{"id":18373,"date":"2013-08-22T09:19:29","date_gmt":"2013-08-22T07:19:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18373"},"modified":"2015-08-12T09:54:05","modified_gmt":"2015-08-12T07:54:05","slug":"rezension-chrystia-freeland-die-superreichen-aufstieg-und-herrschaft-einer-neuen-globalen-geldelite","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18373","title":{"rendered":"Rezension: Chrystia Freeland, \u201eDie Superreichen. Aufstieg und Herrschaft einer neuen globalen Geldelite\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Chrystia Freeland ist ehrgeizig. Sie will etwas verstehen, was kaum noch einer verstehen kann. Sie m&ouml;chte begreifen, wie sich der amerikanische Kapitalismus und der Kapitalismus auf der ganzen Welt ver&auml;ndert haben. Ihr Ausgangspunkt ist gut gew&auml;hlt. Sie will sich anschauen, was ganz oben an der Spitze passiert. Eine Buchbesprechung des gerade im Westend Verlag erschienenen Titels &bdquo;<em>Die Superreichen<\/em>&ldquo;. Von <strong>Wolfgang Hetzer<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18373#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\nDabei stellt die Autorin von Anfang an klar, dass es ihr nicht um Klassenkampf geht. Ihr geht es um &bdquo;Arithmetik&ldquo;. Im Unterschied zu den politischen Eliten beherrscht sie immerhin die Grundrechenarten. Viel mehr braucht es &uuml;brigens auch nicht, um zu erkennen, dass sich das Wirtschaftssystem nicht nur in den USA ad absurdum gef&uuml;hrt hat. Sp&auml;testens Ende der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts waren die Mittelklassen in einer Vielzahl von Staaten mit der Stagnation ihrer Einkommen konfrontiert, w&auml;hrend Spitzeneinkommen in geradezu obsz&ouml;ne H&ouml;hen schossen. Zum Beginn des 21. Jahrhunderts zeichnete sich sowohl in den westlichen Industriel&auml;ndern als auch in den Schwellenl&auml;ndern eine Ungleichheit in der Entwicklung der Einkommen ab, die seitdem st&auml;ndig gewachsen ist und inzwischen den sozialen Frieden bedroht. Freeland will wissen, wer jeweils zur obersten Spitze geh&ouml;rt, woher das Geld stammt, wie die Geldbesitzer denken und welche Beziehungen sie zu den &bdquo;&uuml;brigen&ldquo; Menschen, wenn nicht zum &bdquo;Rest der Welt&ldquo; haben. Sie bietet keine (Boulevard-) Reportage &uuml;ber die &bdquo;Reichen und Sch&ouml;nen&ldquo; an und legt auch keine Anklageschrift vor, mit der sie die &bdquo;Schuldfrage&ldquo; kl&auml;ren will. Freeland betreibt in ihrem Buch auch keine kapitalistische Bilderst&uuml;rmerei. Im Gegenteil: Die Autorin ist der &Uuml;berzeugung, dass wir den Kapitalismus brauchen und dass er &ndash; wie die Demokratie &ndash; das beste System sei, auf das man bisher gekommen ist. Sie erkennt allerdings, dass es auch auf die Ergebnisse ankommt und dass die Abkoppelung der &bdquo;Plutokraten&ldquo; von allen anderen eine Folge der heutigen Funktionsweise des Kapitalismus und eine neue Realit&auml;t ist, die der Zukunft ihren Stempel aufdr&uuml;cken wird. <\/p><p>Freeland nimmt Politik und Wirtschaft gleicherma&szlig;en ins Visier. Das hat gute, d. h. manchmal auch schlechte Gr&uuml;nde. Es ist nicht zu bestreiten, dass politische Entscheidungen die Entstehung der Klasse der Superreichen &uuml;berhaupt erst erm&ouml;glicht haben und dass deren politischer Einfluss enorm gewachsen ist, eine Situation, die in ihrer Absurdit&auml;t und Gef&auml;hrlichkeit immer noch nicht hinreichend analysiert und gew&uuml;rdigt wurde. Freeland widmet sich dieser &bdquo;R&uuml;ckopplungsschleife&ldquo; mit einer h&ouml;chst differenzierten Aufarbeitung riesiger Datenmengen, ohne die &Uuml;bersicht &uuml;ber die wirtschaftlichen Grundlagen und die