{"id":1837,"date":"2006-11-06T10:31:18","date_gmt":"2006-11-06T08:31:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1837"},"modified":"2016-01-23T10:45:42","modified_gmt":"2016-01-23T09:45:42","slug":"buchbesprechung-des-tagungsbandes-bertelsmann-ein-globales-medienimperium-macht-politik-hrsg-von-thomas-barth","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1837","title":{"rendered":"Buchbesprechung des Tagungsbandes \u201eBertelsmann: Ein globales Medienimperium macht Politik\u201c, hrsg. von Thomas Barth"},"content":{"rendered":"<p>Von Torben Klimmek.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Mohn aus G&uuml;tersloh &ndash; Die berauschte Republik und ihr medialer Gro&szlig;dealer<\/strong><\/p><p>Der geneigte Leser wird sich verwundert die Augen reiben und fragen: &bdquo;Das kann doch nicht sein, Mohn aus der westf&auml;lischen Provinz?&ldquo; Doch in G&uuml;tersloh findet sich ein Erzeugnis, das nicht nur denselben Namen, sondern auch eine &auml;hnliche rauschhafte und verh&auml;ngnisvolle Wirkung wie die in Afghanistan und der T&uuml;rkei beheimateten Rauschgiftpflanze aufweist. Seine Herstellung ist allerdings ganz legal und sogar offiziell erw&uuml;nscht. Seine Inhaltsstoffe sind schnell genannt: &Ouml;konomisierung aller Lebensbereiche, Konkurrenz auf allen Ebenen, Markt statt Staat, Deregulierung, Privatisierung, Liberalisierung und schlie&szlig;lich Konzernoligarchie statt Demokratie. Dieses Rezept liefert den Grundstoff f&uuml;r das neue Opium des Volkes, gemeint ist das t&auml;glich und allenthalben verabreichte Narkotikum namens Neoliberalismus. Als Mutterpflanze und Konzernchef von Bertelsmann streut Reinhard Mohn seine &bdquo;berauschenden&ldquo; Ideen von einer &bdquo;verbetriebswirtschaftlichten&ldquo; Gesellschaft in alle Richtungen aus. Mittels seiner bewusstseinsindustriellen Medienmacht [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] und seiner sich als gemeinwohlt&auml;tig ausgebenden Stiftung versorgt er die l&auml;ngst abh&auml;ngig gewordene Gesellschaft dieses Landes unentwegt mit seiner Droge in Form der Agenda 2010, der Hartz &ndash; Reform &ndash; Entw&uuml;rfe, der Schul- und Hochschulreformen, der privaten Altersvorsorge etc. So bezeugen insbesondere die Reformprogramme der letzten Jahre das Suchtverhalten der politischen Eliten. Hat eine Reform nicht zum gew&uuml;nschten Ergebnis gef&uuml;hrt, so wird einfach die Dosis erh&ouml;ht und eine neue Reform auf den Weg gebracht (Albrecht M&uuml;ller). Wie alle Dealer gehen Reinhard Mohn und die Bertelsmann &ndash; Stiftung ihren Gesch&auml;ften lieber im Verborgenen nach. Vielleicht ist dies der Grund, warum sich die kritischen Medien und die Medienwissenschaft bislang nur unzureichend mit den Machenschaften des in Deutschland und Europa gr&ouml;&szlig;ten bzw. weltweit f&uuml;nftgr&ouml;&szlig;ten Medienkonzerns auseinandergesetzt haben, Opportunit&auml;t w&auml;re ein anderer.<\/p><p>Zur &Uuml;berwindung dieses Defizits wurden unterdessen zwei Kongresse ins Leben gerufen, auf denen sich ausgewiesene Experten mit den verschiedensten Aspekten des Bertelsmann &ndash; Konzerns besch&auml;ftigten. [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Der Hamburger Medienwissenschaftler, Journalist und Mitveranstalter Thomas Barth hat sich die M&uuml;he gemacht, die Redebeitr&auml;ge des ersten Kongresses in einem Tagungsband zu sammeln und herauszugeben. Dabei ist ein gut lesbares, informatives und vor allem spannendes Buch entstanden, das den Leser zum einen in die von Bertelsmann propagierte Herrschaftsideologie einf&uuml;hrt, ihm zum anderen die Strukturen des Konzerns und die unterschiedlichen gesellschaftlichen Felder, auf denen er t&auml;tig ist, vorstellt.  <\/p><p>Den Band leitet ein Beitrag des &bdquo;Ossietzky&ldquo; &ndash; Herausgebers Eckart Spoo zum Verh&auml;ltnis von Demokratie und Medien ein. Sein Augenmerk gilt insbesondere der Demokratie gef&auml;hrdenden Machtkonzentration auf dem Medienmarkt wie auch der Manipulation der Nachrichten zugunsten von Kapitalinteressen. Dem folgt ein Aufsatz des Buchautors und Journalisten Hersch Fischler zur immer noch wenig bekannten und dunklen NS &ndash; Vergangenheit des Konzerns. Dieser habe n&auml;mlich schon kurz nach dem Krieg an seiner Widerstandslegende zu stricken begonnen und sich nicht zuletzt deshalb bei den Alliierten eine Vertragslizenz erschleichen k&ouml;nnen. Daneben behandelt Fischler die umtriebigen T&auml;tigkeiten der Bertelsmann &ndash; Stiftung, deren Bedeutung nicht zu untersch&auml;tzen sei. Sie stelle Deutschlands einflussreichsten Think &ndash; Tank dar, der mit einem Anteil von ca. 60 % am Unternehmenskapital der Bertelsmann AG unter der F&uuml;hrung des Firmenpatriarchen Mohn seine F&uuml;hler in diverse Politikfelder ausstrecke und nachweislich ganz wesentlich an den &bdquo;Sozialstaatsabbau&ldquo; &ndash; Reformen beteiligt gewesen sei. Der Betriebrat der Hamburger Schulbeh&ouml;rde Horst Bethge setzt sich mit der schleichenden Kommerzialisierung der Bildung auseinander. Am Beispiel der Hamburger Schulbeh&ouml;rde schildert er, wie das von der Bertelsmann &ndash; Stiftung forcierte Marketing &ndash; Denken in &bdquo;Produktbeschreibungen&ldquo; und Kennziffern l&auml;ngst Einzug in die Schulpolitik gehalten habe. Der Mitarbeiter des Wissenschaftszentrums Berlin Oliver Sch&ouml;ller stellt in seinem Beitrag die an Bedeutung und Macht gewinnende Rolle von Unternehmensstiftungen dar. Je mehr sich der Staat aus seinen zugedachten Funktionen zur&uuml;ckziehe, w&uuml;rden diese von privaten Unternehmen &uuml;bernommen bzw. in Form der &bdquo;Public Private Partnership&ldquo; ausge&uuml;bt. Die gerade im Bereich der Bildungspolitik f&uuml;hrende Bertelsmann &ndash; Stiftung, die sich auch nicht scheue, mit der vermeintlich linken B&ouml;ckler- und B&ouml;ll &ndash; Stiftung zusammenzuarbeiten, habe u. a. in der Bildungskommission von NRW gesessen und &uuml;ber das Centrum f&uuml;r Hochschulentwicklung (CHE) massiven Einfluss auf die Hochschulpolitik ausge&uuml;bt. So sei die Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren wesentlich auf das Betreiben des CHE zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. Sch&ouml;ller sieht in dem Agieren der Stiftungen im Allgemeinen wie der Bertelsmann &ndash; Stiftung im Besonderen ein Problem f&uuml;r die Demokratie, da diese nicht selten geneigt seien, die sozio&ouml;konomischen Interessen ihrer Stifter zu vertreten. Der Rechtssoziologe Martin Bennhold weist in seiner Untersuchung die politische Einflussnahme des Bertelsmann &ndash; Konzerns auf europ&auml;ischer und globaler Ebene nach. Denn als Mitglied des European Round Table of Industrialists (ERT) wirke Bertelsmann ganz ma&szlig;geblich an der europ&auml;ischen Industrie- und Wettbewerbspolitik mit. Da der ERT auch an der Gr&uuml;ndung der World Trade Organization (WTO) beteiligt gewesen sei, werde Bertelsmann somit schlie&szlig;lich auch zum politischen Global Player. Zusammen mit der WTO k&ouml;nne Bertelsmann nun seine Politik der Liberalisierung zugunsten des Gro&szlig;kapitals und zulasten der Armen dieser Erde weltweit durchsetzen. Mit der Rolle des  Bertelsmann &ndash; Konzerns als geopolitischem Akteur setzt