlangsamt sich die aggregierte Nachfrage aus der Schuldenexpansion und die Wirtschaft ger&auml;t ins Stocken (Mitchell\/Muysken 2008, S. 222).<\/p>\n<p>Zu welchen Folgen ein Wachstumspfad, der auf einer steigenden Verschuldung des privaten Sektors beruht, f&uuml;hren kann, l&auml;sst sich am Beispiel Spaniens studieren: Dort hatte sich mit dem Beginn der W&auml;hrungsunion eine Immobilienblase entwickelt, die mit einer hohen privaten Verschuldung einherging. Als die Immobilienblase in den Jahren 2007\/2008 platzte, brach die inl&auml;ndische Nachfrage ein, das lange Zeit verdeckte Problem der Leistungsbilanzdefizite des Landes trat offen zutage und die spanische Volkswirtschaft st&uuml;rzte in eine Bilanzrezession. Danach musste der hochverschuldete Privatsektor Spaniens (Haushalte und Unternehmen incl. der Banken) mit allen Mitteln versuchen, seine Schulden abzubauen, was wiederum ein entsprechend hohes Defizit der &ouml;ffentlichen Haushalte erforderte (dazu ausf&uuml;hrlicher <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15854\">hier<\/a>).<\/p>\n<p>Das Fazit: Deutschland ist keineswegs ein Vorbild f&uuml;r Europa, dem die anderen Eurol&auml;nder nacheifern m&uuml;ssen, um wirtschaftlich zu gesunden. Deutschland ist nicht Teil der L&ouml;sung des Problems, sondern Teil des Problems. Mit seinem Lohndumping konkurrierte Deutschland die anderen Eurol&auml;nder nieder und erzielte anhaltende Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse, denen spiegelbildlich Defizite der s&uuml;dlichen Eurol&auml;nder gegen&uuml;berstanden. Deutschland trieb damit die s&uuml;dlichen Euro-Partnerl&auml;nder in eine wachsende Verschuldung &ndash; und zwar entweder deren Privatsektor oder deren Staatssektor oder beide.[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] Eine solche Konstellation kann kein Schuldnerland der Eurozone dauerhaft durchhalten.[<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>]<\/p>\n<p>Wollte Deutschland tats&auml;chlich Vorbild f&uuml;r den Euroraum sein, m&uuml;sste es sich ganz anders verhalten. Deutschland m&uuml;sste dann innerhalb der EWU mit gutem Beispiel bei der Umkehr der Lohnst&uuml;ckkostenpfade und damit beim Abbau der au&szlig;enwirtschaftlichen Ungleichgewichte vorangehen, indem es st&auml;rker steigende gesamtwirtschaftliche Lohnst&uuml;ckkosten zulie&szlig;e als die anderen EWU-L&auml;nder. W&uuml;rden dann die s&uuml;deurop&auml;ischen L&auml;nder unterdurchschnittliche Lohnst&uuml;ckkostenzuw&auml;chse akzeptieren, k&ouml;nnte damit nach einer Reihe von Jahren ein Gleichstand bei den Preisen erreicht und damit die Eurokrise entsch&auml;rft werden.<\/p>\n<p>Wichtig ist, dass die beschriebene Korrektur der Fehlentwicklungen im Euroraum nicht durch eine allgemeine Lohnsenkung in den Krisenl&auml;ndern erfolgen d&uuml;rfte (siehe dazu auch Abschnitt 3), da dies die Gefahr einer europaweiten Deflation heraufbeschw&ouml;ren w&uuml;rde [<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>] (vgl. auch Flassbeck\/Lapavitsas 2013, S. 24f).