{"id":18397,"date":"2013-08-26T08:21:51","date_gmt":"2013-08-26T06:21:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18397"},"modified":"2015-08-12T09:58:21","modified_gmt":"2015-08-12T07:58:21","slug":"wie-konnen-sich-mehrheiten-vor-einflussreichen-minderheiten-schutzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18397","title":{"rendered":"Wie k\u00f6nnen sich Mehrheiten vor (einfluss)reichen Minderheiten sch\u00fctzen?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die 100-Millionen-Kopie der Potsdamer Garnisonkirche soll pl&ouml;tzlich aus Bundesmitteln &bdquo;mit&ldquo;finanziert werden.<\/strong><br>\nArchitektur ist immer politisch: Jedes Bauwerk deutet einen Raum. Jeder, der vorbeikommt, ist dieser Deutung ausgesetzt. Ein Bauwerk kann aus einem Stadtraum eine optische Kloake machen oder einen Rosenhain.<br>\nWird ein Bauwerk mit &ouml;ffentlichen Geldern gebaut, dann tritt zum &auml;sthetischen Diskurs der merkantile hinzu.<br>\nUnd wenn ein Geb&auml;ude nachgebaut werden soll, dessen Symbolgehalt so massiv war, dass Hitler und Hindenburg sich gerade in diesem Geb&auml;ude 1933 &ouml;ffentlich verbr&uuml;dern wollten, dann tritt ins &ouml;ffentliche Bewusstsein, dass jedes Bauwerk auch eine Deutung der Geschichte eines Ortes ist.<br>\nAls Walter Ulbricht die Ruine der Garnisonkirche in Potsdam 1968 sprengen lie&szlig;, erbrachte er einen geradezu exemplarisch &bdquo;barbarischen&ldquo; Akt, wenn Barbarei die Zerst&ouml;rung der religi&ouml;sen Symbole des Gegners ist. Die Religionen Christentum, Militarismus, Nationalismus und Nationalsozialismus hatten sich in Potsdam einzigartig amalgamiert. Dass diese Religionen sich nun zusammenschlie&szlig;en, um ihr gemeinsames Symbol wiederzubekommen, f&uuml;hrt zu aufschlussreichen Verwerfungen &ndash; denn alle haben sich ver&auml;ndert und passen in gewisser Weise nicht mehr recht zusammen. Von <strong>Wolfram Meyerh&ouml;fer<\/strong> [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18397#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Bundes-CDU stellt Potsdamer B&uuml;rger kalt<\/strong><\/p><p>Es gibt zur Garnisonkirche seit langem einen intensiven Diskurs in der Potsdamer B&uuml;rgerschaft. In diesem Diskurs zeigt sich, dass es nur eine &ndash; gleichwohl reiche bzw. einflussreiche &ndash; Minderheit ist, die den Nachbau der Kirche m&ouml;chte. Beispielhaft ist da zum einen der alte reiche Westdeutsche, dessen Oma (oft eine Hofschranze) immer vom alten Potsdam geschw&auml;rmt hat. Er zog nach der Wende nach Potsdam, &bdquo;weil es hier noch so viele M&ouml;glichkeiten gibt&ldquo;. Zum anderen ist es aber auch die evangelische Funktion&auml;rselite, die es nach der Wende verstanden hat, sich als einzig saubere und gleichzeitig kompetente Ost-Gruppierung an zentralen Schaltstellen zu positionieren.<\/p><p>Die Mehrheit der B&uuml;rger sp&uuml;rt, dass die Errichtung einer Garnisonkirchenkopie irgendetwas Ungutes in sich birgt. So landete z.B. die Forderung &bdquo;Kein st&auml;dtisches Geld f&uuml;r den Aufbau der Garnisonkirche&ldquo; mit einer Rekordpunktzahl auf dem Spitzenplatz auf der &bdquo;Liste der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger&ldquo; im Potsdamer B&uuml;rgerhaushalt. Die Kopisten hatten die B&uuml;rger immer damit beruhigt, dass die Kopie ausschlie&szlig;lich aus Spendengeldern finanziert werden solle. Diese Gelder flossen aber nicht. Eine SPD-CDU-Gr&uuml;nen-Koalition in der Potsdamer Stadtverordnetenversammlung schenkte daraufhin den Kopisten das Grundst&uuml;ck und finanziert diverse Baufeldfreimachungen.<\/p><p>Bislang hatte die Mehrheit ein einfaches Mittel, ihre Position gegen die Minderheit durchzusetzen: Die Mehrheit hat einfach nicht f&uuml;r das Projekt gespendet. Es war absehbar, dass es nicht gelingen wird, die notwendigen Mittel zu beschaffen.