sich auch der Journalist J&ouml;rn Hagenloch auseinander. Mittels des &bdquo;Bertelsmann Transformation Index&ldquo; (BTI) versuche Bertelsmann seine Weltanschauung der neoliberal gepr&auml;gten &bdquo;marktwirtschaftlichen Demokratie&ldquo; global durchzusetzen. Hagenloch verweist in diesem Zusammenhang insbesondere auf das an der Universit&auml;t M&uuml;nchen eingerichtete und von Bertelsmann finanzierte Centrum f&uuml;r angewandte Politikforschung (CAP). Denn als &bdquo;gr&ouml;&szlig;tes universit&auml;res Forschungsinstitut zur Politikberatung&ldquo; agiere das CAP zusammen mit der Bertelsmann &ndash; Stiftung sowohl im europ&auml;ischen als auch globalen Kontext. Abgerundet wird der Tagungsband mit einem aufschlussreichen Essay des Herausgebers zur Medienwissenschaft, Medienkritik und Medienherrschaft. Sein Fazit lautet, der &Uuml;bergang von Foucaults Disziplinar- zur medialen Kontrollgesellschaft vollziehe sich in Form der zunehmenden Ausdehnung betriebswirtschaftlicher Steuerung aller Lebensbereiche, die nicht zuletzt der rigiden &Uuml;berwachung des Gro&szlig; &ndash; Kontrolleurs aus G&uuml;tersloh unterliegen. <\/p><p>Der kritische Leser darf auf den vermutlich im n&auml;chsten Jahr erscheinenden zweiten Kongressband gespannt sein.<\/p><p>Der Tagungsband &bdquo;Bertelsmann: Ein globales Medienimperium macht Politik&ldquo; hrsg. von Thomas Barth ist 2006 im Anders Verlag erschienen und kann &uuml;ber Book &ndash; on &ndash; demand (<a href=\"http:\/\/www.bod.de\/\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.bod.de\/\">www.bod.de<\/a>) im Internet f&uuml;r 9,80 Euro bestellt werden.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>]  Zum Bertelsmann &ndash; Imperium geh&ouml;ren die Fernsehsender der RTL &ndash;Gruppe, der Zeitschriftenverlag Gruner und Jahr (Stern, Capital, Geo usw.), der weltgr&ouml;&szlig;te Buchverlag Random House, das weltgr&ouml;&szlig;te Musikkonsortium SonyBMG (Bertelsmann Musik Group) und der Logistik- und Online &ndash; Dienstleister Arvato. Des Weiteren bestanden Verflechtungen zum Spiegel und zur Zeit &ndash; Stiftung.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>]  Der erste Kongress fand im Juli 2005 in Hamburg statt und wurde im Wesentlichen von der studentisch organisierten Freien Hamburger Hochschule getragen. Der folgende Kongress im Juli dieses Jahres wurde von der Attac &ndash; AG Demokratie und Information ebenfalls in Hamburg unter dem Titel &bdquo;Du bist Bertelsmann &ndash; Wie ein globaler Drahtzieher Medien, Bildung und Politik steuert&ldquo; veranstaltet.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Torben Klimmek.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[129,160,205,208],"tags":[373,232,284,233,312],"class_list":["post-1837","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-lobbyorganisationen-und-interessengebundene-wissenschaft","category-markt-und-staat","category-neoliberalismus-und-monetarismus","category-rezensionen","tag-oekonomisierung","tag-bertelsmann","tag-deregulierung","tag-marktliberalismus","tag-reformpolitik"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1837","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1837"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1837\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30502,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1837\/revisions\/30502"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1837"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1837"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1837"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}