<\/p>\n<p>Sollen die EWU-Schuldnerl&auml;nder ihre Verschuldungsposition abbauen, ist allerdings noch mehr erforderlich: F&uuml;r ein Schuldnerland ist eine Nettotilgung seiner Auslandsschulden nur dann m&ouml;glich, wenn es einen Leistungsbilanz&uuml;berschuss aufweist. Also m&uuml;ssen andere L&auml;nder, vorzugsweise vorherige &Uuml;berschussl&auml;nder wie Deutschland, Leistungsbilanzdefizite verzeichen. Will das Gl&auml;ubigerland Deutschland also Vorbild in Europa sein, darf es nicht &ndash; wie dies im Moment geschieht &ndash; mit allen Kr&auml;ften seine Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse verteidigen, sondern muss bereit sein, eine Umwandlung seiner &Uuml;berschuss- in eine Defizitposition hinzunehmen. Dass Deutschland von einer solchen wirklichen Vorbildrolle meilenweit entfernt ist, braucht hier nicht n&auml;her zu erl&auml;utert werden; man denke nur an die Begeisterung, mit der in den deutschen Medien allj&auml;hrlich die Export&uuml;bersch&uuml;sse Deutschlands gefeiert werden.<\/p><\/li>\n<li><strong>Mangelnde Wettbewerbsf&auml;higkeit des Euroraums?<\/strong>\n<p>Viele (vor allem deutsche) Politiker und &Ouml;konomen sehen eine entscheidende Ursache der Probleme in der zu geringen Wettbewerbsf&auml;higkeit des Euroraums insgesamt. So schreibt etwa Bundesfinanzminister Wolfgang Sch&auml;uble im Cicero: &bdquo;Zu hohe Staatsverschuldung und mangelnde Wettbewerbsf&auml;higkeit sind die Ursachen der Krise in Europa&ldquo; (Sch&auml;uble 2013). Hier m&uuml;sse entsprechend angesetzt werden, um die &ouml;konomische Lage in der Eurozone zu verbessern. So forderte etwa Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Rede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos am 24. Januar 2013 einen &bdquo;Pakt f&uuml;r Wettbewerbsf&auml;higkeit&ldquo; in Europa, &bdquo;in dem die Nationalstaaten Abkommen und Vertr&auml;ge mit der EU-Kommission schlie&szlig;en, in denen sie sich jeweils verpflichten, Elemente der Wettbewerbsf&auml;higkeit zu verbessern, die in diesen L&auml;ndern noch nicht dem notwendigen Stand der Wettbewerbsf&auml;higkeit entsprechen.&ldquo;<\/p>\n<p>Tats&auml;chlich scheint die Austerit&auml;tspolitik den Euro-Krisenl&auml;ndern bei der Verbesserung ihrer Wettbewerbsf&auml;higkeit zu helfen. Ein Blick auf Tabelle 1 zeigt, dass sich die Leistungsbilanzungleichgewichte zwischen den EWU-L&auml;ndern seit dem Jahr 2009 deutlich verringert haben. F&uuml;r die Bef&uuml;rworter der Austerit&auml;tspolitik ist dies der Beweis f&uuml;r die Richtigkeit ihrer Ma&szlig;nahmen: Werden in den Krisenl&auml;ndern die Staatsausgaben gek&uuml;rzt und die L&ouml;hne gesenkt &ndash; so die Argumentation -, erh&ouml;ht sich die preisliche Wettbewerbsf&auml;higkeit dieser L&auml;nder und ihre Exporte steigen, w&auml;hrend gleichzeitig ihre Importe zur&uuml;ckgehen. Folglich verbessern sich die Leistungsbilanzen der Krisenl&auml;nder.<\/p>\n<p>Diese Argumentation greift jedoch viel zu kurz. Richtig ist, dass die Austerit&auml;tspolitik in den s&uuml;dlichen Krisenl&auml;ndern zu sinkenden Importen gef&uuml;hrt hat. Das aber kann auch allein auf die Tatsache zur&uuml;ckzuf&uuml;hren sein, dass die Importausgaben eine Funktion des inl&auml;ndischen Einkommenswachstums sind, das in den Krisenl&auml;ndern massiv eingebrochen ist; es muss also nicht bedeuten, dass in diesen L&auml;ndern die einheimischen G&uuml;ter im Vergleich zu den ausl&auml;ndischen Konkurrenzprodukten preislich wettbewerbsf&auml;higer geworden sind (und die Inl&auml;nder deshalb verst&auml;rkt inl&auml;ndische statt ausl&auml;ndischer G&uuml;ter nachfragen).