{"id":18414,"date":"2013-08-27T09:38:38","date_gmt":"2013-08-27T07:38:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18414"},"modified":"2015-08-12T16:46:29","modified_gmt":"2015-08-12T14:46:29","slug":"offshore","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18414","title":{"rendered":"Offshore"},"content":{"rendered":"<p>Man kann diesen Begriff recht plastisch anhand eines Beispiels aus der Real&ouml;konomie beschreiben: Sie kaufen im Supermarkt ein B&uuml;ndel praller, goldgelber Bananen. Auf irgendeiner Frucht wird mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Aufkleber mit der Bezeichnung &bdquo;Chiquita&ldquo;, &bdquo;Dole&ldquo; oder &bdquo;Del Monte&ldquo; angebracht sein, denn diese drei Konzerne kontrollieren zwei Drittel der weltweiten Bananenexporte. Aber Sie denken dar&uuml;ber nicht weiter nach, zahlen 1,50 Euro f&uuml;r vier Bananen. Von <strong>G&uuml;nter Wierichs<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Dieser Text ist ein Auszug aus dem &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.westendverlag.de\/buecher-themen\/programm\/das-kritische-finanzlexikon-guenter-wierichs.html\">kritischen Finanzlexikon<\/a>&ldquo; von <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?s=wierichs&amp;Submit.x=-1076&amp;Submit.y=-43\">G&uuml;nther Wierichs<\/a>, das in dieser Woche im Westend Verlag erscheint.<\/em> <\/p><p>Der Weg einer Banane von der Staude bis in eine M&uuml;slischale ist relativ leicht zu beschreiben. Die Fr&uuml;chte werden im unreifen Zustand geerntet, gereinigt, verpackt und unter bestimmten Temperatur- und Feuchtigkeitsbedingungen in speziellen Bananenfrachtern transportiert. Irgendwann landen sie, inzwischen gelb und damit reif geworden, im Supermarktregal.<\/p><p>Geldstr&ouml;me im Zusammenhang mit dem &bdquo;Bananenweg&ldquo; sind ungleich schwieriger nachzuvollziehen, vor allem wenn es sich um Fr&uuml;chte aus dem Herrschaftsbereich der drei marktbeherrschenden Konzerne handelt. Diese Konzerne haben es erstens geschafft, Produktionsbedingungen und politische Rahmensetzungen in den Anbaul&auml;ndern gem&auml;&szlig; ihren W&uuml;nschen und Vorstellungen pr&auml;gend zu beeinflussen; der Begriff &bdquo;Bananenrepublik&ldquo; leitet sich schlie&szlig;lich aus dieser Schl&uuml;sselqualifikation ab. Zweitens ist es den Heerscharen ihrer Anw&auml;lte, Steuerberater und Controllingspezialisten gelungen, s&auml;mtliche Abl&auml;ufe beim Ernte-, Verpackungs-, Transport- und Distributionsprozess in Untereinheiten zu zerlegen und diese Einheiten auf einzelne Konzernt&ouml;chter zu &uuml;bertragen. Dabei gehen sie offshore. Dies k&ouml;nnte dann zum Beispiel so aussehen: Die Bananen werden in Costa Rica geerntet. Die Handelsgesellschaft sitzt auf den Virgin Islands. F&uuml;r monet&auml;re Transaktionen ist ein Finanzdienstleister in Luxemburg zust&auml;ndig. Den Transport &uuml;bernimmt eine in Panama registrierte Reederei. Versichert werden alle Transporte durch eine auf den Bahamas ans&auml;ssige Gesellschaft.<\/p><p>Auf diese Weise k&ouml;nnen die konzerninternen Gesch&auml;ftsbeziehungen so gestaltet werden, wie es der Konzernspitze am liebsten ist. Und am liebsten ist diesen Leuten das, was Steuern spart und Kosten senkt &ndash; beides nat&uuml;rlich in erheblichem Ma&szlig;e. Das klingt zun&auml;chst einmal nicht dramatisch. Die Sache erscheint jedoch in einem anderen Licht, wenn man einen Blick auf die Hintergr&uuml;nde bei den einzelnen Elementen der verschachtelten Offshore-Konstruktionen wirft. In unserem Beispiel k&ouml;nnte eine solche Konstruktion dann zum Beispiel so aussehen, dass der Luxemburger Finanzdienstleister dem f&uuml;r die Ernte in Costa Rica