politischen, aber auch gesellschaftlichen Folgen zu verlieren. Sie untersucht mit gro&szlig;er Souver&auml;nit&auml;t und exzellentem Sachverstand die &ouml;konomischen Kr&auml;fte und legt mit au&szlig;ergew&ouml;hnlicher &Uuml;berzeugungskraft dar, dass das durch die Globalisierung und die technologische Revolution angestachelte Wirtschaftswachstum die fundamentalen Triebkr&auml;fte f&uuml;r den Aufstieg der vielger&uuml;hmten Plutokraten lieferte. Freeland zeigt auch, dass sich die Angeh&ouml;rigen dieser Klasse der Superreichen nach wie vor auf Kosten der Allgemeinheit durch die aktuelle Entwicklung der Wirtschaft sogar noch weiter bereichern. Die Autorin hat sich vorgenommen, den geheimnisvollen Zusammenhang zwischen Fortschritt und Armut zu entschl&uuml;sseln. Dabei ist ihre Hypothese h&ouml;chst zutreffend. Fortschritt kann weder wahrhaftig noch nachhaltig sein, wenn all der aufgespeicherte Reichtum nur dazu dient, das Verm&ouml;gen einzelner ma&szlig;los zu vergr&ouml;&szlig;ern, den Luxus zu steigern und den Gegensatz zwischen Besitz und Mangel zu versch&auml;rfen. <\/p><p>Freeland wird ihrem eigenen Anspruch in engagierter und gleichzeitig objektiver Weise gerecht. Sie demaskiert die &bdquo;Schicksalssphinx&ldquo;, die in Gestalt der Superreichen dieser Welt das Lebensgl&uuml;ck von un&uuml;bersehbar vielen Menschen auf der Welt bedroht, die unter erb&auml;rmlichen Bedingungen buchst&auml;blich ihre Haut zu Markte tragen m&uuml;ssen und dabei jenseits aller denkbaren Formen sozialer Gerechtigkeit entlohnt werden und so die ohnehin Reichen noch reicher machen. Es gelingt der Autorin auch, die T&uuml;r zum Haus der Superreichen aufzusto&szlig;en und seine Bewohner unter die Lupe zu nehmen. Der Anblick, den sie so er&ouml;ffnet, ist atemberaubend, gelegentlich sogar ekelerregend. Kaum zuvor ist es mit einer derartigen F&uuml;lle von Details gelungen, Verh&auml;ltnisse und Personen mit analytischer Pr&auml;zision zu verkn&uuml;pfen und &ouml;konomischen Sachverstand, historische Kenntnisse sowie gesellschaftliche Sensibilit&auml;t so einzusetzen, dass ein unverstellter und fast schon gnadenloser Blick in die Abgr&uuml;nde sozialer Ungerechtigkeit und &ouml;konomischen Irrsinns er&ouml;ffnet wird. Wer wissen will, wie schlimm es in Wahrheit bestellt ist, wird mit diesem Buch aus dem Westend Verlag in jeder Hinsicht gut bedient sein. <\/p><p><strong>Chrystia Freeland: &bdquo;Die Superreichen. Aufstieg und Herrschaft einer neuen globalen Geldelite&ldquo;, 358 Seiten, 22,99 &euro;, Westend Verlag, Frankfurt am Main 2013<\/strong><\/p><p>Siehe dazu auch den ttt-Beitrag &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.daserste.de\/information\/wissen-kultur\/ttt\/sendung\/hr\/sendung_vom_18082013-104.html\">Der Teufel schei&szlig;t immer auf den gr&ouml;&szlig;ten Haufen<\/a>&ldquo;.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Dr. Wolfgang Hetzer ist Autor des Buches &bdquo;Finanzkrieg &ndash; Angriff auf den sozialen Frieden in Europa&ldquo;, Westend Verlag, Frankfurt\/Main 2013; 320 Seiten; 21,99 Euro. Hetzer war langj&auml;hriger Leiter der Abteilung &bdquo;Intelligence: Strategic Assessment &amp; Analysis&ldquo; im Europ&auml;ischen Amt f&uuml;r Betrugsbek&auml;mpfung (OLAF) in Br&uuml;ssel.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Chrystia Freeland ist ehrgeizig. Sie will etwas verstehen, was kaum noch einer verstehen kann. Sie m&ouml;chte begreifen, wie sich der amerikanische Kapitalismus und der Kapitalismus auf der ganzen Welt ver&auml;ndert haben. Ihr Ausgangspunkt ist gut gew&auml;hlt. Sie will sich anschauen, was ganz oben an der Spitze passiert. 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