<\/p>\n<p>Ob es den s&uuml;dlichen Krisenl&auml;ndern wirklich gelungen ist, ihre internationale Wettbewerbsf&auml;higkeit signifikant zu verbessern (und damit ihre Exporte zu erh&ouml;hen), muss nach einer Untersuchung von Mitchell (2013) stark bezweifelt werden. Der Autor geht dieser Frage anhand der BIZ-Indizes der effektiven Wechselkurse nach, die monatlich von der Bank f&uuml;r Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) ver&ouml;ffentlicht werden (dazu ausf&uuml;hrlicher Klau\/Fung 2006). Der <em>nominale<\/em> effektive Wechselkurs einer W&auml;hrung ist ein Index, der aus einem gewichteten Durchschnitt von bilateralen Wechselkursen errechnet wird. Wenn man den <em>nominalen<\/em> effektiven Wechselkurs um eine Messgr&ouml;&szlig;e f&uuml;r relative Preise resp. Kosten bereinigt, erh&auml;lt man den <em>realen<\/em> effektiven Wechselkurs (REER). In den Ver&auml;nderungen des REER finden also Entwicklungen der nominalen Wechselkurse und das Inflationsgef&auml;lle gegen&uuml;ber den Handelspartnern Ber&uuml;cksichtigung. Reale effektive Wechselkurse liefern damit eine Messgr&ouml;&szlig;e der internationalen Wettbewerbsf&auml;higkeit: Steigt der REER, kann daraus gefolgert werden, dass das Land international weniger wettbewerbsf&auml;hig geworden ist, sinkt der REER, gilt das Umgekehrte.<\/p>\n<p>Mitchell betrachtet die Ver&auml;nderungen der realen effektiven Wechselkurse (sog. &bdquo;enge Indizes&ldquo; f&uuml;r 27 Volkswirtschaften) von Januar 2008 (=100) bis April 2013 &ndash; und zwar f&uuml;r Deutschland, Griechenland, Irland, Italien, Portugal, Spanien und die Eurozone insgesamt. Nach Beginn der Krise sind die realen effektiven Wechselkurse der untersuchten L&auml;nder tendenziell gefallen, f&uuml;r die Eurozone insgesamt auf einen Indexwert von 91,9 und f&uuml;r Deutschland auf 93,5 im April 2013. Bei den Krisenl&auml;ndern des Euroraums ist jedoch im gleichen Zeitraum nur im Fall Irlands der reale effektive Wechselkurs deutlich gesunken (auf 88,7), w&auml;hrend die realen effektiven Wechselkurse der anderen Euro-Krisenl&auml;nder in der Austerit&auml;tsperiode nur geringf&uuml;gig zur&uuml;ckgegangen (Indexwerte f&uuml;r Portugal und Italien jeweils 98,2 und f&uuml;r Spanien 99,3) oder sogar gestiegen sind (Griechenland: 101,6) [<a href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>]. Offensichtlich haben es also die s&uuml;dlichen Krisenl&auml;nder bislang nicht geschafft, ihre Wettbewerbsf&auml;higkeit wesentlich zu erh&ouml;hen. Der Abbau der Leistungsbilanzdefizite dieser L&auml;nder in den letzten Jahren d&uuml;rfte daher nicht prim&auml;r einer deutlichen Exportverbesserung, sondern in erster Linie den krisenbedingt gesunkenen Importen geschuldet sein. Der Importr&uuml;ckgang einer einbrechenden Volkswirtschaft f&uuml;hrt jedoch nicht zu einer dauerhaften Verbesserung der Handelssituation, da bei jedem wieder aufkommenden Wachstum das Importproblem erneut auftaucht, solange die inl&auml;ndischen Preise nicht deutlich gefallen sind.<\/p>\n<p>Nehmen wir dennoch einmal an, es gel&auml;nge den EWU-S&uuml;dl&auml;ndern tats&auml;chlich (zun&auml;chst), mit Lohnk&uuml;rzungen ihre Wettbewerbsf&auml;higkeit substanziell zu verbessern. Dies wirft die Frage auf, zu wessen Lasten dies geht oder gehen sollte. Denn Wettbewerbsf&auml;higkeit ist ja ein relatives Konzept, bei dem der eine gewinnt, was der andere verliert. Die gelegentlich ge&auml;u&szlig;erte Ansicht, <em>alle<\/em> Eurol&auml;nder m&uuml;ssten im Handel untereinander ihre Wettbewerbsf&auml;higkeit verbessern, scheitert an den Gesetzen der Logik. Sie kommt der Forderung gleich, alle Vereine der Fu&szlig;ball-Bundesliga m&uuml;ssten &bdquo;wettbewerbsf&auml;higer&ldquo; werden, so dass in der Abschlusstabelle der kommenden Bundesliga-Saison jeder Verein gegen&uuml;ber der abgelaufenen Saison um mindestens einen Tabellenplatz nach oben r&uuml;ckt.