<\/p><p>Nun teilte der CDU-Kulturstaatsminister Bernd Neumann mit, dass er in den Jahren 2014 und 2015 jeweils sechs Millionen Euro f&uuml;r die Kopie der Kirche bereitstellen werde. Wenn der Bund jenes Geld gibt, das die B&uuml;rger nicht geben m&ouml;chten, dann hintertreibt er den deutlich artikulierten B&uuml;rgerwillen. Dagegen richtet sich nun eine <a href=\"https:\/\/www.change.org\/de\/Petitionen\/bundeskanzlerin-angela-merkel-kein-geld-f%C3%BCr-den-aufbau-der-potsdamer-garnisonkirche\">Petition auf change.org<\/a>. <\/p><p><strong>Betrug am Stadtnutzer<\/strong><\/p><p>Minister Neumann behauptet, hier w&uuml;rde &bdquo;ein national bedeutsames Bauwerk wiederhergestellt&ldquo;. Hier wird aber gerade kein Bauwerk wiederhergestellt. Es wird eine Kopie eines Bauwerks errichtet. Eine solche Kopie protokolliert nicht &ndash; wie das Original &ndash; das monarchische Denken des 18. Jahrhunderts und den Umgang mit diesem Denken in der Zeit danach.<\/p><p>Eine Kopie aus Bundesmitteln protokolliert vielmehr, wie die Herrschenden des 21. Jahrhunderts &uuml;ber das monarchische Denken des 18. Jahrhunderts urteilen oder f&uuml;hlen. Es protokolliert eine positive Hinwendung zu diesem monarchischen Denken, es protokolliert Nichtachtung gegen&uuml;ber dem Original und es protokolliert st&auml;dtebauliche Einfallslosigkeit sowie Angst vor einer Deutung st&auml;dtischer R&auml;ume durch Architektur.<\/p><p>Dass Kopien die Aura des Originals auch in der Architektur nicht wiederauferstehen lassen, sieht man sehr sch&ouml;n an der bereits errichteten Kopie des Potsdamer Stadtschlosses. Es atmet nichts von den &bdquo;alten Preu&szlig;en&ldquo;, sondern hier zeigt einfach ein Landesparlament, dass es keinen Mut hatte, die Idee des Parlamentarismus architektonisch zu deuten. Die Kopie sorgt allerdings daf&uuml;r, dass es dem Stadtnutzer schwer gemacht wird, diese Geschichte zu &bdquo;lesen&ldquo;: In 50 Jahren kann der uninformierte Gast denken, dass hier einstmals ein Parlament ein Schloss erobert hat. Wenn er dann die wahre Geschichte erz&auml;hlt bekommt, dann wird er sich gefoppt f&uuml;hlen, sagen wir einmal, wie jemand, der im Kreismuseum von Prenzlau vor einer Kopie der Mona Lisa steht und vor R&uuml;hrung weint, bis ihm jemand erkl&auml;rt, dass es nicht das Original ist. Es ist recht einfach, uninformierte Rezipienten mit Kopien zu betr&uuml;gen, aber das hei&szlig;t eben immer auch, dass man die Menschen nicht ernst nimmt, sondern ihnen etwas vorgaukelt.<\/p><p><strong>Der deutsche Yasukuni-Schrein<\/strong><\/p><p>Nachbaugegner verweisen immer wieder darauf, dass die Garnisonkirche der symboltr&auml;chtig gew&auml;hlte Ort der Verbr&uuml;derung der deutschen Konservativen mit den Nationalsozialisten war. Sie f&uuml;rchten die Entstehung eines Wallfahrtsortes f&uuml;r Neonazis. Das w&uuml;rde aber hei&szlig;en, dass die Aura des Originals auf die Kopie &uuml;bergehen k&ouml;nnte. Es m&uuml;sste in der Kopie quasi der Geist von Friedrich Wilhelm oder von Hitler auferstehen. Mir scheint, dass das nicht funktionieren kann, weil das Geb&auml;ude, in dem diese Personen gebetet haben, anderswo als Baustoff eingearbeitet ist. Die Garnisonkirch-Kopie d&uuml;rfte auch kein Ort f&uuml;r die Freunde des historischen Preu&szlig;ens mit seinen Licht- und Schattenseiten werden, sondern f&uuml;r die Freunde einer bestimmten Projektion von Preu&szlig;en. Und diese Leute k&ouml;nnten nicht erst noch kommen, sie sind schon da. <\/p><p>Wenn konservative Deutschnationale sich mit konservativen Reichen, mit evangelischen Kirchenfunktion&auml;ren und mit Politikern gegen die B&uuml;rgerschaft verb&uuml;nden, dann schaffen sich eben genau diese B&uuml;ndnispartner ihren Ort. Hier wird man nicht nur h&ouml;ren: &bdquo;Die heutigen Architekten k&ouml;nnen eben nichts Sch&ouml;nes mehr bauen.&ldquo; oder &bdquo;Demokratien k&ouml;nnen eben nichts Sch&ouml;nes bauen.&ldquo; Potsdamer SPD-CDU-Gr&uuml;nen-Politiker glauben genau das, und sie werden nicht ausgepfiffen, wenn sie es laut sagen und auch so handeln.