{"id":18404,"date":"2013-08-26T09:20:36","date_gmt":"2013-08-26T07:20:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18404"},"modified":"2019-01-30T10:44:15","modified_gmt":"2019-01-30T09:44:15","slug":"macht-braucht-kontrolle-gustl-mollath-in-giesen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18404","title":{"rendered":"\u201eMacht braucht Kontrolle!\u201c \u2013 Gustl Mollath in Gie\u00dfen"},"content":{"rendered":"<p>Auf Initiative der <em>Gie&szlig;ener Akademischen Gesellschaft<\/em>, die sich der Aufgabe verschrieben hat, die Wissenschaft in den Dienst der Menschen zu stellen, fand am Samstag, dem 24. August 2013 in Gie&szlig;en ein Symposion unter dem Titel <em>Die Richter und ihre Denker &ndash; Strukturen in der Justiz und im Gutachterwesen<\/em> statt. An der Veranstaltung nahm auch Gustl Mollath teil.<br>\nRuhig und sachlich und ohne jeden Belastungseifer trug Gustl Mollath seine Kritik vor und appellierte an ein dem Anspruch nach demokratisches Gemeinwesen, l&auml;ngst f&auml;llige Reformen einzuleiten. Es sei nicht l&auml;nger hinzunehmen, dass Menschen systematisch ihrer W&uuml;rde beraubt und auf Gedeih und Verderb einer willk&uuml;rlich verfahrenden Herrschaft ausgeliefert werden. Von <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong><br>\n<!--more--><\/p><blockquote><p>&bdquo;Man wird sich seinen gesunden Menschenverstand nicht dadurch beweisen k&ouml;nnen, dass man seinen Nachbarn einsperrt.&ldquo;<br>\n(Dostojewski: Tagebuch eines Schriftstellers)<\/p><\/blockquote><p>An der Veranstaltung, verk&uuml;ndete der Veranstalter zu Beginn mit einem gewissen Stolz, werde auch Gustl Mollath teilnehmen. Es sei dies, abgesehen von seinem Besuch in einer Talkshow &ndash;  der erste &ouml;ffentliche Auftritt Gustl Mollaths nach seiner Freilassung aus der Psychiatrie.<\/p><p>Gustl Mollath nahm auf dem Podium Platz neben dem Psychiater Friedrich Weinberger Platz, der ein Gutachten &uuml;ber ihn erstellt hat, das ihn entlastete und f&uuml;r psychisch vollkommen normal erkl&auml;rte. Es wurde von den Beh&ouml;rden ignoriert und vom Tisch gewischt. Gustl Mollath ergriff als erster Redner das Wort und hielt in freier Rede ein kurzes Eingangsreferat. Er bedankte sich f&uuml;r die Einladung und die Unterst&uuml;tzung, die ihm w&auml;hrend seiner Unterbringung und seit seiner Freilassung zuteil geworden sei. Es sei h&ouml;chste Zeit, dass &ouml;ffentlich wird, was in Psychiatrien geschieht. Es l&auml;gen schlimme Zeiten hinter ihm. Die Zust&auml;nde in der forensischen Psychiatrie seien &bdquo;uns&auml;glich&ldquo; und Au&szlig;enstehenden schwer zu vermitteln. Er habe junge Frauen kennengelernt, die seit vielen Jahren gegen ihren Willen dort untergebracht seien, deren Gesichter von der Medikamenteneinnahme derart aufgedunsen seien, dass selbst die eigenen Eltern sie nicht mehr erkennen w&uuml;rden.<\/p><p>Niemand solle glauben, ihm k&ouml;nne so etwas nicht passieren! Er selbst sei vor zehn Jahren noch ein argloser und politisch relativ unbedarfter Autoschrauber gewesen, der angenommen habe, dass ihm so etwas nie zusto&szlig;en k&ouml;nne. Doch dann sei er pl&ouml;tzlich auf Initiative seiner ehemaligen Frau in ein R&auml;derwerk geraten, das ihn beinahe verschlungen und zerrieben h&auml;tte. Nur seiner Beharrlichkeit und Unbeugsamkeit sei es zu verdanken, dass er das &uuml;berstanden habe. Er habe es nicht f&uuml;r m&ouml;glich gehalten, dass in einer sich demokratisch nennenden Gesellschaft solch perfide Seilschaften existieren, die daf&uuml;r sorgen, dass unliebsame und unbequeme Menschen alles verlieren und in psychiatrischen Anstalten verschwinden. Diese unterl&auml;gen keinerlei &ouml;ffentlicher Kontrolle. Als Insasse sei man praktisch rechtlos und hilflos dem Regime der &Auml;rzte und Gutachter ausgeliefert, unter denen es auch Scharlatane gebe. Nur dem &ouml;ffentlichen Druck der letzten Monate habe er es zu verdanken, dass man ihn freigelassen und ihm die Chance eines neuen Verfahrens einger&auml;umt habe. Wir alle m&uuml;ssten