<\/p>\n<p>Da innerhalb der EWU weder Deutschland noch die anderen &Uuml;berschussl&auml;nder eine erkennbare Bereitschaft zeigen, ihre Export&uuml;bersch&uuml;sse aufzugeben, bleibt als einzige M&ouml;glichkeit, dass die Europ&auml;ische W&auml;hrungsunion <em>als Ganzes<\/em> gegen&uuml;ber dem Rest der Welt wettbewerbsf&auml;higer wird, d. h. dauerhaft Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse gegen&uuml;ber der &uuml;brigen Welt erzielt. Wenn aber ein so gro&szlig;er Wirtschaftsblock wie die EWU seine Wettbewerbsf&auml;higkeit signifikant erh&ouml;ht, wer soll dann an Konkurrenzf&auml;higkeit einb&uuml;&szlig;en? Der Versuch der EWU insgesamt, ihre Wettbewerbsf&auml;higkeit durch Lohnsenkungen zu steigern, w&uuml;rde irgendwann die Handelspartner zwingen, mit einer Abwertung ihrer W&auml;hrungen gegen&uuml;ber dem Euro oder mit Handelsschranken auf die ver&auml;nderte Lage im Au&szlig;enhandel zu reagieren.<\/p>\n<p>Aber selbst wenn dies eine Zeit lang nicht gesch&auml;he, w&auml;re die Strategie, durch Lohnsenkungen konkurrenzst&auml;rker zu werden, f&uuml;r die s&uuml;dlichen Euro-Krisenl&auml;nder keine Option. Denn die Wirkung einer Steigerung der Wettbewerbsf&auml;higkeit h&auml;ngt entscheidend vom relativen Gewicht des Au&szlig;enhandels und der Binnenwirtschaft in einem Land ab. Da in den s&uuml;dlichen EWU-L&auml;ndern der Binnenmarkt quantitativ viel bedeutsamer ist als der Au&szlig;enhandel (die Exportquoten erreichen dort nur eine Gr&ouml;&szlig;enordnung von etwa 25 Prozent), &uuml;bertreffen die negativen Auswirkungen einer Lohnk&uuml;rzung auf die Binnennachfrage bei weitem die positiven Exporteffekte. Ein anderer Punkt kommt hinzu: Der Versuch eines Landes, durch Lohnsenkungen die f&uuml;r die gesamtwirtschaftliche Wettbewerbsf&auml;higkeit entscheidenden Lohnst&uuml;ckkosten zu verringern, f&uuml;hrt h&auml;ufig &ndash; als Reaktion auf den lohnbedingten Nachfrageausfall und die verst&auml;rkte Rezessionsphase &ndash; zu einem R&uuml;ckgang der Unternehmensinvestitionen, der dann wieder das zuk&uuml;nftige Produktivit&auml;tswachstum negativ beeinflusst. Es ist deshalb noch nicht einmal sicher, ob die Lohnsenkungsstrategie langfristig tats&auml;chlich zu der angestrebten deutlichen Reduzierung der Lohnst&uuml;ckkosten f&uuml;hrt.<\/p><\/li>\n<li><strong>Fazit<\/strong>\n<p>Welche Begr&uuml;ndung man auch immer f&uuml;r die harte Austerit&auml;tspolitik in Europa heranzieht &ndash; sie ist nicht stichhaltig. Es ist daher auch wenig &uuml;berraschend, dass die erhofften Erfolge ausgeblieben sind. Stattdessen ist die Wirtschaftsleistung in den s&uuml;dlichen Eurol&auml;ndern massiv eingebrochen und die Arbeitslosigkeit stark gestiegen. Die Krise gef&auml;hrdet auch den Bankensektor in den s&uuml;deurop&auml;ischen L&auml;ndern, der mit immer h&ouml;heren Kreditausfallquoten zu k&auml;mpfen hat (Lindner 2013). Verlieren die Banken an Eigenkapital, gef&auml;hrdet dies ihre Solvenz, gehen sie pleite, m&uuml;ssen sie durch staatliche Neuverschuldung rekapitalisiert werden, um einen kompletten Einbruch der Kreditversorgung zu verhindern. Damit aber steigen wiederum die Schulden der betroffenenen Euro-Staaten, deren Solvenz abermals verschlechtert wird.