zust&auml;ndigen Unternehmen Kredite zur Verf&uuml;gung stellt; die Zinsaufwendungen mindern den Gewinn, so dass de facto im Produktionsland so gut wie keine Steuern anfallen. Alle in Luxemburg eingehenden Ertr&auml;ge werden nach dortigem Recht nur mit einem geringen Steuersatz belegt. (In Luxemburg existieren besonders f&uuml;r spezialisierte Finanzgesellschaften zahlreiche steuerliche Sonderregelungen.) Die Reederei aus Panama (das eher mickrige Land unterh&auml;lt zurzeit eine der gr&ouml;&szlig;ten Handelsflotte weltweit) sorgt f&uuml;r Frachtkostenoptimierung im Sinne niedriger Sicherheitsstandards auf den Seelenverk&auml;ufern und sozialversicherungsfreier Dumpingl&ouml;hne f&uuml;r das Schiffspersonal. Man sieht: Das Prinzip offshore ist zutiefst unmoralisch (eventuell sogar kriminell), da es die Durchsetzung berechtigter Anspr&uuml;che auf gerechte  Entlohnung, sichere Arbeitsbedingungen und angemessene Besteuerung verhindert. Gro&szlig;e Konzerne setzen &ndash; ebenso wie verm&ouml;gende Privatkunden &ndash; alles daran, Faktoren zu vermeiden, die einer ungebremsten Geldvermehrung im Wege stehen. Transparenz, internationaler Austausch &uuml;ber Kapitalertr&auml;ge, angemessen hohe Steuers&auml;tze sowie eine strenge Finanzaufsicht und nicht zuletzt auch Sozialstandards wirken da eher kontraproduktiv. Folglich zeichnen sich Offshore-Zentren durch das genaue Gegenteil aus: l&auml;cherlich niedrige Steuers&auml;tze, Nicht-Kooperation bei Anfragen durch ausl&auml;ndische Beh&ouml;rden, fehlende beziehungsweise mangelhafte Finanzaufsicht. <\/p><p>Immerhin kann man gro&szlig;en Bananenkonzernen sowie den meisten verm&ouml;genden Privatkunden nicht unterstellen, dass sie ihr Geld mit Prostitution, Drogen- oder Waffenhandel verdienen. Aber auch Kriminelle profitieren selbstredend von den vielen Offshore-Zentren. Denn diese bieten ein ideales Umfeld f&uuml;r Geldw&auml;schegesch&auml;fte.<\/p><p>Jeder Geldw&auml;schevorgang l&auml;uft in drei Stufen ab. In der ersten Stufe, dem so genannten Placement (Einspeisung) wird das aus illegalen Aktivit&auml;ten kassierte Bargeld in Buchgeld oder andere Verm&ouml;genswerte umgetauscht. Bei der Einzahlung von Bargeld auf Konten beispielsweise bedienen sich die Kriminellen oft der Hilfe von Strohm&auml;nnern. Dann wird, in einer zweiten Stufe, die wirkliche Herkunft des Geldes durch umfangreiche Finanztransaktionen verschleiert (Layering). Das l&auml;uft &uuml;ber viele eigens hierf&uuml;r gegr&uuml;ndete Scheinfirmen. Ist die Herkunft des Geldes durch die zahlreichen Umbuchungen nicht mehr nachvollziehbar, erfolgt in der dritten Stufe die Investition (Integration) des Geldes in den legalen Wirtschaftskreislauf. Die kriminelle Organisation besitzt dann legale Geldanlagen, &uuml;ber die sie frei verf&uuml;gen kann.  Aufgrund der Intransparenz und  Verweigerung eines Informationsaustauschs mit anderen L&auml;ndern sind Offshore-Zentren vor allem als Zwischenstationen beim Verschleierungsvorgang  ein Paradies f&uuml;r  Geldw&auml;sche.<\/p><p>So richtig ins Blickfeld der &Ouml;ffentlichkeit r&uuml;ckten die Offshore-L&auml;nder durch das sogenannte offshore-leaks im April 2013. Daten in einem Volumen von 260 Gigabyte (das entspricht in etwa einer Menge von 2,5 Millionen Dokumenten) gelangten in die H&auml;nde von Journalisten. Sehr interessante Daten &ndash; das Leck offenbarte detaillierte Einzelheiten &uuml;ber etwa 130.000 Personen, die umfangreiche Kapitalanlagen in einschl&auml;gigen Steueroasen angelegt beziehungsweise ein umspannendes Firmennetz dort aufgezogen hatten. <\/p><p>Offshore-Pl&auml;tze sind keineswegs nur auf exotischen Karibikinseln anzutreffen. Eine von der OECD (Organisation f&uuml;r wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) ins Leben gerufene Initiative, das so genannte &bdquo;Finanzstabilit&auml;tsforum&ldquo;, unterteilt die weltweit anzutreffenden Offshore-Pl&auml;tze in drei Kategorien. In der umfangreichen Liste zur untersten dieser Kategorien (&bdquo;Infrastruktur, gesetzliche Regelungen und Zusammenarbeit mit internationalen Institutionen sind hier am geringsten ausgepr&auml;gt.