{"id":1836,"date":"2006-11-06T10:23:50","date_gmt":"2006-11-06T08:23:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1836"},"modified":"2016-01-23T10:47:19","modified_gmt":"2016-01-23T09:47:19","slug":"mit-dem-vorsorgenden-sozialstaat-wird-das-sozialstaatsgebot-des-grundgesetzes-entsorgt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1836","title":{"rendered":"Mit dem \u201evorsorgenden Sozialstaat\u201c wird das Sozialstaatsgebot des Grundgesetzes \u201eentsorgt\u201c."},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Der nachsorgende, &uuml;berwiegend beitragsorientierte Sozialstaat ist unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts &uuml;berfordert.&ldquo; Das ist der Ausgangspunkt eines <a href=\"http:\/\/www.volksstimme.de\/vsm\/nachrichten\/meinung_und_debatte\/meinung\/?sid=b594d912910183fd5a05d7daa39d6e5b&amp;em_cnt=185196\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.volksstimme.de\/vsm\/nachrichten\/meinung_und_debatte\/meinung\/?sid=b594d912910183fd5a05d7daa39d6e5b&amp;em_cnt=185196\">Papiers, das der SPD-Vizevorsitzende und sachsen-anhaltische Finanzminister Jens Bullerjahn gemeinsam mit dem brandenburgischen Ministerpr&auml;sidenten Matthias Platzeck erarbeitet hat<\/a>. In der Debatte um die programmatische Modernisierung der SPD kommen beide zu dem Schluss: &bdquo;Zeitgem&auml;&szlig; ist ein vorausschauender Sozialstaat, weil er den Menschen bessere Lebenschancen er&ouml;ffne.&ldquo; Unser Leser Detlef Durry hat f&uuml;r die NachDenkSeiten, das Thesenpapier analysiert.<br>\n<!--more--><br>\nAnmerkungen zu dem Thesenpapier von Jens Bullerjahn und Matthias Platzeck &bdquo;Die Zukunft der Sozialdemokratie &ndash; Der vorsorgende Sozialstaat&ldquo;.<\/p><p>Von Detlef Durry<\/p><p>Seit den Zeiten Gerhard Schr&ouml;ders ist man in der SPD ja schon so einiges gew&ouml;hnt, wenn Programm- oder Grundsatzfragen &ouml;ffentlich diskutiert werden. Von dem vorletzten SPD-Vorsitzenden Matthias Platzeck wurde im Fr&uuml;hjahr 2006 kurz vor seinem R&uuml;cktritt der Begriff des <a href=\"?p=1217\">&ldquo;vorsorgenden Sozialstaates&rdquo;<\/a> in die Programmdebatte der Sozialdemokraten eingef&uuml;hrt, den auch Nachfolger <a href=\"?p=1304\">Kurt Beck &uuml;bernommen<\/a> hat, ebenso wie der SPD-Generalsekret&auml;r oder Teile der Bundestagsfraktion und der seither wie ein Nebel in der SPD herumwabert.<\/p><p>Bisher ist mir nicht so recht klar geworden, was sich hinter diesem Begriff verbirgt, weil konkrete Aussagen &uuml;ber die dahinter stehende zuk&uuml;nftige Politik der Sozialdemokraten weitestgehend unterblieben sind.<br>\nMit gespannter Aufmerksamkeit habe ich daher in der &bdquo;Zeit&ldquo; von der R&uuml;ckmeldung Matthias Platzecks gelesen und mich mit dem vom SPD-Landesverband Brandenburg ver&ouml;ffentlichten Thesenpapier des brandenburgischen Ministerpr&auml;sidenten und des stellvertretenden sachsen-anhaltinischen Ministerpr&auml;sidenten und stellvertretenden SPD-Bundesvorsitzenden Jens Bullerjahn auseinandergesetzt. Die beiden Autoren wollen ihre Positionen im Rahmen einer Podiumsdiskussion der Friedrich-Ebert-Stiftung &ldquo;Die Zukunft der Sozialdemokratie &ndash; Der vorsorgende Sozialstaat&rdquo; in Potsdam vorstellen.