<\/p>\n<p>Aus diesem Krisenkomplex gibt es nur einen Ausweg: Die sofortige Beendigung der Austerit&auml;tspolitik und eine fundamentale &Auml;nderung der Wirtschaftspolitik im Euroraum. Leider ist im Moment nicht erkennbar, woher angesichts der politischen Konstellationen in der Eurozone eine solche Kehrtwende kommen soll. Solange in der EWU die Fiskalpolitik ideologisch blockiert bleibt und eine koordinierte Lohnpolitik nicht einmal im Ansatz stattfindet, ist keine Krisenl&ouml;sung in Sicht. Gerade deshalb ist es m. E. dringend notwendig, eine &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17262\">konstruktive Euro-Exit-Debatte<\/a>&ldquo; zu f&uuml;hren, d. h. sich mit der Frage zu befassen, ob nicht &ndash; gerade im Interesse der s&uuml;dlichen Eurol&auml;nder &ndash; eine Aufl&ouml;sung der W&auml;hrungsunion angestrebt werden sollte und wie diese gegebenenfalls m&ouml;glichst friktionsarm umgesetzt werden k&ouml;nnte.<\/p><\/li>\n<\/ol><p><strong>Literatur<\/strong><\/p><ul>\n<li><strong>Barro, R. J.<\/strong> (1974): Are Government Bonds Net Wealth?, in: Journal of Political Economy, Vol. 82, 6, S. 1095-1117<\/li>\n<li><strong>Eurostat<\/strong> (2013a): <a href=\"http:\/\/epp.eurostat.ec.europa.eu\/cache\/ITY_PUBLIC\/2-14082013-AP\/DE\/2-14082013-AP-DE.PDF\">Pressemitteilung Euroindikatoren, 122\/2013, 14. 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(eds.), Stabilising an unequal economy? &ndash; Public debt, financial regulation, and income distribution, Marburg, S. 117-41<\/li>\n<\/ul><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] F&uuml;r die Durchsicht dieses Beitrags und wertvolle Hinweise m&ouml;chte ich mich sehr herzlich bei Graham Wrightson, Centre of Full Employment and Equity, Universit&auml;t Newcastle (Australien), bedanken.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Osborne begr&uuml;ndet diese Auffassung mit einer ricardianischen &Auml;quivalenz &bdquo;light&ldquo;: &bdquo;Modern economics understands the importance of expectations and confidence. Businesses and individuals look to the future, and while they are not the perfectly rational creatures assumed by the theory of Ricardian equivalence, uncertainty over the future paths of tax rates and government spending does play an important role in their behaviour. This is particularly true when it comes to consumer spending and business investment [&hellip;] a credible fiscal consolidation plan will have a positive impact through greater certainty and confidence about the future&rdquo; (Osborne 2010).<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Neben den L&auml;ndern des Euroraums nehmen noch weitere EU-Staaten am Fiskalpakt teil. Der vorliegende Aufsatz konzentriert sich jedoch auf die EWU-L&auml;nder.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Anders als viele Mainstream-&Ouml;konomen heute und damals hatte der US-amerikanische &Ouml;konom Hyman Minsky die saldenmechanische Identit&auml;t, die besagt, dass den Ver&auml;nderungen der finanziellen Aktiva insgesamt eine gleich gro&szlig;e Ver&auml;nderung der finanziellen Passiva gegen&uuml;berstehen muss, stets im Blick: &bdquo;A fundamental proposition in economics is that the sum of realized financial surpluses (+) and deficits (&ndash;) over all units must equal zero. This follows from the simple point that every time some unit pays money for the purchase of current output, some other unit receives money. Because the different sectors of the economy (e.g., households, business firms, government, and financial institutions) are consolidations of elementary units, this proposition also holds for the various aggregations. If the federal government spends $73.4 billion more than it collects in taxes, as it did in 1975, then the sum of the surpluses and deficits over all other sectors equals $73.4 billion surplus&rdquo; (Minsky 1986, S. 26f).