&ldquo;) finden wir neben &uuml;blichen Verd&auml;chtigen wie den Bahamas, den Cook-, Jungfern- oder Caymaninseln zum Beispiel auch Liechtenstein und Zypern. In der Republik Zypern tummelten sich Ende 2012 beispielsweise (gesch&auml;tzt) 250.000 Kapitalgesellschaften. Bei einer Einwohnerzahl von 900.000 teilten sich zu diesem Zeitpunkt jeweils vier Zyprioten also eine Finanzfirma. Hut ab! Und auf den mickrigen 153 Quadratkilometern der britischen Jungferninseln kommen 810.000 Gesellschaften auf 30.000 Einwohner. Das ist noch beeindruckender.<\/p><p>London ist ebenfalls offshore, denn die City of London genie&szlig;t einen besonderen politischen Status. Die City hat eine eigene Verwaltung unter dem Vorsitz des Lord Mayor of London, der nicht mit dem Mayor of London, dem eigentlichen politischen Oberhaupt der Stadt, verwechselt werden darf. Sie verf&uuml;gt &uuml;ber eine eigene Polizei- und Gesundheitsbeh&ouml;rde. Ferner ist sie sehr verschwiegen und, was die Bankenwelt besonders sch&auml;tzt, in punkto Finanzmarkregulierung &auml;u&szlig;erst freiz&uuml;gig. Hedgefonds oder verm&ouml;gende Privatkunden residieren hier als non-doms: Sie sind dann zwar in England ans&auml;ssig, aber nicht &bdquo;domiziliert&ldquo;. Die Konsequenz aus dieser trickreichen Konstruktion ist, dass die im Ausland erwirtschafteten Einkommen dieser Leute nicht der Versteuerung in Gro&szlig;britannien unterliegen. Russische Oligarchen (die in der &Ouml;ffentlichkeit vor allem als Besitzer englischer Fu&szlig;ballclubs bekannt sind) profitieren hiervon ebenso wie griechische Reeder. 2007 k&uuml;ndigte man vollmundig erhebliche Versch&auml;rfungen in Bezug auf den Status als non-dom an. Ge&auml;ndert hat sich dank der Interventionen seitens der City nicht viel. Gro&szlig;britannien ist nach wie vor ein Steuerparadies f&uuml;r betuchte Ausl&auml;nder.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man kann diesen Begriff recht plastisch anhand eines Beispiels aus der Real&ouml;konomie beschreiben: Sie kaufen im Supermarkt ein B&uuml;ndel praller, goldgelber Bananen. Auf irgendeiner Frucht wird mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Aufkleber mit der Bezeichnung &bdquo;Chiquita&ldquo;, &bdquo;Dole&ldquo; oder &bdquo;Del Monte&ldquo; angebracht sein, denn diese drei Konzerne kontrollieren zwei Drittel der weltweiten Bananenexporte. Aber Sie denken dar&uuml;ber<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18414\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[131,37,138],"tags":[283],"class_list":["post-18414","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","category-globalisierung","category-steuerhinterziehungsteueroasensteuerflucht","tag-finanzmaerkte"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18414","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18414"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18414\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":18416,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18414\/revisions\/18416"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18414"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18414"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18414"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}