<\/p><p>Man wird hier aber ebenso h&ouml;ren: &bdquo;Das Milit&auml;rische hatte auch sein Gutes&ldquo; oder &bdquo;Wer gefoltert wird, der hat sich doch auch etwas zuschulden kommen lassen&ldquo;. <\/p><p>Ich bin nicht so sicher, ob Neonazis da aufsatteln k&ouml;nnen und wollen. Vielleicht passt gerade die Komplexit&auml;t der Macht&uuml;bergabe des deutschnationalen Konservativismus an Hitler gar nicht in ihr Weltbild, weil sie lieber dem Mythos folgen, Hitler w&auml;re durch eine Mehrheit an die Macht gekommen. Sicher bin ich mir aber, dass die deutschnationalen Wiederaufbauer unserer Demokratie eher abgewandt sind. Hier droht eher eine Art deutscher Yasukuni-Schrein, also ein Wallfahrtsort f&uuml;r Ultrakonservative und f&uuml;r Verherrlicher des preu&szlig;isch-deutschen Militarismus. Der dadurch entstehende Konflikt mit den evangelischen Kirchenfunktion&auml;ren und manchen der beteiligten Politiker mag noch unter der Oberfl&auml;che bleiben, solange man eine gemeinsame Front gegen die Bev&ouml;lkerungsmehrheit bilden muss. Sp&auml;testens dann aber, wenn die Kirche am Ort ernsthaft versuchen sollte, &ndash; wie behauptet -ein Vers&ouml;hnungszentrum einzurichten, wird der Konflikt aufbrechen.<\/p><p><strong>Eine einfache Aufl&ouml;sung<\/strong><\/p><p>Die evangelische Kirche d&uuml;rfte zerrieben werden zwischen ihrem Wunsch, ein Vers&ouml;hnungszentrum zu schaffen, und der dazu nicht passenden H&uuml;lle einer Garnisonkirch-Kopie. Die einzige Aufl&ouml;sung best&uuml;nde darin, die Idee eines Vers&ouml;hnungszentrums auch architektonisch ernst zu nehmen. Dazu geh&ouml;rte aber ein Architekturwettbewerb, der der Form des Geb&auml;udes weitgehend freie Hand l&auml;sst. W&uuml;rden dann die Architekten die Funktion der Vers&ouml;hnung zum Ausgangspunkt ihrer gestalterischen &Uuml;berlegungen nehmen, dann k&ouml;nnten sie und den jetzt vorhandenen Stadtraum neu deuten. Die Garnisonkirche k&ouml;nnte dabei einerseits in vielerlei Zitaten und Strukturideen auftauchen, andererseits w&uuml;rde die Negierung des preu&szlig;ischen Militarismus durch das Vers&ouml;hnen eben auch zu architektonischen Negierungen f&uuml;hren. Zudem w&uuml;rde dies ein Bau, der viele Jahrzehnte auf seine Vollendung warten wird. Er m&uuml;sste also in separat realisierbaren Segmenten geplant werden, die ein organisches Wachstum des Baus &uuml;ber mehrere Generationen von Spendern hinweg erm&ouml;glichte.<\/p><p>Brandenburg hat das erste Parlamentsgeb&auml;ude, das den Parlamentarismus zu verstecken versucht. Brandenburg sollte nicht auch noch das erste Vers&ouml;hnungszentrum kriegen, das den Militarismus zum Kristallisationspunkt seiner Identit&auml;t macht.<\/p><p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <em><strong>Wolfram Meyerh&ouml;fer<\/strong> ist Professor f&uuml;r Didaktik der Mathematik an der Universit&auml;t Paderborn. Er arbeitete mehrere Jahre an der Universit&auml;t Potsdam. Er ist ausgewiesener PISA-Kritiker.<\/em> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Die 100-Millionen-Kopie der Potsdamer Garnisonkirche soll pl&ouml;tzlich aus Bundesmitteln &bdquo;mit&ldquo;finanziert werden.<\/strong><br \/> Architektur ist immer politisch: Jedes Bauwerk deutet einen Raum. Jeder, der vorbeikommt, ist dieser Deutung ausgesetzt. Ein Bauwerk kann aus einem Stadtraum eine optische Kloake machen oder einen Rosenhain.<br \/> Wird ein Bauwerk mit &ouml;ffentlichen Geldern gebaut, dann tritt zum &auml;sthetischen Diskurs der merkantile hinzu.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18397\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,161],"tags":[],"class_list":["post-18397","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-wertedebatte"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18397","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18397"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18397\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":18400,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18397\/revisions\/18400"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18397"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18397"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18397"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}