<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Dabei spart der Privatsektor als Ganzes immer dann, wenn der Leistungsbilanz&uuml;berschuss gr&ouml;&szlig;er als der staatliche Haushalts&uuml;berschuss ist. Unter &bdquo;Sparen&ldquo; ist hier die Geldverm&ouml;gensbildung als Differenz zwischen den Einnahmen in einer Zeitperiode und den Ausgaben in derselben Zeitperiode zu verstehen. Gibt ein Sektor (oder Wirtschaftssubjekt) in einer Periode weniger aus, als er einnimmt, so erzielt er einen Einnahmen&uuml;berschuss, d. h. er &bdquo;spart&ldquo;. Dieser Ein&shy;nah&shy;men&uuml;berschuss erh&ouml;ht dann entweder den schon vorhandenen Geldverm&ouml;gensbestand oder er erm&ouml;glicht es, den Schuldenstand zu reduzieren.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Dies k&ouml;nnte die Frage aufwerfen, was geschieht, wenn in einem Land mit einem Leistungsbilanzdefizit der Staat und der Privatsektor das Unm&ouml;gliche versuchen und beide gleichzeitig Einnahmen&uuml;bersch&uuml;sse anstreben. Nehmen wir an, der Staat beginnt also, seine Ausgaben zu k&uuml;rzen, w&auml;hrend auch der Privatsektor als Ganzes zu sparen versucht (und deshalb seine Ausgaben reduziert). Die Folge ist dann, dass die aggregierte Nachfrage und mit ihr der Output und das Volkseinkommen fallen. Das sinkende Einkommen aber verringert nicht nur die Sparf&auml;higkeit des Privatsektors, sondern verschlechtert auch &uuml;ber die automatischen Stabilisatoren den staatlichen Finanzierungssaldo. Gleichzeitig verbessert sich die Leistungsbilanz, da die Importe des Landes zur&uuml;ckgehen (die Importausgaben sind eine Funktion des inl&auml;ndischen Einkommenswachstums). Am Ende werden durch die Einkommensanpassungen die Finanzierungssalden des Staates, des Privatsektors und des Auslands wieder in Einklang gebracht, aber insgesamt bei einem niedrigeren BIP.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] Dies l&auml;sst sich vielleicht noch einfacher erkennen, wenn man Gleichung (4) noch einmal umstellt:<br>\n(6)  (X &ndash; M) = (S &ndash; I) + (T &ndash; G)<br>\nDie Summe aus dem Defizit oder dem &Uuml;berschuss des Privatsektors einerseits und dem staatlichen Haushaltsdefizit oder &ndash;&uuml;berschuss andererseits ergibt die Leistungsbilanz eines Landes. Gibt eine Volkswirtschaft in der Summe von privatem Sektor und &ouml;ffentlichem Sektor in einem Jahr mehr aus, als sie einnimmt (verbraucht sie folglich mehr, als sie produziert), so verzeichnet sie ein Leistungsbilanzdefizit (X &ndash; M &lt; 0) und verschuldet sich gegen&uuml;ber dem Ausland.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] Dies liegt beim Staatssektor keineswegs allein an den Vorgaben des Stabilit&auml;tspakts (Obergrenze f&uuml;r die j&auml;hrlichen Haushaltsdefizite von 3 Prozent, Schuldenstand von maximal 60 Prozent des BIP). Anders als etwa die USA, Japan oder Gro&szlig;britannien, die jeweils &uuml;ber eine eigene, souver&auml;ne W&auml;hrung verf&uuml;gen und die daher keinerlei Solvenzrisiko aufweisen, haben die einzelnen Staaten der Eurozone ihre W&auml;hrungssouver&auml;nit&auml;t aufgegeben (der Euro ist f&uuml;r sie eine Fremdw&auml;hrung) und unterliegen damit einem Solvenzrisiko. Eine umfangreiche staatliche Kreditaufnahme eines Eurolandes kann deshalb zu Unsicherheiten &uuml;ber seine zuk&uuml;nftige Zahlungsf&auml;higkeit, in der Folge zu spekulativen Attacken, einem Preisverfall der Staatsanleihen des Landes und damit zu Finanzierungsproblemen des Staates f&uuml;hren.