<\/p><p>Zun&auml;chst einmal: auch nach mehrmaligem Lesen bin ich so ratlos wie vorher, eher ist Verwirrung an die Stelle bisheriger Verwunderung getreten. Die beiden Autoren bem&uuml;hen sich unter der &Uuml;berschrift &ldquo;Mehr Lebenschancen f&uuml;r mehr Menschen&rdquo; darum, die Notwendigkeit einer Erneuerung des Grundsatzprogramms der SPD aus dem Jahre 1989 (Berliner Programm) zu begr&uuml;nden. Es mag viele gute Gr&uuml;nde geben, eine solche Programmdebatte zu f&uuml;hren. Ob jedoch der Wegfall des Kalten Krieges, der Mauerfall und die deutsche Vereinigung alleine dazu gef&uuml;hrt haben, dass sich Deutschland und Europa &ldquo;fundamental ver&auml;ndert&rdquo; haben und wir &ldquo;tats&auml;chlich heute in einer neuen Welt leben &ndash; politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich&rdquo;, m&ouml;chte ich doch sehr bezweifeln.<\/p><p>Kein Wort &uuml;ber die eklatanten Fehlentwicklungen unserer Wirtschafts-, Arbeitsmarkt-, Finanz-, Steuer- und Bildungspolitik. Kein Wort &uuml;ber die Agenda 2010 und Hartz I &ndash; IV. Statt dessen eine Aneinanderreihung von auf den ersten Blick wohlklingenden Formulierungen, die sich bei n&auml;herem Hinsehen jedoch als Leerformeln, Plattit&uuml;den und Worth&uuml;lsen entpuppen.<\/p><p>Sicherlich, zahlreiche Symptome unserer gesellschaftlichen und politischen Fehlentwicklungen, wie das &ldquo;Durchbrechen des Teufelskreises aus Armut, mangelnder Bildung, schlechten Erwerbschancen, Sozialtransferkarrieren und erneute schlechten Zukunftschancen in der n&auml;chsten Generation&rdquo; werden richtig dargestellt. Allerdings wird eine Suche nach den Ursachen dieser Fehlentwicklungen v&ouml;llig ausgeblendet, die sicherlich nicht auf die deutsche Einheit oder das Ende des Kalten Krieges zur&uuml;ckzuf&uuml;hren oder einfach &uuml;ber uns gekommen sind. Ebenso sucht man vergeblich nach konkreten L&ouml;sungsvorschl&auml;gen, da reichen auch der neunmalige Gebrauch der Begriffe &bdquo;vorausschauende Gestaltung&ldquo; oder &bdquo;vorsorgender Sozialstaat&ldquo; in Verbindung mit der Zukunft im 21. Jahrhundert nicht aus. Kein Wort dar&uuml;ber, mit welcher Wirtschafts-, Arbeitsmarkt-, Steuer-, Finanz- und Bildungspolitik die SPD den Sozialstaat in diesem Jahrhundert neu &ldquo;formieren&rdquo; m&ouml;chte.<\/p><p>Insgesamt ein weiteres mehr als trauriges Beispiel einer Programmdiskussion in der SPD, die sich darin gef&auml;llt, anstelle von Visionen Plattit&uuml;den und Leerformeln zu entwickeln. Man kann der Partei nur w&uuml;nschen, dass sich weitere Beitr&auml;ge zur Programmdiskussion inhaltlich von diesem Niveau abheben.<\/p><p><strong>Anmerkung WL:<\/strong> Bildung, so wichtig sie f&uuml;r den einzelnen, die Gesellschaft und die Volkswirtschaft ist, schafft allein keine Arbeitspl&auml;tze. Wir hatten in den letzten vierzig Jahren eine deutliche Bildungsexpansion und insgesamt sogar eine H&ouml;herqualifikation der Bev&ouml;lkerung, dass hat dazu gef&uuml;hrt, dass die Arbeitgeber die H&ouml;herqualifizierten ausgesucht haben, so dass Abiturienten bei den Ausbildungspl&auml;tzen vor allem  Hauptsch&uuml;ler verdr&auml;ngt haben, das hat aber nicht zu einem deutlich h&ouml;heren Ausbildungs- oder Arbeitsplatzangebot gef&uuml;hrt. <\/p><p>&bdquo;Massenarbeitslosigkeit resultiert aber nicht aus mangelnden Bildungsanstrengungen. Die Perspektivlosigkeit und damit einhergehende Bildungsm&uuml;digkeit junger Leute ist die Folge, nicht die Ursache der anhaltenden Massenarbeitslosigkeit.