uns mehr daf&uuml;r interessieren, was in unserem Namen geschehe und daf&uuml;r sorgen, dass das &ouml;ffentlich wird. Die Dunkelzonen des Sozialsystems m&uuml;ssten einer demokratischen Kontrolle unterstellt werden, die Insassen solcher Institutionen d&uuml;rften nicht l&auml;nger in einem quasi-rechtlosen Zustand verbleiben. Das sei eine Schande und eines demokratischen Gemeinwesens nicht w&uuml;rdig. Zumal uns ja die halbe Welt zum Vorbild nehme. Wir d&uuml;rften es nicht zulassen, dass Menschen einfach so &bdquo;schwuppdiwupp verr&auml;umt&ldquo; werden k&ouml;nnen. &bdquo;Macht braucht Kontrolle und zwar wirksame Kontrolle&ldquo;, sagte er zum Schluss seiner Ausf&uuml;hrungen und erhielt lang anhaltenden Beifall.<\/p><p>Nach allem, was dieser Mann durchgemacht und an Dem&uuml;tigungen erlebt hat, entwickelte er keinen Kohlhaas&rsquo;schen Furor und rief nicht zum Kreuzzug gegen Justiz und Psychiatrie auf. Ruhig und sachlich und ohne jeden Belastungseifer trug Gustl Mollath seine Kritik vor und appellierte an ein dem Anspruch nach demokratisches Gemeinwesen, l&auml;ngst f&auml;llige Reformen einzuleiten. Es sei nicht l&auml;nger hinzunehmen, dass Menschen systematisch ihrer W&uuml;rde beraubt und auf Gedeih und Verderb einer willk&uuml;rlich verfahrenden Herrschaft ausgeliefert werden.<\/p><p>Hut ab und Respekt vor diesem Mann! Er hat sich keineswegs in einen &bdquo;Menschen des Ressentiments&ldquo; (Max Scheler) verwandelt, dessen Seele vom Nachgef&uuml;hl erlittenen Unrechts vergiftet ist und der nun st&auml;ndig Klage dar&uuml;ber f&uuml;hrt, was man ihm angetan hat. Woher nimmt dieser Mann blo&szlig; die Kraft, das alles durchzustehen und keinen Hass zu entwickeln? Er muss &uuml;ber ein solides pers&ouml;nliches Fundament und innere Gl&uuml;ckvorr&auml;te verf&uuml;gen, von denen er in schweren Zeiten zehren kann. Aber er wird weiter unsere Solidarit&auml;t und Unterst&uuml;tzung ben&ouml;tigen. Er hat sie verdient.<\/p><p>Strafvollzug und psychiatrische Anstalten geh&ouml;ren seit eh und je zu den vergessenen Provinzen. Wir sollten an die 1960er und 70er Jahre ankn&uuml;pfen, als diese Gegenstand allgemeiner Sorge und Beunruhigung wurden. Man begann sich daf&uuml;r zu interessieren, was hinter den Mauern von Strafanstalten und psychiatrischen Anstalten vor sich ging. Die diversen Dunkelzonen des Sozialsystems sollten systematisch durchleuchtet und, wenn m&ouml;glich, abgeschafft oder doch einer demokratischen Kontrolle zug&auml;nglich gemacht werden. Viele teilten damals Dostojewskis Einsicht, dass &bdquo;man sich seinen gesunden Menschenverstand nicht dadurch beweisen kann, dass man seinen Nachbarn einsperrt&ldquo;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf Initiative der <em>Gie&szlig;ener Akademischen Gesellschaft<\/em>, die sich der Aufgabe verschrieben hat, die Wissenschaft in den Dienst der Menschen zu stellen, fand am Samstag, dem 24. August 2013 in Gie&szlig;en ein Symposion unter dem Titel <em>Die Richter und ihre Denker &ndash; Strukturen in der Justiz und im Gutachterwesen<\/em> statt. An der Veranstaltung nahm auch Gustl<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18404\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,211,161],"tags":[930,305,898,1241],"class_list":["post-18404","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-veranstaltungshinweiseveranstaltungen","category-wertedebatte","tag-justiz","tag-menschenrechte","tag-mollath-gustl","tag-psychiatrisierung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18404","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18404"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18404\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48845,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18404\/revisions\/48845"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18404"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18404"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18404"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}