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] Die von einer Deflation ausgehenden Risiken werden h&auml;ufig untersch&auml;tzt. Tats&auml;chlich sind Deflationen weit gef&auml;hrlicher als Inflationen, da sich die reale Schuldenlast insbesondere der Unternehmen mit der Deflationsrate erh&ouml;ht. Bei unver&auml;nderten nominalen Verbindlichkeiten &ndash; sie k&ouml;nnen nicht kurzfristig gesenkt werden, da die Schuldenbest&auml;nde der Unternehmen &uuml;ber viele Jahre aufgebaut werden und Kreditvertr&auml;ge mehr oder weniger lange Laufzeiten aufweisen &ndash; sehen sich die Unternehmen mit sinkenden nominalen Umsatzerl&ouml;sen konfrontiert. Werden einzelne Unternehmen deshalb zahlungsunf&auml;hig, k&ouml;nnen Kreditketten rei&szlig;en und schlie&szlig;lich zu der Gefahr eines kumulativen Zusammenbruchs von Unternehmen f&uuml;hren, wodurch auch wieder das Bankensystem gef&auml;hrdet wird.<br>\nSchlimmer noch: Bei der Erwartung weiter sinkender Preise geht die Investitionsnachfrage zur&uuml;ck (da bei fallenden Absatzpreisen die Kalkulationsgrundlage f&uuml;r Sachinvestoren so unsicher ist, dass sie Investitionsprojekte verz&ouml;gern) und auch die Konsumenten verschieben K&auml;ufe auf die Zukunft, so dass die aggregierte Nachfrage massiv einbricht. Minsky (1984, S. 6) bezeichnet eine Deflation daher zu Recht als &bdquo;the path to disaster&ldquo;.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;10<\/a>] Eine Aktualisierung der von Michell vorgelegten Daten (Indexwerte f&uuml;r Juni 2013 statt &ndash; wie bei Mitchell &ndash; f&uuml;r April 2013 mit unver&auml;ndert Januar 2008 = 100) f&uuml;hrt zu geringf&uuml;gig abweichenden Werten, an den grundlegenden Ergebnissen &auml;ndert sich jedoch nichts.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenngleich gro&szlig;e Teile der deutschen Medien in der letzten Woche die Nachricht feierten, dass das BIP im Euroraum im zweiten Quartal 2013 im Vergleich zum Vorquartal um 0,3 Prozent gestiegen ist (&bdquo;Es geht wieder bergauf&ldquo;; &bdquo;Ende der Rezession: Europa berappelt sich&ldquo; etc.), bleibt die wirtschaftliche Lage in den Euro-Krisenl&auml;ndern (Griechenland, Spanien, Portugal, Italien, Irland, Zypern)<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18350\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[147,139,157,30],"tags":[423,1021,1247,319,1484,325],"class_list":["post-18350","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitslosgigkeit","category-euro-und-eurokrise","category-wettbewerbsfaehigkeit","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-austeritaetspolitik","tag-eurostat","tag-fiskalpakt","tag-lohnentwicklung","tag-reinhartrogoff","tag-staatsschulden"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18350","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18350"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18350\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53870,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18350\/revisions\/53870"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18350"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18350"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18350"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}