&ldquo; (Friedhelm Hengsbach)<\/p><p>Das Papier tut so, als sei bestehende Armut und Arbeitslosigkeit vor allem mit Bildungspolitik und ihren ungewissen Erfolgen in einer ferner Zukunft zu &uuml;berwinden und als sei der &bdquo;reparierende&ldquo; Sozialstaat mit der Bek&auml;mpfung aktueller Armut und Arbeitslosigkeit ohnehin &uuml;berfordert. Mit dem &bdquo;vorsorgenden Sozialstaat&ldquo; wird also der Sozialstaat, so wie er sich nach dem Grundgesetz ausgepr&auml;gt hat, gleich mit entsorgt.<\/p><p>Bildungsgerechtigkeit wird zum Fluchtpunkt aus der aktuell verfehlten und wirkungslosen &bdquo;Reform&ldquo;-Politik und der faktisch zunehmenden sozialen Ungerechtigkeit.<\/p><p>Dabei w&uuml;rde doch gerade umgekehrt ein Schuh draus:<br>\nIst es etwa Zufall, dass gerade die international in allen Bildungsranking am Besten bewerteten skandinavischen L&auml;nder die geringste Ungleichheit bei der Einkommensverteilung haben?<br>\nF&uuml;hrt nicht gerade die zunehmende Spaltung der Gesellschaft, in Ausgegrenzte, dem Prekariat, der verunsicherten Mitte zu noch mehr sozialer Auslese im Bildungssystem?<br>\nWer  nichts oder viel zu wenig unternimmt, dass der Fahrstuhl f&uuml;r eine immer gr&ouml;&szlig;ere Zahl nach unten nicht angehalten wird, nimmt es gleichzeitig hin, dass die Gleichheit der Bildungschancen abnimmt.<br>\nDas schon deshalb, weil je gr&ouml;&szlig;er die soziale Ungleichheit, desto gr&ouml;&szlig;er der Aufwand f&uuml;r die Herstellung gleicher Bildungschancen.<\/p><p>Solange nicht konkrete Vorschl&auml;ge gemacht werden, wie &bdquo;mehr Bildung f&uuml;r alle&ldquo; und gleiche Voraussetzungen bei den Zugangschancen f&uuml;r mehr Bildung verwirklicht werden sollen, liegt der Verdacht nahe, dass die Risiken f&uuml;r Arbeitslosigkeit und Armut den einzelnen zugerechnet werden, die es eben nicht geschafft haben, sich durch Bildung einen Arbeitsplatz zu erobern. Das ist nur eine bildungspolitisch unterf&uuml;tterte Variante, des liberalen Glaubenssatzes, der da lautet: &bdquo;Jeder ist seines Gl&uuml;ckes Schmied&ldquo;<\/p><p>Wie schrieb doch der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann in seinem neuen Buch<br>\n&bdquo;Theorie der Unbildung&ldquo;:<br>\nBildung soll nun das Vehikel sein, &bdquo;mit dem Unterschichten, Frauen, Migranten, Au&szlig;enseiter, Behinderte und unterdr&uuml;ckte Minderheiten emanzipiert und integriert werden sollen, Bildung gilt als begehrte Ressource im Kampf um die Standorte der Informationsgesellschaft, Bildung ist das Mittel, mit dem Vorurteile, Diskriminierungen, Arbeitslosigkeit, Aids, Inhumanit&auml;t und V&ouml;lkermord verhindert, die Herausforderungen der Zukunft bew&auml;ltigt und nebenbei auch noch Kinder gl&uuml;cklich und Erwachsene besch&auml;ftigungsf&auml;hig gemacht werden sollen. Gerade weil dies alles nicht geht, wurde und wird in kaum einem Bereich soviel gelogen, wie in der Bildungspolitik.&ldquo;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Der nachsorgende, &uuml;berwiegend beitragsorientierte Sozialstaat ist unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts &uuml;berfordert.&ldquo; Das ist der Ausgangspunkt eines <a href=\"http:\/\/www.volksstimme.de\/vsm\/nachrichten\/meinung_und_debatte\/meinung\/?sid=b594d912910183fd5a05d7daa39d6e5b&amp;em_cnt=185196\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.volksstimme.de\/vsm\/nachrichten\/meinung_und_debatte\/meinung\/?sid=b594d912910183fd5a05d7daa39d6e5b&amp;em_cnt=185196\">Papiers, das der SPD-Vizevorsitzende und sachsen-anhaltische Finanzminister Jens Bullerjahn gemeinsam mit dem brandenburgischen Ministerpr&auml;sidenten Matthias Platzeck erarbeitet hat<\/a>. 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